Die Spitze des Eisbergs

Die jüngsten Wertediskussionen über die Kinderfrage (Matussek, Schirrmacher) fallen für mich in eine komische Zeit. Hier ein paar Beispiele:

1. Eine Freundin Mitte Dreißig, verheiratet, wird schwanger. Sie wird erstmals beim Frauenarzt damit vorstellig. Die Arzthelferin fragt: "Weswegen sind sie hier?" Meine Freundin erwidert: "Ich bin schwanger." Die Arzthelferin fragt: "Wollen sie es behalten?" Die erste Frage an eine Frau Mitte Dreißig: "Wollen sie es behalten?"

2. Eine andere, schwangere Frau war bei ihrer Frauenärztin, es ging um die Frage, ob und welche pränatalen Untersuchungen man machen soll/kann. Die Frauenärztin riet zur vollen Diagnostik mit den Worten: "Sie als Akademikerin wollen sich doch ihr Leben nicht durch ein behindertes Kind ruinieren."

3. Die schwangere Kollegin einer Freundin, bei der es ebenfalls um die Entscheidung pränataler Diagnostik ging. Sie wollte die Untersuchungen nicht vornehmen lassen, weil sie sich sowieso auf jeden Fall für das Kind entscheiden würde und die Untersuchungen, die immerhin auch Gefahren für das Kind bergen, daher unerheblich waren. Doch ihr Mann, ein promovierter Physiker, bestand auf den Untersuchungen mit der Begründung, er könne sich nicht vorstellen, ein behindertes Kind zu haben. (Das Kind stellte sich als gesund heraus, Entwarnung sozusagen, aber was bedeutet diese Meinungsverschiedenheit für die Beziehung?)

4. Eine Frau hatte einen späten Schwangerschaftsabbruch wegen Behinderung und wurde danach wieder schwanger. Sie sagt: "Man muss das so sehen: wenn ich die andere Schwangerschaft nicht abgebrochen hätte, dann hätte ich heute meinen gesunden Leon nicht."

5. Das für mich persönlich traurigste Ereignis, das ich seit Silvester jeden Tag mit mir trage: eine wirklich gute Freundin von mir, verheiratet, mit einem gesunden, knapp dreijährigen Sohn, erwartete ein Mädchen. In der 20. Woche stellte sich heraus, dass das Kind einen offenen Rücken hat. Meine Freundin und ihr Mann entschieden sich ebenfalls für einen Schwangerschaftsabbruch, es wurde die Geburt eingeleitet und das Mädchen, Martha, tot geboren.

Ich kann nicht in Worte fassen, wie traurig es mich für meine Freundin und ihren Mann gemacht hat, dass sie das durchleben mussten. Ich will das auch gar nicht versuchen, mir geht es hier um etwas anderes. Zunächst einmal sei ausdrücklich betont: ich bin ganz weit davon entfernt, irgendjemanden wegen seiner Entscheidungen zu verurteilen oder auch nur zu beurteilen. Mir geht es im Gegenteil darum zu überlegen, ob diese Beispiele nicht zeigen, dass das Verhalten der Menschen viel komplexere Ursachen hat als Egoismus.

Das erste Beispiel zeigt eine Mentalität, die Schwangersein unmittelbar mit dem Ungewollten assoziiert und immer gleich die Option Abtreibung mitdenkt. Das zweite und dritte Beispiel sind Ausdruck einer Wahrnehmung, dass behinderte Kinder nicht in das Leben passen, es wird vermutet, dass ein gutes Leben nicht mehr möglich sei. Es liegt mir fern, Probleme und Leiden abzustreiten, die mit einem solchen Leben verbunden sind. Trotzdem empfinde ich mein Leben mit John nicht nur als lebbare Situation, sogar viel mehr als das: ich empfinde es als bereichernd. Ich weiß, dass die allgemeine Wahrnehmung oft anders ist, wie sich im zweiten und dritten Beispiel ausdrückt.

Die Mutter in dem vierten Beispiel konzentriert ihr Denken darauf, dass sie jetzt ihren gesunden Leon hat, nur so kann man damit vielleicht auch leben, ich will das gar nicht zu sehr kritisieren, aber mir fällt dabei sofort das lebensfähige Kind ein, auf dessen Kosten sie diesen Satz sagt. Die Betonung liegt auf lebensfähig, es geht nicht um eine Abtreibung, sondern um einen späten Abbruch, der zu einem Zeitpunkt vorgenommen wurde, an dem Frühchen schon überleben können. Bei behinderten und kranken Kindern darf man nach deutscher Rechtslage zu diesem Zeitpunkt noch die Schwangerschaft abbrechen. Die Rechtslage in Deutschland ist so, dass es einen Schwangerschaftsabbruch theoretisch bis zu den Eröffnungswehen geben kann. Erst nach Einsetzen der Wehen wird aus dem Abbruch ein Tötungsdelikt, da zu diesem Zeitpunkt "die Zäsur für den Beginn des menschlichen Lebens" angenommen wird. Da bei zu vielen dieser späten Schwangerschaftsabbrüche die Kinder dann doch nicht wie geplant bei der eingeleiteten Geburt verstarben, wird heute im Vorfeld der Geburtseinleitung durch die Bauchdecke der Mutter eine Spritze mit Kaliumchlorid in das Herz des Kindes gespritzt, welches daraufhin aufhört zu schlagen (Bezeichnung: "Fetozid").

