ABC des Miteinander

Pflegen (Die Zeit, die bleibt)

Panik, Paranoia, PFLEGEN

Letztes Jahr erlebte ich eine Zeit mit, die einer jungen Frau noch blieb. Diese Frau war wie ich 33 Jahre alt und mit mir in eine Jahrgangsstufe des Gymnasiums gegangen. Sie hatte in Tübingen studiert und in Chile. Zur Promotion war sie nach Cambridge gegangen, sie war fast fertig, als sie die Diagnose bekam, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Wir hatten nach dem Abitur sporadisch Kontakt zueinander gehalten, wussten, wo die andere sich gerade jeweils befindet und was sie studiert und arbeitet. Wir verstanden uns gut, tauschten mal zwischen Montpellier und Chile und mal zwischen Chicago und Cambridge schöne Emails aus. Trotzdem waren wir nie wirklich eng befreundet in dem Sinn, dass wir uns gegenseitig besucht hätten. Wir sahen uns höchstens, wenn wir beide unsere Eltern gleichzeitig besuchten. Trotzdem waren die Emails, die wir uns schrieben, alles andere als oberflächlich. Zu einer anderen Freundschaft fehlte uns vielleicht einfach die Grundlage, denn zu Schulzeiten hatten wir beide sehr unterschiedliche Strategien gewählt, in dem rauen Klima unseres Jahrgangs zu überleben. Wir waren beide sehr gut in der Schule, unser Jahrgang wurde allerdings von einer Bande von Kraftmeiern "regiert", die bestimmten, was cool war und was nicht, und gut in der Schule zu sein war verpönt. Da ein Teil der Kraftmeier auch noch aus meiner Klasse stammte, hatte ich schon frühzeitig angefangen, mich möglichst immer unterhalb jedermanns Radar zu bewegen und so gut es ging anzupassen. Sie dagegen war von Anfang an einfach für sich eingestanden, hatte ihr eigenes Ding gemacht und die Lästerei nicht nur ertragen, sondern mit Verachtung ihrerseits gestraft. Man sieht, wer von uns beiden die stärkere Person war. Wir hatten uns im Laufe der Zeit nach dem Abitur immer mehr aus diesen festgefahrenen Strukturen herausbewegt und einander angenähert, aber das wurde jäh unterbrochen.

Drei Jahre zuvor hatte sie Gebärmutterhalskrebs gehabt, aber war erfolgreich operiert worden. Sie hatte in Cambridge einen Litauer kennengelernt, den sie geheiratet hatte und sie wurde schwanger. Die Ärzte konnten nicht erkennen, dass der Krebs nicht ganz aus dem Körper war und sich durch die Schwangerschaftshormone nährte und wuchs. Als ihr Sohn ein paar Wochen alt war, fand man den Krebs, der aber schon in Leber und Lunge gestreut war. Sie machte eine Odyssee durch Krankenhäuser durch und begab sich zusammen mit ihrem Säugling schließlich zum Sterben zurück in ihr Elternhaus.

Anfangs hatte sie trotzdem noch eine kleine Hoffnung, den Krebs doch besiegen zu können. Sie schickte Emails, die ebenso traurig wie schön waren. Sie schrieb über sich, über ihren Weg, ihren Glauben, zu dem sie in Chile gefunden hatte. Ich fand es erstaunlich, wie ausführlich und kritisch sie sich in ihrer Situation mit der Wahl Ratzingers zum Papst auseinandersetzte: obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass auch unter den schlimmsten Lebensumständen das Interesse für die Dinge meistens nicht nachlässt, die einen schon immer interessierten, habe ich wie die meisten Menschen automatisch diesen Impuls, das verwunderlich zu finden. Sie schrieb, dass sie die deutschen Klassiker lese, weil ihr die Faszination der Literatur bisher eher verborgen geblieben war und sie sie nun aber doch noch kennenlernen wolle. Sie schrieb aber auch, dass ihre Welt immer kleiner werde, sie für alles Hilfe benötige, an Atemnot litt und ihr Baby kaum noch im Arm halten könne. Und eines Tages kam dann eine Email, in der stand, dass sie nun wisse, dass sie sterben wird. Sie habe ein sehr erfülltes Leben gehabt und mehr erlebt, als vielleicht andere, die sehr alt werden, sie könne daher ganz gut Abschiednehmen, nur schmerze sie, dass es ihr verwehrt bleibe, Mutter ihres Kindes zu sein.

Die Zeit, die ihr blieb, verlebte sie vollkommen entgegengesetzt zu Romain in François Ozons Film "Le temps qui reste": sie kommunizierte mit allen darüber, dass sie sterben werde, sie pflegte all ihre Kontakte, sie beendete noch ihre Promotion (in Cambridge erließ man ihr die mündliche Verteidigung, da sie natürlich nicht mehr reisen konnte), sie formatierte bei ihren Eltern ihre Dissertation über Amartya Sen und schrieb bis Tage vor dem Tod sogar noch eine deutsche Zusammenfassung für einen wissenschaftlichen Band. Sie schrieb für später Briefe an ihren Sohn, in denen sie ihm von ihrem Leben erzählt. Sie ging zurück zu ihrer Familie, die sie bis in den Tod pflegte und begleitete. Entgegengesetzter zu Ozons Porträt einer Zeit, die bleibt, hätte ihr Abschied nicht sein können.

Als ich sie das letzte Mal besuchte, saß sie zwischen Zetteln der BfA und erzählte, dass sie den ganzen Papierkram erledigen müsse, für ihren Mann und ihren Sohn, der dann ja eine Halbwaisenrente bekomme und sie scherzte sogar darüber, dass dieser Bürokratiekram natürlich extrem aufwendig sei, wenn man in unterschiedlichen Ländern gelebt und gearbeitet habe: bis man erstmal wisse, was wie angerechnet wird, das dauere, sagte sie so selbstverständlich, als redete sie über irgendetwas. Sie erzählte mir ihre ganze Krankengeschichte: durch das Stillen ihres Sohnes hatten sich die Krebszellen wie verrückt vermehrt. Hätte man wenigstens in der Schwangerschaft die Diagnose gehabt, dann hätte sie auf keinen Fall stillen dürfen und wer weiß, vielleicht wäre es dann noch heilbar gewesen, aber sie wisse, dass solche Gedanken nun auch nichts mehr nützten. Sie erzählte, dass sie sich einsam fühle, wieder in unserem Kaff und kaum jemand käme zu Besuch. Sie hatte gehofft, dass vielleicht ein paar der alten Lehrer mal vorbeischauen würden, aber es kam wohl nur einmal einer. Der belustigte sie allerdings mit dem Gesprächs-Intro: "So, dann erzählen sie mal von ihrer wechselvollen Biografie." Darüber haben wir beide noch ziemlich gelacht. Sie meinte, dass die meisten Menschen wohl Angst haben, jemanden zu besuchen, der stirbt. Aber das mache einsam.

Ich denke oft an sie, auch jetzt noch. Sie hatte Amartya Sens Capabilities Ansatz auf Behinderung bezogen untersucht, wie gerne hätte sie das neue Buch von Martha Nussbaum gelesen, die genau diesen Weg auch geht: wenn ich also das Buch von Nussbaum lese, dann muss ich natürlich sofort an sie denken. Und so geht mir das oft. Ihre Mutter erzählte mir, als ich sie kürzlich besuchte, von den letzten Tagen. Das war ein sehr bewegendes Gespräch. Ich habe das Gefühl, dass ich aus diesem Tod, dieser Zeit, die bleibt, lernen muss, unbedingt, aber ich bin irgendwie ratlos, gelähmt, weiß nicht wie.

