Texte (ungeordnet)

Auf Schulsuche für ein schwer autistisches Kind (Eine Farce in unbekannt vielen Akten)

Nachdem John letztes Jahr von der Schulpflicht zurückgestellt wurde, damit er noch ein Jahr von der intensiven Frühförderung in der Kita der "Hilfe für das autistische Kind" profitieren kann, musste ich ihn jetzt für nächstes Jahr, also August 2007, zur Schule anmelden. Anmelden ist leicht: das macht man einfach an der nächsten Grundschule. Eine Schule zu finden ist ungleich schwieriger. Naheliegend ist das Folgeprojekt des Vereins. Da gibt es zwei Schulgruppen: eine im ehemaligen Ostberlin (Prenzlauer Berg) und eine im ehemaligen Westberlin (Wilmersdorf). Wir wohnen im Wedding, also ehemals Westen; da aber Wedding nach der Reform der Stadtbezirke nun zu Mitte gehört, also ehemals Osten, ist für uns nun die Ostschule im Prenzlauer Berg zuständig. Was schon einmal nicht so toll ist, denn John ist in der West-Frühfördergruppe (Friedenau), und die Projekte bauen eigentlich aufeinander auf und die Ostschule ist anders strukturiert, sie untersteht auch nicht komplett dem Verein. Nun, so weit so ungünstig für uns.

Als ich im September in der Schule im Prenzlauer Berg anrief, um einen Besichtigungstermin zu vereinbaren, wurde mir mitgeteilt, dass das nicht so einfach möglich sei, man könne schließlich nicht ständig irgendwelche Eltern da durchführen, deren Kinder womöglich gar nicht für diese Schule in Frage kämen. Ich erklärte, dass mein Sohn bereits in der Frühfördergruppe des Vereins ist und seine "Qualifikation" daher schon klar sei, aber man ließ sich nicht erweichen. Ich solle zuerst mit der zuständigen Ambulanzlehrerin sprechen, ich sei ja auch etwas früh dran. Das fand ich komisch, denn in anderen Schulen konnte ich bisher problemlos mit den Schulleitern sprechen und Termine abmachen. Ich teilte mein Problem Johns Bezugsbetreuer in der Kita mit, der das auch nicht verstand, seinerseits in der Schule anrief, und mich dann zurückrief, ich könne jetzt doch einen Termin zur Besichtigung bekommen. Zwischenzeitlich hatte aber die Ambulanzlehrerin, die für Johns Schulzuordnung zuständig ist, einen Gesprächstermin mit mir ausgemacht und so ging ich zuerst zu ihr.

Sie teilte mir mit, dass in der Ostschule im nächsten Jahr nur ein Platz frei werde, sie aber viele autistische Kinder zu vermitteln habe. Aufgrund der Struktur der Gruppe schlug sie vor, dass John vielleicht besser in eine andere Schule passt. Das war zunächst natürlich sehr vage. Struktur der Schulgruppe? Laut Vereinsaussagen sind die beiden Schulprojekte extra für die Kinder ins Leben gerufen worden, deren Beeinträchtigung so stark ist, dass sie anders nicht beschulbar sind. John fällt definitiv unter diese Kategorie. Nun hatte ich aber auch schon gehört, dass man in den letzten Jahren dazu übergegangen war, sich verstärkt nicht so stark beeinträchtigte Kinder in die Schulen zu holen.

Die Ambulanzlehrerin schlug für John eine Schule für geistig Behinderte vor. Die Kinder aus meinem Viertel wurden in den vergangenen Jahren immer in eine GB-Schule in Charlottenburg geschickt. Diese Schule hat 130 Schüler. Die Ambulanzlehrerin hatte John schon in der Frühfördergruppe besucht und beobachtet und wenigstens konnte sie meinen Einwand verstehen, dass er in einer Schule mit so vielen Kindern nicht zurechtkommt. John hat überhaupt nicht gerne andere Kinder um sich, natürlich soll er das zwar auch lernen, aber das kann man ihm nicht mit dem Holzhammer beibringen, indem man ihn einfach in eine Riesenschule steckt. John reagiert schnell mit Auto-Aggressionen oder auch Fremd- und Sachaggressionen. Wenn ich ihn jeden Tag schon mittags oder gar vormittags abholen muss, weil er ausflippt, dann kann ich das Arbeiten vergessen und außerdem ist das sowieso keine gute Lernsituation für ihn.

Es gebe ansonsten eine Schule für geistig Behinderte in Mitte, die ja in unseren Bezirk falle. Zum Glück hatte ich vor dem Gespräch meine Hausaufgaben gemacht und mich über sämtliche Schulen informiert. Diese Schule hat nämlich sogar noch mehr Kinder als die in Charlottenburg. Das konnte ich also sofort einwenden. Es gebe dann noch eine kleine Schule für geistig Behinderte in Pankow, aber die sei immer schon voll mit Kindern aus dem eigenen Bezirk. Das wusste ich schon, leider. Dann gebe es eine Schule für Körperbehinderte, die müsse auch immer ein Kontingent an anderen Kindern aufnehmen und dort seien die Klassen sehr klein. Da wäre John bestimmt gut aufgehoben. "Gut aufgehoben" war – wahrscheinlich unbewusst – genau die richtige Wortwahl der Ambulanzlehrerin. Auf einer solchen Schule ist man nicht speziell für die Erziehung und Förderung von Autisten ausgebildet. Ich suche keinen Platz, an dem John lediglich gut aufgehoben ist. Das auch, aber ich suche auch einen Platz, an dem er optimal gefördert wird. In der Frühfördergruppe klappte das in den letzten Jahren toll. John hat für seine Verhältnisse sehr viele Fortschritte gemacht.

Die nächsten vorgeschlagenen Alternativen lagen dann schon weit entfernt: Potsdam, Lichtenberg und Spandau. Die Schule in Spandau, so meinte die Ambulanzlehrerin, habe gerade ein neues Programm für Autisten, hätte sie gehört, sie wüsste es aber nicht genau, ich könne da mal anrufen. Sie wusste nicht einmal, wo die Schule überhaupt genau ist. Die Schule gehört zu einem evangelischen Stift und befindet sich auf einem großen Gelände mitten in den Feldern, sehr schön, aber janz weit draußen. Ich war letztes Jahr dort auf dem Weihnachtsmarkt und hatte mir in dem Zusammenhang die Anlage angesehen. Nach dem Gespräch rief ich gleich in Spandau an, erreichte niemanden, probierte am nächsten Tag erneut, erreichte wieder niemanden und am dritten Tag sprach ich mit der sehr netten Schulleiterin, die mir aber mitteilte, dass es gar kein neues Programm für Autisten gebe. Und nach meiner Beschreibung von John sagte sie, sie könne sich nicht vorstellen, dass ihre Schule richtig für ihn sei. Ich könne aber gerne mal vorbeikommen und mir die Schule und die anderen Kinder ansehen.

Wollte ich also als Schulorte nicht das äußerste Ende von Lichtenberg oder gar Potsdam – beide vermutlich bis zu anderthalb Stunden Fahrtzeit pro Weg, also bis zu drei Stunden Fahrt am Tag für John – so fiel ich in meiner Wahl doch wieder auf die Schulen des Vereins zurück. Ich rief also endlich doch in der für uns zuständigen Schule in Prenzlauer Berg wegen eines Besichtigungstermins an. Mittlerweile schreiben wir in dieser Chronik den nächsten Monat, Oktober. Zuerst sprach ich mit einer Praktikantin. Die druckste rum und holte dann einen Mann an den Apparat. Der gab mir wieder die Leier, man könne da nicht einfach vorbeikommen. Ich erklärte, das habe Johns Bezugsbetreuer aus der Frühfördergruppe schon mit jemandem bei ihnen abgesprochen, daraufhin holte er eine Frau an den Apparat. Die gab mir wieder dieselbe Leier zum Besten (lernen die das da auswendig?), ich gab wiederum meine Leier zum Besten und nach einem fünfzehnminütigen Gespräch erhielt ich für Anfang November einen Termin. Zunächst sollte es ein Dienstag sein, dann hieß es aber, das sei schlecht, weil an dem Tag die Teambesprechung sei und so einigten wir uns auf Donnerstag Morgen um 10:30 Uhr. Ich war ja so glücklich.

Ein paar Tage später telefonierte ich mit Johns Bezugsbetreuer in der Kita, da fragte er mich: "Hat man Ihren Termin in der Schule eigentlich verschoben? Eine unserer Erzieherinnen hat heute in der Schule hospitiert und ihr hat man erzählt, sie würden jetzt am Dienstag um 14 Uhr kommen und sogar John mit in die Schule bringen?" Davon hatte ich noch gar nichts gehört. Ich hatte extra gesagt, dass ich mir die Schule ohne John ansehen wollte, weil ich sonst nur hinter ihm herlaufen müsse und gar keine Zeit hätte, mir die Räume und die Kinder wirklich anzusehen. Außerdem musste ich am Dienstag um 14 Uhr arbeiten.