Zuletzt nun zu meiner guten Freundin. Ein Kind mit offenem Rücken, das kann vieles bedeuten. Die Ärzte konnten ihr nicht sagen, ob das Kind eine relativ leichte Beeinträchtigung oder eine Schwerstbehinderung haben würde. Das Spektrum ist bei Spina Bifida sehr breit. Meine Freundin und ihr Mann haben sich die Entscheidung alles andere als leicht gemacht. Da sie schon in der 20. Woche war, musste für einen Abbruch auch die Geburt eingeleitet werden.

Letztendlich, wenigstens wie ich das aus den Gesprächen mit ihr nachvollziehe, war da einfach eine ganz elementare Ungewissheit. Und die große Frage ist: wie soll man sich für eine elementare Ungewissheit entscheiden? Dazu gebräuchte man ganz viel Rückhalt und Unterstützung. Die Ärzte sind aber oft sehr schnell dabei mit dem Vorschlag, die Schwangerschaft abzubrechen. Das zeigte sich bei meinem zweiten Beispiel und auch im Fall dieser Freundin sagte die Ärztin, sie hätte sich auch für einen Abbruch entschieden. Gesellschaftlich ist ein Leben mit Behinderten stigmatisiert und schwierig. Dass man zudem für Pflegeleistungen und Therapieplätze etc. kämpfen muss und wegen Kürzungen immer mehr kämpfen muss, ist eine ebenso wenig ermutigende Aussicht. Zu all dem, was einem medizinisch und psychisch bevorsteht, muss man also außerdem mit vielerlei hinderlichen Außenfaktoren rechnen. Steht man vor einer solchen Wahl, dann erfordert die Entscheidung für ein behindertes Kind sehr viel Kraft. Und woher soll man in dem Klima, in dem wir leben, diese Kraft nehmen? Ich bin froh, dass ich nie eine Wahl hatte. Ich würde meinen Sohn niemals missen wollen und liebe ihn so, wie er ist. Aber ich hatte auch die Chance, das zu erfahren.

Wenn man über Kindermangel spricht, beklagt, dass immer weniger Akademiker Kinder bekommen, wenn man überall in den Medien herumschreibt und –schreit, dass die Leute mehr Kinder bekommen müssen, dann sollte man ehrlicherweise dazusagen, dass man damit nur leistungsfähige und gesunde Kinder meint. Für die anderen ist im Gegenteil nämlich zunehmend immer weniger Platz. Beim Statistischen Bundesamt kann man Zahlen zu Schwangerschaftsabbrüchen einsehen. Zwischen 1998 und 2004 sind demnach die späten Schwangerschaftsabbrüche zwischen der 13. und 23. Woche um 7,8% gestiegen, Abbrüche jenseits der 23. Woche nahmen sogar um 18% zu. Am 9. März wurde die Statistik um das Jahr 2005 erweitert. 2005 fiel die Zahl der Abbrüche jenseits der 23. Woche von 200 auf 171, dabei ist aber zu bedenken, dass es weniger Schwangerschaften gab und die Diagnostik immer besser wird und somit früher erkannt wird, ob ein Kind behindert ist: die Zahl der Abbrüche zwischen der 13. und 23. Woche stieg von 2005 auf 2049. Das bedeutet innerhalb eines Jahres einen Anstieg von 2,2% bei sogar rückläufigen Gesamtschwangerschaftszahlen. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in einer Studie von Wolfgang Lenhard: "Eine metaanalytische Auswertung von 20 Studien zeigte, dass 90% der Frauen im Falle eines positiven Trisomie 21-Befundes die Schwangerschaft beenden." Und es wird immer weiter an den Selektionsprozessen gefeilt. In den Niederlanden ist man schon einen Schritt weiter, dort wird bereits Früheuthanasie betrieben.

Es besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass wir allgemein immer weniger Kinder bekommen und der Tatsache, dass wir immer weniger behinderte Kinder bekommen. Letzteres ist der Fall, weil wir uns immer weniger in der Lage sehen, diese Kinder in unser Leben und unsere Gesellschaft zu integrieren. Das ist eine Extremausprägung der Tendenzhaltung gegenüber Kindern allgemein.

Offensichtlich muss es tiefe psychologische und soziologische Gründe für diese Entwicklungen geben. Immerhin leben wir in einem hochentwickelten und zivilisierten Land. Konkret auf den Fall meiner Freundin bezogen, kann man das so betrachten: sie ist verheiratet in einer sehr stabilen Beziehung, das Paar wäre also zu zweit gewesen, um mit dem behinderten Kind fertig zu werden. Beide Partner haben sehr gute Jobs und die Familie ist finanziell wirklich gut abgesichert. Letztes Jahr haben sie sich in München ein Reihenhaus gekauft. Beide Partner haben studiert und sind intelligente Menschen. Man denkt sich also: sie können das sowohl finanziell als auch intellektuell reißen. Wo könnte ein solches Kind besser aufgehoben sein? Sie sind sehr liebe und fürsorgliche Menschen. Sie haben all die "richtigen" Einstellungen. Jedoch, als sie vor der Situation standen, sahen sie sich nicht in der Lage, das Kind zu bekommen. Und wie man an der Statistik gesehen hat, sind sie damit im Trend der Mehrheit.

