Fernweh & Heimweh

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Emily Haines singt Elliott Smith, "Between the bars."

(Drauf gestoßen à la recherche du "New moon")

Homeland Security wrecks a home

After five years, two pregnancies, and thousands of dollars in expenses, the government still insists their marriage is a sham.

Oh ja. Genauso. Das Chicagoer Büro für Homeland Security. Eines Tages werde ich einen guten Text schreiben, wie ich wegen derselben Homeland Security kurz davorstand, John zu verlieren. 1998 geheiratet, 2000 das Kind geboren, 2001 die Scheidung eingereicht, aber in drei Jahren Ehe keine Green Card bekommen. All die Jahre von einer "temporary license" zur nächsten gehangelt, Reisen nur mit "advance parole", also "auf Bewährung" möglich, und im Juni 2002 dann die Ankündigung in besagtem Büro der Homeland Security, dass man mich ausweisen werde, da ich ja innerhalb der "Bearbeitungszeit" schon wieder geschieden sei. Und auf die Frage, wie sie sich das denn mit meinem Kind vorstellen, für das ich immerhin die ganze Zeit und immer das Sorgerecht hatte, die Antwort: "Der ist amerikanischer Staatsbürger, der bleibt natürlich hier." Und dann im DuPage County Gerichtssaal der Richter, der sich den Riesenappendix an "medical records" in meinem Eilantrag, John mitnehmen zu dürfen, nicht einmal angesehen hat und meinen Antrag in unter zwei Minuten ablehnte ("We have the best health care in the world.") Wie egal es ihm so offensichtlich war, ein schwerkrankes Kind von seiner Hauptbezugsperson zu trennen. Egal, dass ich wochenlang an Johns Bett in diversen Krankenhäusern gewacht hatte, manchmal noch nicht einmal mit einer Pritsche im Zimmer, weil keine mehr frei war, also auf Stühlen geschlafen. Alles egal. Alles. Mein Anwalt danach mit dem legendären Satz: "You could have attached the bible, he wouldn't have looked at it. Judges are patriots and John is an American citizen." Und wie ich dann nicht mit sprichwörtlichen, sondern wortwörtlich sieben Sachen (zwei Rucksäcke, ein Koffer, ein Kinderautositz, ein Buggy, eine Bilderrolle und eine Bordtasche mit Windeln) ausgereist bin am nächsten Tag, bevor sie ein Ausreiseverbot an die Flughäfen verbreiten konnten, in der Nacht zwischen Büchern gesessen, "das kommt mit, das bleibt hier." Und wie meine Firma mir ad hoc zwei Flüge buchte (gut, dass ich in einem Reiseunternehmen gearbeitet habe, das uns mit exzellenten Beziehungen so schnell auf einen Flug bugsieren konnte) und mir die Tickets sogar großzügig schenkte ("You were a great addition to our team, we will miss you! But get the hell out of here as long as you can, you will be able to take so much better care of John in Germany. This country is the pits for sick people"). Wie ich mein Auto einfach auf dem Firmenparkplatz stehen ließ. Und wie ich meiner Kollegin und Freundin H. die Schlüssel zu meiner Wohnung gab, und sie uns gemeinsam mit Kollegin C. zum Flughafen fuhr. Wie wir zusammen bangten, ob John mit ins Flugzeug kommt, oder doch schon etwas am Flughafen vorliegt. Wie ich noch in München Angst hatte, wir würden bei der deutschen Passkontrolle zurückgeschickt, und wie der Beamte dort aber nur fröhlich sagte: "Willkommen in der Heimat", ahnungslos, welch wahre Worte er da sprach. Wie ich in München am liebsten den Boden geküsst hätte für die gelungene Flucht (das erste Mal in meinem Leben, dass ich diesen Impuls überhaupt verstanden habe). Und wie meine Freunde drüben meine Wohnung auflösten, Sachen verkauften und mir den Erlös überwiesen. Wie alle so hilfreich waren, die ganze Zeit. Wie meine Lieblingshose an dem Tag in der Reinigung war, und eine Freundin, die am anderen Ende von Chicago wohnte, später hinfuhr, und man ihr die Hose erst nicht geben wollte, weil die Leute mich ja kannten, aber meine Freundin so lange die Chinesin von der Reinigung bequatschte, bis sie die Hose erhielt, um sie mir dann nachzuschicken. Und wie ich am nächsten Weihnachtsfest feststellte, dass ich meine Lieblingsbaumkugeln im Keller liegengelassen hatte. Da war die Wohnung längst anderweitig vermietet. Den Text über ein Land voller Widersprüche: so prima Menschen einerseits und andererseits eine gnadenlose Bürokratie, die von nicht-so-prima Menschen betrieben wird. Nunja, das wird dann ein noch viel längerer Text als dieser.

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Chicago im Winter

Nach dem ersten Frost

Berlin ist, das muss man bei aller Liebe doch zugeben, in mancherlei Hinsicht scheiße drauf. Das Fehlen des essentiell notwendigen Pinkel zum Grünkohl mag als Exempel dieser wehmütigen Erkenntnis gelten.