Ich rief also in der Schule an, wo mir die Frau, mit der ich den Termin abgemacht hatte, säuerlich sagte, ja, der Termin sei verschoben, ich solle die Ambulanzlehrerin anrufen. Ich rief also die Ambulanzlehrerin an, die bestätigte, dass sie diese Änderung vorgenommen habe und mich noch hätte anrufen wollen. Ich erklärte ihr also wieder das, was ich der Schule ursprünglich erklärt hatte und was eigentlich augenscheinlich sein sollte: dass ich John unmöglich zu so einem Termin mitnehmen kann. Das sind doch alles Leute, die sich angeblich mit Autisten auskennen? Okay, lenkte sie ein, also ohne Kind. Und dann eben nach der Arbeit, um 14:30 Uhr. Ich fragte, was das alles denn überhaupt solle und erhielt als Antwort zunächst, dass es am Dienstag besser passe, weil da sowieso Teambesprechung sei. Ich sagte, das sei ja komisch, denn ursprünglich sei genau das der Grund gewesen, warum der Dienstag der Schule nicht gepasst hat. Ausweichargument der Ambulanzlehrerin war dann, dass um die Zeit einige Kinder schon weg seien und einige abgeholt würden. Dann wäre mein Auftauchen nicht so eine Belastung für die Kinder; morgens seien sie ja in ihrem normalen Schulalltag und da wäre das eine zu große Belastung. Das leuchtete mir nicht ein, denn in Johns Kita kommen auch Menschen und die Kinder sind noch viel kleiner. Außerdem ist nicht gerade von einem Besucheransturm auszugehen. Am Ende kam dann raus, dass die Ambulanzlehrerin selbst an dem Tag auch in der Schule ist – vermutlich wollte sie einfach dabei sein. Ich hätte ja kein Problem damit, wenn man mir so etwas sagt, aber dieses ewige Gedruckse, diese offensichtlichen, schwachen Ausreden und fadenscheinigen Vorwände sind sehr frustrierend.

Nach dem Gespräch überlegte ich mir, dass dieser Termin ja fast nichts bringt, wenn die Kinder nicht da sind. Ich rief sie also noch einmal an und brachte ganz klar mein Bedauern zum Ausdruck, dass ich die Kinder und den normalen Schulalltag nicht sehen darf. Ich kenne meinen Sohn sehr genau und ich kann sehr gut einschätzen, wie er auf welche Kinder reagiert. Wie gut oder schlecht diese Schule für ihn ist, kann ich doch gar nicht beurteilen, wenn man es mir vorenthält, die Kinder zu sehen. Außerdem ist das in keiner der anderen Schulen der Fall gewesen. Die Ambulanzlehrerin verteidigte das damit, dass in den Schulen für geistig Behinderte ja auch nicht nur Autisten sind und es deshalb dort leichter möglich sei, die Schulen mit Kindern zu zeigen. (Aber von mir zuerst wollen, dass ich John mitnehme...) Sie sagte dann noch, ich sei die erste Mutter, die überhaupt dieses Jahr die Schule besuchen dürfe. Als ob mich das nun besonders ehren könnte. Ganz im Gegenteil, darauf konnte ich nur entgegnen, dass ich dann noch weniger verstehe, warum das Ganze so schwierig ist. Wenn sehr viele Eltern kommen, ist klar, dass man das verteilen muss. Aber wenn ich sogar die Erste bin? Darauf wusste sie wieder nichts zu sagen, änderte den Termin aber nicht. Das Ganze nahm mittlerweile kafkaeske Züge an.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass man irgendetwas verheimlichen oder verstecken wollte, auf jeden Fall wurde nicht mit offenen Karten gespielt. Am vereinbarten Termin kam ich deshalb absichtlich etwas früher an. Aus Zufall verlief ich mich dann auch noch. In dem Raum, in dem ich ankam, fand gerade eine Einzelsituation mit einem Jungen statt. Der Junge sprach absolut perfekt, freute sich, mich zu sehen und redete richtig mit mir. Seine Beeinträchtigung kann man durchaus als unvergleichbar mit der von John klassifizieren. Oha. Wir gingen dann gemeinsam runter in den Hauptbereich, wo gerade ein Junge im Flur stand.

Er kam gleich zu mir gelaufen und fragte mich: "Bist Du die Frau von der Party?"
Ich: "Nein, welche Party denn?"
Er: "Wir haben da draußen vor dem Fenster eben eine Party gesehen!"
Ich: "Da war ich aber nicht. Ich bin hier, weil ich mir Eure Schule angucken möchte."
Er: Oh, dann bist Du Dominiks Mama?"
Ich: "Nein, ich bin Johns Mama. Aber John geht hier noch gar nicht auf die Schule, er geht noch in den Kindergarten."
Er: "Kannst Du meine Jacke zumachen?"
Die Erzieherin: "Ich mach das schon."
Er: "Nein, das soll die Tante machen."
Ich – knie mich hin und mache seine Jacke zu.
Er – sieht mir direkt in die Augen, lacht und sagt: "Du bist echt nett."
Er – sieht hoch zur Erzieherin und sagt: "Die Tante ist echt nett."

Das habe ich so ausführlich wiedergegeben, weil es überaus erstaunlich ist. Ein Autist, mit dem man ganz normal kommunizieren kann, der zu der Abstraktionsleistung fähig ist, sein Gegenüber mit Du anzusprechen und nicht von sich selbst als Du zu sprechen, der einem in die Augen sieht, der ein Gefühl ("die finde ich nett") von sich aus und tatsächlich ganz klar benennen kann und der auch noch das Bedürfnis hat, dieses Gefühl einer anderen Bezugsperson mitzuteilen. Das Niveau war fast das eines normalen Kindes. Wahnsinn. Ansonsten waren alle Kinder weg. Nur zwei von sieben hatte ich gesehen und war baff – und immerhin froh, etwas früher dagewesen zu sein. Von Belastung der Kinder im Übrigen keine Spur, sie haben sich sogar richtig gefreut.

Mir war nicht klar, warum einige Kinder schon so früh weg sind, wenn die Schule bis 15 Uhr geht (wegen des Arbeitens bin ich darauf angewiesen, dass man die Kinder nicht einfach eher nachhause schickt) und so fragte ich nach. Man erklärte mir, einige würden wegen Therapien und Einzelfallhelfern früher abgeholt, prinzipiell gehe es schon bis 15 Uhr. Dann fragte ich, wie viele der sieben Kinder sprechen. Man druckste rum und gab dann zu: in diesem Jahr alle. Das Gespräch mit den Lehrerinnen und Erzieherinnen war ziemlich unentspannt. Sie und ich waren uns nicht sicher in dem, was wir fragten und antworteten, die Ambulanzlehrerin stand dabei und alle blickten ständig zu ihr. Es war keine sehr glückliche Situation. Ich wurde durch die leeren Räume geführt und ging bald wieder. Mit der Ambulanzlehrerin machte ich ab, dass ich mir noch ein paar andere Schulen ansehe und wir uns Mitte Dezember wieder sprechen.

Als nächstes hatte ich einen Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum. Eine Neurologin und eine Sozialtherapeutin waren anwesend. Als nach Johns Untersuchungen das Gespräch auf die Schule kam, sagte die Sozialtherapeutin, dass sie die Schule in Charlottenburg für gar nicht John-kompatibel hält. Da war ich erstmal froh, dass sie meine Einschätzung teilt. Dann berichtete sie mir, dass die Klassen in der Schule für Körperbehinderte, von der die Ambulanzlehrerin erzählt hatte, mitnichten klein sind. Sie war vor kurzem in jener Schule gewesen und zwar in einer ziemlich großen Klasse. Die Schule sei bestimmt nichts für John. Als nächstes erzählte sie von einer anthroposophischen Einrichtung in Zehlendorf, die die Ambulanzlehrerin nicht einmal erwähnt hatte. Auf der Reha-Messe hatte ich einen Flyer der Schule mitgenommen, die Schule dann aber wieder aus den Augen verloren. Gut, dass die Sozialtherapeutin mich dran erinnerte. Ich bin zwar skeptisch, was Anthroposophie und Autismus angeht, da die Anthroposophen sehr auf Harmonie bedacht sind, daher mit den Aggressionen bei Autisten oft nicht umgehen können und letztendlich die Kinder dann doch in andere Schulen müssen. Aber ansehen werde ich die Schule natürlich auf jeden Fall. Es gibt ja kaum noch Alternativen. Die Sozialtherapeutin sagte dann, die einzige Schule, die sie uneingeschränkt für ein Kind wie John empfehlen könne, sei die in Fürstenwalde. Davon habe ich schon von unterschiedlichsten Stellen sehr viel Gutes gehört, aber sie liegt in Brandenburg und so weit weg, dass John dort internatsmäßig von Montag bis Freitag bleiben müsste und nur am Wochenende zuhause wäre – und das will ich mit sieben Jahren eigentlich noch nicht.

Immer wieder fallen wir also bisher – am Ende aller Bemühungen, Besichtigungen und unzähliger Telefonate – auf die Schulen des Vereins zurück. Nicht grundlos, denn das sind die Schulen, die für Kinder wie John errichtet worden sind und dafür bekommen sie im Übrigen auch viel Geld vom Senat. Stattdessen nimmt man aber dort in den letzten Jahren Kinder auf, die ich für sehr integrationsfähig in anderen Schulen halte.

