Uebersetzen

Verschwurbelte Tanzbuchrezensionen übersetzen

"Whatever the risks of looking back, she has taken them, and her near six-hundred pages are a starburst of light thrown at this silence."

Licht, das man auf oder gegen die Stille wirft? Oh Mann. Irgendwelche Vorschläge?

(Zweieinhalb Seiten voll von schiefen Bildern, Sätze ohne Zusammenhang stiftende Überleitungen, Mäandern in Metaphern und dazu Satzkonstruktionen, die man sich aufknobeln muss wie ein logic puzzle, und manchmal geht da trotzdem nichts auf, hermetisch, kryptisch, abwegig, kurzum: ich sehne mich heute nach Sophie Kinsella.)

[Und dann ja immer die Frage, wie sehr man dem Original treu bleiben muss, ich soll ja eigentlich übersetzen und nicht lektorieren, aber leider ist vor der Publikation nicht mehr genug Zeit für ein Lektorat, also denke ich, vielleicht sollte ich da doch etwas invasiver rangehen, Balanceakt, Gratwanderung zwischen Hermetik und Hermeneutik.]

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"Translation is not a transfer of meaning from one language to another, Pevear writes, but a dialogue between two languages."
(Sechsseitige Rezension einer Neuübersetzung von "Krieg und Frieden" ins Englische, das nenne ich mal eine gewissenhafte Übersetzungskritik.)

Theoretische Dignität & Die Sprache nach dem Einschlag

"Dem Übersetzen theoretische Dignität zu verleihen, und die Tatsache, dass Übersetzen keine brotlose Kunst ist, zu institutionalisieren": so formulierte gestern Abend Prof. Dr. Georg Witte die Beweggründe für die Einrichtung einer allerersten Gastprofessur "Poetik der Übersetzung" an einer deutschen Universität. Der deutsche Übersetzerfonds und das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin – meine Alma Mater – benennen nun also zu jedem Wintersemester einen Gastprofessor für Poetik der Übersetzung (Codename: August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur).

Der gemeinsam ernannte Gastprofessor bekommt eine Unterkunft im Gästehaus der Freien Universität und hält Vorlesungen, unter anderem eine öffentliche Antrittsvorlesung. Als erster Gastprofessor wurde Frank Günther benannt, den man vor allem durch seine Shakespeare-Übersetzungen kennt. Er sprach gestern Abend in seiner Antrittsvorlesung in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt erfreulich lebhaft über: "...und gibt luftigem Nichts in Worten ein Zuhause. Oder: der Kampf des Übersetzers mit Frisierzangen und Bratensoßen, mit Zitteraalen und Ziegenlederhandschuhen sowie anderen linguistischen Monstern."

Ein ebenso kenntnisreicher wie unterhaltsamer Vortrag, nichts anderes ist man von Frank Günther gewohnt. Besonders angenehm für mich war allerdings, dass ich beim anschließenden Empfang eine ganze Reihe von Leuten wiedertraf, die ich teilweise schon seit neun Jahren nicht gesehen habe [to do: bei der Alumni-Vereinigung anmelden].

Unterschwellig wohl durch diesen Abend dazu angeregt, über das Übersetzen nachzudenken, lese ich also heute die taz-Rezension "Die Sprache nach dem Einschlag" zu Don Delillos Roman "Falling Man", gerade auf deutsch erschienen, übersetzt von Frank Heibert, was man aber nur unterhalb der Rezension selbst erfährt, bei den Eckdaten zum Roman.