Um zum Kern des Problems, warum unsere Gesellschaft sich nicht in der Lage sieht, allgemein mehr Kinder zu bekommen und behinderte Kinder überhaupt noch zu bekommen, um also zum gemeinsamen Kern dieses Problems vorzustoßen, muss man tiefer fragen als nur nach Egoismus. Ich behaupte in keinster Weise, objektive Antworten zu kennen oder das alles zu verstehen. Ich stehe im Gegenteil ziemlich ratlos davor und mache mir daher einfach Gedanken. Einer meiner Gedankengänge, womit das zu tun haben könnte, ist folgender: woher soll man Kompetenzen und Selbstvertrauen erwerben, wenn man immer seltener in Situationen ist, in denen man sie erwerben könnte? Das klingt zunächst nach diesem leidigen Argument: uns geht es einfach zu gut, frühere Generationen mussten mit Krieg und sonstwas fertigwerden und wir sind völlig verwöhnt. So simpel meine ich das nicht. Das sind zivilisatorische Prozesse, natürlich haben unsere Eltern uns nicht extra durch irgendeine Hölle geschickt, damit wir lernen, in der Hölle zurechtzukommen. Wir freuen uns doch, wenn es den Menschen, die wir lieben, gut geht. Mir geht es mehr um die Frage, ob die zunehmende Uniformität nicht ein Grund sein könnte. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft immer weniger Vielfalt und Andersartigkeit beinhaltet, können die Mitglieder dieser Gesellschaft immer weniger mit Andersartigkeit umgehen, weil sie den Umgang damit einfach nie erlernen konnten. Sie haben nie die Vorzüge erfahren, das persönliche Entwicklungspotenzial, das sich darin ja auch verbirgt. Sie haben stattdessen Angst vor Kontrollverlust und Angst vor der Unsicherheit. Diese Angst ist etwas ganz anderes als der Egoismus, der allerorten ausgerufen wird.

Hier treffen sich wieder mein Thema der behinderten Kinder und das Thema Kinder allgemein: Kinder bedeuten nämlich natürlich immer einen gewissen Kontrollverlust und sie bringen immer einen Unsicherheitsfaktor ins Leben. Wir geben uns heutzutage ja gerne der Illusion hin, wir führten ein sicheres Leben. Wir bauen uns ein Haus und verdienen gut und haben uns in unserem Leben so eingerichtet, dass wir uns sicher fühlen. Das Streben nach Sicherheit, Gesundheit, Normalität (whatever that is) und nach einem bestimmten Lebensstandard ist natürlich zunächst einmal ein höchst verständliches und legitimes Bedürfnis. Nur wird der Preis immer höher, den wir für die übersteigerten Anstrengungen in dieser Richtung bezahlen. Anstatt sich Problemen zu stellen, drehen wir die Schraube der Vermeidung einfach immer etwas weiter. Im Fall der Schwangerschaftsabbrüche hat man in den Niederlanden mit der Früheuthanasie eben schon weiter gedreht als hier. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in Deutschland die Gesetzgebung weiter an das schon vorherrschende Denken anpasst.

Folge des übersteigerten Sicherheitsstrebens ist, dass der Unsicherheitsfaktor Kind von vielen gleich ganz ausgeschlossen wird. Und einige bekommen zwar noch ein Kind, aber bitte nur ein gesundes, das ist das höchste Maß an Unsicherheit, das unsere Kraft vielleicht gerade noch erlaubt. Hier handelt es sich um ein bedeutendes Missverständnis, denn gerade wenn man sich auf die Unsicherheit einlässt, schöpft man ganz neue Kraft und erlebt wunderbares Leben, aber das weiß man natürlich nicht, wenn man es nie gesehen hat. Warum nur wollen oder können wir die fundamentale Unwägbarkeit des Lebens nicht mehr akzeptieren? Hier kommt vielleicht zusätzlich zur psychologischen und soziologischen eine philosophische Dimension dazu. Nicht ohne Grund wird der Utilitarismus, vor allem über Peter Singer, immer häufiger diskutiert. Everything is connected.

Wenn wir den Kindermangel hinterfragen, dann müssen wir auch die unangenehme Frage nach der Humanität stellen. Bevor wir nach mehr Kindern rufen und damit nur gesunde Kinder meinen, sollten wir nach all den Kindern fragen, die wir töten, weil sie nicht in die Gesellschaft passen. (Ganz abgesehen davon: wenn wir behinderte Kinder nicht mehr bekommen, dann wirft das auch ein Licht auf diejenigen Behinderten und ihre Angehörigen, die schon da sind, nämlich ein Licht darauf, wie unerwünscht sie sich eigentlich fühlen müssen. Mich als Angehörige trifft das durchaus sehr schmerzhaft.)