Nachdem ich die Alternativen 1) Amok laufen und 2) uns mit dem Auto von der Putlitzbrücke fahren, verworfen habe, muss ich nun weiter den zivilen Weg gehen und habe einerseits Kontakt zu einem Vertreter im Landeselternrat aufgenommen und andererseits die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins um einen Gesprächstermin gebeten. Wenigstens druckste sie am Telefon nicht lange herum, da kamen endlich ein paar klare Aussagen: Kinder wie John könne man auf Schulen für geistig Behinderte gut beschulen, es seien die Kinder, die eigentlich ein ganz normales Grundschulniveau haben und nur Probleme im sozialen Umgang, die in den Schulen des Vereins gefördert werden müssten. Das ist natürlich eine Ansichtssache. Tatsache ist aber, dass das im Verein nie so intendiert war und auch bis vor relativ kurzer Zeit nicht so ausgeführt wurde.

Da gibt es also so einige Fragen, die ich in meinem Gespräch mit ihr erörtern muss. Woher kommt dieser Umschwung in der Vereinspolitik? Wurde das im Verein offiziell und mehrheitlich als neue Leitlinie verabschiedet? Ist es gegenüber dem Senat auch so kommuniziert worden? (Denn dort sind die hohen Zuschüsse schließlich für die schwierigsten Fälle, für Kinder wie John, bewilligt worden.) Und warum gibt es dann überhaupt noch die Frühfördergruppe, die noch nach dem ursprünglichen Konzept funktioniert? Was sagen andere Eltern dazu? Was ist überhaupt aus einem Verein geworden, der von Eltern für Eltern gegründet wurde? Und wo bleiben jetzt unsere Kinder, für die diese Schulen nicht mehr da sind und für die die GB-Schulen zu groß sind?

Die Ambulanzlehrerin hat mir erzählt, dass die Eltern letztes Jahr erst vier Wochen vor den Sommerferien erfahren haben, welcher Schule ihr autistisches Kind zugeordnet wird. Warm anziehen, es wird Winter.

Pankaj Mishra, nochmal

"Im Zeitalter der Globalisierung gibt es tatsächlich keine dringlichere und lohnendere Aufgabe als die Provinzialisierung des Westens."

Mishra leitet diese Überzeugung in dem langen Vortrag natürlich hinreichend her, von Herodot über Herder, Hegel, Marx und die Geschichte der Modernität, aber ich bin mir nicht sicher, ob er mit seinem Plädoyer dieser Idee eines neuen Orientalismus - für mehr Irrationalität und weniger Vernunft - den Bogen nicht etwas überspannt. Sicherlich ermöglicht Vielfalt eine viel bessere Zukunft als die zunehmende Konformität und der Uniformitätszwang unserer westlichen Welt. Wenn man sich aber zu sehr wieder in die Irrationalität begibt (wofür er ein paar Beispiele nennt, z.B. das eines Gurus, der mit silberbekleideten Gefolgsleuten ärgerlicherweise an dem Sicherheitscheck im Flughafen scheitert), dann verliert man auch Errungenschaften der Vernunft.

Ich denke hier natürlich sofort daran, dass kranke und behinderte Menschen in provinziellen und pseudo-spirituellen Zusammenhängen oft als Fluch (oder wahlweise Ehre) betrachtet werden, heilender Schamanismus kommt schnell ins Spiel etc. Ich finde, dass den Betroffenen wie auch den Angehörigen damit nicht geholfen wird. Ich lobe mir da doch eine vernunftorientierte Welt, in der man die Dinge und die Menschen so nimmt, wie sie sind. Mal ganz abgesehen davon, dass ich einer Provinzialisierung deshalb skeptisch gegenüberstehe, weil ich selbst gelernt habe, dass ich mich in einer zu provinziellen Lebensart dauerhaft nicht wohlfühle.

Aber ich verstehe natürlich Mishras Einwände gut. Und vielleicht muss da auch ein starkes Gegenkonzept her. Nur letztlich würde, wie meistens, ein Mittelweg wahrscheinlich am besten sein.

Life is elsewhere

Die Financial Times Deutschland berichtet darüber, dass sich die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie und das Rote Kreuz den Forderungen der Kommunen nach Leistungskürzungen bei Langzeitarbeitslosen angeschlossen haben. Als Grund für die Befürwortung von Kürzungen wird genannt, dass die Ausgaben für Langzeitarbeitslose andere wichtige soziale Projekte etwa in der Kinder- und Jugendarbeit gefährden.

Kinder- und Jugendarbeit versus Arbeitslosenunterstützung, sollen sich die Bedürftigen halt untereinander die Augen aushacken. Kann man nachher sicher alles mit 1-Euro-Jobs kompensieren. Ich könnte hier eine lange Litanei schreiben, zum Beispiel über richtig schlimme Dinge, die ich aus einer Behinderten-Einrichtung einer dieser Wohlfahrtsverbände weiß. Aber es kotzt mich einfach alles zu sehr an: das Wissen, dass an anderen Ecken so viel Geld verschleudert wird, die Frustration darüber, dass ich mit meinem behinderten Kind von solchen Verbänden auch noch abhängig bin, die Traurigkeit darüber, dass nun auch noch soziale Verbände ein Klima erzeugen, in dem sich Arbeitslose vorkommen müssen wie der letzte Dreck, nun nehmen wir auch noch Kindern und Jugendlichen Gelder weg. Was man sich für den Erhalt von 469 Euro pro Monat für den Lebensunterhalt von zwei Personen jeden Tag anhören muss, wird immer schlimmer. Man fragt sich, was man tun soll: am liebsten wahrscheinlich sich und das unproduktive Kind gleich umbringen, vielleicht taucht die Forderung ja demnächst auch noch auf, implizit wird sie einem ja jeden Tag schon untergejubelt. Nein, ich kann das gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich das ankotzt. Gut, dass ich ab 1. Juni arbeiten werde, auch wenn ich dabei genauso rumkrebsen werde wie jetzt, ist das vielleicht, vielleicht, hoffentlich zumindest mit einer kleinen Aufwertung des Selbstwertgefühls verbunden.

Siehe auch:
Kulturblog
Nachdenkseiten
Junge Welt

Generation Praktikum Hand in Hand mit 1-Euro-Jobs

Der FrauenMediaTurm ist "ein Informationszentrum zur Geschichte der Emanzipation, ein Hort des lebendigen Gedächtnisses von Frauen", 1984 von Alice Schwarzer initiiert. Im Beirat sitzen lauter Professorinnen, also Frauen mit viel Geld. Vorfinanziert wurde das Archiv von Jan Phillip Reemtsa, der Online-Gang des Archivs wird seit 2003 und noch bis Sommer 2006 als Modellprojekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Warum ich das alles hier aufschreibe? Dort sucht man – in alter TI-Tradition quasi – laut EMMA-Stellenmarkt gerade qualifizierte Praktikantinnen, die nicht unter acht Wochen und gerne länger beim FrauenMediaTurm arbeiten möchten, sowie auch noch wohlgemerkt qualifizierte 1-Euro-Jobberinnen. Albrecht Müller fragt zu Recht: "Gilt die Gewährung von 1-Euro-Jobs an Frauen durch emanzipierte Frauen als emanzipativer Akt?"

Via Kulturblog

Famoser Familienbericht: "Erfolgsfaktor Familie"

"Deutsche Frauen ziehen Freizeit dem Haushalt vor", liest man überall. Ob Mama sein wagemutiges Abo angesichts solcher Texte übersteht? Worüber regt man sich überhaupt auf? Ich denke mir: ja klar, Freizeit vor Haushalt, was denn sonst? Arbeiten würde ich gerne, wenn das mit der ganztägigen Kinderbetreuung und einem Job endlich funktionieren würde, aber solange das nicht geht, tja, solange nutze ich die Zeit lieber dazu, Dinge zu tun, die mir wichtiger sind als das letzte Körnchen Staub zu wischen. Heute habe ich mir zum Beispiel das 30-seitige Geschwafel der "Stellungnahme der Bundesregierung zum siebten Familienbericht" durchgelesen, gespickt mit Platitüden à la: "Familienfreundlichkeit entscheidet sich vor allem dort, wo die Menschen leben und arbeiten".

Auf Seite 7 schon der erste große Aufreger. Herr Rürup betont, dass Frauen mit kleinen Kindern eine "stille Reserve" seien, die man "mobilisieren" könne. Stille Reserven haben es so an sich, dass man sie mobilisieren kann, wenn nötig, und demobilisieren, wenn nicht: müssen Frauen im Jahr 2006 eine solche Rhetorik noch ernsthaft ertragen? Immerhin möchte Herr Rürup, dass Frauen den "Umfang ihrer Teilzeittätigkeit ausdehnen können". Wie großzügig. Tss.