Fragen (Eine Begegnung auf der Straße)

Familie, Fordern, Formen, FRAGEN, Freiheit, Friedlichkeit, Fürsorge

Ein junger Mann fährt alleine in seinem Auto durch die Stadt und sieht an einer Ampel im Rückspiegel, dass im Auto hinter ihm eine Frau am Steuer sitzt, die weint und schluchzt und offensichtlich völlig aufgelöst ist. Die Ampel wird grün, er fährt weiter, schüttelt das Bild der Frau schnell ab und versinkt wieder in seine eigenen Gedanken. Die Frau bleibt hinter ihm und an der nächsten Ampel wird der Mann erneut aus seinen Gedanken gerissen, er sieht wieder, wie sie sich schüttelt und schluchzt. Der Mann hat kaum Zeit zu überlegen, auch diese Ampel wird wieder grün und beide Autos fahren weiter.

Die Straße führt sie hinaus aus der Stadt, auf eine Bundesstraße. Die Frau hat keine gute Kontrolle über ihr Auto, fährt Schlangenlinien und oft gefährlich nah am Rand der Böschung. Der junge Mann überlegt nun, was er tun könnte. Hätte er an der ersten oder spätestens an der zweiten Ampel aussteigen sollen und zu der Frau hinübergehen? Wie oft denkt man sich, dass die Menschen viel zu verschlossen sind, viel zu wenig aufeinander achten, zu selten aufeinander zugehen? Und dann macht man es selbst genauso. Was wäre schon so schlimm daran gewesen, sie einfach zu fragen, ob alles in Ordnung sei, ob man ihr helfen könne, ob sie noch Autofahren kann? Immer diese Angst, diese Hemmschwelle, man könnte jemandem zu nahe treten, der vielleicht lieber alleine gelassen würde. Ist das falscher Respekt, der jetzt einen Unfall verursachen kann, mit unabsehbaren Folgen, fragt sich der Mann?

Auf der Bundesstraße wird eine Ampel sichtbar und der Mann hofft, dass sie rot sein wird, wenn er und die Frau im Auto hinter ihm dort ankommen. Er hat Glück, es wird rot und er springt aus dem Auto. Die Frau kurbelt ihr Fenster hinunter und der junge Mann sagt ihr, dass er sich Sorgen mache. Die Frau nickt nur. Sie beschließen, an die Straßenseite zu fahren. Dort sitzt der Mann dann auf dem Beifahrersitz und die unbekannte Frau erzählt ihm unter vielen Tränen, dass sie gerade zu ihrer besten Freundin gefahren sei. Sie hatte sich Sorgen um sie gemacht, denn sie sei in letzter Zeit so depressiv gewesen und gestern am Telefon hatte sie ganz komisch geklungen. Zuerst hatte die Frau gleich zu ihrer Freundin fahren wollen, den Gedanken dann aber verworfen. Heute Morgen dann sei sie hingefahren, es ließ ihr einfach keine Ruhe. Als sie bei der Wohnung der Freundin ankam, hat sie nur noch erfahren, dass die Freundin sich in der vergangenen Nacht das Leben genommen hat.

Nun fahre sie wieder nachhause, sagt die Frau. Der Mann erklärt ihr, dass sie so wirklich nicht Autofahren darf, das ist viel zu gefährlich. Die beiden unterhalten sich lange, da am Straßenrand. Es ist eine intensive Unterhaltung, wie man sie sich zwischen zwei völlig fremden Personen eigentlich kaum vorstellen kann. Der junge Mann erzählt der Frau, dass er gerade aus dem Krankenhaus kommt, wo am Vortag seine Tochter geboren wurde, sein erstes Kind. Seine Frau liegt noch im regulären Krankenhaus, aber ein paar schlechte Blutwerte des Säuglings haben dazu geführt, dass das Kind auf die Intensivstation des Kinderkrankenhauses verlegt werden musste. Nichts Ernstes, betonen die Ärzte. Aber deshalb habe er vermutlich so langsam reagiert. Die Frau raucht viel und erzählt noch eine Weile von ihrer Freundin. Sie beruhigt sich langsam.

Die Frau wohnt in einem ziemlich entfernten Ort. Sie nachhause zu bringen, würde lange dauern. Der junge Mann fragt sie, ob sie nicht jemanden auf dem Handy anrufen könne, der sie abhole. Sie sagt, sie habe das schon versucht, könne aber niemanden erreichen. Der junge Mann möchte gerne nachhause und in Ruhe bei den beiden Krankenhäusern, bei Frau und Kind, anrufen. Die Frau versichert, dass sie das alles von hier aus nun schon alleine schaffe, sie werde noch ein bisschen am Straßenrand im Auto sitzen bleiben, ein bisschen rauchen, sich weiter beruhigen und erst dann weiterfahren, wenn es wirklich ginge. Die beiden verabschieden sich.

Ebenso schnell, wie die intensive Unterhaltung begonnen hat, ist sie beendet. Ein tiefer Moment, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, man wird sich wahrscheinlich nie wiedersehen, das wissen beide irgendwie, sie wünschen sich alles Gute. Ein Moment am Straßenrand, der sich verflüchtigt. Der Mann steigt in sein Auto und fährt nachhause. Dort erfährt er, dass es Frau und Kind gut geht, nach wie vor kein Grund zur Sorge. Und in diese Erleichterung hinein fragt er sich, warum er nicht mehr Zeit für die Frau gehabt hat, es waren vielleicht 20 Minuten gewesen, die er größtenteils zuhörend auf ihrem Beifahrersitz verbracht hatte. Ob er die Frau nicht vielleicht doch besser noch nachhause gebracht hätte? Konnte sie wirklich abschätzen, wann sie wieder fahrtauglich ist? Alles richtig gemacht? Alles falsch gemacht? Irgendwas dazwischen? Wer weiß schon immer so genau, wo die Grenzen sind zwischen Aufdringlichkeit und Hilfe.

Nachbarschaft (Ein Feuer im Hinterhof)

Nähe, NACHBARSCHAFT, Nachfühlen, Neid

Where do you go with your broken heart in tow
What do you do with the left over you
And how do you know, when to let go
Where does the good go
Look me in the eye and tell me you don't find me attractive
Look me in the heart and tell me you won't go
Look me in the eye and promise no love's like our love
Look me in the heart and un break broken, it won't happen
It's love that breaks the seal of always thinking you would be
Real, happy and healthy, strong and calm
Where does the good go
How do you live so happily while I am sad and broken down

(Tegan and Sara: "Where does the good go?")

Im Hinterhof fing es um 21:37 Uhr an zu brennen. Es begann mit einer kleinen Explosion und einer Leuchtschwade, die sich plötzlich fast wie ein Atompilz vor meinem Fenster zeigte und verpuffte. Ich sah hinunter, dort lief der Nachbar, der im Erdschoss wohnt, wild im Hinterhof herum, verschwand ab und an in seiner Wohnung und schleppte Mobiliar und Dinge heraus. In der Mitte des Hinterhofes brannte ein Feuer, umringt von lauter Sachen aus seiner Wohnung.

