Die Spitze des Eisbergs
1. Eine Freundin Mitte Dreißig, verheiratet, wird schwanger. Sie wird erstmals beim Frauenarzt damit vorstellig. Die Arzthelferin fragt: "Weswegen sind sie hier?" Meine Freundin erwidert: "Ich bin schwanger." Die Arzthelferin fragt: "Wollen sie es behalten?" Die erste Frage an eine Frau Mitte Dreißig: "Wollen sie es behalten?"
2. Eine andere, schwangere Frau war bei ihrer Frauenärztin, es ging um die Frage, ob und welche pränatalen Untersuchungen man machen soll/kann. Die Frauenärztin riet zur vollen Diagnostik mit den Worten: "Sie als Akademikerin wollen sich doch ihr Leben nicht durch ein behindertes Kind ruinieren."
3. Die schwangere Kollegin einer Freundin, bei der es ebenfalls um die Entscheidung pränataler Diagnostik ging. Sie wollte die Untersuchungen nicht vornehmen lassen, weil sie sich sowieso auf jeden Fall für das Kind entscheiden würde und die Untersuchungen, die immerhin auch Gefahren für das Kind bergen, daher unerheblich waren. Doch ihr Mann, ein promovierter Physiker, bestand auf den Untersuchungen mit der Begründung, er könne sich nicht vorstellen, ein behindertes Kind zu haben. (Das Kind stellte sich als gesund heraus, Entwarnung sozusagen, aber was bedeutet diese Meinungsverschiedenheit für die Beziehung?)
4. Eine Frau hatte einen späten Schwangerschaftsabbruch wegen Behinderung und wurde danach wieder schwanger. Sie sagt: "Man muss das so sehen: wenn ich die andere Schwangerschaft nicht abgebrochen hätte, dann hätte ich heute meinen gesunden Leon nicht."
5. Das für mich persönlich traurigste Ereignis, das ich seit Silvester jeden Tag mit mir trage: eine wirklich gute Freundin von mir, verheiratet, mit einem gesunden, knapp dreijährigen Sohn, erwartete ein Mädchen. In der 20. Woche stellte sich heraus, dass das Kind einen offenen Rücken hat. Meine Freundin und ihr Mann entschieden sich ebenfalls für einen Schwangerschaftsabbruch, es wurde die Geburt eingeleitet und das Mädchen, Martha, tot geboren.
Ich kann nicht in Worte fassen, wie traurig es mich für meine Freundin und ihren Mann gemacht hat, dass sie das durchleben mussten. Ich will das auch gar nicht versuchen, mir geht es hier um etwas anderes. Zunächst einmal sei ausdrücklich betont: ich bin ganz weit davon entfernt, irgendjemanden wegen seiner Entscheidungen zu verurteilen oder auch nur zu beurteilen. Mir geht es im Gegenteil darum zu überlegen, ob diese Beispiele nicht zeigen, dass das Verhalten der Menschen viel komplexere Ursachen hat als Egoismus.
Das erste Beispiel zeigt eine Mentalität, die Schwangersein unmittelbar mit dem Ungewollten assoziiert und immer gleich die Option Abtreibung mitdenkt. Das zweite und dritte Beispiel sind Ausdruck einer Wahrnehmung, dass behinderte Kinder nicht in das Leben passen, es wird vermutet, dass ein gutes Leben nicht mehr möglich sei. Es liegt mir fern, Probleme und Leiden abzustreiten, die mit einem solchen Leben verbunden sind. Trotzdem empfinde ich mein Leben mit John nicht nur als lebbare Situation, sogar viel mehr als das: ich empfinde es als bereichernd. Ich weiß, dass die allgemeine Wahrnehmung oft anders ist, wie sich im zweiten und dritten Beispiel ausdrückt.