Erfreulich die Erwähnung, man wolle die vorschulische Kinderbetreuung, insbesondere der unter Dreijährigen, fördern. Bis 2010 sollen insgesamt 230.000 zusätzliche Betreuungsplätze entstehen. Überhaupt nähert sich der Bericht der Lebenswirklichkeit an, indem die Veränderungen der Familienstrukturen ausdrücklich als Tatsachenentwicklung akzeptiert werden. Dabei handelt es sich aber um rein verbale Lippenbekenntnisse nach der Art eines pflichtbewussten Kopfnickens zu allen Seiten, begleitet von der Implikation, die Betreuungsplätze würden vor allem auch aufgrund dieser Entwicklungen gebraucht, was natürlich reichlich despektierlich anmutet. Dem Kind aus einer christlichen, verheirateten Ehe tut sozialer Kontakt unter Gleichaltrigen genauso gut wie dem Kind aus einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder dem Kind einer alleinerziehenden Mutter.

Dann lässt man sich über die Erziehungsverantwortung der Eltern aus, deren Kompetenz durch Erziehungsberatung, Elternbildung, Gesundheitsberatung und Haushaltskurse (!) gestärkt werden soll. Was man heutzutage nicht alles zu brauchen meint. Komisch, früher bekam man einfach Kinder und die wuchsen dann halt so mit auf.

Im Kapitel "Familie als Standortfaktor" versucht man, Überzeugungsarbeit zu leisten, dass arbeitende Frauen auch Nutzen bringen. Erstaunlich, dass man sowas im Jahr 2006 noch meint, ausführlich aufschreiben zu müssen: das zeigt ja auch so Einiges. Und dann wird es richtig kompliziert: "In lokalen Bündnissen initiieren lokale Akteure aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gemeinsam und spezifisch am lokalen Bedarf orientierte Projekte und Maßnahmen." Aha? "Ein Servicebüro bietet Unterstützung an und hilft bei der Organisationsentwicklung und der Projektplanung, führt Workshops über Grundlagen erfolgreicher Bündnis- und Lobbyarbeit durch und sorgt mit für eine erfolgreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit". Klingt nach teuer. Und nach uneffektiv. Warum funktioniert das alles in anderen Ländern eigentlich so gut? Warum konnte ich in den USA ein Kind bekommen und 10 Wochen später wieder Vollzeit arbeiten, ohne dass "lokale Akteure" und "Servicebüros" ins Spiel kamen und ich einen "Haushaltskurs" besuchte?

Ganz heftig wird es mit dem Kapitel "Zeit neu organisieren". Das Konzept der sogenannten Optionszeiten soll Unterbrechungsmöglichkeiten als legitime Auszeiten etablieren. Entschuldigung, aber ist das nicht schon längst so? Im Unterbrechen sind die deutschen Mütter doch Weltmeisterinnen und haben weder eine wirkliche Alternative dazu noch die Mentalität, das zu ändern. Dann kommt auch wieder das "Recht auf Reduzierung der Arbeitszeit", gut und schön, aber das Recht auf Vollzeittätigkeit kommt eben komplementär wieder nicht. Und wenn ich von einem "Unternehmensprogramm" namens "Erfolgsfaktor Familie" lese, wird mir gleich ganz schlecht.

"Die Sachverständigenkommission belegt nachdrücklich, dass – auch im internationalen Vergleich – die Vielzahl und der Umfang familienpolitischer Leistungen bislang zu wenig befriedigenden Ergebnissen geführt haben". Vielleicht liegt das ja doch am deutschen Sonderweg, Zuhausebleiben zu bezahlen anstatt außer-familiäre Betreuung zu fördern? Irgendwie naheliegend, oder? Aber nein, gleich darauf schließt sich das Kapitel "Elterngeld als Einkommensersatz" an, in dem man die Fortführung eben jenes Ansatzes befürwortet, der sich seit 50 Jahren als unbefriedigend erwiesen hat.

Am Ende steht, dass die Familienpolitik deshalb ins Zentrum der politischen Anstrengungen gehört, weil man das Ziel hat, mehr Kinder in die Gesellschaft zu bringen. Ehrlich gesagt, wenn das alles so schwierig ist, wie man den 589 Seiten Familienbericht und den 30 Seiten Stellungnahme entnehmen kann, wer soll denn da noch Lust darauf haben, ein Kind zu bekommen? Dieser Kinderzeugungszwang kommt einem – auch dank solcher Berichte – quasi von Tag zu Tag immer verkrampfter vor. Ich finde ja, man sollte sich einfach mal locker machen, den Begriff Rabenmutter ad acta legen, den Aufopferungsmythos begraben, den ganzen eigens erzeugten Druck des Elterndaseins und die ganze damit entstandene Hysterie über Bord werfen, dann kann man vielleicht irgendwann ganz entspannt Kinder bekommen – oder eben auch nicht, wenn man nicht möchte. Und entweder trotzdem arbeiten, oder eben auch nicht. So, wie das jetzt abläuft, hegt man nur noch den Wunsch auszuwandern.

Manchmal möchte ich mich einfach gar nicht mehr mit dem Thema befassen, aber das geht schlecht, wenn man selbst so massiv betroffen ist. Überhaupt frage ich mich die ganze Zeit, wo und wann sich denn endlich eine lautstarke Opposition bildet. All die komischen Frauenbilder, die in den verschiedensten Medien erzeugt werden, gerade auch im Spiegel, sind solche, in denen man sich einfach nicht wiederfinden kann, und das geht im übrigen allen Frauen so, mit denen ich spreche. Bei jedem neuen Coup erwarte ich einen Aufschrei, aber der bleibt aus.

Auch in der taz ein allerhöchstens halbherzig zu nennender Kommentar: "Die Reproduktionskosten lagerte die Volkswirtschaft aus in die Familie. Begründung: Mutterliebe sei unbezahlbar. Damit rückte die Familienarbeit der Ehefrauen in das Reich des Guten und Schönen, wo es herzlos wäre, über den schnöden Mammon zu reden. Das aber ist ein ideologisches Konstrukt, um die Familienarbeit weiterhin billig zu bekommen. Das Elterngeld, das der Familienbericht gutheißt, durchbricht diese Externalisierungsstrategie. Der 'Wert' der Frauen wird in die Sphäre der Ökonomie geholt und damit überhaupt erst quantifizierbar gemacht."

Ein alter, feministischer Ansatz, der früher schon nicht weit genug ging, wonach der 'Wert' der Frauen ökonomisch beziffert werden soll, wird hier wiederformuliert. Die tiefere und wichtigere Problematik, dass dieser Ansatz immer noch nicht die Selbständigkeit der Frauen fördert, wird dagegen nicht ausgeführt. Eine halbe Strecke ist das weiteste an Argumentation, das man zu lesen bekommt (oder habe ich was übersehen?).

Sowohl der Aktionismus der Politik als auch die Lebensferne und Halbherzigkeit der Berichterstattung in den Medien machen eine Diskrepanz zu allen Frauen auf, die ich kenne. Die sehen die ganze Kinder- und Arbeitsfrage nämlich überhaupt nicht ideologisch: ob sie überhaupt Kinder wollen (viele würden gerne, sehen aber keine Vereinbarkeit mit der Arbeit), ob sie dann im Fall des Falles ein Jahr zuhause bleiben möchten oder drei Monate, das alles sind persönliche, nicht ideologische Fragen. Man gebraucht nur zwei Dinge: einerseits die Möglichkeit vernünftiger Betreuung und andererseits eine Akzeptanz derjenigen, die Kinder in ihr Leben integrieren möchten, ohne aber alle anderen Lebenspläne und –inhalte dafür aufzugeben. Wenn diese beiden Komponenten vorhanden sind, regelt sich der Rest schon von alleine, das ist meine feste Überzeugung. Falls die Finanzierung der Betreuung so schwierig ist, kann man mir dafür das Kindergeld streichen, mir doch egal, mit Hartz IV kann ich das zwar gerade ganz gut gebrauchen, aber allgemein ist Kindergeld sowieso eine komische Idee.

Betreuung ist das einzig Wichtige, das meiner Meinung nach in diesem Bericht steht. Den ganzen restlichen Schmu kann man sich sparen, aber nun habe ich das wenigstens auch mal gelesen – und an mancher Stelle vor lauter Galgenhumor sogar herzlich gelacht. "Stille Reserve", my ass.

Europa-Zug 2006

K. aus Slubice ist mit einem Projekt im Zug dabei, ich bin schon sehr gespannt, was er darüber berichten wird.

Vor zwei Jahren besuchte ich ihn zur EU-Osterweiterung. Am 30. April 2004 trugen die Kinder in Slubice Baseballcaps mit der Europaflagge als Frontlogo und wedelten kleine blaue Flaggen mit gelben Europasternchen. Slubice liegt gegenüber von Frankfurt/O. auf der polnischen Seite der Oder und in der Nacht zum 1. Mai bereitete man sich kollektiv und generationenübergreifend mittels eines Volksfestes auf den EU-Beitritt vor.

Wir trafen schon am Nachmittag in Frankfurt ein, spazierten zur Grenzbrücke und dort wäre die Reise fast zuende gewesen: im Kinderausweis meines damals dreijährigen Sohnes gab es kein Passbild. Der polnische Grenzbeamte reichte mir den Ausweis und befahl: "Lesen sie mal vor". Ich las, was in dem Rahmen stand, der für das – wie es dort genannt wird – Lichtbild vorgesehen war: "Für Reisen in bestimmte Länder grundsätzlich erforderlich, sonst nur für Kinder über 10 bis 16 Jahre". Das triumphierende und genüssliche Nicken des Grenzbeamten zerstreute meine Ratlosigkeit schnell: offensichtlich war Polen eines dieser bestimmten Länder. Aber der Beamte lachte nun ganz breit und sagte irgendwie stolz, heute spiele das keine Rolle, ich solle nur beim nächsten Besuch dran denken. Wir durften passieren.