Es war nicht ganz neu, dass sich der Nachbar, vielleicht Ende Vierzig, merkwürdig verhielt. Am Vortag hatte er, der sonst ganz friedlich ist, schon die ganze Zeit im Innenhof herumgeschrien, so laut, dass ich ihn identifizieren konnte, aber so leise, dass ich im dritten Stock nicht verstehen konnte, was er sagte. Als ich später einkaufen gehen wollte, stritt er sich gerade vor der Haustür mit unserem ehemaligen Hausmeister. Der Mann aus dem Erdgeschoss wirkte betrunken. Ich hatte ihn noch nie mitten am Tag betrunken erlebt. Außerdem verstand er sich mit dem ehemaligen Hausmeister normalerweise gut. Ich hörte im Vorbeigehen nur, wie der ehemalige Hausmeister dem Mann aus dem Erdgeschoss einredete: "Sie ist nicht wegen mir gegangen, sondern wegen dir, also pöbel mich nicht an." Der Mann aus dem Erdgeschoss lief daraufhin die Straße hinunter und grölte noch von weitem immer wieder.

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, weil er und seine Frau seit 17 Jahren in diesem Haus wohnen, wie sie mir einmal erzählt hatte. Erst vor kurzem, als unser Warmwasser über Nacht häufiger ausfiel, sagte sie zu mir im Treppenhaus: "Weißt du, wenn man verheiratet ist und sonst den ganzen Tag so viel um die Ohren hat, also, so in einer Ehe, da muss man ja auch manchmal nachts duschen." Das fand ich nachgerade süß, wie sie das sagte. Eben weil die beiden immer so unzertrennlich schienen, war ich am Vortag der festen Meinung, den überhörten Satz des ehemaligen Hausmeisters bestimmt falsch verstanden zu haben. Oder wenn ich ihn richtig verstanden hätte, so bedeutete er sicher nicht das, was er implizierte, da war ich mir ziemlich sicher.

Am nächsten Nachmittag allerdings wunderte ich mich, dass der Mann aus dem Erdgeschoss anfing, Sachen in den Hinterhof zu schleppen. Er baute sogar auf eine suspekt liebevolle Weise merkwürdige Konstruktionen, eine zum Beispiel aus Fahrradteilen und zwei Besen. Das sah so wild aus, dass ich es fast fotografiert hätte, aber dann wurde ich von meinem Sohn abgelenkt. Ich dachte: "Das ist morgen auch noch da." Falsch, denn noch am selben Abend zündete er das Feuer. Er wurde wohl doch von seiner Frau und Tochter verlassen. Beide hatte ich seit Tagen nicht gesehen und sonst begegnete mir mindestens eine von beiden jeden Tag.
Und der Nachbar machte anscheinend jetzt Schluss mit all den Dingen in der Wohnung. Er lief ziemlich betrunken wirkend zwischen den brennenden Teilen hin und her und ich traute mich nicht, hinunterzugehen, um ihn zu trösten oder irgendetwas gegen das Feuer zu unternehmen. Ich überlegte, ob ich einfach die Feuerwehr anrufen sollte, aber das erschien mir viel zu hinterrücks. Gerade, als ich überlegte, an den Wohnungstüren anderer Nachbarn zu klingeln, um Rat einzuholen, was wir am besten unternehmen sollte, hörte ich schon den älteren Mann aus dem ersten Stock im Treppenhaus. Er debattierte eine Weile mit dem betrunkenen Mann aus dem Erdgeschoss, aber der ließ sich anscheinend überreden, seine Aktion zu vertagen. Kurz darauf ging der Nachbar aus dem ersten Stock in den Hinterhof und löschte das Feuer des Mannes aus dem Erdgeschoss.

Zwei der Liebeskummer-Konstruktionen überstanden das Feuer, ich nannte sie "Die Reifenleiter" und "Der Doppelstaubsauger". Die erste Konstruktion eine Tritteiter mit den Springreifen der Tochter, die zweite ein Gebilde, beisdseitig von Staubsaugern flankiert, deren Schläuche der Mann aus dem Erdgeschoss an einem abgestorbenen Stamm hochdrapiert hatte und an die er dann zwei blaue Übertöpfe anbrachte, die an dem Stamm herunterbaumeln.

Leiter-mit-Springreifen

Doppelter-Staubsauger

Missverständnisse (Simply Roommates)

Mut, Milde, Melancholie, Missgunst, MISSVERSTÄNDNISSE, Mitgefühl

Vom Flughafen O'Hare nahm ich an einem späten Nachmittag den Zug nach Downtown Chicago und mietete mir ein paar Tage vor Beginn meines Praktikums beim Goethe-Institut in der Dunkelheit der fremden Stadt ein Zimmer im billigen YMCA an. Dort waren zwei Stockwerke an Obdachlose vergeben worden, die gerade unten im Eingangsbereich Halloween feierten, eine Szenerie, die für ein einigermaßen bizarres Willkommen in den USA sorgte. Auf dem Flur gab es siffige Sammelbäder, nachts klopfte es an meiner Tür, jemand redete diffuses Zeug, verschwand aber nach 20 Minuten wieder und ich machte das Finden einer akzeptablen Unterkunft zur ersten Priorität. Schon am nächsten Morgen fragte ich mich zu einer Mitwohnzentrale durch: Simply Roommates. Ich sah mir drei Zimmer an und entschied mich für eins in einer Dreier-WG sehr nah an der Innenstadt im schönen Goldcoast/Old Town Viertel. Ich wusste, dass ich mit einem noch auf dem nächsten Flohmarkt zu erstehenden Fahrrad bequem zum Goethe-Institut würde fahren können. Das Zimmer war zwar winzig, aber für meine Bedürfnisse ausreichend möbliert mit einem Bett, einem Schrank, einem Stuhl und einer Art Kommode, die auch als Tisch diente. Das Bett war für das Zimmer viel zu groß, ebenso der Schrank, dessen Türen nur halb gegen die Bettkante öffneten, ansonsten konnte man sich in dem Zimmer kaum umdrehen. Es war dafür aber sehr billig und in der ansonsten großen Wohnung gab es noch ein gemeinsames Wohnzimmer. Die beiden Mitbewohner Roger und David schienen sehr nett.

Nach zwei Nächten im YMCA zog ich in meine neue WG. Ich fand heraus, dass David aus Texas kam und vor ein paar Monaten erst für seine erste Anstellung als Anwalt in einer kleinen Kanzlei nach Chicago gezogen war. Roger dagegen war schon in Chicago geboren und arbeitete als eine Art Handelsvertreter, sein Lieblingsfilm war "Shawshank Redemption". Als wir beide einmal nichts vorhatten, sahen wir uns den Film zusammen auf DVD an. Wenn ich einen der beiden in der Küche traf, aßen wir zusammen und redeten über Musik, Filme, Chicago. Nette, normale Mitbewohner halt, die beiden.

Gerade zwei Wochen nach meinem Einzug kündigte sich schon Besuch aus Berlin an: ein Freund hatte spontan beschlossen vorbeizukommen, da er Chicago schon immer mal besuchen wollte. Nun war es mir etwas unangenehm, bei der billigen Miete und so kurz erst eingezogen, schon die Mitbewohner mit jemandem zu konfrontieren, der das Wohnzimmer belegte und überhaupt hatte ich ein großes Bett, was soll der Quatsch, da schlief der, ich muss das an dieser Stelle schon einmal für das spätere Verständnis des Missverständnisses sagen, platonische Freund halt einfach mit in meinem Zimmer. David und Roger stellte ich ihn als "a friend from Berlin" vor.

