Schatzkiste Buch

Douglas Coupland: JPod

Googelt man "jPod review", fragt Google nach, ob man nicht "iPod review" meinte. Das ist schon ein bisschen couplandesque-ironisch, nachdem Google in dem Buch bezeichnend vorkommt.

"I've come to the conclusion that documents are thirty-four percent more boring when presented in the Courier font", stellt Protagonist Ethan Jarlewski fest. Vielleicht keine unbedingt revolutionäre Beobachtung, natürlich hat man das selbst schon gedacht, sich womöglich schon einmal darüber mit Leuten unterhalten. Und genau das ist es, was einem beim Lesen des Romans immer wieder passiert: man findet vom Essen über Kleidung über Arbeitsleben über Fernsehkonsum bis hin zu Gesprächen alles wieder, was man kennt. Coupland beobachtet, wie immer, treffend, genau, etwas überspitzt und manches Mal ad absurdum führend. Er tut dies nicht auf eine penetrante Weise und liefert keinen plagiativen Zusammenklatsch aufgeschnappter Beobachtungen und Dialoge, sondern er erzählt eine stimmige, trotz seiner großen Unterhaltsamkeit dennoch auch leicht deprimierende, weil wieder einmal desillusionierende Geschichte.

Ethan, seine verrückte Familie und seine Kollegen geraten in die absurdesten Situationen und doch hat man den Eindruck, dass eigentlich gar nichts passiert und das Leben einfach nur vor sich hin tröpfelt. Linda Richards beschreibt das so: "That's not to say that nothing happens in jPod. It does. In fact, quite a lot happens. But all of it occurs with such typical Couplandesque post-slacker insouciance, you almost don't feel it until it's upon you." Ich würde sagen, man fühlt es noch nicht einmal dann. Man nimmt es einfach mit, ohne Konsequenzen, ohne eine nachdrückliche Empfindung des Geschehenen zu entwickeln – das nachdrückliche Empfinden spielt sich unterschwellig, fast losgelöst von der Handlung ab.

Dazu passt vielleicht diese Beobachtung in der Rezension des Guardian, in Zusammenhang mit Couplands überdeutlicher Anspielung auf "The Crying of Lot 49" von Thomas Pynchon: "As with Pynchon, Coupland's world teems with data: we may not know what to make of it, but it is, nevertheless, on some level, a coded attempt to communicate." Auf irgendeinem Level, ja. Man kann das nicht genau lokalisieren. Viele Hinweise, das häufig kritisierte Name-Dropping von Markennamen ist auch in diesem Roman wieder zu finden, funktionieren auf einem Wiedererkennungslevel, das jeden Leser in seine eigene Erinnerungswelt und zu eigenen Konnotationen führt. Die genaue Festlegung ist also weder erwünscht, noch notwendig. Hierzu heißt es treffend in der New York Times: "He knows his reader will know [...] that every bit of cultural detritus we rely on to get through the day, no matter how alive it may presently appear, is in a constant state of decay and utterly disposable."

In den Rezensionen, die bisher erschienen sind (größtenteils sehr positiv), wird kontrovers diskutiert, dass Coupland eine Figur namens Douglas Coupland in den Roman geschrieben hat. Ich finde, er selbst erklärt den Grund einleuchtend – Weblogger aufgepasst – in diesem Interview des Observer: "Many of us now exist in a secondary fashion, a meta-fashion, thanks to the internet, and the second you is related to but isn't quite you, so I thought it would be an idea to exploit this. If I put my own name into Google or Yahoo, I will discover that a kind of meta-Doug exists. I exist in there, my name, but it's not me: it's a mix of truths, half-truths, nonsense, misunderstanding, rumour, misinterpretation. But the thing is that Meta-Doug is going to exist for a lot longer than the real one is in this world. Once I'm gone, this other me is going to keep on going on the net, cut and pasted and repeated: in the future we will all exist there, in this flawed afterlife." Ich sortiere das in der ersten Begeisterung gleich in die Schatzkiste ein.