Auf der polnischen Seite der Brücke also Kinder mit am ganzen Körper verteilten Europasymbolen. Aber auch Jugendliche mit Schlauchrohren, deren durch Schwingen und Tröten erzeugtes jaulendes Geräusch angeblich heißen sollte: "Nein zu Europa", wie eine Polin erklärte. Für mich war das genauso schlüssig wie die polnische Sprache. Da nimmt man dann am besten schulterzuckend alles hin und verhält sich wie immer, wenn man in einem Land ist, dessen Sprache man nicht versteht: beobachtend, zurückhaltend und prophylaktisch lächelnd. Im Übrigen schien der Dissens über die Europafrage niemanden am gemeinsamen Feiern zu hindern.

Direkt hinter der Grenzbrücke stand eine große Bühne, auf der später das polnische Pendant zu den "Toten Hosen" spielen sollte. Überall waren Stände aufgebaut, ob man sich nun nach einem blau-gelben Schlüsselanhänger mit Foto von sich und Datum 1. Mai 2004 sehnte oder einfach nach einem Bier, alles war zu haben. Auf Anraten des Freundes K., den wir in Slubice besuchten, aßen wir erst einmal eine Art polnischen Döner: ein Stück trockenes Sauerbrot, das mit vor Fett triefendem Schweinefleisch, Zwiebeln und Gurken bedeckt war und das tatsächlich noch um ein Vielfaches unpraktischer zu handhaben war als ein Döner, wer hätte das für möglich gehalten. Doch war die fettige Speise wie versprochen genau die richtige Unterlage für kommende Getränke, hier trank man nämlich Vodka in 1:1 Mischung mit 100%igem Apfelsaft.

Die polnischen Toten Hosen kamen und kamen nicht, eine Polin sagte, sie hätten doch abgesagt. Das schien niemanden zu stören, alle konzentrierten sich auf den Vodka und warteten auf Mitternacht. Besagter Freund, der im dortigen Collegium Polonicum arbeitet, brachte uns um kurz vor zwölf auf das Dach der Bibliothek, von dem aus man direkt auf die Grenzbrücke sehen und die EU-Osterweiterung vom Logenplatz aus mitverfolgen konnte. Joschka Fischer und der polnische Außenminister, dessen Name mir ein Rätsel ist, schüttelten sich die Hände und umarmten sich, ein bombastisches Feuerwerk setzte ein. Der Trupp auf der Brücke defilierte auf die polnische Seite als wir beschlossen, das Dach wieder zu verlassen.

Durch die menschenleere, dunkle und daher gespenstisch anmutende Bibliothek tasteten wir unseren Weg zurück Richtung Ausgang. Und da geschah es, in der Eingangshalle des Collegium Polonicum kamen sie uns alle entgegen: deutscher Außenminister Fischer, damals noch Bundespräsidentschaftskandidatin Schwan, brandenburgischer Ministerpräsident Platzeck und polnischer Außenminister xy-ungelöst. Dahinter ein Tross von Journalisten nicht nur deutscher und polnischer, sondern auch französischer, belgischer und sonstwie europäischer Herkunft. In der Zwischenzeit war wohl das Collegium Polonicum abgesperrt worden, aber wir kamen schließlich vom Dach und so konnten wir ihnen im Gebäude ganz einfach so begegnen. So viel zur Sicherheit von Sicherheitsvorkehrungen. Lektion Nummer eins ist doch, dass die Attentäter immer auf dem Dach sitzen, oder? Haben die Verantwortlichen denn noch nie einen Actionfilm gesehen oder 24? In 24 ist doch fast jede Folge jemand Böses auf dem Dach. Die Gruppe marschierte in einen kleinen Saal und gönnte sich dort in entspannter Atmosphäre ein paar Drinks. Drei von uns gingen hinein und wurden mit schönen, auf den 1. Mai 2004 datierten Autogrammen belohnt. Abschließend sollte noch gesagt sein, dass die Drinks der Politiker nicht aus Vodka mit 100%igem Apfelsaft bestanden und dass das dort wartende Büffet schmerzlich der polnischen Döner entbehrte.

Schöne, neue Internetwelt: eine Ausweitung der Betrachtungsperspektive

Mario Sixtus schreibt heute in der Frankfurter Rundschau einen interessanten Folgebeitrag zum TI-D-Debakel. Er weist korrekterweise darauf hin, dass wir heute noch nicht abschätzen können, welche Folgen es haben wird, dass sich Menschen im Internet so frei äußern und auch zusammenschließen können (zum Glück haben wir die Blogs versus Journalismus Diskussion damit anscheinend vorerst wieder verlassen). Ich fände es – im Weiterspinnen der Gedanken von Mario Sixtus – sinnvoll, die berechtigte Frage nach möglichen Folgen etwas weiter auszudehnen, als sie nur im Blick auf die Blogszene zu stellen.

Ein Beispiel aus dem Unterricht meines Bruders, der Deutsch und Erdkunde unterrichtet: in einer Deutschstunde hatte er Schülern eine Hausaufgabe gestellt, die mit der altdeutschen Sprache zu tun hatte. In mehreren Arbeiten las er dann sehr zweifelhafte Sätze und fragte die Schüler danach, wie sie denn darauf kommen. Die Antwort war: "Haben wir im Internet gefunden." Mein Bruder googelte daraufhin selbst nach Altdeutschem und stellte fest, dass man da sehr schnell auf Neonazi-Webseiten geleitet wird. Die Schüler hatten dies teilweise noch nicht einmal kapiert und einfach unreflektiert Sätze für ihre Hausarbeit übernommen. Mein Bruder arbeitete die Zitate daraufhin mit den Schülern auf und versuchte natürlich, das Bewusstsein der Schüler für eine kritische Reflektion des Internetkonsums zu schärfen.

Ich möchte mich gar nicht dagegen wehren, dass man potentiell "gefährliche" Implikationen der Offenheit und/oder Solidarisierung in Weblogs thematisiert. Man sollte so etwas nicht erst tun, wenn es knallt und vielleicht einmal fälschlicherweise eine Verunglimpfung stattfindet. Aber ich denke, dass auf dem rechtsextremen Sektor die unmittelbare Gefahr viel größer ist und vielleicht wäre es sinnvoll, sein Augenmerk auch dorthin zu richten. Die am TI-D-Debakel beteiligten Blogger sind intelligente und umsichtige Menschen, das haben sowohl der Verlauf der Diskussionen, als auch die anschließenden Selbstreflexionen gezeigt. So, wie die potentiell negativen Implikationen des Internet momentan diskutiert werden, ist das schon ein bisschen eine Diskussion im intellektuellen Elfenbeinturm. Stärkere Gefahr lauert meines Erachtens woanders und das sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. (Noch einmal sei betont, dass ich die Diskussion damit aber auf unserer Weblogger-Seite nicht abzubrechen versuche, indem ich den schwarzen Peter argumentativ weitergebe, es geht mir nur darum, eine weitere Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren.)

Des weiteren zeigt das Beispiel aus dem Deutschunterricht, dass es auch für die Erziehungswissenschaften enorm wichtig ist, einen kritischen Umgang mit dem Internet in den Unterricht zu integrieren. Die meisten Schüler haben einen Internetzugang oder gehen in Internet-Cafés und da ist es extrem wichtig, dass sie mit dem Medium umzugehen lernen. Bei aller Kritik gegenüber den Produzenten der Weblogs sollte man die wichtige Kompetenz-Rolle der Konsumenten nicht aus den Augen verlieren. Wenn die Leser kritisch und reflektiert sind, dann schränkt das die Willkür der Schreibenden automatisch ein. Man kann also auch von Seiten der Bildung aus gegen die potentiellen Gefahren arbeiten.

Zu diesen zwei Betrachtungen möchte ich eine dritte hinzufügen, die mir auch sehr wichtig zu bedenken erscheint. Dazu ein Beispiel aus dem Erdkundeunterricht meines Bruders in einer anderen Klasse. Thema war der Bananen-Anbau. Hier arbeitete mein Bruder von Beginn an mit dem Internet. Zunächst sahen sich die Schüler die Webseiten von großen Unternehmen an, die beispielsweise so ähnlich heißen wie ein Abba-Lied oder wie das britische Wort für Arbeitslosengeld. Die Schüler referierten den Eindruck, den sie von den Unternehmen hatten, auf der Grundlage von deren Webseiten. Die Schüler waren beeindruckt, dass die Unternehmen sogar Umweltpreise bekommen haben und fanden alles generell toll. Dann stieg mein Bruder mit ihnen in eine tiefere Analyse ein, in der man beispielsweise untersuchte, wer denn diese Umweltpreise vergibt und schnell wurde klar, dass sie de facto selbst ausgedacht und an sich selbst verliehen werden. Auf der Internetseite Banafair recherchierten sie weiter, am Ende hatten die Schüler die sehr positive Meinung, die sie nach dem ersten Referat gehabt hatten, praktisch ins Gegenteil umgekehrt und zeigten sich selbst erstaunt darüber, wie veränderbar die eigene Wahrnehmung ist: zunächst, wie fehlgeleitet die Wahrnehmung sein kann, wenn Webseiten einfach gut gemacht sind und dann, wie viel eine genaue Recherche bringen kann.