Tagsüber ging ich zum Praktikum, abends erkundeten wir die Stadt, nachts gingen wir in Jazz und Blues Clubs und nach einigen Tagen reiste mein Besuch wieder ab. Ein paar Tage nach seiner Abreise lernte ich einen sehr netten Amerikaner kennen. Wir gingen zusammen aus, landeten irgendwann in einer Bar namens Hairy Ape, wo wir uns erstmals küssten, nicht ganz so toll, wenn man später sagen muss, das erste Mal geküsst haben wir uns im haarigen Affen, aber nunja, da kann man nichts machen. Später gingen wir dann noch durch die kalte Stadt spazieren und als Referenz an meine Heimat in den Berlin Club. Dort saßen wir auf einem Sofa rum, so in erster Verliebtheit, und eine Frau blickte immer wieder zu uns her. Ich sagte: "I think this woman is checking you out" und mein Begleiter sagte: "You know, I have the feeling she is checking you out". Wie sich herausstellte hatten wir wohl beide Recht, denn nachdem wir wieder zu ihr geblickt hatten, um uns klar zu werden, was mit ihr los war, kam sie zu uns herüber und fragte ganz ohne Umschweife: "Are you up for the three of us going home together?" Also, in diesem Chicago hatte ich noch nichts von dem Puritanismus gemerkt, den man den Amerikanern immer nachsagt. Ich ging dann aber doch lieber mit dem tollen Mann alleine nachhause.

Am nächsten Morgen lernte er in der Küche zufällig David und Roger kennen, als wir uns alle auf den Weg zur Arbeit machten. Abends lief mir David in der Wohnung über den Weg und auf meine Frage "Hi David, how was your day?" erhielt ich weder Gruß noch Antwort. Dann lief er noch einmal wortlos im Flur an mir vorbei. Später abends traf ich Roger und im Verlauf unserer Unterhaltung fragte ich, ob er wisse, was denn mit David los sei. Roger sagte: "I haven't talked to him, but I know he is very religious. Didn't you ever see that he keeps a bible in his nightstand?" Nein, ich hatte noch nie gesehen, dass er eine Bibel in seinem Nachttisch hatte und was Davids Religiösität mit seiner Schweigsamkeit zu tun hatte, war mir auch nicht klar. Da fragte Roger mich aber auch schon, ob ich denn mal seine Urlaubsfotos sehen wollte, er war über Thanksgiving vier Tage auf einer Kreuzfahrt in der Karibik gewesen. Ich folgte ihm in sein Zimmer und er holte diesen Riesenpacken Fotos hervor und näherte sich mir grinsend-verschwörerisch: "I didn' t want to show you these photos before, but since you had this guy stay over so soon after your boyfriend left, I thought you might enjoy these." Auf dem ersten Foto viele nackte Menschen auf einem Boot und auf den anderen änderte sich daran nicht viel, außer variierender dargestellter Aktivitäten. Nach ein paar Bildern sagte ich ihm, dass er da wohl was missverstanden habe, gab ihm die Fotos zurück und übte mich in der Situation 'würdevoller Abgang in unangenehmer Lage'.

Am nächsten Morgen versuchte ich Roger aus dem Weg zu gehen, während ich gegenüber David wenigstens gerne klargestellt hätte, dass der Mann aus Berlin doch gar nicht mein Boyfriend gewesen war, aber David ging wieder so versteinert an mir vorbei, als sei ich gar nicht anwesend. An einem Tag wohnte ich mit David und Roger zusammen, zwei normalen Mitbewohnern, am nächsten mit einem Swinger, der mich massiv anbaggerte und einem Fundamentalisten, der mich nicht einmal mehr grüßte. Welcome to America. Und das alles eigentlich noch aufgrund eines Missverständnisses. Nachdem sich die Lage auch in den nächsten beiden Tagen nicht entspannte, weder bei Roger noch bei David, nahm ich das Angebot des charmanten neuen Freundes an, doch lieber zu ihm zu ziehen.

Würde (Gänge nach Canossa)

Wankelmut, Warmherzigkeit, Wehren, Wertschätzen, WÜRDE

Nach meiner Hochzeit händigte ich beim "Immigration and Naturalization Service" (heute: "Homeland Security") in Chicago sofort die Unterlagen für die Green Card ein, damit ich möglichst schnell eine Arbeitsgenehmigung bekomme. Ich erhielt nach vier Wochen einen Termin, stundenlanges Warten war natürlich selbstverständlich, aber ich freute mich, dass ich nun eine ganz offizielle "Alien Registration Number" hatte, der erste Schritt, und außerdem im Besitz einer temporären Aufenthaltsgenehmigung und einer temporären Arbeitsgenehmigung war, die beide für ein Jahr ausgestellt wurden, innerhalb dieser Frist sollte der Antrag letztgültig bearbeitet werden. Zusätzlich zu den etwa 600 Dollar für den Antrag kosteten die temporären Genehmigungen je über 100 Dollar. Auflage meiner Aufenthaltsgenehmigung war es, dass ich das Land nicht verlassen darf, beziehungsweise ich durfte es zwar verlassen, aber mit der temporären Genehmigung nicht wieder einreisen, was am Ende gleichbedeutend damit war, dass ich nicht ausreisen konnte, es sei denn ich wollte meinen Mann jahrelang nicht sehen.

Ein Jahr verging, ohne dass mein Green Card Antrag bearbeitet wurde und die temporären Genehmigungen drohten auszulaufen. Also stellte ich mich wieder in die Schlange draußen vor dem INS-Gebäude, die sich - bei sengender Hitze im Sommer wie bei eisiger Kälte und in Schneebergen im Winter - jeden Tag um den ganzen Block schlingt und in der sechs Stunden Wartezeit keine Ausnahme sind. Drinnen teilte man mir mit, dass ich neue temporäre Genehmigungen für wieder je über 100 Dollar bekommen könnte. Ein einfaches, aber herrliches System der INS: man bearbeitet die dauerhaften Anträge einfach nicht und im Gegenzug kassiert man dann jedes Jahr erneut ab für temporäre Genehmigungen. Leider hatte ich auf verschiedenen Internetseiten in der Zwischenzeit gelesen, dass die offiziellen Angaben zu den Bearbeitungszeiten in Chicago leider nie zutreffen und die durchschnittliche Zeitdauer bei drei-dreieinhalb Jahren liegt.

In den folgenden Monaten telefonierte und schrieb ich, bat um Bearbeitung, denn ich wollte gerne meine Familie und Freunde in Deutschland besuchen. Nach anderthalb Jahren der nutzlosen Anfragen und des immer stärker werdenden Bedürfnisses, endlich auch einmal wieder nach Deutschland zu fliegen, anderthalb Jahre, in denen wir zudem noch nicht einmal über die nahe Grenze nach Kanada in Urlaub fahren konnten, entschied ich mich für einen Sonderantrag. Wie ich nämlich herausfand, gab es für weitere 100 Dollar einen Reiseantrag, der interessanterweise "Advance Parole" heißt. Bei der Registrierung war ich zur Außerirdischen geworden, beim Sonderreiseantrag musste ich nun sehen, ob man mich auf Bewährung rauslässt. Das Problem mit der Advance Parole ist, dass man überhaupt nicht weiß, ob der Antrag bewilligt wird, auch wenn man sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen, es liegt ganz in der Hand des Sachbearbeiters, an den man dort gerade zufällig gerät, das Geld wird aber in jedem Fall immer einbehalten.