Siri Hustvedt: A Plea for Eros

Ich habe nun die neue Essay-Sammlung von Hustvedt gelesen. Hier ein schönes Zitat aus dem ersten Essay namens "Yonder":

"My father once asked me if I knew where yonder was. I said I thought yonder was another word for there. He smiled and said, "No, yonder is between here and there." This little story has stayed with me for years as an example of linguistic magic: It identified a new space - a middle region that was neither here nor there - a place that simply didn't exist for me until it was given a name."

Bei Hustvedt hallt immer irgendetwas in einem wider, das ist genauso im neuen Buch, egal, ob sie über "The Great Gatsby" schreibt, über "Leaving your mother" oder "Extracts from the Story of the Wounded Self". Die Umschreibung "a heady mix of intimacy and intelligence" fasst das ganz gut. Die Kritik im Guardian war eher gemischt, aber mir hat es sehr gefallen.

Martha Nussbaum: Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge

Zeit, wieder mal ein Buch aus dem Regal zu nehmen und es in die Schatzkiste einzusortieren. Martha Nussbaum ist eine der bekanntesten Vertreterinnen eines aufgeklärten Feminismus. Die drei philosophischen Aufsätze sind eine Untersuchung des mitfühlenden Verstehens, sowie der sozialen Prägung von Präferenzen und Wünschen. Ich zitiere aus aktuellem Anlass ganz viel daraus:

"Meine Vermutung läuft darauf hinaus, dass Kinder wirklich der intimen und ununterbrochenen Fürsorge von Seiten einer kleiner Zahl von Erwachsenen bedürfen, die sich ständig um das Wohlergehen des Kindes kümmern, mit den Eigenarten des Kindes vertraut sind und dem Kind eine Umgebung mit materieller Sicherheit und emotionaler Stabiltät gewährleisten. Eine Funktion der Familie besteht darin, diese Form der intimen Zuneigung und Fürsorge bereitzustellen. Es liegt auf der Hand – und es ist in der gesamten bisherigen Geschichte so gewesen – dass diese Bedingungen von einer Vielzahl verschiedener Konfigurationen fürsorglicher Erwachsener erfüllt werden. Es besteht kein Grund zur Annahme, neben der Kernfamilie in ihrer traditionellen, romantisch verbrämten Form gebe es keine Alternative."

Wie wahr. Mein Sohn fühlt sich sehr wohl und entwickelt sich hervorragend mit einer übersichtlichen Zahl gleichbleibender, fürsorgender Erwachsener (Bezugsbetreuer in der Kita, Einzelfallhelfer, Babysitter und ich – ein Gespann von drei Männern und einer Mutter und ich finde es super, dass ich nur eine geviertelte Rolle spiele. Nicht, weil ich die Verantwortung scheue, sondern weil ich es für meinen Sohn als sehr positiv erlebe).

"Ebenso klar ist aber auch, dass keine dieser Bedingungen in angemessener Form von Erwachsenen erfüllt werden kann, die – einerlei, ob sie es allein, in Paaren oder Gruppen versuchen – von der Bürde so schwieriger ökonomischer Verhältnisse gedrückt werden, dass es ihnen selbst unmöglich ist, ein stabiles, dem Gedeihen und der körperlichen Gesundheit förderliches Leben zu führen, und die daher erst recht außerstande sind, ihren Kindern einen solchen Rahmen zu schaffen."

Das trifft auf mich nicht zu, da ich mit dem Zusatz des Pflegegeldes ganz gut versorgt bin. Hier bezieht sich Nussbaum sicher besonders auf die US-amerikanischen Probleme, bedenkt man aber diese Problematik, erscheint ein nach vorherigem Einkommen gestaffeltes Elterngeld auch nicht gerade sinnvoll.

