Schnappschuss-Erinnerungen

You can hug the doctor now

Der epilepsiekranke Sohn einer Freundin sollte in Los Angeles einer Gehirn-Operation unterzogen werden. Wochenlang bereitete man die Operation mit zahlreichen Tests vor und sie ergaben alle, dass eine OP funktionieren könnte. Im Zuge dieser Vorbereitungen lernte die Familie den Chirurgen natürlich auch etwas kennen. Dann erfolgte die stundenlange, schwierige OP. Sein Kind in eine schwere Gehirnoperation zu schicken ist natürlich einer der (vielen) Momente, die man eigentlich nie erleben möchte. Als der Chirurg endlich herauskam, erwiderte er ihre bangen Blicke mit dem verschmitzten Satz: "You can hug the doctor now!" Ich finde das irgendwie so schön: eine sehr charmante Art zu sagen, dass die OP gut verlaufen ist und dass alles geklappt hat, was man sich erhoffte. Gleichzeitig nimmt dieser Satz aber auch noch ein bisschen die Dramatik aus der schweren Situation. Und er ist auf eine herzliche Art auch typisch amerikanisch. (Könnte man sich einen deutschen Chirurgen vorstellen, den man zwar kaum kennt, aber der dennoch mit den Worten "Sie können den Arzt jetzt umarmen" aus dem OP auf die Eltern zugeht?) Ganz abgesehen davon kann ich mir für diesen Moment keinen Satz vorstellen, der schöner wäre: das ist der Moment und das ist der Satz. Eine Einheit. Für mich ist das irgendwie zu einem geflügelten Wort geworden. "You can hug the doctor now" ist ein Lebensgefühl.

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Gerade mehr durch Zufall entdeckt: den Film "An Unfinished Life". Uh, Robert Redford würde ich heute noch sofort heiraten!

Nach dem Film an meine ehemalige Mitbewohnerin gedacht, mit der ich 1994 in einer großen WG in der Pariser Straße gewohnt habe, Ecke Fasanenstraße, die Wohnung gehörte einem Filmredakteur des WDR, darin eins dieser typischen Berliner Zimmer als Wohnzimmer, ein riesiges Durchgangszimmer, in dem unter anderem ein Billardtisch stand, auf dem wir aber eigentlich nur die anfallenden Rechnungen sammelten und auseinanderdividierten, auf jeden Fall war dies die Mitbewohnerin, die sich später immer daran erinnerte, dass ich in der WG die erste Person war, die mal ein Glas Würstchen gekauft hatte, sie studierte seinerzeit an der Ernst-Busch-Schule Regie, einmal gaben wir eine große Party, wo im Verlauf der Nacht irgendein mir unbekannter Schauspielstudent in mein Zimmer kam, zu mir auf die Matratze kroch und mehr sagte als fragte: "Das ist doch okay, oder" und ich mich über diese Ernst-Busch-Schule wunderte, auf jeden Fall kam diese Mitbewohnerin aus München und man hatte immer den Eindruck, dass sie noch nie wirklich gearbeitet hatte (obwohl, was soll das denn heißen: wirklich gearbeitet?), mal so im Schichtdienst in einer Fabrik, oder Postaustragen oder irgendetwas, was ich wohl meine, ist, dass man sich gar nicht vorstellen konnte, dass sie sowas mal auch nur vier Wochen lang machen könnte, ich glaube, es ist nicht vermessen zu sagen, dass sie recht verwöhnt war, und da war sie nun auf dieser Ernst-Busch-Schule und ich erinnere mich oft an einen Moment, als wir in der Küche saßen und sie von ihrem neuesten Projekt erzählte und sagte: "Ich habe mir überlegt, ich muss da unbedingt was mit Gewalt machen. Gewalt, das ist ein ganz großes Problem. Und das muss im Theater mehr thematisiert werden."

Wenn sich gebürtig wohlhabende, später in ihrem Beruf zudem hochsubventionierte und in ihrem ganzen Leben behütete Menschen an Dinge machen, von denen sie nun wirklich keine Ahnung haben: einer dieser Momente, in denen mir plötzlich so seltsam klar wurde, wie unwahrscheinlich es ist, dass das mit der wirklichen Verständigung der Menschen irgendwann tatsächlich funktionieren wird.

[Diese lange Erinnerungsbemerkung soll aber nicht auf den Film "An Unfinished Life" gemünzt sein, er rief halt nur Erinnerungen wach.]

Wollandkrabben

Es muss ungefähr 1990 gewesen sein, da beobachteten wir bei einer der nächtlichen Patrouille-Fahrten eine Prozession von Wollandkrabben, die aus der Soeste kamen und über die Feldstraße zogen. Wollandkrabben kommen normalerweise nicht bis nach Friesoythe, daher war das schon ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher aber war, dass die letzte in der Reihe eine Weile auf der Straße sitzen blieb und "mpfh" sagte, oder zumindest ein Geräusch machte, das so klang, als ob sie "mpfh" sagt.

Alles mit Auto

G. hatte berichtet, dass an dem gerade für Millionen Euro neugebauten Sperrwerk an der Talsperre "etwas nicht richtig" funktioniere, was auch immer, wir aber also gleich mal hin, gestern Nacht. G. hatte praktischerweise eine Mini-Taschenlampe am Schlüsselbund. Männer haben hier sowas, a) Mini-Taschenlampe und b) Büxentaschgenmesser. Am Sperrwerk konnte man, auch mit Hilfe der Mini-Taschenlampe, zu keiner letztgültigen Erkenntnis kommen, was daran nun genau nicht funktionieren könnte, aber die Thülsfelder Talsperre ist auch nachts sehr schön.