Ich schaffte es, ich kam auf Bewährung raus und verbrachte meinen Jahresurlaub, der aus 10 Arbeitstagen bestand, endlich wieder einmal in Deutschland. Durch die so lange und ununterbrochene Abwesenheit hatte ich mich erschreckend weit entfernt. Als ich landete, kam mir alles ganz komisch vor, die Straßen so eng, die Häuser so klein, ich fühlte mich wie wenn man etwas nach ganz langer Zeit wiedersieht, was man als Kind einmal gesehen hat und man plötzlich merkt, dass es längst nicht so groß ist, wie man es als Kind gesehen hatte. Vorher war mir nie klar, dass man durch das viele Fliegen hin und her doch immer, auch wenn die Aufenthalte kurz sind, eine gewisse Erdung und Rückversicherung erhält, als ob man durch einen kleinen Trip nach Deutschland sein inneres System updatet und mir fehlten diese Updates, aber die Reise reichte aus, die Entfremdung zumindest etwas wieder abzubauen.

Das zweite Jahr ging zu Ende und noch immer gab es keine letztgültige Bearbeitung meines Green Card Antrags. Ich erneuerte wieder meine temporären Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Mein Sohn wurde als amerikanischer Staatsbürger geboren, aber ich schwamm noch immer in den brackigen Wassern der INS-Untiefen. Ich holte eine zweite Reisegenehmigung, denn natürlich gilt die Genehmigung des Verreisens auch nicht etwa gleich für die ganze Bearbeitungsdauer, und flog mit meinem drei Monate alten Sohn über Weihnachten nach Deutschland.

Als mein Sohn anderthalb Jahre alt war, wollte ich gerne wieder einmal zu meinen Eltern fliegen, noch immer nur temporäre Genehmigungen, mittlerweile hatte man mir mitgeteilt, dass meine Akte leider unauffindbar war und ich hatte den gesamten Antrag neu gestellt, also musste auch wieder eine Advance Parole her. So nahm ich mir einen Tag des kostbaren Urlaubs und stellte mich morgens um sieben Uhr mit meinem Sohn in die Schlange vor dem INS-Gebäude. Es war kalt, mein Sohn weinte, viele andere Kinder in der Schlange weinten. Vor mir stand ein netter Pole, der mir sagte, er warte schon sechs Jahre auf die Bearbeitung. Nach zwei Stunden wurden Papiernummern verteilt, kaum zehn Leute hinter mir gingen der INS-Mitarbeiterin die Nummern aus, für diesen Tag waren das alle, deren Anliegen angehört werden konnte, der Rest der Schlange hatte vergeblich gewartet und konnte wieder nachhause gehen und am nächsten Tag früher wiederkommen. Die Schlange bewegte sich im folgenden langsam vorwärts. Irgendwann kamen wir endlich in das Innere des Gebäudes, wo es zumindest warm war. Gewissentlich wurde der Buggy meines Sohnes auseinandergenommen und unser Tascheninhalt untersucht. Die Sicherheitskontrollen am Eingang der INS stellen jeden Flughafen in den Schatten. Wir wurden in den ersten Stock verwiesen.

Oben angekommen fragt man nach meinem Anliegen. Ich weigere mich innerlich gegen die Formulierung Advance Parole und sage: "I would like to get a travel permit." Die Frau hinter dem Schalter erwidert: "So, you mean that you wanna file for advance parole, right?" Right. Sie teilt mir mit, dass ich als erstes bezahlen müsse und ob ich mir auch sicher sei, denn das Geld bekäme ich auf keinen Fall wieder. Das weiß ich und lasse mich nicht abwimmeln. An der Kasse ist nichts los. Die Frau hinter der Kasse tippt Schecks in den Computer ein. Sie sieht mich warten, mitsamt quengelndem Kind, sie blickt mir direkt in die Augen, sagt: "you have to wait", blickt dann wieder auf den Bildschirm und tippt weiter. Wir stehen da, sie tippt und tippt. Zwischendurch guckt sie immer wieder hoch und mir direkt in die Augen. Das ist ein ganz tolles Spiel. Ich habe hier schon zweimal gesehen, dass sich jemand gegen die Behandlung muckste und gleich aus dem Gebäude rausgeworfen wurde, also lasse ich ihr ihre Macht und irgendwann nimmt sie mein Geld entgegen.

Ich dringe weiter vor, einen Stock höher werden die Reisegenehmigungen bearbeitet. Zwei Stunden sitzen wir dort in einem Warteraum. Dann werden plötzlich eine Reihe von Namen aufgerufen, meiner ist dabei, und uns wird gesagt, dass wir in einen anderen Warteraum verlegt werden. Warum wird nicht gesagt. Wir folgen dem Sicherheitsbeamten den Gang hinunter und gehen in einen kleinen Raum. Eine Aufseherin setzt sich ganz vorne in den Raum, die Tür bleibt offen. Mein Sohn läuft nach draußen, so langsam wird ihm das Warten langweilig und er will sich bewegen. Ich gehe mit ihm auf den Gang, dort liegen direkt vor dem Freight Elevator ein paar leere Kartons herum, die offensichtlich auf Entsorgung warten. Mein Sohn steckt seinen Kopf in einen Karton und fängt an, mit den Kartons zu spielen. Die Aufseherin kommt uns nach und verbietet das Spielen auf dem Gang. Wir sollen gefälligst wieder in den Warteraum kommen.

Dort drückt mein Sohn erstmal seine Windel voll und ich frage nach einer Wickelstation. Die Aufseherin sagt, dass es keine gebe. Und zwar im ganzen Gebäude nicht. Dazu muss man wissen, dass es in den USA eigentlich wirklich überall Wickeltische gibt, selbst in den kleinsten Lokalen und abgewracktesten Motels, die Kinderfreundlichkeit ist ja nun eigentlich eins der Dinge, die in den USA wirklich sehr auffallend positiv sind im Gegensatz zu Deutschland. Bei all den vielen Kindern, die die Menschen notgedrungen mit zur INS bringen, kann ich es gar nicht glauben, dass es nicht einen einzigen Wickeltisch gibt. Ist aber so, und ich wechsel die Windel in dem Wartezimmer, wo sich alle über den Gestank freuen können. Die Aufseherin sagt süffisant: "Well, I suggest you can write a note that you recommend changing tables to be installed."

Was es bei der INS auch nicht gibt, sonst aber wirklich überall, sind Essens- und Getränkeautomaten. Wenn man für den Tagesausflug nichts zu essen oder trinken mitbringt, dann hat man wirklich ein Problem. Ich denke, das Fehlen dieser sonst omnipräsenten Bestandteile des amerikanischen Alltags kann kein Zufall, sondern muss tatsächlich Methode sein.