"Was die Gestaltung jener Sachverhalte betrifft, die nach traditioneller Definition außerhalb der Gesellschaft liegen und als 'privat' bzw. 'natürlich' gelten, spielt die Gesellschaft eine bis in die tiefsten Tiefen reichende Rolle. Das kann man als Quelle von Zwängen empfinden, sobald man erkennt, in welchem Maße wir sogar in den innersten und intimsten Bereichen unseres Lebens Artefakte sind. Andererseits kann man es auch – und das ist der Punkt, den ich hier hervorheben möchte – als Quelle der Freiheit empfinden weil wir nun sehen können, dass viele der vielleicht für vorgegeben und unvermeidlich gehaltenen Erfahrungen des Körpers, der Gefühle und der Fürsorge für Kinder in Wirklichkeit von uns selbst geschaffen sind und daher auch anders sein können. Diese Freiheit ist, wie gesagt, nicht unbegrenzt. Denn die Theorie der sozialen Konstruktion bestreitet keineswegs, dass die Biologie dem Leben der Gruppen wie der Individuen Zwänge auferlegt, obwohl sie zu gesunder Skepsis ermuntert, wenn die Forschung allzu rasch Entdeckungen macht, wonach die Wurzeln des Status Quo in der 'Natur' liegen."

"Die durch den Gedanken der sozialen Konstruktion gewonnene Freiheit ist die Freiheit, triftigen, von Menschen vorgelegten Argumenten zu folgen, die zu dem Schluss führen können, dass die Tradition in vieler Hinsicht töricht, drückend und schlecht ist. Und diese Freiheit erlegt uns Verantwortungen auf, denen wir uns nur allzu leicht entziehen. Nachdem Sokrates in Platons 'Staat' besprochen hat, welche radikalen Veränderungen er an der Familienstruktur und an der Rolle der Frauen vorzunehmen empfiehlt, sagt er zu dem jungen Glaukon, dass die Menschen es bei solchen Diskussionen normalerweise unterlassen, weiter nachzufragen, weil sie bei den im Laufe der Zeit erzielten Übereinkünften haltmachen und diese Übereinkünfte für ausreichend halten." No kidding. 2006.

Jörg Lau 2002 in der ZEIT über Nussbaum: "Kein Wunder, dass die heute 57-Jährige zur einzig ernst zu nehmenden Anwärterin auf den seit Hannah Arendts Tagen verwaisten Meisterdenkerinnen-Thron wurde. Nur fehlt ihr noch das ganz große Werk." Ich habe mir gerade ihr neuestes Werk "Frontiers of Justice: Disability, Nationality, Species Membership" bestellt und bin sehr gespannt. Schon bei "Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge" dachte ich bei all den Ausführungen über die Fürsorge, dass die Frage nach Behinderten ja geradezu auf der Hand liegt.

Barbara Vinken: Die deutsche Mutter

Was für eine Erleichterung ist dieses Buch! Im Untertitel heißt das Buch "Der lange Schatten eines Mythos" und genau das ist die Mutterrolle in Deutschland: ein Mythos, etwas Absolutes. Nach meiner Rückkehr aus den USA stand ich geradezu fassungslos vor dem Bild, das sich mir bezüglich der deutschen Mutterrolle darstellte. Bevor ich wegzog war ich noch so jung, dass die Kinderfrage keine Rolle für mich spielte, das kam erst in der Zeit in Chicago. Dort sah ich allerlei Kolleginnen schwanger werden, Kinder gebären und drei Monate später wieder Vollzeit arbeiten. Das war selbstverständlich. Und unter diesen Bedingungen bekam ich dann auch meinen Sohn, es war mir klar, dass seine Ankunft an meiner Berufstätigkeit nichts ändern sollte. In einer Gesellschaft, in der das als völlig normal galt, empfand ich dies auch als völlig normal.

Nachdem wir dann aber durch das Krankheitsschicksal aus der Normalität hinausgeworfen wurden und ich wieder nach Deutschland kam, war ich fassungslos, wie anders hier das Frauenbild ist, sobald eine Frau Mutter wird. Die Frauen schienen sich auf diese eine Aufgabe zu stürzen, das ganze Studium plötzlich Schall und Rauch, Aufgehen im Windelwechseln war angesagt. Oder alternativ eben, gar keine Kinder zu bekommen. Ein Kind zu bekommen hatte für mich nichts damit zu tun, dafür Opfer zu bringen und all die Ideen, die hierzulande in den Köpfen vor allem auch der Frauen selber herumgeistern, aber mein Denken passte überhaupt nicht hierher. Seither fragte ich mich, wie es zu dieser deutschen Sonderstellung kommen konnte, denn auch bei unseren europäischen Nachbarn haben sich die Zeiten doch längst geändert.