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Gestern im Zug: eine Frau, ein Mann und ein Kind. Auf dem Weg nach Frankfurt waren sie, um von dort über Dubai nach Tansania zu fliegen, in seine Heimat. Die deutsche Frau mit einem Zweijahresvertrag für eine Stelle als Deutschlehrerin in der Tasche, das Kind ein dreijähriges Mädchen, das sich selber stillte: immer wieder lief sie zur Mutter, schob deren T-Shirt hoch und trank ein paar Züge, hüpfte dann weiter im Abteil herum und fragte immer wieder: "Warum macht der Junge so komische Geräusche?", womit sie natürlich John meinte. Heute um 14:30 Uhr sollen die Drei an ihrem Zielort ankommen und ich frage mich, wie die lange Reise wohl weiter verlaufen ist und wie die nächsten Jahre für die kleine afrikanisch-deutsche Familie wohl werden. Ich muss daran denken, wie mir die Frau erzählte, dass diese Zugfahrt der Beginn eines ganz neuen Lebens sei, dass sie alles dagelassen haben außer der Siebensachen, die sich mit uns im Abteil befanden. Sie hat sich richtig gefreut. Sie machte so einen präsenten Eindruck, ganz hier und ganz jetzt, ganz in diesem Moment des vorbereiteten und antizipierten Neubeginns anwesend, bereit, schon bei der Anreise zum Flughafen damit zu beginnen, jede Sekunde des neuen Lebens aufzusaugen. Wobei ihre Ausstrahlung der Präsenz letztlich vielleicht etwas trügerisch ist, rührt sie doch tatsächlich von Imaginationen her und veranschaulicht somit weniger die Anwesenheit im Moment, als vielmehr, welch kraftvolle Zuversicht (oder zuversichtliche Kraft?) im Versprechen einer neuen Zunkunft, eines komplett anderen Lebens liegt.

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Die Nachrichtenbilder der Aids-Konferenz in Toronto, im Hintergrund der CN Tower, und alle Empfindungen, zu denen diese Bilder der Aids-Konferenz mich führen, missachten das große Menschheitsproblem, konzentrieren sich stattdessen auf die Erinnerungen an wunderschöne Urlaubstage in Toronto, die Wehmut über das, was für immer sein sollte und doch nicht war, die Hoffnung (immerhin), auf den Mut (große Sache), zu einem neuen Anfang (wie soll das überhaupt gehen? Man kann sich keine Vorstellung machen). Wenn man diesen Buchtitel verstehen lernt: "The lowest blue flame before nothing."

(War ja klar, dass auf die erste Euphorie über die Entlastung gleich die Depression kommen muss, dass vier Wochen Ultrabelastung und Stress ihren Tribut fordern werden, in Form des berühmten Lochs, in das man fällt, wie erbärmlich vorhersagbar alles ist.)

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Ich liebe diese Nachrichten aus dem Büro meines früheren Jobs: "Jennifer is pregnant and due in November. Michelle is pregnant again and due in October. Reagan is pregnant again and due in November. And Pauline is pregnant too and due in October. I guess I better start drinking the water around here." Geht doch, wenigstens drüben.

Schöne neue Handywelt

Gerade spielen die Dresden Dolls im Metro in Chicago. Hier ist es 8:25 Uhr morgens, dort 1:25 Uhr nachts. Ich hörte soeben über Handy den Song "Gravity". Oder war es doch "Coin-operated boy"? Das mit dem Empfang muss noch besser werden. Ich glaube, es war "Good day".

Bars ("I'm a drinker with a writing problem")

Als ich für Jumpcut gerade Links zu Chicago suchen wollte, stieß ich doch tatsächlich auf eine Memoriamseite für das tolle Lounge Ax und wurde gleich ganz melancholisch: "Chicagoan Liz Phair could also be heard at Lounge Ax, including a memorable homecoming set following her success with Exile in Guyville and Whitechocolatespaceegg. During the show, Phair pulled up a girl fan from the front row and together they sang "Flower" in perfect harmony. If you have not heard this song, check it out."

[Sofort Liz Phair angestellt.] Beim weiteren Erforschen des Chicago Bar Projects treffe ich mehr alte Freunde: Empty Bottle, Double Door, Beat Kitchen, zwei Blocks entfernt habe ich mal gewohnt, sogar unser Halsted-Dive Clark Street Dog ist vertreten und Border Line, wo ich mit einer Kollegin in einer wunderbaren Nacht mal ganz merkwürdige Menschen kennengelernt habe... Äh, entschuldigt mich bitte, ich muss mich dann nochmal weiter durch die Bars klicken. [Und letzterer Satz ist, wenn man sich das überlegt, eigentlich ein klarer Fall für Ekel vor dem eigenen Verfall und somit für Nothing: wenn man sich durch Bars klickt anstatt hört und wippt und säuft.]

[Es sollte mehr Barbeschreibungen geben, das ist eine ganz tolle Sache. Ich bin für ein Berlin Bar Project, das wäre doch mal ein schönes, neues Gemeinschaftsprojekt.]

Was ich schon auch vermisse

Third Coast, Chicago Stammtisch

Avoid losing your mind

moni.wasweissich[at]web.de

When in doubt, fuck it (Lennon)

Die Phantasie ist ein ewiger Frühling (Schiller)

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Zuletzt aktualisiert: 17. Mai, 09:40

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