Irgendwann am Nachmittag komme ich an die Reihe. Die Sachbearbeiterin blickt durch all die Verwicklungen mit der verlorenen und neu eingereichten Akte nicht durch und will meinen Reiseantrag ablehnen. Ich kämpfe. Die INS hat meine Akte verloren, das ist doch nicht meine Schuld, das kann doch nun kein Grund dafür sein, dass ich nicht mehr reisen darf. Sie sagt: "But I don't unterstand all that has happened here." Ich erkläre und erkläre, wie das alles gewesen ist in den letzten drei Jahren. Zum Schluss hatte ich das Büro des demokratischen Senators von Illinois, Dick Durbin, eingeschaltet. Erst da war wieder Bewegung in die Sache gekommen. Ich nenne ihr einen Mitarbeiter des Senators, der für meinen Fall zuständig ist und diese ganze Senatorensache macht sie dann etwas nervös und am Ende stellt sie mir eine Reisegenehmigung aus. Ich verlasse das Gebäude um 16 Uhr, mittlerweile geschieden, aber immer noch im Sumpf der temporären Genehmigungen.

Letztens rief ich mal in Frankfurt an und erfragte die Situation, da ich ja nun auch schon seit einiger Zeit wieder in Berlin lebe. Dort teilte man mir mit, dass meine Akte nicht mehr gültig sei. Wenn mein Sohn 18 Jahre alt wird, könne er als Staatsbürger für mich einen Green Card-Antrag stellen. Aha. Wenn die wüssten, dass mein Sohn in seinem Leben keinen einzigen Antrag wird stellen können. Das wiederum ist viel trauriger.

Zurück zur INS. Das außerirdische und kriminelle Vokabular der INS steht schon auch dafür, wie man dort behandelt wird. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich in meinem Leben noch nirgendwo so konsequent erniedrigend behandelt wurde wie bei jedem einzelnen Besuch im INS-Gebäude. Eine ehemalige Kollegin von mir hat einen Iren geheiratet, sie haben mittlerweile drei Kinder und seine abgelehnte Advance Parole führte dazu, dass er zwischenzeitlich sechs Jahre lang nicht in Irland gewesen ist. Ich kann mich bei allen nervenaufreibenden Problemen in all den Jahren eigentlich noch glücklich schätzen.

Siehe auch hier.

Erwachsenwerden (Erfahrungen in Montpellier)

Ehre, Ehrgeiz, Ehrlichkeit, Eifer, Einfallsreichtum, Eingebung, Einsamkeit, Empfindlichkeit, Engagement, Entrücktheit, Entschlossenheit, Entwickeln, Erinnern, Erkenntnis, Erniedrigen, Erschrecken, ERWACHSENWERDEN, Erziehen

Nach dem Abitur wollte ich nicht sofort studieren, sondern erst die Welt entdecken und hatte mich zu diesem Zweck ausgerechnet für einen Au-Pair-Aufenthalt in Südfrankreich entschieden. In unserer Kleinstadt gab es ein Busunternehmen, das im wöchentlichen Turnus in die Touristenburgen Malgrat und Lloret de Mar in Spanien fuhr. Das Unternehmen nahm mich unter der Hand für fünfzig Mark auf einem aus Versicherungsgründen unverkäuflichen Platz mit und wir hatten abgemacht, dass sie mich an einer Raststätte in der Nähe von Montpellier aussetzen. Von dort sollte mich eine Tante abholen, die in einem Vorort von Montpellier wohnte.

Im Bus stellten die Urlauber schon nach knapp zwanzig Kilometern Schnapsflaschen auf die kleinen, ausklappbaren Plastiktischchen, um schnellstmöglich die Sauftour zu beginnen, die erst mit der Rückkehr enden sollte. Diese Urlauber waren dem Ballermann um Jahre voraus, ihr Ziel war es, eine Woche lang die Betrunkenheit auf einem solchen Level zu halten, dass sie die Zeit ausgiebig dazu nutzen konnten, alles mögliche zu tun, dass sie sich nüchtern und zuhause nie trauen würden. Ich war sehr glücklich, als wir in den frühen Morgenstunden an der verabredeten Raststätte ankamen und verließ erleichtert den Bus.

Meine Tante holte mich ab und brachte mich zwei Tage später zu meiner Au-Pair-Familie. Diese Familie war sehr reich und lebte in einem kleinen Dorf fünfzehn Kilometer von Montpellier entfernt in einer Villa, die malerisch auf einem Berg situiert war. Im Garten befand sich ein wunderbarer Swimming Pool. Der Mann war Direktor der größten Bank Montpelliers, die Frau versorgte offiziell die drei Kinder: Zwillinge im Alter von dreieinhalb Jahren und ein Baby im Alter von 6 Monaten. Die Frau stammte aus einer alten Adelsfamilie und erzählte mir, dass sie in einem Schloss aufgewachsen sei. So weit, so gut. Alles machte auf den ersten Blick einen überaus schönen Eindruck.

Etwas geschockt war ich, als man mir mein "Zimmer" zeigte: eine kleine Kammer war das, im Sousparterre gelegen mit einem kleinen Schachtfenster. Man hatte ein Hochbett hineingebaut, damit auf dem Boden überhaupt noch Platz zum Bewegen blieb. Leider war es bei der Hitze oben im Hochbett unerträglich und ich schlief dann doch mit der Matratze, die den gesamten Bodenraum einnahm, auf dem Fußboden. Schon in den ersten Tagen bemerkte ich die unerbittliche Erwartungshaltung der Frau. Ich sollte von morgens bis abends die Kinder versorgen, in der Mittagszeit hatte ich zwei Stunden frei. In diesen zwei Stunden konnte ich aber höchstens durch die brütende Hitze vom Berg ins Dorf hinunterspazieren, genau einen Kaffee trinken und wieder zurückgehen. Ihr Auto wollte die Frau mir nicht geben. Sie sagte, ich könne am Wochenende schließlich ins Dorf gehen und einen Bus nach Montpellier nehmen, das wäre dann doch ein schöner freier Tag. So saß ich sechs Tage die Woche auf dem Berg fest.

Der Mann war eigentlich nie anwesend. Er kam abends spät und ging morgens früh. Als die Kinder mich genügend kennengelernt hatten, ließ die Frau mich immer häufiger mit ihnen alleine. Wenn ich das Baby wickelte, lief ein Zwilling in die eine Richtung, der andere in die entgegengesetzte und ich verbrachte meine Zeit damit, sie ständig wieder einzufangen. Der schöne Pool stellte sich dabei als besonders problematisch heraus. Selbstverständlich zog es die Kinder magisch dorthin, aber sie konnten natürlich noch nicht schwimmen. Ganz alleine mit den drei Kindern hatte ich eine Heidenangst, dass mir eines der Zwillingskinder dort ertrinken könnte, wenn ich gerade mit dem Baby oder dem anderen Zwilling beschäftigt war. Aber die Frau sagte mir nur, darauf müsse ich eben schon aufpassen, dafür sei ich schließlich da. Den Pool einzäunen oder abgrenzen wolle man nicht, das sähe nicht gut aus.