Das Buch von Barbara Vinken liefert dazu überzeugende Beobachtungen, sie leitet den deutschen Mythos der Mütterlichkeit vom Protestantismus über den Nationalsozialismus bis zur bundesdeutschen Familienpolitik schlüssig her. Sie spricht endlich die "ebenso krasse wie unthematisierte Diskrepanz zwischen einem aufgeklärt auftretenden Bewusstsein von Gleichberechtigung und der genügsamen Einwilligung in deren praktisches Gegenteil" an. Man streitet sich in Deutschland "nicht erst seit den sechziger Jahren, sondern seit dem sechzehnten Jahrhundert so ergebnislos wie unverdrossen, wer die Kinder wickeln soll." Erstaunlich vor allem auch, wie die nationalsozialistisch geprägten Vorstellungen der Mutter dann nach dem Krieg trotzdem wieder wie Phoenix aus der Asche steigen konnten.

Die "heillose Vermischung institutioneller, ethischer und pseudobiologischer Kategorien zu entwirren", gelingt Barbara Vinken ganz gut, wenn ich auch den Eindruck habe, das sollte erst ein Auftaktwerk zu einer intensiven und vor allem breiten Auseinandersetzung mit dem Thema sein. Denn eins ist klar: die Familienpolitik hat sich ideologisch in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr um die Familie als um die Selbständigkeit der Frau gekümmert - und das ist bis heute der Fall. "Die verschüttete Vorgeschichte der deutschen Mutter trennt die bundesdeutsche Familienpolitik in parteienübergreifender Einigkeit vom restlichen Europa", stellt Vinken 2002 fest - und heute, 2006, wird über Elterngeld gesprochen, eine ganz klare Fortsetzung eben dieser Politik, die nie konsequent auf Kinderbetreuung setzt, sondern immer auf Teilzeitarbeit für Eltern, maximal eine Umverteilung der Aufgaben innerhalb der Familie (zwei Monate soll nun womöglich der Vater Erziehungsurlaub nehmen, damit man das volle Elterngeld bekommt). Umverteilung also schon wieder anstatt Übernahme durch außerfamiliäre gesellschafliche Institutionen oder private Kräfte.

Vinken: "Während man sich im übrigen Europa und in den USA darin einig ist, dass eine frühe Sozialisation unter Gleichaltrigen für die Kinder unverzichtbar ist, weil sie Selbständigkeit und Soziabilität fördert, sieht man darin in Deutschland [...] einen Notbehelf. [...] Ganztagskrippe ab sechs Monaten ist eine Provokation für die deutsche Mutter. [...] Man fragt sich, wie es dann kommt, dass französische, dänische und italienische Kinder als Erwachsene so schrecklich normal und nicht allesamt als krippengeschädigte Bindungsunfähige herumlaufen. Der deutsche Sonderweg schadet Kindern und Müttern gleichermaßen."

Sehr interessant ist dabei die tiefe Verankerung im Bewusstsein gerade der Frauen: "Anscheinend finden die Frauen selbst, dass diese deutsche Mode ihnen gut steht, denn sie halten trotz anderslautender Zielvorstellungen unerschütterlich daran fest. Warum sie das tun, ist das Rätsel der deutschen Mutter." Vinken also plädiert für ein "Abschiednehmen von dem selbstgerechten, wesensvergessenen Dogma der Mutter als besserem Menschen, Abschiednehmen von der Rhetorik des Sich-Aufopferns, Abschiednehmen vom deutschen Sonderweg." Sie spricht mir aus der Seele. Die Familienpolitik muss sich endlich wandeln: weg mit dem Konzept Elterngeld, all dieses Geld gehört in vernünftige, ganztägige Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder ab drei Monaten.