Bevor wir uns allgemein überhaupt für mehr Kinder entscheiden können, müssen wir die dazu notwendige Grundlage schaffen und das Gefühl dafür wiederfinden, dass das Leben nun einmal immer unwägbar, aber trotzdem fantastisch ist, selbst und auch gerade dann, wenn es schicksalhafte Einschränkungen erfährt. Vielfalt und Ambivalenz des Lebens sind gut, wir sollten sie feiern und nicht verhindern. Jedes Leben ist einmalig und besonders, so banal das klingen mag, und um gleich eine weitere Banalität hinzuzufügen: Umwege führen zu mehr Ortskenntnis. Wir sollten durch Vielfalt und Ambivalenz lernen und mit ihnen persönlich wachsen.

Bevor unsere Humanität nicht gesundet, werden Menschen auch nicht mehr Kinder wollen. Ich bin davon überzeugt, in einer toleranteren und vielfältigeren Gesellschaft fühlen sich die Menschen wohler und wenn sie sich wohler fühlen und Kraft im Miteinander der Unterschiede entdecken, dann entwickeln sie auch mehr Zuversicht und Vertrauen. Dieses vielfältige Miteinander beinhaltet auch unterschiedliche Lebensentwürfe und eben kein Ausrufen von Schirrmachers "Zurück zur Urgewalt Familie". Und wenn sie wieder mehr Zuversicht und Vertrauen haben, dann bekommen die Menschen vielleicht von alleine mehr Kinder. In einer Gesellschaft, in der man sich aufgehoben fühlt, wird ein Kind vielleicht endlich nicht mehr als Wagnis angesehen.

In meiner persönlichen Lage jedenfalls empfinde ich den Ruf nach mehr Kindern – auf der Grundlage unserer jetzigen Gesellschaft und so wie er jetzt formuliert wird – geradezu als Zynismus.
varzil - 15. Mär, 18:23

Der Ruf nach Kindern, d.h. die Aufforderung an andere, Kinder zu bekommen, ist in nahezu jeder Lage Käse. Ob jemand Kinder will oder nicht, soll und muss er allein und für sich entscheiden.

Andererseits: die aufgelisteten Beispiele sind schon typisch für unsere Zeit: Kinder-kriegen wird tendenziell und in erster LInie unter dem Gesichtspunkt "Schwierigkeiten und Probleme" beurteilt. Dass Kinder einfach eine Bereicherung und Freude sein können, kommt einfach zu kurz.

mark793 - 15. Mär, 18:39

Das ist

so ziemlich der vernünftigste Beitrag, den ich zu dieser ganzen unseligen Debatte bisher gelesen habe.

Was ich an dieser Diskussion so verlogen finde, ist, dass einerseits das gesellschaftliche Solidarprinzip von der Politik immer weiter ausgehöhlt wird zu Gunsten von "mehr Eigenverantwortung". Und wenn die Leute dann eigenverantwortlich handeln und sich das Risiko Fortpflanzung ersparen, dann müssen sie sich den Vorwurf anhören, Egoisten zu sein.

Davon abgesehen, dass ich auch hunderte Gründe dafür finden könnte, Kinderfabrizieren als Egoismus zu deklarieren, hab ich in der Deutschland AG zu wenige Aktien drin, als dass es mich scheren könnte, ob dieses Land in 12 oder erst in 1200 Generationen ausstrirbt. Global gesehen hat es jedenfalls nicht den Anschein, als würde dieser Planet an Untervölkerung leiden. Und dieses globale Ganze wird von den Befürwortern sogenannter Familienwerte immer schön ausgeblendet. Genauso wie der von Dir sehr zutreffend herausgearbeitete Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und dem Umgang mit dem Phänomen Behinderung.

Danke für diesen Beitrag!

mutant - 15. Mär, 18:52

"das land" stirbt nicht aus. hoechstens das "deutsche volk". bzw es wird sich transformieren. so ist der lauf der welt.
Angellyrics (Gast) - 12. Nov, 18:55

Mitten im Leben

Danke für diesen Beitrag.
Mich hat vor allem die Schilderung über "Martha" traurig gestimmt, kenne ich doch eine Betroffene, die inzwischen Mitte 40 ist. Auch ihr gab man bei der Geburt kaum eine Überlebenschance.
Nach einer schwierigen OP ist nichts von dem eingetroffen, was an schlimmen Behinderungen prognostiziert wurde. Sie geht mit beiden Beinen durch ein eigenständiges, "normales" Leben unter "normalen" Menschen, hat Regelschulen besucht und zwei Berufe erlernt. Zugegeben, eine Ausnahme - ein kleines medizinisches Wunder - aber man muß diesem auch eine Chance geben....