Beim Mittagessen schrie das Zwillingsmädchen plötzlich nach einem Löffel, obwohl sie eigentlich gar keinen gebrauchte. Aber sie schrie immer weiter danach. Da sah mich die Frau sehr vorwurfsvoll an und fragte, wie lange ich das Kind denn noch bitten lassen wollte, bevor ich in die Küche ginge um einen Löffel zu holen. Ich wusste zum einen, dass das Mädchen sonst auch schon alleine die Besteckschublade öffnete, sie sich ihn also auch selbst hätte holen können und zum anderen fand ich es auch unsinnig, einem so unsinnigen Gehabe des Kindes einfach nachzugeben. Um des lieben Friedens willen lief ich also aber in die Küche, holte einen Löffel, gab ihn dem Kind und erfuhr dann, wie triumphierend einen ein dreieinhalbjähriges Kind schon ansehen kann. Den Löffel benutzte sie natürlich für gar nichts, sondern legte ihn nur siegesstolz auf den Tisch. Diese Art der Erziehung, beziehungsweise ihres Nichtvorhandenseins war mir ein Rätsel. Sie hatte aber wohl mit Dienstbotenmentalität zu tun, denn an meinem freien Tag hörte ich aus meinem Zimmer heraus auch einmal das Zwillingsmädchen nach etwas schreien und die Mutter sagte nur, sie solle es sich doch selber holen. So kann man Kindern auch ein Menschenbild zweier Klassen vermitteln: das Au Pair darfst du gerne für dich springen lassen, bei mir geht das aber nicht.

Die Frau war Hobbypilotin. Eines Tages stand ich fix und fertig mit den Kindern im Garten, als ein Sportflugzeug über unsere Köpfe flog und der Zwillingsjunge auf dem Rasen tanzte, in die Luft zeigte und freudig rief: "C'est maman, c'est maman!" Ich konnte nur verbittert denken: "Ja, vielleicht ist sie das wirklich, aber um dich kümmert sie sich nicht", denn das hatte ich mittlerweile festgestellt, dass die Mutter keinerlei Geduld für oder wirkliches Interesse an ihren Kindern hatte, zumindest nicht, wenn es irgendeine Art von Engagement ihrerseits erforderte oder ihre zahlreichen Freizeitpläne störte.

In diesem Moment, als der Junge "C'est maman" rief und wir alle in den Himmel starrten, merkte ich endgültig, dass diese Au-Pair-Idee schlecht gewesen war und dass eine Weiterführung nur aufgrund der Tatsache, dass man sich das vorgenommen hatte, wirklich sinnlos war. Am Abend unterbreitete ich der Frau, dass ich gehen würde. Es erging mir mit meiner Entscheidung wohl ähnlich wie der Frau: mit den Kindern festzusitzen durchkreuzte meine Vorstellungen. Mit Welt entdecken hatte Gefangensein auf einem Berg mit zwei vernachlässigten, verwöhnten und unerzogenen Rotznasen, einem schreienden Baby und einer arroganten Adelsherrin, die mir tatsächlich sogar verbieten wollte, in meiner Freizeit in ihrem Garten Benoîte Groults "Salz auf unserer Haut" zu lesen, so ein Buch wolle sie in ihrem Haus nicht sehen, also mit Welt entdecken hatte all das gar nichts zu tun, dachte ich mir. Obwohl es natürlich auch ein Teil der Welt ist und mir im nachhinein einige Einsichten gebracht hat.

Ganz aufgeben und zurück nach Deutschland reisen wollte ich aber auch nicht. Also suchte ich mir mithilfe eines Schwarzen Bretts ein billiges WG-Zimmer mitten in Montpellier, schrieb mich an der Universität ein und suchte mir einen anderen, wesentlich weniger zeitaufwändigen Babysitterjob, um das nötige Geld für die Miete und den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich wohnte nun also erstmals in einer WG, wie man sich das aus Büchern und Filmen so vorgestellt hatte, mit einer völlig verdreckten Küche, in der sich das Geschirr stapelt und in der lange Zeit keiner mehr die Soßenränder auf den vollgestellten Arbeitsflächen und die Tomatenspritzer auf den Tapeten weggeputzt hat. Ich wohnte zusammen mit einer schwarzen Studentin aus der Réunion und einem jungen Mann, der vor nicht allzu langer Zeit aus La Rochelle nach Montpellier gezogen war. Diese Geschichten über das Leben in der Réunion, das schien mir schon eher wie Welt entdecken.

Wir wohnten direkt um die Ecke der Fußgängerzone, ich kaufte dort jeden Tag in derselben Boulangerie leckere Sacristains ein und unterhielt mich mit dem Bäcker. Mit meinen Mitbewohnern freundete ich mich an, sie kannten beide auch noch nicht viele Leute in Montpellier. Wir gingen oft zusammen in die Diskothek "Rockstore" und lernten dort neue Leute kennen. An einem Abend spielten Rita Mitzouko auf dem zentralen "Place de la Comédie", es war eine wunderbar laue Nacht und ich genoss es, hier zu sein, genau jetzt, genau hier, mit dieser zusammengewürfelten Gruppe von Mitbewohnern und neuen Unibekanntschaften, mit denen ich dort war. Christoph, der männliche Mitbewohner, nahm mich mit auf Partys, wir ließen uns durch die Nacht treiben, fuhren mit Freunden von Bekannten, die wir auf einer Party kennengelernt hatten, an den Strand und dann woanders hin, in den Morgenstunden wussten wir nicht mehr, wo wir genau waren und wie wir von dort nachhause kommen konnten, aber es war uns herrlich egal. Aber irgendetwas war an der ganzen Situation trotzdem nicht richtig. Ich wusste nicht, was es war, aber irgendetwas störte mich.

Eines Morgens stand ich auf dem kleinen Balkon meines Zimmers und überblickte aus dem vierten Stock den dreispurigen Boulevard unter mir, auf dem immer viel Verkehr war. Cabrios, Roller, Kleinwagen, alle Autofahrer hatten ihre Fenster geöffnet und von oben sah man überall nur heraushängende Arme. Ich dachte mir, wie komisch es war, dass all diese Menschen in den Autos schon so mittendrin waren in ihrem Tag, wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit. Sie lebten in ihrem Alltag, sie gehörten hierher, während ich zwischen lauter Fremden lebte, an die Uni ging, Kinder hütete, um Geld zu verdienen, aber doch irgendwie in den Tag hineinlebte, denn einen wirklichen Sinn hatte das alles nicht. Ich fragte mich, was das wohl alles für Menschen waren, in diesen Autos und auf diesen Rollern. Hatten sie ihr Leben lang schon in Montpellier gewohnt? Wie dachten sie über ihr Leben, wie orientierten sie sich darin, wie sahen sie ihre eigene Rolle? Absurd. Da fragte Christoph mich aus der Tiefe des Zimmers: "Qu'est-ce qui se passe? La vue n'est pas si belle, hein? Qu'est-ce que tu fais là?" Wahrscheinlich war das der Moment, in dem ich merkte, was nicht stimmte. Ich fühlte mich entfernt. So viel ich auch mit all den neuen Bekanntschaften unternahm, es war alles sehr oberflächlich und es hatte nichts mit mir, wirklich mit mir, zu tun. Meine mir selbst etwas lächerlich vorkommenden, existentialistischen Anwandlungen konnte ich aber nicht mit Christoph teilen. Ich drehte mich zu ihm um und sagte nur: "C'est rien. T'as envie d'aller à la plage?"

Ich beschloss, zurück nach Deutschland zu gehen, denn wenn ich auch nicht viel einzuordnen wusste, so hatte ich doch gemerkt, dass ich nicht hierher gehörte. Abgesehen davon, dass mir auch das Geld ausging. Es dauerte etwa eine Woche, bis ich im nächsten Bus zurückfahren konnte. Am Tag vor meiner Abreise begegneten Christoph und ich uns in der Küche, er sah mich merkwürdig an und sagte nur: "Ça approche." Ich wusste, dass er meine Abreise meinte und ich wusste auch, dass er gar nicht verstand, warum ich plötzlich abreisen wollte. Ich sagte nur: "Oui". Wie ich mit neunzehn war, erscheint mir heute ein Rätsel, vor allen Dingen wie zum Teufel ich dachte, dass ich mich mit jemandem verstehen kann, wenn ich mich nicht mitteile.