Die Mutter in dem vierten Beispiel konzentriert ihr Denken darauf, dass sie jetzt ihren gesunden Leon hat, nur so kann man damit vielleicht auch leben, ich will das gar nicht zu sehr kritisieren, aber mir fällt dabei sofort das lebensfähige Kind ein, auf dessen Kosten sie diesen Satz sagt. Die Betonung liegt auf lebensfähig, es geht nicht um eine Abtreibung, sondern um einen späten Abbruch, der zu einem Zeitpunkt vorgenommen wurde, an dem Frühchen schon überleben können. Bei behinderten und kranken Kindern darf man nach deutscher Rechtslage zu diesem Zeitpunkt noch die Schwangerschaft abbrechen. Die Rechtslage in Deutschland ist so, dass es einen Schwangerschaftsabbruch theoretisch bis zu den Eröffnungswehen geben kann. Erst nach Einsetzen der Wehen wird aus dem Abbruch ein Tötungsdelikt, da zu diesem Zeitpunkt "die Zäsur für den Beginn des menschlichen Lebens" angenommen wird. Da bei zu vielen dieser späten Schwangerschaftsabbrüche die Kinder dann doch nicht wie geplant bei der eingeleiteten Geburt verstarben, wird heute im Vorfeld der Geburtseinleitung durch die Bauchdecke der Mutter eine Spritze mit Kaliumchlorid in das Herz des Kindes gespritzt, welches daraufhin aufhört zu schlagen (Bezeichnung: "Fetozid").
Zuletzt nun zu meiner guten Freundin. Ein Kind mit offenem Rücken, das kann vieles bedeuten. Die Ärzte konnten ihr nicht sagen, ob das Kind eine relativ leichte Beeinträchtigung oder eine Schwerstbehinderung haben würde. Das Spektrum ist bei Spina Bifida sehr breit. Meine Freundin und ihr Mann haben sich die Entscheidung alles andere als leicht gemacht. Da sie schon in der 20. Woche war, musste für einen Abbruch auch die Geburt eingeleitet werden.
Letztendlich, wenigstens wie ich das aus den Gesprächen mit ihr nachvollziehe, war da einfach eine ganz elementare Ungewissheit. Und die große Frage ist: wie soll man sich für eine elementare Ungewissheit entscheiden? Dazu gebräuchte man ganz viel Rückhalt und Unterstützung. Die Ärzte sind aber oft sehr schnell dabei mit dem Vorschlag, die Schwangerschaft abzubrechen. Das zeigte sich bei meinem zweiten Beispiel und auch im Fall dieser Freundin sagte die Ärztin, sie hätte sich auch für einen Abbruch entschieden. Gesellschaftlich ist ein Leben mit Behinderten stigmatisiert und schwierig. Dass man zudem für Pflegeleistungen und Therapieplätze etc. kämpfen muss und wegen Kürzungen immer mehr kämpfen muss, ist eine ebenso wenig ermutigende Aussicht. Zu all dem, was einem medizinisch und psychisch bevorsteht, muss man also außerdem mit vielerlei hinderlichen Außenfaktoren rechnen. Steht man vor einer solchen Wahl, dann erfordert die Entscheidung für ein behindertes Kind sehr viel Kraft. Und woher soll man in dem Klima, in dem wir leben, diese Kraft nehmen? Ich bin froh, dass ich nie eine Wahl hatte. Ich würde meinen Sohn niemals missen wollen und liebe ihn so, wie er ist. Aber ich hatte auch die Chance, das zu erfahren.
Wenn man über Kindermangel spricht, beklagt, dass immer weniger Akademiker Kinder bekommen, wenn man überall in den Medien herumschreibt und –schreit, dass die Leute mehr Kinder bekommen müssen, dann sollte man ehrlicherweise dazusagen, dass man damit nur leistungsfähige und gesunde Kinder meint. Für die anderen ist im Gegenteil nämlich zunehmend immer weniger Platz. Beim Statistischen Bundesamt kann man Zahlen zu Schwangerschaftsabbrüchen einsehen. Zwischen 1998 und 2004 sind demnach die späten Schwangerschaftsabbrüche zwischen der 13. und 23. Woche um 7,8% gestiegen, Abbrüche jenseits der 23. Woche nahmen sogar um 18% zu. Am 9. März wurde die Statistik um das Jahr 2005 erweitert. 2005 fiel die Zahl der Abbrüche jenseits der 23. Woche von 200 auf 171, dabei ist aber zu bedenken, dass es weniger Schwangerschaften gab und die Diagnostik immer besser wird und somit früher erkannt wird, ob ein Kind behindert ist: die Zahl der Abbrüche zwischen der 13. und 23. Woche stieg von 2005 auf 2049. Das bedeutet innerhalb eines Jahres einen Anstieg von 2,2% bei sogar rückläufigen Gesamtschwangerschaftszahlen. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in einer Studie von Wolfgang Lenhard: "Eine metaanalytische Auswertung von 20 Studien zeigte, dass 90% der Frauen im Falle eines positiven Trisomie 21-Befundes die Schwangerschaft beenden." Und es wird immer weiter an den Selektionsprozessen gefeilt. In den Niederlanden ist man schon einen Schritt weiter, dort wird bereits Früheuthanasie betrieben.