Angellyrics
mutant - 15. Mär, 18:50

das ist ein wirklich schwieriges thema und je nach eigenem erfahren

hat man einen bestimmten standpunkt dazu, der sich aber auch ganz erheblich aendern kann.
aber das waere mir jetzt zu persoenlich.

vor garnicht allzu langer zeit ging das gespenst der ueberbevoelkerung um. man lernte das im erdkunde unterricht und es wurde einem beigebracht, das die menschen in der sog. 3.welt von den guten menschen aus der sog. 1.welt nur ausreichend mit verhuetungsmitteln versorgt werden muessten, um dieses problem zu loesen. auch das eine einteilung in gute, gesellschaftlich erwuenschte kinder (naemlich von weissen, westlichen menschen) und schlechte, gesellschaftlich problematische kinder (arme, schwarze, braune oder gelbe kinder).
so wie kinder von akademikern vs kinder von "bildungsfernen" menschen.

es geht nicht nur um gesunde kinder, sondern um kinder, die der gesellschaft nicht zur last fallen. sei es durch gesundheitliche einschraenkungen, oder eben durch einen vermeintlich minderwertigen familiaeren hintergrund.

zu den ersten beiden beispielen:
unverschaemte aerzte. da wuerde ich nicht mehr hingehen. was bilden die sich ein?

mark793 - 15. Mär, 19:10

@Gespenst Überbevölkerung

In den frühen 70ern, als ich allmählich auch mal fernsehen durfte, da kam sonntagsnachmittags der schlaue Professor Haber und rechnete mit schönen Exponentialkurven vor, dass es nicht sehr lange hin ist, bis sich die Menschheit drei Lagen hoch auf der Landmasse des Planeten stapeln würde. Sowas prägt natürlich die Wahrnehmung - gerade wenn man wie ich aus den sogenannten geburtenstarken Jahrgängen stammt....
blogger.de:nur mal so - 15. Mär, 21:20

Ein toller Beitrag ! Danke dafür, dass hier auch die Komplexität des Themas deutlich wird und nicht an stumpfen Phrasen aufhört.

nachtschwester - 16. Mär, 02:32

Ich verbringe viel Zeit in Makedonien, einem europäischen Entwicklungsland und sehe vieles hier bei uns mit anderen Augen. Bei meinem letzten Besuch wurde in dem Herzzentrum, in dem ich dort tätig bin, ein 12jähriges Mädchen mit Down-Syndrom an einer angeborenen Fehlbildung des Herzens operiert. Sie war der Sonnenschein der Klinik.
Die familiäre Situation war finanziell sehr belastet, das Mädchen und seine Zwillingsschwester lebten sehr ärmlich bei den Großeltern, weil die Eltern sie überhaupt nicht versorgen konnten.
Es entstand eine Diskussion über Abtreibung in solchen Fällen, die in Makedonien erlaubt ist. Ich erklärte die Rechtslage in Deutschland. Die Kollegen waren entsetzt. Sie meinten, in einem so reichen Land müßten Schwangerschaftsabbrüche verboten sein, weil anders als in Makedonien alle Mittel und Institutionen vorhanden seien, um behinderte Kinder zu versorgen und zu fördern.
Sie wissen nicht, dass all die Möglichkeiten und Chancen, die wir hier haben, neue und viel komplexere Probleme aufwerfen.
In ihren Augen ist es ganz einfach: Hast du genug Geld, mußt du so einem Kind sein Lebensrecht einräumen.

KleinesF - 16. Mär, 09:12

Die Humanität wird nicht gesunden. Man könnte nur Ersatz schaffen. Mit Geld. Und nicht mit billigen, überholten Argumenten wie die von Ihnen zitierten Herren.

Merryl - 16. Mär, 11:14

Ein sehr schöner Text. Besonders der vorletzte Absatz "Bevor unsere Humanität nicht gesundet, werden Menschen auch nicht mehr Kinder wollen...." gefällt mir und drückt das aus, was ich auch denke.

Es ist sehr schade, das die rechtsrektionären Köpfe die Meinungshoheit über dieses Thema gewinnen, nicht weil die Argumente so stark sind, sie haben meiner Meinung nach eher eine geringe Fallhöhe, sondern weil sie einfach penetrant immer das Gleiche behaupten und die Medien dafür finden. "Hauptsache die anderen sind Schuld" und "Früher war alles besser" ist halt etwas wenig bei diesem zentralen Thema. Dein Beitrag zum Glück nicht.

Gregor Keuschnig - 16. Mär, 13:07

Zynisch...

ist diese Forderung nach mehr Kindern auch noch aus einem anderen Grund: Gibt es unter den jetzigen Bedingungen bereits mehr als 5 Mio. (= mehr als 10%) Arbeitslose, so dürfte diese Quote - den Fortgang der Rationalisierungen der Unternehmen von heute nur halbwegs fortgeschrieben - mit "steigender" Bevölkerung nicht weniger, sondern natürlich mehr werden. Auf deutsch: Wo sind denn die zukünftigen Arbeitsplätze?

Dass man für ein Umlageverfahren nicht nur entsprechende EInzahler braucht (physisch), sondern auch denjenigen ermöglichen muss, einzahlen zu können (durch Arbeit), wird gerne übersehen. Insofern ist die ganze Diskussion reichlich volksverblödend, da nebenbei suggeriert wird, dass mit finanziellen Mitteln Anreize praktisch automatisch entstehen würden (was auch Unfug ist).

mutant - 16. Mär, 17:28

wobei die arbeitslosigkeit, so wie sie uns verkauft wird, ja auch nicht gottgegeben ist. wuerde man arbeit anders definieren und verteilen....
aber das geht zu sehr in die tiefe.
bäär - 20. Mär, 12:11

noch ein Beispiel...