Mir ist es im übrigen zu viel, was mein Sohn hier so an Kitaferien hat, das sind im Jahr nämlich zusammengerechnet fast zwei Monate. Wie vereinbart man das allein mit einem verantwortungsvollen Vollzeitjob? In den USA hatte unsere Kita nur am 1. Weihnachtstag, Neujahr, Independence Day, Memorial Day, Labor Day und Thanksgiving geschlossen, das sind übers Jahr verteilt sechs Tage.

Jeder Mutter kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Wie auch allen Politikern in der Familienpolitik: hallo, aufwachen! Und allgemein sollte ruhig mal mehr darüber nachgedacht werden, welches Erbe man in Deutschland in der Mutterfrage mit sich rumschleppt. Danke an Existenzielles Besserwissen für den Buchtipp!

Rainer Maria Rilke: Briefe an den jungen Dichter

Samstag. Rilkes "Briefe an den jungen Dichter" wiederlesen und wiederentdecken, wie sanft sie sind und wie trostspendend, auf ihre ganz eigene Art.

"Wer ernst hinsieht, findet, dass, wie für den Tod, der schwer ist, auch für die schwere Liebe noch keine Aufklärung, keine Lösung, weder Wink noch Weg erkannt worden ist; und es wird für diese beiden Aufgaben, die wir verhüllt tragen und weitergeben, ohne sie aufzutun, keine gemeinsame, in Vereinbarung beruhende Regel sich erforschen lassen."

David Peace: Nineteen Seventyfour

Natürlich lese ich noch Zeitungen, täglich ganz schön viele, im Internet: DSL ersetzt die Abos. Wenn es aber darum geht zu entscheiden, was ich lesen soll, dann höre ich einerseits nach wie vor auf meine Freunde, andererseits habe ich aber bemerkt, dass ich sonst nurmehr auf die Empfehlungen in den Blogs meines Vertrauens reagiere. Rezensionen in Zeitungen lese ich noch, aber mit so einem milden und distanzierten Nachher-Interesse ("Och, kann man ja mal sehen, was die so dazu schreiben"). Es ist schon sehr lange her, dass ich mir ein Buch kaufte, weil ich etwas darüber in einer Zeitung las. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann und welches Buch das war. Das letzte Buch, das ich mir wegen eines Blogeintrags kaufte, lese ich gerade. Und das, obwohl es sogar nur en passant erwähnt wurde. Was für ein Vergnügen! Schniefend im Bett liegend (Scheiß-zugiger-Ostkreuz-Bahnhof) ist das genau die richtige Lektüre. Vielen Dank für den Tipp, Jumpcut, kann ich da nur sagen.

Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen

"Because all of man's life among his kind is nothing other than a battle to seize the ear of others."

Stimmt dieser Satz, der mir da beim Blättern in Kunderas Book of Laughter and Forgetting entgegenspringt? Und wenn er stimmt, sind Weblogs eine Art, diesen Kampf zu führen? Und was ist mit dem, was da über Graphomania steht:

"Graphomania (a mania for writing books) inevitably takes on epidemic proportions when a society develops to the point of creating three basic conditions: (1) an elevated level of general well-being, which allows people to devote themselves to useless activities; (2) a high degree of social atomization and, as a consequence, a general isolation of individuals; (3) the absence of dramatic social changes in the nation's internal life. (From this point of view, it seems to me symptomatic that in France, where practically nothing happens, the percentage of writers is twenty-one times higher than in Israel.)"

Kundera denkt den Effekt dieses Mechanismus zuende: "The invention of printing formerly enabled people to understand one another. In the era of universal graphomania, the writing of books has an opposite meaning: everyone surrounded by his own words as by a wall of mirrors, which allows no voice to filter through from the outside."

In der Schlussfolgerung sieht man, dass der Gedankengang zumindest nicht auf Weblogs übertragbar ist, denn obwohl diese als eine Art epidemische Graphomanie angesehen werden könnten, filtern sie – durch das Netzwerk des Schreibens und gleichzeitigen Lesens – enorm viel von anderen Menschen und anderen Leben in die eigene Welt und fördern so letztlich Verständnis.

Das Buch mag ich trotzdem sehr gerne.
(Was heißt überhaupt trotzdem, Kundera schreibt nicht über Weblogs, wenn er die Graphomanie erklärt, das habe ich ihm schließlich nur untergejubelt.)