Der Rezensent Frank Schäfer schreibt: "DeLillos Sprache ist flexibel und absolut sachgemäß: amplifiziert und bildmächtig in der Beschreibung des apokalyptischen Szenarios; ungelenk und karg, manchmal nah am Verstummen, wenn es gilt, die Gespräche und inneren Monologe der Überlebenden abzubilden, die langsam versuchen, sich in ihrem Alltag "danach" einzurichten. Ihm gelingt das, woran McInerney scheitert - er findet nicht nur eine Sprache, sondern zugleich auch eine angemessene narrative Form für 9/11. Seine fragmentierte Erzählstruktur, diese harte, kontrastreiche Montage von kleineren, in der Chronologie springenden, ständig die Perspektive wechselnden und enorme Lücken lassenden Prosaschnipsel bildet das Chaos, die Verstörung, die reale und mentale Trümmerlandschaft, die der Einsturz des WTC hinterlassen hat, gewissermaßen ab."

Das ist eine schöne Beobachtung. Ich habe das Original gelesen, als es herauskam, und hatte dieselben Eindrücke. Es muss dem Übersetzer also gelungen sein, genau das auch in die deutsche Übersetzung zu übertragen. Sicher eine ganz schön große Herausforderung.

Schäfer: Don DeLillo hingegen lässt einem die Worte um die Ohren fliegen: "Das Röhren hing immer noch in der Luft, das Bersten und Rumpeln des Einsturzes. Das war jetzt die Welt. Qualm und Asche kamen die Straße entlanggewalzt und um die Ecken, stoben um die Ecken, seismische Qualmfluten und vorbeizischendes Schreibpapier, Normblätter mit scharfen Kanten, vorbeistreichend, -peitschend, anderweltliche Dinge im Sarg dieses Morgens."

(Im Original, das musste ich jetzt einfach nachblättern: "The roar was still in the air, the buckling rumble of the fall. This was the world now. Smoke and ash came rolling down streets and turning corners, busting around corners, seismic tides of smoke, with office paper flashing past, standard sheets with cutting edge, skimming, whipping past, otherworldly things in the morning pall.")

Das ist doch schön übersetzt, oder? Aus dem "buckling rumble" das Bersten und Rumpeln zu machen, zum Beispiel. Ein Gerundium in den substantivierten Infinitiv aufzulösen ist ja normal, aber man muss schließlich die ganze Konstruktion übertragen. Auf deutsch dient die Trennung in zwei substantivierte Infinitive dem stilistischen Äquivalent zum bildmächtigen, apokalyptischen Szenario viel besser als eine Beibehaltung der Einheit "the buckling rumble", man stelle sich nur vor, es stünde da etwa: das berstende Grollen, oder so.

Was ich nur an diesem einen Beispiel sagen will: dass der Rezensent beim Lesen der deutschen Übersetzung ziemlich genau denselben Eindruck hatte, wie ich beim Lesen des Originals, ist natürlich nicht zuletzt eine Leistung des Übersetzers. Ich bin da nicht wahnsinnig militant und verlange keine ständige Aufmerksamkeit der Literaturkritik gegenüber der Übersetzung, aber in diesem Fall dreht sich die ganze Rezension um die Sprache, um Sprachanalyse, und trägt daher ja auch zu Recht den Titel "Die Sprache nach dem Einschlag." In einem solchen Fall würde sich ein Literaturkritiker sicher keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn er den Übersetzer in seinem Text mal erwähnt, und nicht nur in den Eckdaten unterfernerliefen auflistet.

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Warum Neu- und Nachübersetzen sich nicht ausschließen

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Gelernt: beim Privatjet sagt man nicht take-off, dort heißt es wheels-up, wie in: "Wheels-up is at 12 o' clock."

[Distinktion, die sich durch Sprache zu manifestieren versucht. Wieder mal, immer wieder.]

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Flattert mir eben, wie man so sagt, ein Flyer ins Haus: die offizielle Ankündigung einer Filmpremiere am 14. Mai von 20:00-21:30 Uhr im Kino der Hackeschen Höfe (Anwesenheit der Protagonisten und anschließendes Gespräch). Und dann steht da: "Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms 'On the spectrum.' Porträtiert werden 4 Erwachsene und ihr Leben auf dem Autismussprektrum." Leben auf dem Autismusspektrum? Wie "auf einem anderen Stern", "auf hoher See" oder wie oder was oder warum "auf"? Übersetzen Glückssache.