Auch in diesem Beispiel zeigt sich, wie wichtig es ist, das kritische Bewusstsein und die Recherche-Kompetenzen zu fördern, eine große Aufgabe für die Pädagogen. Außerdem aber sieht man an diesem Beispiel – und dies soll meine dritte Perspektive sein – wie irreführend nicht zuletzt auch die Internetauftritte von Unternehmen sein können. Da muss ich mir wirklich eine große Frage stellen: Warum nimmt man alle in Richtung Basisdemokratie gerichteten Tendenzen fast automatisch als alarmierend und als Gefahrenpotential wahr, und warum tut man das nicht in Bezug auf die teils nur als Blendwerke zu bezeichnenden Webseiten großer Unternehmen? Alle möglichen Leute, mit denen ich in den letzten anderthalb Wochen gesprochen habe (meist nicht besonders netz-affin, muss ich allerdings sagen), mahnten sofort vor der möglichen Gefahr von Verunglimpfungen, aber keiner sagte etwas über die Gefahr von Irreführungen seitens der Unternehmen und Organisationen. Anscheinend können die alle möglichen Fehler machen und billige Täuschungen vornehmen, aber bei uns Webloggern wird schon vor dem allerersten Fehler permanent davor gewarnt, dass er einmal kommen könnte. Quite interesting, diese – unbewusste – Lenkung der Skepsis.

Die Spitze des Eisbergs

Die jüngsten Wertediskussionen über die Kinderfrage (Matussek, Schirrmacher) fallen für mich in eine komische Zeit. Hier ein paar Beispiele:

1. Eine Freundin Mitte Dreißig, verheiratet, wird schwanger. Sie wird erstmals beim Frauenarzt damit vorstellig. Die Arzthelferin fragt: "Weswegen sind sie hier?" Meine Freundin erwidert: "Ich bin schwanger." Die Arzthelferin fragt: "Wollen sie es behalten?" Die erste Frage an eine Frau Mitte Dreißig: "Wollen sie es behalten?"

2. Eine andere, schwangere Frau war bei ihrer Frauenärztin, es ging um die Frage, ob und welche pränatalen Untersuchungen man machen soll/kann. Die Frauenärztin riet zur vollen Diagnostik mit den Worten: "Sie als Akademikerin wollen sich doch ihr Leben nicht durch ein behindertes Kind ruinieren."

3. Die schwangere Kollegin einer Freundin, bei der es ebenfalls um die Entscheidung pränataler Diagnostik ging. Sie wollte die Untersuchungen nicht vornehmen lassen, weil sie sich sowieso auf jeden Fall für das Kind entscheiden würde und die Untersuchungen, die immerhin auch Gefahren für das Kind bergen, daher unerheblich waren. Doch ihr Mann, ein promovierter Physiker, bestand auf den Untersuchungen mit der Begründung, er könne sich nicht vorstellen, ein behindertes Kind zu haben. (Das Kind stellte sich als gesund heraus, Entwarnung sozusagen, aber was bedeutet diese Meinungsverschiedenheit für die Beziehung?)

4. Eine Frau hatte einen späten Schwangerschaftsabbruch wegen Behinderung und wurde danach wieder schwanger. Sie sagt: "Man muss das so sehen: wenn ich die andere Schwangerschaft nicht abgebrochen hätte, dann hätte ich heute meinen gesunden Leon nicht."

5. Das für mich persönlich traurigste Ereignis, das ich seit Silvester jeden Tag mit mir trage: eine wirklich gute Freundin von mir, verheiratet, mit einem gesunden, knapp dreijährigen Sohn, erwartete ein Mädchen. In der 20. Woche stellte sich heraus, dass das Kind einen offenen Rücken hat. Meine Freundin und ihr Mann entschieden sich ebenfalls für einen Schwangerschaftsabbruch, es wurde die Geburt eingeleitet und das Mädchen, Martha, tot geboren.

Ich kann nicht in Worte fassen, wie traurig es mich für meine Freundin und ihren Mann gemacht hat, dass sie das durchleben mussten. Ich will das auch gar nicht versuchen, mir geht es hier um etwas anderes. Zunächst einmal sei ausdrücklich betont: ich bin ganz weit davon entfernt, irgendjemanden wegen seiner Entscheidungen zu verurteilen oder auch nur zu beurteilen. Mir geht es im Gegenteil darum zu überlegen, ob diese Beispiele nicht zeigen, dass das Verhalten der Menschen viel komplexere Ursachen hat als Egoismus.

Das erste Beispiel zeigt eine Mentalität, die Schwangersein unmittelbar mit dem Ungewollten assoziiert und immer gleich die Option Abtreibung mitdenkt. Das zweite und dritte Beispiel sind Ausdruck einer Wahrnehmung, dass behinderte Kinder nicht in das Leben passen, es wird vermutet, dass ein gutes Leben nicht mehr möglich sei. Es liegt mir fern, Probleme und Leiden abzustreiten, die mit einem solchen Leben verbunden sind. Trotzdem empfinde ich mein Leben mit John nicht nur als lebbare Situation, sogar viel mehr als das: ich empfinde es als bereichernd. Ich weiß, dass die allgemeine Wahrnehmung oft anders ist, wie sich im zweiten und dritten Beispiel ausdrückt.

Die Mutter in dem vierten Beispiel konzentriert ihr Denken darauf, dass sie jetzt ihren gesunden Leon hat, nur so kann man damit vielleicht auch leben, ich will das gar nicht zu sehr kritisieren, aber mir fällt dabei sofort das lebensfähige Kind ein, auf dessen Kosten sie diesen Satz sagt. Die Betonung liegt auf lebensfähig, es geht nicht um eine Abtreibung, sondern um einen späten Abbruch, der zu einem Zeitpunkt vorgenommen wurde, an dem Frühchen schon überleben können. Bei behinderten und kranken Kindern darf man nach deutscher Rechtslage zu diesem Zeitpunkt noch die Schwangerschaft abbrechen. Die Rechtslage in Deutschland ist so, dass es einen Schwangerschaftsabbruch theoretisch bis zu den Eröffnungswehen geben kann. Erst nach Einsetzen der Wehen wird aus dem Abbruch ein Tötungsdelikt, da zu diesem Zeitpunkt "die Zäsur für den Beginn des menschlichen Lebens" angenommen wird. Da bei zu vielen dieser späten Schwangerschaftsabbrüche die Kinder dann doch nicht wie geplant bei der eingeleiteten Geburt verstarben, wird heute im Vorfeld der Geburtseinleitung durch die Bauchdecke der Mutter eine Spritze mit Kaliumchlorid in das Herz des Kindes gespritzt, welches daraufhin aufhört zu schlagen (Bezeichnung: "Fetozid").

Zuletzt nun zu meiner guten Freundin. Ein Kind mit offenem Rücken, das kann vieles bedeuten. Die Ärzte konnten ihr nicht sagen, ob das Kind eine relativ leichte Beeinträchtigung oder eine Schwerstbehinderung haben würde. Das Spektrum ist bei Spina Bifida sehr breit. Meine Freundin und ihr Mann haben sich die Entscheidung alles andere als leicht gemacht. Da sie schon in der 20. Woche war, musste für einen Abbruch auch die Geburt eingeleitet werden.

Letztendlich, wenigstens wie ich das aus den Gesprächen mit ihr nachvollziehe, war da einfach eine ganz elementare Ungewissheit. Und die große Frage ist: wie soll man sich für eine elementare Ungewissheit entscheiden? Dazu gebräuchte man ganz viel Rückhalt und Unterstützung. Die Ärzte sind aber oft sehr schnell dabei mit dem Vorschlag, die Schwangerschaft abzubrechen. Das zeigte sich bei meinem zweiten Beispiel und auch im Fall dieser Freundin sagte die Ärztin, sie hätte sich auch für einen Abbruch entschieden. Gesellschaftlich ist ein Leben mit Behinderten stigmatisiert und schwierig. Dass man zudem für Pflegeleistungen und Therapieplätze etc. kämpfen muss und wegen Kürzungen immer mehr kämpfen muss, ist eine ebenso wenig ermutigende Aussicht. Zu all dem, was einem medizinisch und psychisch bevorsteht, muss man also außerdem mit vielerlei hinderlichen Außenfaktoren rechnen. Steht man vor einer solchen Wahl, dann erfordert die Entscheidung für ein behindertes Kind sehr viel Kraft. Und woher soll man in dem Klima, in dem wir leben, diese Kraft nehmen? Ich bin froh, dass ich nie eine Wahl hatte. Ich würde meinen Sohn niemals missen wollen und liebe ihn so, wie er ist. Aber ich hatte auch die Chance, das zu erfahren.