(Ich habe das Buch leider nur auf Englisch.)

Julio Cortázar: Rayuela. Himmel und Hölle

"Die Intimität der Travelers. Wenn ich mich von ihnen an der Haustür oder im Café an der Ecke verabschiede, spüre ich mit einemmal den Wunsch, in ihrer Nähe zu bleiben, ihrem Leben zuzusehen, Voyeur ohne Gelüste, freundschaftlich, ein wenig traurig. Intimität, was für ein Wort, man bekommt direkt Lust, ihm das schicksalhafte H anzuhängen. Hintimität. Aber welches andere Wort könnte das – intimar, eindringen (in einer ersten Bedeutung des Wortes) in die Haut der Bekanntschaft, in den epithelischen Grund der Freundschaft, die Talita, Manolo und mich verbindet. Die Leute halten sich für Freunde, weil sie ein paar Stunden in der Woche auf einem Sofa, im Kino, zuweilen in einem Bett zusammentreffen oder weil sie zufällig in einem Büro die gleiche Arbeit verrichten. Wie oft hat uns als Jüngling in einem Café die Illusion völliger Identität mit den Freunden glücklich gemacht. Identität mit Frauen und Männer, von denen wir höchstens eine Art ihres Wesens, eine Art sich zu geben, ein Profil kannten. Mit einer der Zeit entrückten Klarheit erinnere ich mich an Caféhäuser in Buenos Aires, in denen es uns für Stunden gelang, von der Familie und den Verpflichtungen freizukommen, wir betraten ein Territorium aus Rauch und Vertrauen in uns selbst und die Freunde. Wir fanden etwas, das uns mit den Problemen aussöhnte und uns eine Art Unsterblichkeit verhieß. Und dort, als Zwanzigjährige, sprachen wir unser hellsichtigstes Wort, lobten wir die tiefsten Gefühle, waren wir die Götter des halben Liters Bier und der kurzen Havanna."

Die Götter des halben Liters Bier und der kurzen Havanna – nicht nur wegen dieses Satzteils, sondern auch wegen der anderen 636 Seiten ein Schatz, dieses Buch, das auch zu denen gehört, die man meiner Meinung nach unbedingt lesen sollte.

Beth Nugent: Stadt voller Jungs



"That’s the point of every class I teach: What shift in your head can you make to get beyond your assumptions? What would it take?"
Beth Nugent lehrt Creative Writing und ist selbst Schriftstellerin. In dem verlinkten Porträt sagt sie außerdem:
"Art allows you to operate outside an external system of values. You’re painting butterflies or writing words on eggshells — and for that period of time you recognize that you’re living outside standards that other people set. It’s freedom in the most profound sense."

Diese Freiheit ist eine Freiheit, die das Innere hervorbringt und die Geschichten von Nugent sind deshalb erstaunlich, weil sie dies in aller Schlichtheit und ohne Pathos zu Wege bringen. Ich glaube, Nugent wird öfter mit Raymond Carver in Zusammenhang gebracht und wenn man die Geschichten gelesen hat, dann liegt das auch nahe. Hier mal zwei Auszüge:

(Kleine Opfer)
Ich habe einmal in irgendeinem Wartezimmer in einer Zeitschrift Bilder von einer Schönheitsoperation gesehen. Ich habe schnell weitergeblättert und bin dann darauf zurückgekommen. Ich konnte es kaum ertragen, sie mir anzusehen, aber es lag etwas Unwiderstehliches darin zu sehen, wie das Gesicht dieser Frau säuberlich auseinandergeschnitten und die Haut zurückgezogen war, so dass Muskeln, Blut und Knochen darunter zum Vorschein kamen. Als ihre Haut beschnitten und wieder zusammengenäht war, wobei die Stiche geschickt am Kinnbogen versteckt wurden, hat die Frau vermutlich jünger ausgesehen, aber in ihren Augen hat eine Angst aufgeleuchtet, die größer wirkte als auf dem Bild, das vorher gemacht worden war. Ich schrecke vor dem Gedanken zurück, mir meine Mutter so aufgespießt vorzustellen, aber ich lächle ihr zu.
"Das ist großartig", sage ich. "Ich finde, das ist eine großartige Idee."
"Dein Vater", sagt sie, "findet, dass es Geldverschwendung ist."