...welche Haltung zum Thema gesundes/nicht-gesundes Kind in unserer Gesellschaft dominiert:

Als ich als mit 37 Jahren mit meinem zweiten Kind schwanger war und die übliche pränatale Diagnose ablehnte, mußte ich meinem Frauenarzt gegenüber schriftlich bestätigen, dass er mich über die "Risiken" aufgeklärt hatte und ich trotzdem nicht in die Diagnostik eingewilligt habe.
Mir wurde das Gefühl vermittelt, ich tue etwas "gegen den gesunden Menschenverstand". Gottseidank war ich felsenfest davon überzuegt, das Richtige zu tun. Aber ich frage mich, ob nicht viele Schwangere heute in die pränatalen Untersuchungen hineingeredet werden, ohne dass sie sich vorher in Ruhe Gedanken machen konnten, inwiefern sie diese überhaupt wollen und: was sie mit dem Untersuchungsergebnis machen, wenn es denn heisst, ihr Kind ist womöglich behindert.

Gleichgewichtssucher - 20. Mär, 16:42

Unwägbarkeiten

Auch von mir vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde du triffst hier den Nagel auf den Kopf. Und wenn man den Begriff "Behinderung" einmal ein bisschen weiter fasst, dann kann man wirklich ins Grübeln kommen, ob hier nicht ganze Teile unserer Gesellschaft immer behinderter werden. Ich finde bei dem einen Punkt, dass wir als Gesellschaft zunehmend unsere wichtigsten Schlüsselqualifikationen, die uns als lebendige Gesellschaft ausmachen, verlieren und verlernen - die Fürsorge und Verantwortlichkeit gegenüber unseren Kinder und unseren Alten - hat Schirrmacher recht. Seine Konsequenz wieder zurück zur Ur-Familie zu kommen halte ich angesichts unserer individualisierten Welt für völlig unrealistisch. Es läuft nach meiner Einschätzung eher darauf hinaus, dass sich Menschen über die "Sinnfrage" neu sensibilisieren. Und dabei werden genau deine Themen wieder aktuell: Wieviel Kontrolle brauche ich im Leben und wo kann ich Unwägbarkeiten zulassen, wo kann ich loslassen ? Sobald man innerlich die Tatsache annehmen kann, dass nur ein Teil des Lebens kontrollierbar ist - nämlich bis zu dem Punkt, an dem man sich in seinen Möglichkeiten erschöpft hat - und der andere Teil den Unwägbarkeiten, dem Schicksal oder eben auch Gott überlassen werden muss, kann man sich auf das Abenteuer "Kinder bekommen" wieder besser einlassen.
Gruss von Christian - auch Papa von zwei Kindern

wasweissich - 20. Mär, 18:56

Was gerne übersehen wird: man hat das Konzept des unabänderlichen Familienzusammenhalts nicht ohne Grund hinter sich gelassen. Dass man sich früher aus einer familiären Situation, die sehr schlecht für einen war, nicht hinausbegeben konnte, war die Kehrseite der Medaille. Das hat viel Leid verursacht, von dem Schirrmacher gar nicht spricht. Ähnlich ist es mit der Kirche: durch die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft konnten die Menschen ihr Leben besser bewältigen, weil sie sich aufgehoben fühlten. Aber, quasi als Preis dafür, mussten die Menschen sich der Doktrin dieser Kirche unterstellen, egal wie unsinnig einzelne Komponenten waren. Weder die Kirche noch das traditionelle Familienkonzept wird man wieder etablieren können – das verursacht da, wo die positiven Wirkungen wegfallen, natürlich Probleme, aber man kann nicht einfach aus den Augen lassen, dass die Entwicklungen weg von diesen Konzepten auch gute Gründe hatten. Es gibt keine einfachen Antworten darauf, wie man die verlorenen positiven Eigenschaften wiedergewinnen kann, aber man wird das sicher anders erreichen müssen als durch einen Rückschritt.

Danke übrigens für die vielen schönen Kommentare!
Gleichgewichtssucher - 21. Mär, 10:56

Wolfsrudel

ja, diese früheren Familienmodelle/Ehemodelle u.s.w.,das waren in der Regel Zwangsversorgungsgemeinschaften. Da ging es nicht um das Wohl des Einzelnen, sondern ums Überleben der SIPPE. Da gings nicht um so romantische Vorstellungen, wie Liebe in der Zweierbeziehung, sondern um die materielle Existenz. Wie war die alte Bauernregel ?(Herr Schirrmacher !) "Liebe vergeht, Hektar besteht". Schirrmacher/Mattuschek führen als Beispiel für die Stärke, die der Einzelne aus seiner Familie schöpfen kann, die großen Sippen der Einwanderer an. Ja, als Einwanderer, mit diesem konkreten Hintergrund, ist die Sippe sicher eine große Hilfe. Aber wir sehen ja, wie mit jeder neuen Generation, die alten (Zwangs-)Gemeinschaften auseinanderfallen. Denn sie beruhen ja auch auf Werten, die z.B. in Anatolien sinnvoll und zweckmäßig sind, aber in unserer heutigen, hiesigen selbstbestimmten Gesellschaft nicht funktionieren. Wenn es also eine neue Hinwendung zur Familie gibt, dann kann es doch nur funktionieren, wenn sie selbstbestimmt geschieht, aus der freien Einsicht des Einzelnen, dass sich die Rücknahme des Egos in einem Familienkontext lohnt. Denn es kann auch schön sein sich als Erwachsener wie in einem Wolfsrudel geborgen zu fühlen.
sopran - 20. Mär, 20:33

Ich möchte überhaupt nicht urteilen über Frauen, die sich das Leben mit einem gesunden Kind noch so gerade zutrauen, das Leben mit einem behinderten Kind nicht. (In der Regel sind es ja die Frauen, die sich ein Leben lang verantwortlich fühlen, siehe Iris Radisch in der letzten Zeit, Männer können ja gehen und tun es vielfach auch, gerade dann, wenn das Kind anders ist als bestellt).