Es besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass wir allgemein immer weniger Kinder bekommen und der Tatsache, dass wir immer weniger behinderte Kinder bekommen. Letzteres ist der Fall, weil wir uns immer weniger in der Lage sehen, diese Kinder in unser Leben und unsere Gesellschaft zu integrieren. Das ist eine Extremausprägung der Tendenzhaltung gegenüber Kindern allgemein.
Offensichtlich muss es tiefe psychologische und soziologische Gründe für diese Entwicklungen geben. Immerhin leben wir in einem hochentwickelten und zivilisierten Land. Konkret auf den Fall meiner Freundin bezogen, kann man das so betrachten: sie ist verheiratet in einer sehr stabilen Beziehung, das Paar wäre also zu zweit gewesen, um mit dem behinderten Kind fertig zu werden. Beide Partner haben sehr gute Jobs und die Familie ist finanziell wirklich gut abgesichert. Letztes Jahr haben sie sich in München ein Reihenhaus gekauft. Beide Partner haben studiert und sind intelligente Menschen. Man denkt sich also: sie können das sowohl finanziell als auch intellektuell reißen. Wo könnte ein solches Kind besser aufgehoben sein? Sie sind sehr liebe und fürsorgliche Menschen. Sie haben all die "richtigen" Einstellungen. Jedoch, als sie vor der Situation standen, sahen sie sich nicht in der Lage, das Kind zu bekommen. Und wie man an der Statistik gesehen hat, sind sie damit im Trend der Mehrheit.
Um zum Kern des Problems, warum unsere Gesellschaft sich nicht in der Lage sieht, allgemein mehr Kinder zu bekommen und behinderte Kinder überhaupt noch zu bekommen, um also zum gemeinsamen Kern dieses Problems vorzustoßen, muss man tiefer fragen als nur nach Egoismus. Ich behaupte in keinster Weise, objektive Antworten zu kennen oder das alles zu verstehen. Ich stehe im Gegenteil ziemlich ratlos davor und mache mir daher einfach Gedanken. Einer meiner Gedankengänge, womit das zu tun haben könnte, ist folgender: woher soll man Kompetenzen und Selbstvertrauen erwerben, wenn man immer seltener in Situationen ist, in denen man sie erwerben könnte? Das klingt zunächst nach diesem leidigen Argument: uns geht es einfach zu gut, frühere Generationen mussten mit Krieg und sonstwas fertigwerden und wir sind völlig verwöhnt. So simpel meine ich das nicht. Das sind zivilisatorische Prozesse, natürlich haben unsere Eltern uns nicht extra durch irgendeine Hölle geschickt, damit wir lernen, in der Hölle zurechtzukommen. Wir freuen uns doch, wenn es den Menschen, die wir lieben, gut geht. Mir geht es mehr um die Frage, ob die zunehmende Uniformität nicht ein Grund sein könnte. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft immer weniger Vielfalt und Andersartigkeit beinhaltet, können die Mitglieder dieser Gesellschaft immer weniger mit Andersartigkeit umgehen, weil sie den Umgang damit einfach nie erlernen konnten. Sie haben nie die Vorzüge erfahren, das persönliche Entwicklungspotenzial, das sich darin ja auch verbirgt. Sie haben stattdessen Angst vor Kontrollverlust und Angst vor der Unsicherheit. Diese Angst ist etwas ganz anderes als der Egoismus, der allerorten ausgerufen wird.
Hier treffen sich wieder mein Thema der behinderten Kinder und das Thema Kinder allgemein: Kinder bedeuten nämlich natürlich immer einen gewissen Kontrollverlust und sie bringen immer einen Unsicherheitsfaktor ins Leben. Wir geben uns heutzutage ja gerne der Illusion hin, wir führten ein sicheres Leben. Wir bauen uns ein Haus und verdienen gut und haben uns in unserem Leben so eingerichtet, dass wir uns sicher fühlen. Das Streben nach Sicherheit, Gesundheit, Normalität (whatever that is) und nach einem bestimmten Lebensstandard ist natürlich zunächst einmal ein höchst verständliches und legitimes Bedürfnis. Nur wird der Preis immer höher, den wir für die übersteigerten Anstrengungen in dieser Richtung bezahlen. Anstatt sich Problemen zu stellen, drehen wir die Schraube der Vermeidung einfach immer etwas weiter. Im Fall der Schwangerschaftsabbrüche hat man in den Niederlanden mit der Früheuthanasie eben schon weiter gedreht als hier. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in Deutschland die Gesetzgebung weiter an das schon vorherrschende Denken anpasst.