Wenn man über Kindermangel spricht, beklagt, dass immer weniger Akademiker Kinder bekommen, wenn man überall in den Medien herumschreibt und –schreit, dass die Leute mehr Kinder bekommen müssen, dann sollte man ehrlicherweise dazusagen, dass man damit nur leistungsfähige und gesunde Kinder meint. Für die anderen ist im Gegenteil nämlich zunehmend immer weniger Platz. Beim Statistischen Bundesamt kann man Zahlen zu Schwangerschaftsabbrüchen einsehen. Zwischen 1998 und 2004 sind demnach die späten Schwangerschaftsabbrüche zwischen der 13. und 23. Woche um 7,8% gestiegen, Abbrüche jenseits der 23. Woche nahmen sogar um 18% zu. Am 9. März wurde die Statistik um das Jahr 2005 erweitert. 2005 fiel die Zahl der Abbrüche jenseits der 23. Woche von 200 auf 171, dabei ist aber zu bedenken, dass es weniger Schwangerschaften gab und die Diagnostik immer besser wird und somit früher erkannt wird, ob ein Kind behindert ist: die Zahl der Abbrüche zwischen der 13. und 23. Woche stieg von 2005 auf 2049. Das bedeutet innerhalb eines Jahres einen Anstieg von 2,2% bei sogar rückläufigen Gesamtschwangerschaftszahlen. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in einer Studie von Wolfgang Lenhard: "Eine metaanalytische Auswertung von 20 Studien zeigte, dass 90% der Frauen im Falle eines positiven Trisomie 21-Befundes die Schwangerschaft beenden." Und es wird immer weiter an den Selektionsprozessen gefeilt. In den Niederlanden ist man schon einen Schritt weiter, dort wird bereits Früheuthanasie betrieben.

Es besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass wir allgemein immer weniger Kinder bekommen und der Tatsache, dass wir immer weniger behinderte Kinder bekommen. Letzteres ist der Fall, weil wir uns immer weniger in der Lage sehen, diese Kinder in unser Leben und unsere Gesellschaft zu integrieren. Das ist eine Extremausprägung der Tendenzhaltung gegenüber Kindern allgemein.

Offensichtlich muss es tiefe psychologische und soziologische Gründe für diese Entwicklungen geben. Immerhin leben wir in einem hochentwickelten und zivilisierten Land. Konkret auf den Fall meiner Freundin bezogen, kann man das so betrachten: sie ist verheiratet in einer sehr stabilen Beziehung, das Paar wäre also zu zweit gewesen, um mit dem behinderten Kind fertig zu werden. Beide Partner haben sehr gute Jobs und die Familie ist finanziell wirklich gut abgesichert. Letztes Jahr haben sie sich in München ein Reihenhaus gekauft. Beide Partner haben studiert und sind intelligente Menschen. Man denkt sich also: sie können das sowohl finanziell als auch intellektuell reißen. Wo könnte ein solches Kind besser aufgehoben sein? Sie sind sehr liebe und fürsorgliche Menschen. Sie haben all die "richtigen" Einstellungen. Jedoch, als sie vor der Situation standen, sahen sie sich nicht in der Lage, das Kind zu bekommen. Und wie man an der Statistik gesehen hat, sind sie damit im Trend der Mehrheit.

Um zum Kern des Problems, warum unsere Gesellschaft sich nicht in der Lage sieht, allgemein mehr Kinder zu bekommen und behinderte Kinder überhaupt noch zu bekommen, um also zum gemeinsamen Kern dieses Problems vorzustoßen, muss man tiefer fragen als nur nach Egoismus. Ich behaupte in keinster Weise, objektive Antworten zu kennen oder das alles zu verstehen. Ich stehe im Gegenteil ziemlich ratlos davor und mache mir daher einfach Gedanken. Einer meiner Gedankengänge, womit das zu tun haben könnte, ist folgender: woher soll man Kompetenzen und Selbstvertrauen erwerben, wenn man immer seltener in Situationen ist, in denen man sie erwerben könnte? Das klingt zunächst nach diesem leidigen Argument: uns geht es einfach zu gut, frühere Generationen mussten mit Krieg und sonstwas fertigwerden und wir sind völlig verwöhnt. So simpel meine ich das nicht. Das sind zivilisatorische Prozesse, natürlich haben unsere Eltern uns nicht extra durch irgendeine Hölle geschickt, damit wir lernen, in der Hölle zurechtzukommen. Wir freuen uns doch, wenn es den Menschen, die wir lieben, gut geht. Mir geht es mehr um die Frage, ob die zunehmende Uniformität nicht ein Grund sein könnte. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft immer weniger Vielfalt und Andersartigkeit beinhaltet, können die Mitglieder dieser Gesellschaft immer weniger mit Andersartigkeit umgehen, weil sie den Umgang damit einfach nie erlernen konnten. Sie haben nie die Vorzüge erfahren, das persönliche Entwicklungspotenzial, das sich darin ja auch verbirgt. Sie haben stattdessen Angst vor Kontrollverlust und Angst vor der Unsicherheit. Diese Angst ist etwas ganz anderes als der Egoismus, der allerorten ausgerufen wird.

Hier treffen sich wieder mein Thema der behinderten Kinder und das Thema Kinder allgemein: Kinder bedeuten nämlich natürlich immer einen gewissen Kontrollverlust und sie bringen immer einen Unsicherheitsfaktor ins Leben. Wir geben uns heutzutage ja gerne der Illusion hin, wir führten ein sicheres Leben. Wir bauen uns ein Haus und verdienen gut und haben uns in unserem Leben so eingerichtet, dass wir uns sicher fühlen. Das Streben nach Sicherheit, Gesundheit, Normalität (whatever that is) und nach einem bestimmten Lebensstandard ist natürlich zunächst einmal ein höchst verständliches und legitimes Bedürfnis. Nur wird der Preis immer höher, den wir für die übersteigerten Anstrengungen in dieser Richtung bezahlen. Anstatt sich Problemen zu stellen, drehen wir die Schraube der Vermeidung einfach immer etwas weiter. Im Fall der Schwangerschaftsabbrüche hat man in den Niederlanden mit der Früheuthanasie eben schon weiter gedreht als hier. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in Deutschland die Gesetzgebung weiter an das schon vorherrschende Denken anpasst.

Folge des übersteigerten Sicherheitsstrebens ist, dass der Unsicherheitsfaktor Kind von vielen gleich ganz ausgeschlossen wird. Und einige bekommen zwar noch ein Kind, aber bitte nur ein gesundes, das ist das höchste Maß an Unsicherheit, das unsere Kraft vielleicht gerade noch erlaubt. Hier handelt es sich um ein bedeutendes Missverständnis, denn gerade wenn man sich auf die Unsicherheit einlässt, schöpft man ganz neue Kraft und erlebt wunderbares Leben, aber das weiß man natürlich nicht, wenn man es nie gesehen hat. Warum nur wollen oder können wir die fundamentale Unwägbarkeit des Lebens nicht mehr akzeptieren? Hier kommt vielleicht zusätzlich zur psychologischen und soziologischen eine philosophische Dimension dazu. Nicht ohne Grund wird der Utilitarismus, vor allem über Peter Singer, immer häufiger diskutiert. Everything is connected.

Wenn wir den Kindermangel hinterfragen, dann müssen wir auch die unangenehme Frage nach der Humanität stellen. Bevor wir nach mehr Kindern rufen und damit nur gesunde Kinder meinen, sollten wir nach all den Kindern fragen, die wir töten, weil sie nicht in die Gesellschaft passen. (Ganz abgesehen davon: wenn wir behinderte Kinder nicht mehr bekommen, dann wirft das auch ein Licht auf diejenigen Behinderten und ihre Angehörigen, die schon da sind, nämlich ein Licht darauf, wie unerwünscht sie sich eigentlich fühlen müssen. Mich als Angehörige trifft das durchaus sehr schmerzhaft.)

Bevor wir uns allgemein überhaupt für mehr Kinder entscheiden können, müssen wir die dazu notwendige Grundlage schaffen und das Gefühl dafür wiederfinden, dass das Leben nun einmal immer unwägbar, aber trotzdem fantastisch ist, selbst und auch gerade dann, wenn es schicksalhafte Einschränkungen erfährt. Vielfalt und Ambivalenz des Lebens sind gut, wir sollten sie feiern und nicht verhindern. Jedes Leben ist einmalig und besonders, so banal das klingen mag, und um gleich eine weitere Banalität hinzuzufügen: Umwege führen zu mehr Ortskenntnis. Wir sollten durch Vielfalt und Ambivalenz lernen und mit ihnen persönlich wachsen.

Bevor unsere Humanität nicht gesundet, werden Menschen auch nicht mehr Kinder wollen. Ich bin davon überzeugt, in einer toleranteren und vielfältigeren Gesellschaft fühlen sich die Menschen wohler und wenn sie sich wohler fühlen und Kraft im Miteinander der Unterschiede entdecken, dann entwickeln sie auch mehr Zuversicht und Vertrauen. Dieses vielfältige Miteinander beinhaltet auch unterschiedliche Lebensentwürfe und eben kein Ausrufen von Schirrmachers "Zurück zur Urgewalt Familie". Und wenn sie wieder mehr Zuversicht und Vertrauen haben, dann bekommen die Menschen vielleicht von alleine mehr Kinder. In einer Gesellschaft, in der man sich aufgehoben fühlt, wird ein Kind vielleicht endlich nicht mehr als Wagnis angesehen.