Schlimm ist, dass sich die Frage überhaupt stellt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es solche und solche Kinder gibt, dass man es sich nicht aussuchen kann. Wo sollte da auch die Grenze sein? Werden Mütter eines Tages gefragt, ob sie die Gesellschaft mit einem Legastheniker belasten wollen?

Ich habe mich vor dem ersten Kind sehr bewusst entschieden, keine Fragen zu stellen, mein Frauenarzt wies mich pflichtgemäß auf die Möglichkeiten hin, erleichtert, dass ich gleich abwinkte. Aber ich habe auch eine luxuriöse Ausgangslage, einigermaßen gut ausgebildet, einigermaßen abgesichert, zuverlässige Freunde und Verwandte. Ich weiß schon, dass sich auf der Basis leicht "moralisch" sein lässt.

Der Maßstab verschiebt sich, ich kenne auch die Geschichten von Leuten, denen von der Krankenschwester nach der Entbindung gesagt wurde, "sowas" (Trisomie 21) sei doch heute nicht mehr nötig. Von der Frauenärztin, die meine 37-jährige Bekannte verantwortungslos nannte, weil sie "in ihrem Alter" auch beim vierten Kind den Fruchtwassertest nicht wollte. Behinderte sollen also aus dem Stadtbild verschwinden ( dann die Dicken, die Kleinen, die Dummen, die Kahlen, die Alten?). Das finde ich gesellschaftlich katastrophal. Im Einzelfall habe ich für viele Entscheidungen trotzdem Verständnis.

Ich bin unendlich dankbar, dass meine vier Kinder (bis jetzt) gesund sind und habe große Achtung vor den Frauen (s.o.), die die zusätzliche Verantwortung, Energie, Kraft für das Leben mit Therapien, kleinen Schritten und Rückschritten, Vorurteilen, Alltagskampf aufbringen, so wie Du, Moni, sei es bewusst entschieden oder weil es nun einmal so ist.

Ich habe ja die Kinder nicht aus demoskopischen Gründen, sondern weil ich es einfach wollte und habe manchmal fast ein schlechtes Gewissen über dieses vierfache unverdiente Glück.

shibuki - 21. Mär, 21:10

wenn - dann - wenn

ich frage: warum müßte denn _erst_ die "humanität gesunden" und "sich zuversicht und vertrauen entwickeln"? da beißt sich diese katze doch in den schwanz. "Bevor wir uns allgemein überhaupt für mehr Kinder entscheiden können, müssen wir die dazu notwendige Grundlage schaffen" - ist das denn nicht genau das denken, welches Sie in diesem beitrag bekämpfen wollen, nur von der persönlichen auf die gesellschaftliche ebene delegiert? wenn Sie sagen "ich bin ganz weit davon entfernt, irgendjemanden wegen seiner Entscheidungen zu verurteilen", dann ist doch der logische schluß, daß man sich beim kinderkriegen gar nicht um die anderen, um die gesellschaft scheren sollte. es ist ganz einfach: erst bekommt man kinder und dann lebt man mit ihnen - man kann nicht von der gesellschaft irgendwelche voraussetzungen verlangen, unter denen man möglicherweise bereit wäre kinder zu bekommen. das wäre schönste, zeitgemäße forderungsmentalität. (auch der vorwurf der verantwortungslosigkeit ist blödsinn: hat schon jemals ein kind seinen eltern ernsthaft den vorwurf gemacht, von ihnen in die welt gesetzt worden zu sein?) in den schrecklichsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen umständen kann man die glücklichsten kinder entdecken. gesellschaftliche sicherheit und akzeptanz ist genausowenig wichtig und wert, wie persönliche sicherheit, wenn es um's kinderkriegen geht.

ich habe schwierigkeiten, mich auszudrücken. ganz einfach könnte ich vielleicht so sagen, was ich meine:

wenn xxx, dann kinder <- falsch

wenn kinder, dann xxx <- richtig!

unsere kinder werden uns und auch denen, die keine kinder haben, schon zeigen, wozu sie gut sind! wir müssen das nicht vorher für sie organisieren!