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No man's land

[Calling all literary translators, budding literary translators, and writers interested in translating! Please spread the word to anyone (in Berlin) who might be interested: No Man's Land Translation Lab. Regular literary translation lab (German into English) to discuss difficult texts, get help and inspiration, critique and ideas. Starting 8 May at 8 pm in Max & Moritz (Bibliothek, upper floor), Oranienstraße 162, X-berg, Berlin. After that it will be held on the first Tuesday in the month.]

Früchte der Arbeit

Sicher werde ich noch den ein oder anderen Fehler finden und korrigieren, aber dennoch bin ich heute schon ein bisschen stolz auf die englische Version des QM-Dachportals.

(So, und jetzt aber auf die Romanübersetzung konzentrieren.)

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Im Glückskeks vom Chinesen steht: "Du bist ernsthaft aber geistreich." Ich denke mir gerade schon, wieso "aber", was soll diese Konjunktion denn suggerieren, da drehe ich den Zettel um und auf der anderen Seite steht auf Englisch: "You are serious and witty." Na bitte, geht doch.

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Jetzt bin ich längst zurück in Berlin, heute hat die Kita ihren Dienst wieder aufgenommen, Einzelfallhelfer und Babysitter sind ebenfalls zurück in der Stadt und werden beide heute Nachmittag respektive heute Abend noch zum Einsatz kommen, ich arbeite wieder und freue mich später aufs Theater, der routinelose Taumel hat Gott sei Dank ein Ende, und ich muss gerade daran zurückdenken, dass wir zwischen den Jahren in Oldenburg den Film "Liebe braucht keine Ferien" (The Holiday) ansahen. In Oldenburg geht das ja nur synchronisiert. In einem Teil der Handlung, der von den Briten gespielt wurde, war anfangs zweimal "bumsen" übersetzt worden. In einem Teil der Handlung, der von den Amerikanern gespielt wurde, hieß es "vögeln". Ich schätze mal, dass im Original die Briten "shag" und die Amerikaner "fuck" sagten und man irgendwie diesen Unterschied mit in die Übersetzung transportieren wollte. Das funktioniert natürlich überhaupt nicht: unterschiedliches Englisch ist in einer gedubbten Synchronisation einfach nicht übertragbar. Als normaler Zuschauer bemerkt man sicher nicht, was das soll. Stattdessen wirkte es äußerst deplaziert, dass da Leute mit Mitte 30 "bumsen" sagen sollen. Das nahm man den Figuren kein bisschen ab. Kein Mensch sagt bumsen (gut, außer vielleicht pubertierende Türken im Wedding, die einem auf der Straße entgegenkommen und sagen: "Mein Freund möchte mit Dir bumsen", aber eben nicht Kate Winslet- und Jude Law-Charaktere Mitte 30). In unserer Generation streitet man sich vielleicht höchstens darüber, ob man "ficken" oder "vögeln" sagt. Als sich später im Film die beiden britisch-amerikanischen Paare bildeten, sprach man von "Sex haben", das sollte dann wohl die interkulturelle Variante sein. Wobei ich das als Übersetzerproblematik gar nicht herunterspielen will. Erst beim vorletzten Übersetzerstammtisch haben wir uns darüber unterhalten, dass Begriffe aus der Sexualität schwer zu übersetzen sind. (Und wenn einem dann das Lektorat im Verlag "ficken" in "Sex haben" umlektoriert, dann hat man sowieso Pech gehabt, wie J. erzählte.) Schwierig, alles. Aber in "Liebe braucht keine Ferien" definitiv sehr schlecht gelöst.

[Hoffentlich bringt mir dieses Posting keinen Spam und blöde Googletreffer ein – dann lösche ich es wieder.]

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