In meiner persönlichen Lage jedenfalls empfinde ich den Ruf nach mehr Kindern – auf der Grundlage unserer jetzigen Gesellschaft und so wie er jetzt formuliert wird – geradezu als Zynismus.

Spracherfahrungen

Auf einer Geburtstagsfeier sprach ich vor kurzem englisch, weil eine Frau aus New York anwesend war, die kein deutsch sprach. Nach einer ganzen Weile sagte mir K., die mich wohl erstmals englisch redend erlebte, sie finde, dass ich anders sei, wenn ich englisch spreche. Sie meinte gar, sie habe den Eindruck, ich sei dann mehr ich selbst, präsenter. Ich habe darüber schon öfter mit Menschen gesprochen. Mein Exmann zum Beispiel sagt, dass er das Gefühl hat, einen großen Teil von mir gar nicht zu kennen, weil er kein deutsch spricht. (Dem stimme ich zu, darum hätte ich es ja auch gerne gehabt, wenn er deutsch gelernt hätte, aber das ist ein anderes Thema.) Man kann das immer wieder bei Menschen beobachten: wenn sie in eine andere Sprache wechseln, verändern sich neben Tonfall und Sprachmelodie auch Gestik und Mimik, macht die ganze Person einen etwas anderen Eindruck.

Die Tatsache, dass es solche Veränderungen gibt, spricht natürlich zunächst vor allem für die Bedeutsamkeit des kulturellen Kontextes, denn biologische Eigenschaften von Individuen würden grundsätzlich gedacht keine solchen Veränderungen rechtfertigen können. Ich erinnere mich daran, wie ich englisch und französisch in der Schule lernte und ich weiß, dass es da von Beginn an einen Unterschied in meiner Wahrnehmung gab. Im Englischen fühlte ich keinen Einfluss auf die Persönlichkeit. Es war einfach eine Sprache, die man erlernte wie Latein, fast tot. Ich hatte außerhalb des Sprachunterrichtes keine anderen Beziehungen zur Sprache und somit blieb die Sprache für mich auch auf Distanz. Im Französischen war das anders, denn ich habe Familie in Frankreich, französisch wurde auf Familientreffen gesprochen, dazu kamen Ferien bei den Verwandten in Frankreich. Französisch war mir also schon von klein an in einem Kontext vertraut und französisch hatte dadurch von Anfang an für mich einen stärkeren persönlichen, auch emotionalen Zusatz beim Erlernen der Sprache.

Als ich dann für ein paar Monate in Frankreich lebte, bemerkte ich bei mir selbst Veränderungen. Natürlich lag das auch an der neuen Umgebung, Norddeutschland und Südfrankreich, das ist alleine klimatisch schon ein ganz anderer Lebensstil, so billig fängt es ja schon an mit den Unterschieden. Aber ich merkte eben auch, dass ich mich selbst anders fühlte und anderes Feedback von Mitmenschen zu bekommen schien, wenn ich französisch redete. Noch intensiver habe ich diese Verschiebungen allerdings wahrgenommen, als ich in die USA reiste. Das Selbstbild, das der Mitmenschen und das Kommunikationsverhalten waren interessanterweise noch wieder anders gelagert, wenn ich englisch redete. Hier zeigt sich neben der grundsätzlichen noch eine speziellere Bedeutsamkeit des kulturellen Kontextes: es geht eben nicht nur um einen Unterschied zwischen Mutter- und Fremdsprache, sondern es entstehen unterschiedliche Verlagerungen in unterschiedlichen Sprachen.

Mein nachhaltiger, längerer Aufenthalt in New York war sicher prägend für meine Person im Englischen. Später kamen all die Jahre in Chicago hinzu und mittlerweile bin ich so durchdrungen vom amerikanischen Englisch, dass ich das leider manchmal gar nicht mehr richtig abstrahieren kann und mein erster Impuls noch immer oft im Englischen liegt. Als ich nach New York flog, war ich schon Mitte Zwanzig: vielleicht macht es ja auch einen Unterschied, in welchem Lebensalter oder auch in welcher Lebenssituation man eine Prägung erfährt. Vielleicht bekommt die Prägung Schwerpunkte, die aus den Lebenserfahrungen der bestimmten Situation entstehen?

Solange man sich in einer bestimmten Kultur bewegt, ist es sehr verständlich, dass es Auswirkungen auf die Wahrnehmung und vor allem auch auf das eigene Verhalten gibt. Spannend finde ich aber vor allem, dass diese Prägungen sich auch außerhalb des Kulturkreises und über die Zeit hinweg anscheinend durch die Sprache erhalten, wie es auf der Geburtstagsparty in Berlin gerade wieder deutlich wurde. Interessant finde ich, dass die Prägungen die Sprache so durchdringen. Oder umgekehrt, dass die Sprache so viel Nonverbales mitträgt. Offensichtlich gibt es so etwas wie die Entstehung eines neuen kognitiven Habitus.

Dazu gehört auch der Aspekt der Körperlichkeit. Je weniger man eine fremde Sprache beherrscht, desto wichtiger werden logischerweise die Anteile nonverbaler Kommunikation. Doch erhält sich diese Ursprungslogik in gewissem Maß oft auch dann noch, wenn man die fremde Sprache schon besser oder sogar sehr gut beherrscht. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber das Sichbewegen in einer anderen als der Muttersprache kann tendenziell eine wohltuende Distanz von der Vergeistigung mit sich führen. Ein Freund erzählte mir, dass Christine Westermann ihre Beziehungszeit mit einem Amerikaner auch in dieser Richtung resümiert hat, dass das weniger tiefe Durchdringen der Sprache gut tut. Andererseits ist wiederum natürlich gerade das Denken sehr stark beeinflusst durch die fremde Sprache. Aber vielleicht findet das eben auf einer anderen Ebene statt als in der Muttersprache, deren tief verwurzelten Kern man ja doch nie überwindet. Und ganz abgesehen davon kann es dann natürlich auch so sein, dass man sich selbst am besten wahrnimmt, sich selbst oder auch anderen Menschen am nächsten ist, auch körperlich, in einer Sprache, die nicht unbedingt die Muttersprache sein muss.

In Erving Goffmans "Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung" kann man ja bekanntlich vieles zum Umgang der Menschen miteinander nachlesen. Wie verhält es sich aber mit Verschiebungen bei einer einzelnen Person in jeweils unterschiedlichen kulturellen Kontexten? Ich finde diese (kultur)(sozial)psychologischen Aspekte von Sprache überaus faszinierend, kann aber wenig Sprachwissenschaftliches darüber finden. Ich stelle es mir allerdings auch schwierig vor, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Kommunikationsverhalten und Körperempfinden in ihrer Veränderlichkeit unter dem Einfluss verschiedener Sprachen – und die durch sie mittransportierten kulturellen Einflüsse – wissenschaftlich nachzuvollziehen. Oder gibt es dazu was, weiß das jemand?

Gute Gefühle zum Geldverdienen

Das gute Gefühl, alles geregelt zu wissen – Versicherungsbranche
Das gute Gefühl, etwas zu besitzen – Baubranche, Autobranche etc.
Das gute Gefühl, bedient zu werden – Kellner, Serviceberufe
Das gute Gefühl, sicher zu sein – Polizei
Das gute Gefühl, sich zu streiten – Jurisprudenz
Das gute Gefühl, umsorgt zu werden – Soziale Berufe
Das gute Gefühl, sein Leben zu genießen – Restaurant, Massagepraxis etc.
Das gute Gefühl, sich gesellig mit anderen zu treffen – Kneipenbranche
Das gute Gefühl, unterwegs zu sein – Reisebranche
Das gute Gefühl, gesund zu sein – Medizin
Das gute Gefühl, attraktiv zu sein – Mode und Kosmetikbranche
Das gute Gefühl, sparsam zu sein – alle Discountmärkte
Das gute Gefühl, immer weiter zu lernen – alle Lehrberufe
Das gute Gefühl, der Wirklichkeit zu entfliehen – Drogenbranche, Alkohol
Das gute Gefühl, sich im Lebensraum heimisch zu fühlen – Innenarchitektur
Das gute Gefühl, Lebensraum zu domestizieren – Außenarchitektur
Das gute Gefühl, informiert zu sein – seriöse Medien
Das gute Gefühl, andere zu beobachten – Klatschmedien, Prominenz
Das gute Gefühl, am Leben anderer Anteil zu nehmen – neue Medien
Das gute Gefühl, alles probiert zu haben – Handaufleger, Gesundbeter u.ä.
Das gute Gefühl, Verantwortung zu teilen – Politik, Ämter
Das gute Gefühl, auf der Suche zu sein – Künstler aller Art

Avoid losing your mind

moni.wasweissich[at]web.de

When in doubt, fuck it (Lennon)

Die Phantasie ist ein ewiger Frühling (Schiller)

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