Im Land der Opfer:
"So fordert Eppler nicht Solidarität von der Mitte, sondern für die Mitte. Sie soll nicht Opfer bringen für die Armen und die Umwelt, sie ist jetzt selbst Opfer. […] Doch wird die Bereitschaft zur Solidarität immer häufiger gerade von denen unterwandert, die sie am lautesten fordern – einfach, indem die Zahl der Ängstlichen, der Verlierer und Opfer beständig ausgedehnt wird: Arbeitslose, Rentner, Mittelschicht, Studenten, Autofahrer, Eltern, Kinder… Eine ganze Gesellschaft von Benachteiligten – das ist die linke Mehrheit.
Siehe zum Beispiel die von der SPD federführend getragene Sozialneid-Kampagne auf den Plakaten zum Bürgerentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Flughafens. Eine Mutter mit Baby auf dem Arm ("Wir lassen uns nicht auf den Arm nehmen", haha), eine alte Frau (berlinernd), ein Arbeiter (natürlich mit Helm), und die Botschaft: kein Flughafen für Superreiche. U. sagt, er werde aus Protest gegen die Unerträglichkeit dieser Kampagne mit "Ja" stimmen, das nenne ich mal konsequent. Ich habe mich derweil noch nicht entschieden, denn selbst wenn man das der Wahlbenachrichtigung beigefügte Heftchen liest, ist man genauso schlau wie vorher. Angeblich enthält dieses Heftchen Argumente von Befürwortern und Gegnern, in Wirklichkeit ist das Wort Argumente zu viel gesagt, denn Argumente spielen darin eine so geringe Rolle wie mittlerweile in fast allen politischen Kampagnen, die ja immer mehr auf das Tendenzielle, Atmosphärische setzen.
Um meine eigene Müdigkeit zu ergründen, ging ich in die Stadtbibliothek in der Brunnenstraße und lieh mir Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit" aus. (Wozu brauche ich einen Psychotherapeuten, wenn es Literatur gibt?) Vieles darin konnte ich nachvollziehen: "Aber ich weiß auch, dass solche Müdigkeiten nie grundlos eintreffen, sondern immer nach einer Beschwernis, im Übergang, in einer Überwindung. […] Die Müdigkeit als das Mehr des weniger Ich."
Dennoch fehlt dem Buch einiges, so zum Beispiel die Mutter aller Müdigkeiten, nämlich die Müdigkeit der Mütter, meistens vor allem im ersten Lebensjahr nach der Geburt eines Kindes, diese Müdigkeit, die das Einspielen aufeinander so prägt, die so sehr zum Anfang eines jeden neuen Lebens dazugehört, sie hätte so gut in diesen Versuch gepasst, schade.
Ich habe meine Chronik des Gelesenen wieder monatelang vernachlässigt und weiß nicht, ob ich sie noch rückwirkend nachvollziehen kann. Zuletzt Hervé Guiberts "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" gelesen, in dem er seine und die Aids-Erkrankung von Foucault beschreibt. Selbstentblößung und Preisgabe der Freunde, aber es ist, wie es ist, und warum soll er es nicht aufschreiben, ich habe nichts dagegen, zumal man bei der Lektüre so gut nachvollziehen kann, wie man Aids in den Achtzigern gesehen/ erlebt hat, all das Unerforschte daran, all die Mutmaßungen und Gerüchte, die aus dem Unerforschten entstehen.
Schreibt Fulbert Steffensky in "Mut zur Endlichkeit: Sterben in einer Gesellschaft der Sieger" über die alte paulinische Erkenntnis aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs: "Der Versuch, sein eigener Lebensmeister zu sein, sich selber zu erjagen und sich in der eigenen Hand zu bergen, führt in nichts anderes als in Vergeblichkeit und Zwänge. Der Zwang, sich selber zu gebären und sich durch sich selbst zu rechtfertigen, führt in Verzweiflung und in den Kältetod. Das, wovon wir eigentlich leben, können wir nicht herstellen: nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nicht die Vergebung, nicht die eigene Ganzheit und Unversehrtheit. Man kann sich nicht selbst beabsichtigen, ohne sich zu verfehlen. Man kann sich nicht selbst bezeugen, ohne der Verurteilung zu verfallen. Gnade ist also nicht der Differenzbegriff zwischen dem großen Gott und dem kleinen Menschen. Gnade heißt Befreiung von dem Zwang, sein eigener Hersteller zu sein."
Und so kommt ein ganz neues Leiden schon in junge und gesunde Menschenleben hinein: Totalitätserwartungen an das Leben, die Liebe und die eigene Leistung programmieren ihr Scheitern.
Im "Weltempfänger" muss ich mir einen Tisch mit zwei jungen Frauen schätzungsweise Anfang Zwanzig teilen. Sie wollen jetzt endlich auch in einem Loft leben. Sie sprechen über die tolle Yoga-Lehrerin Elke, die immer alles so schön krass formuliert: "Industriezucker macht abhängig!" Sie wollen überhaupt keinen Zucker mehr zu sich nehmen, sie finden das sehr wichtig, dabei sagen sie immer Industriezucker statt Zucker, wohl um mit dem Vorsatz "Industrie" schon zu betonen, dass er nur schlimm sein kann. Industriezucker als Grenzerfahrung ihres Daseins. Als mein Cappuccino kommt, schlagen sie mir allen Ernstes vor, ihn mit Honig zu süßen.
Ein Posting fast ohne Sozialklimbim, aber nur fast. Ich erhole mich.
wasweissich Impressionen des Tages - 15. Apr, 10:12