(Cocktail Hour)
Meine Eltern sitzen fröhlich am Tisch und planen die erste Cocktailparty, die sie in dieser neuen Stadt geben werden. Wenn ich daran denke, wie schnell meine Eltern neue Freundschaften schließen, und das mit meinen eigenen, langsamen, absehbaren Fortschritten vergleiche, kann ich mir vorstellen, dass ich ein Adoptivkind bin. Aber genau wie meine ähneln auch ihre Freunde in jeder neuen Stadt denen aus den vorigen: nervöse, hagere Frauen in schwarzen Kleidern und mit langen Fingernägeln und gesichtslose Männer mit sich lichtendem Haar, in weißen Hemden und dunklen Jacketts und Krawatten. Es ist beinahe so, als würde sie uns begleiten, eine Traube von Cocktailgästen, die in einer schwarzen Wolke dahinschleichen, welche uns über den Highway folgt. Schon wenige Wochen nach einem Umzug besuchen oder geben meine Eltern wieder Cocktailpartys, und heute Abend lächeln sie in dem goldenen Licht, während die Erde sich langsamer dreht zu den gleichmäßigen Bewegungen meines Vaters, wenn er aufsteht und sich wieder hinsetzt, und zu dem sanften, erregten Gemurmel ihrer Stimmen, als sie all die Namen ihrer neuen Freunde durchgehen.

Hier eine Rezension. Schade, dass es von Nugent schon so lange nichts mehr gegeben hat, aber ich las, dass sie dieses Jahr im Sabbatical ist, vielleicht, hoffentlich, schreibt sie an einem neuen Buch. "Stadt voller Jungs" jedenfalls sollte man unbedingt lesen.

Lesen lernen

Der glueckliche Loewe

Da ich nicht weiß, wie ich bei Herrn Kid ein Bild in einen Kommentar einbauen könnte, hier nun also in meinem Blog das Bild. Das Buch sah allerdings damals etwas anders aus, meine ich mich zu erinnern. Etwas mehr orange-gelb als rot. Aber mit der Erinnerung ist das ja so eine Sache. Es müsste sogar noch bei meinen Eltern herumfliegen, werde ich beim nächsten Besuch mal nachsehen. Wer weiß, vielleicht sind diese ersten Bücher tatsächlich prägend? Könnte erklären, warum ich - trotz objektiv gesehen recht widriger Umstände - doch recht glücklich bin.

Lesen gelernt habe ich erst in der Grundschule, da mein Vater der Leiter der Grundschule war und pädagogisch nichts davon hielt, es mir vorher beizubringen, weil ich mich dann in der ersten Klasse nur langweilen würde. Das Konzept ging auf: da ich es kaum erwarten konnte, endlich lesen zu lernen, fand ich Schule total spannend und wurde zudem zu einer guten Schülerin, auch wenn das ja nun wirklich nichts Cooles ist. Cool ist ja immer, wenn man in der Schule nicht gut war.

Neben den Büchern waren bei uns auch Schallplatten ein Hit. Das erwähnte ich ja letztens schon mit der Töpfchenhexe. Als er das las, brachte mich mein Bruder auch noch auf die "Lok 1414". Die fand ich ja auch ganz toll. Die konnte vor lauter Erschöpfung nicht mehr und schnaufte immer nur "Ich kann nicht mehr, ich muss doch noch Nachhause fahrn" oder so ähnlich. Daher habe ich dann vielleicht die zähe Natur, die mich beim Spinning die Bergetappen favorisieren lässt. Obwohl ich ja ganz neuerdings wenigstens schon so fit bin, dass ich auch ein paar Sprints und Runnings schadlos durchstehe, aber das ist ein anderes Thema.

Avoid losing your mind

moni.wasweissich[at]web.de

When in doubt, fuck it (Lennon)

Die Phantasie ist ein ewiger Frühling (Schiller)

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