Folge des übersteigerten Sicherheitsstrebens ist, dass der Unsicherheitsfaktor Kind von vielen gleich ganz ausgeschlossen wird. Und einige bekommen zwar noch ein Kind, aber bitte nur ein gesundes, das ist das höchste Maß an Unsicherheit, das unsere Kraft vielleicht gerade noch erlaubt. Hier handelt es sich um ein bedeutendes Missverständnis, denn gerade wenn man sich auf die Unsicherheit einlässt, schöpft man ganz neue Kraft und erlebt wunderbares Leben, aber das weiß man natürlich nicht, wenn man es nie gesehen hat. Warum nur wollen oder können wir die fundamentale Unwägbarkeit des Lebens nicht mehr akzeptieren? Hier kommt vielleicht zusätzlich zur psychologischen und soziologischen eine philosophische Dimension dazu. Nicht ohne Grund wird der Utilitarismus, vor allem über Peter Singer, immer häufiger diskutiert. Everything is connected.
Wenn wir den Kindermangel hinterfragen, dann müssen wir auch die unangenehme Frage nach der Humanität stellen. Bevor wir nach mehr Kindern rufen und damit nur gesunde Kinder meinen, sollten wir nach all den Kindern fragen, die wir töten, weil sie nicht in die Gesellschaft passen. (Ganz abgesehen davon: wenn wir behinderte Kinder nicht mehr bekommen, dann wirft das auch ein Licht auf diejenigen Behinderten und ihre Angehörigen, die schon da sind, nämlich ein Licht darauf, wie unerwünscht sie sich eigentlich fühlen müssen. Mich als Angehörige trifft das durchaus sehr schmerzhaft.)
Bevor wir uns allgemein überhaupt für mehr Kinder entscheiden können, müssen wir die dazu notwendige Grundlage schaffen und das Gefühl dafür wiederfinden, dass das Leben nun einmal immer unwägbar, aber trotzdem fantastisch ist, selbst und auch gerade dann, wenn es schicksalhafte Einschränkungen erfährt. Vielfalt und Ambivalenz des Lebens sind gut, wir sollten sie feiern und nicht verhindern. Jedes Leben ist einmalig und besonders, so banal das klingen mag, und um gleich eine weitere Banalität hinzuzufügen: Umwege führen zu mehr Ortskenntnis. Wir sollten durch Vielfalt und Ambivalenz lernen und mit ihnen persönlich wachsen.
Bevor unsere Humanität nicht gesundet, werden Menschen auch nicht mehr Kinder wollen. Ich bin davon überzeugt, in einer toleranteren und vielfältigeren Gesellschaft fühlen sich die Menschen wohler und wenn sie sich wohler fühlen und Kraft im Miteinander der Unterschiede entdecken, dann entwickeln sie auch mehr Zuversicht und Vertrauen. Dieses vielfältige Miteinander beinhaltet auch unterschiedliche Lebensentwürfe und eben kein Ausrufen von Schirrmachers "Zurück zur Urgewalt Familie". Und wenn sie wieder mehr Zuversicht und Vertrauen haben, dann bekommen die Menschen vielleicht von alleine mehr Kinder. In einer Gesellschaft, in der man sich aufgehoben fühlt, wird ein Kind vielleicht endlich nicht mehr als Wagnis angesehen.
In meiner persönlichen Lage jedenfalls empfinde ich den Ruf nach mehr Kindern – auf der Grundlage unserer jetzigen Gesellschaft und so wie er jetzt formuliert wird – geradezu als Zynismus.

Andererseits: die aufgelisteten Beispiele sind schon typisch für unsere Zeit: Kinder-kriegen wird tendenziell und in erster LInie unter dem Gesichtspunkt "Schwierigkeiten und Probleme" beurteilt. Dass Kinder einfach eine Bereicherung und Freude sein können, kommt einfach zu kurz.