Dieser Ausflug erinnerte mich wieder einmal an früher: als wir uns, verteilt auf mehrere Autos über Landstraßen fahrend, mit Walkie-Talkies austauschten, wo sich gerade Hase und Igel Gute Nacht sagen und wie wir das verdorbene Gemüse mitnahmen, das hinter dem Famila-Markt auf seine Abholung wartete und uns damit Autorennen lieferten (mein Fehler, dass ich einmal in the heat of the chase trotz bester Ortskenntnis in eine nicht-gekennzeichnete Sackgasse fuhr und dort eingezingelt wurde, Schmach der Jugend) und wie wir, wenn wir ins in den verschiedenen Autos trafen, auf einen großen Parkplatz fuhren, die Autos nebeneinander einparkten und durch die heruntergekurbelten Fenster miteinander sprachen, ein bisschen Pech für das Auto in der Mitte, durch das sich die Autoinsassen der am Rand stehenden Wagen hindurchunterhalten mussten, was manchmal zu einigem Gewirr führte.

Dennoch hat sich diese Kommunikationsform anscheinend bis heute durchgesetzt, denn gestern Nacht sahen wir auf selbigem Parkplatz drei Autos nebeneinander parken, vollgestopft mit ca. 18-jährigen Insassen, die sich ebenfalls durch die heruntergekurbelten Fenster unterhielten. D.'s Einwand, dass wir das nie gemacht hätten - "wenigstens nicht so" - möchte ich widersprechen, leider ist meine Erinnerung in der Hinsicht, im Gegensatz zu ehemaligen Mathe-Kenntnissen, noch ziemlich lebendig.

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Einst ein Independence Day Weekend auf dem Spiekeroog der USA (will heißen: autofreie Insel) verbracht: Mackinac Island.

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Dito auch Ansammlungen von Jacken. Der Dress Code schrieb vor, dass man Hosen nur mit passendem Jackett tragen durfte, Röcke hingegen gingen auch ohne Jacke. Also: Rock mit Bluse okay, schwarze Hose mit Bluse erforderte schwarze Jacke. Diese Regel galt, sobald man sich innerhalb der Firma bewegte, am eigenen Platz durfte man die Jacke ausziehen. Einige Kolleginnen hatten darum Jacken in verschiedenen Farben und Formen irgendwo hingehängt, aus denen sie sich dann morgens etwas Passendes raussuchten. Wollten ja alle immer lieber Hosen tragen. Was allerdings auch erst seit 1996 überhaupt erlaubt war, vorher galt in der Firma Rockzwang für Frauen. Manchmal gab es Casual Friday, aber casual war auch genau definiert: da durfte man Khaki-Hosen anziehen und brauchte keine Jacke (khaki culture). Jeans an einem Freitag gingen einmal im Jahr für einen guten Zweck. Am Jeans Day, oder offiziell Lee National Denim Day, musste jeder $5 gegen Brustkrebs spenden und durfte dafür an dem Tag Jeans anziehen.

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Süße Erinnerung an die Schuhberge, die sich unter dem Schreibtisch, in Schubladen und zwischen den Hängeordnern der Aktenschränke mancher Kollegin angesammelt hatten. Morgens kamen sie mit Turnschuhen ins Büro, krochen unter ihren Tisch oder wühlten in Schubladen, um sich passende Schuhe für den Tag zu suchen. (Dran erinnert worden durch Isa.)

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In der Post eine Einladung zur 125-Jahr-Feier der Bücherei, in der ich lange ehrenamtlich gearbeitet habe. Ich erinnerte mich mit der Karte in der Hand eben an einen Tag vor etwa 17 Jahren, als ich die ganze Samstagnacht durchgefeiert hatte und Sonntagmorgen ohne Schlaf in die Bücherei zum Dienst gegangen war (always the best of both worlds). Mit mir zusammen arbeitete immer ein ganz liebes Mädchen, die nie die Nächte durchmachte. Sie war etwas älter und hatte gerade den Führerschein gemacht. Sie erzählte mir, dass man im Rückwärtsgang niemals Gas geben, sondern nur ganz vorsichtig mit Standgas zurücksetzen dürfe und es sei unverantwortlich, wenn Leute eine längere Strecke rückwärts mit Gasgeben fahren, wie sie das schonmal gesehen hatte. Und außerdem fahre sie jetzt manchmal das Auto ihrer Eltern, das fünf Gänge hat, aber sie benutze nur vier davon, denn sie hatte in der Fahrschule mit einer 4-Gang-Schaltung gelernt und könne den fünften Gang daher nicht benutzen. In meinem völlig verkaterten und übermüdeten Zustand hatte ich da am Ende der Welt, in diesem kleinen Dorf, in dieser veralteten und etwas muffigen Bücherei so einen deprimierenden Moment der tiefen Erkenntnis, wie wahnsinnig unterschiedlich die Menschen sind und wie schlecht daher wohl die Aussichten sind, dass sie jemals dauerhaft friedlich miteinander umgehen.

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Früher sagten wir zum Gymnasium manchmal Gumminasium.

Hard Candy Christmas

Heute gleich zwei Weihnachtsfeiern. Früher hatten wir mal eine Weihnachts-CD, auf der die üblichen Verdächtigen wie "Rockin' around the Christmas Tree" und "Pretty Paper" waren, aber auch ein Lied von Dolly Parton namens "Hard Candy Christmas". So ein richtiger partoniger Schmachtsong. Hach, wie schön selbstmitleidig der war. Ich wünschte, den würde ich mal wieder hören, aber irgendwie wird der nirgendwo gespielt. Und die CD habe ich auch nicht mehr, was allerdings für Last FM wohl besser so ist.

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