wasweissich - 22. Mär, 20:20

Ich bin anderer Meinung. Es ist auch nicht so, dass ich eine ganz bestimmte Gesellschaft fordere, es ist eher so, dass ich mich nicht sehr wundere, warum die Menschen in dieser so ängstlich sind. Ich will das aber jetzt auch gar nicht Stück für Stück gegenargumentieren, das bringt eh nichts. Nur das sei angemerkt: "in den schrecklichsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen umständen kann man die glücklichsten kinder entdecken", das stimmt wahrlich nicht. Ich wohne im Wedding und sehe das Gegenteil jeden Tag, wenn ich nach draußen gehe. Und wenn hier die Mütter ihre vollkommen gesunden, lieben Kinder wegen Nichtigkeiten zusammenschreien und keinerlei Verständnis für die Eigenheiten meines Sohnes haben, dann fahre ich mit meinem Sohn auch schonmal in bessere Bezirke auf den Spielplatz. Das muss man ausprobieren, Prenzlauer Berg z.B. eignet sich auch nicht besonders, da die Spielplätze dort für die Eigenheiten meines Sohnes wiederum zu versnobt sind. Aber defintiv stimmt das mit den in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen glücklicheren Kinder nicht.
wasweissich - 23. Mär, 12:51

Gerade fand ich eine interessante Webseite zu Down Syndrom und pränataler Diagnostik: I am a person, not a disease.
shibuki - 5. Apr, 11:33

ich habe mir auch schon gedacht, daß das mit den "wirtschaftlichen umständen..." so ziemlich der blödeste teil meines kommentars war. andererseits hatte ich da eher nicht deutschland im blick, wo wir uns ja manchmal schwer gegen das unzufriedensein wehren können, weil bei uns jemand, der mit wenigem zufrieden ist, schon von vornherein als abartig abgestempelt wird.

aber vielleicht kann man die religion des "höher, schneller, weiter, mehr" nur ad absurdum führen, wenn man ihren adepten vorführt, daß das glück nicht bei 3000,- euro/monat anfängt. daß glück nicht definiert ist durch 1 (ein) süßes kleines blondes, blauäugiges kinderschokoladenkind, ein kleines häuschen zwischen anderen kleinen häuschen eingekeilt, ein auto für mutti und ein (größeres) auto für papi, eine versicherung für das kleine häuschen, eine versicherung für das auto von mutti, eine für das auto von papi, vielleicht eine für das kinderschokoladenkind, einen sommerurlaub pro jahr auf ibiza, einen winterurlaub pro jahr in den alpen ... usw usf.

was ich meinte war, daß eine mutter, die auf kuba zuckerrohr erntet, und noch viel ärmer ist, als eine weddinger mutter, ihr kind eben vielleicht nicht anschreit? weil um sie herum alle so arm sind wie sie und ihr nicht die ganze zeit die konsummaschine auf die seele drückt?

als mensch, dem es auf solche sachen nicht ankommt, dem sein kind nicht ein weiteres accessoir in seiner bunten konsumhölle ist, muß sich heutzutage seiner selbst bewußt werden und bleiben, und dieses selbstbewußtsein gegen alles andere verteidigen können. und das ist das allerschwerste - sich gegen den kranken hedonismus der großen masse zu stellen, der zur norm geworden ist.

manchmal versuche ich mir vorzustellen (z.b. im -wirklich- versnobten prenzlberg) was in leuten vorgeht, die eltern mit ihren kindern sehen, selber aber nichts tun können als in ihren mercedes slk zu steigen und wegzufahren - nur wohin?

gn8 - 28. Mär, 12:09

Telearbeit ist auch schuld

«Aber für die Zukunft einer kinderarmen Gesellschaft scheint Telearbeit nicht gut zu sein. Telearbeiter, die Zuhause arbeiten, haben mit höherer Wahrscheinlichkeit keine Kinder als Angestellte, die im Büro arbeiten. Ist es also gut für die Sexualität, wenn die Beziehungspartner sich zwangsweise lange Zeit und verlässlich nicht sehen? Oder erträgt man Kinder leichter, wenn sie einen nicht auch noch während der Arbeit stören? Oder sucht man eine Beziehung durch Kinder zu sichern, wenn eine(r) regelmäßig abtaucht?»
schreibt es bei Telepolis unter http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22339/1.html

wasweissich - 5. Apr, 14:43

@shibuki: Ah, jetzt verstehe ich das besser. Und kann es auch gut nachvollziehen: vielleicht ist die Ängstlichkeit wirklich deshalb so groß, weil man sich nicht aus der konformen Norm herauswagen möchte. Ich glaube auch, dass es enorm schwer ist, sich dagegen zu stemmen und seine eigene Wertigkeit plötzlich verteidigen zu müssen, sobald sie die Wertigkeitsebenen verlässt, die die Menschen im 1. SC Eigenheim mit zwei Autos und 1-2 perfekten Kindern vereint. Man ist plötzlich nicht mehr ein Teil des Ganzen, man steht am Rande, man wird bemitleidet, auch wenn man es gar nicht will. Wenn man da die Wahl hat, sieht man vor sich diesen Riesenberg, von daher kann ich die Menschen ja auch gut verstehen, die sich für einen Abbruch entscheiden. Es ist nicht leicht, sich in einer Außenseiterposition noch wohl zu fühlen. (Auch wenn ich wie in meinem Fall finde, dass man halt notgedrungen Stück für Stück in ein neues Selbstbewusstsein reinwächst, aber das ist ein anderes Thema.) Vielen Dank für die Erklärung!

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