Für die Rückreise musste ich zunächst nach Lloret de Mar in Spanien reisen, um dort in den Bus zu steigen. Bei der Abfahrt fehlte eine Reiseteilnehmerin. Es stellte sich heraus, dass sie am Abend zuvor ihren Freund betrogen hatte, woraufhin er sie aus dem Hotelzimmer warf und nun war sie unauffindbar. Er sagte volltrunken: "Wenn ihr sie findet, neben mir sitzt die nicht!" Die beiden Busfahrer und ich, die einzigen nüchternen Personen, fanden die Frau, volltrunken im Zimmer eines Engländers liegend, schleppten sie mit zum Bus, arrangierten die Sitzordnung neu und dann ging es los, zurück nachhause. Von der Au-Pair-Familie habe ich nie wieder gehört. Mit den Mitbewohnern und den Unibekanntschaften hatte ich anfangs noch sporadisch Kontakt, der aber sehr schnell einschlief. Ich habe noch ein Foto der verdreckten Küche, die mir damals als so typisch erschien für diese Welt, wie man sie sich aus Filmen oder Büchern so vorgestellt hat.

Verdreckte WG-Küche

Reisen (The French Travelogue)

Rache, Ratschlag, Rebellieren, Recht, REISEN, Respekt, Reue, Revidieren, Richten, Ringen, Riskieren, Rohheit, Rücksicht, Ruhm

Ferienhaus

Das wunderbare Ferienhaus mit eingeschlossener Terrasse und Garten (sogar John-proof weglaufsicher) in Haut-de-Cagnes gehört einer Amerikanerin namens Tinsley aus Seattle. Wir stellen uns vor, Tinsley wohne in einem Apartment wie "Frasier". Wegen Seattle. Sometimes all one needs to get one's imagination going is the name of a city.

Tinsley ist reich, penibel und die französische Putzfrau ruft: "Tinsley, Tinsley", wobei sie das "i" ganz französisch ausspricht, den Namen auf der letzten Silbe betont und dabei mit beiden Händen aufgeschreckt in der Luft herumfuchtelt. Wir machen uns so unsere Vorstellungen von Tinsley.

Bei unserer Ankunft stellen wir fest, dass Tinsley für ihre Frankreichaufenthalte ein fürsorglich abgedecktes BMW-Cabrio in der Garage deponiert hat. Schon am ersten Tag steigt unser Sohn unbemerkt auf das Auto und hinterlässt auf der Abdeckungsplane seine kleinen Fußabdrücke. For some reason, we think Tinsley doesn't appreciate that, so we leave the footprints for the week, but clean them off right before our departure.

Im Ferienhaus folgende, höchst beängstigende Sammlung an Unterhaltungsmedien.

Musik-DVD: "The Doors – The soundstage performances" gepaart mit "Céline Dion – live"

Film-DVD: "That touch of mink" (Doris Day, Cary Grant) gepaart mit "Les mille et une recettes du cuisinier amoureux"

Bücher: "The portable Walt Whitman" und Pynchons "Gravity's rainbow" gepaart mit Rosamunde Pilchers "Winter solstice"

Die Menschen in Nizza, Cannes und Monaco sind sehr schön und sowas von gebräunt. Aber das war ja nicht anders zu erwarten. Aber hey, unser Sohn, der jetzt auf Jean-Luc hört, kann da mithalten, was die Schönheit angeht:

Mein Sohn als Model

I prefer staying at home or visiting smaller villages. Antibes ist erstaunlich nett. Und natürlich Arles, Arles geht auch gut.

Äh ja, nach vier Tagen Pässe geklaut. Aber Nizza hat ein Honorarkonsulat und nachdem wir einen halben Tag lang einen Passfotoautomaten am Flughafen von Nizza mit ordentlich vielen Münzen gefüttert haben, damit er ein akzeptables Foto unseres unverständigen Sohnes ausspuckt, bekommen wir Ersatzpapiere.

Passfoto

Mein Exmann sieht im französischen Fernsehen gebannt eine Reality TV Show an, obwohl er kein französisch versteht. "When you watch this and don't understand what they say, that's when you really realize: human beings are crazy."

Im Mittelmeer schwimmt mir eine Qualle entgegen, nein, keine Qualle, eine aufgequollene Slipeinlage. Da wusste eine Frau wohl nicht, dass das Leben zu schade ist für schlechte Slipeinlagen. Failure of judgement. (Mal ganz abgesehen davon, dass mir schleierhaft ist, und der Ausdruck schleierhaft erscheint mir durchaus passend zur schwimmenden Slipeinlage, ganz abgesehen davon also, dass mir schleierhaft ist, was die denn beim Schwimmen sowieso verloren hat.)

Wie merkwürdig es ist, dass man ein und denselben Film so unterschiedlich ansehen kann. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit "Sideways" alleine angeguckt und war von Beginn an fixiert auf den desolaten Blickwinkel zweier kaputter Menschen in der Mitte ihres Lebens: Miles, der im Selbstmitleid schwimmt und Jack, der nur darauf aus ist, seine Verlobte vor der Hochzeit noch möglichst oft zu betrügen. Den ganzen Film sah ich aus dieser was-sind-die-Menschen-deprimierend Perspektive. Daneben fand ich den Film nicht schlecht, aber auch nicht besonders gut. Nun erzählte mein Exmann aber ständig von diesem Film, er fand ihn klasse. Ständig zitierte er Miles oder Jack und brachte Situationen in Zusammenhang mit Situationen im Film. Ich ließ mich breitschlagen, den Film noch einmal gemeinsam anzusehen. Und bei diesem Ansehen entdecke ich plötzlich die Komik und was für ein lustiges Paar Miles und Jack sind. Der kalifornische Akzent von Jack ist witzig, die schauspielerische Leistung des Miles-Darstellers hervorragend, die Dialoge und die Regie ebenso. Ich sehe zwar immer noch die sehr deprimierende Geschichte, aber ich sehe jetzt eine Komik, die mir vorher entgangen war und lache sehr viel bei diesem zweiten Angucken des Films. Und wir stellen fest, dass wir das sind: ich bin Miles und mein Exmann ist Jack.

Andererseits ist es gar nicht wirklich merkwürdig, dass man ein und denselben Film so unterschiedlich ansehen kann. Immerhin kann man im Leben selbst auch immer alles sehr unterschiedlich ansehen. Was einen im einen Moment überfordert, ist im nächsten ein Klacks. Was locker ist, wird schwierig, obwohl sich nicht viel verändert hat. Was einem jetzt noch zu viel ist, möchte man in einer Stunde keineswegs missen. Etc. Blabla.

Im Flugzeug von Nizza nach Paris sitzt neben mir eine Frau, die ihre Haarspitzen mit einer Tinktur pflegt, gewissenhaft einzelne Haarspitzen behandelnd, und sie hat viele Haare, und sehr lange Haare. Dann formt die Frau ausführlich ihre Augenwimpern und anschließend bearbeitet sie über eine halbe Stunde lang ihre Fingernägel, abgeschlossen wird mit einer teuren Handcreme und dann sind wir auch schon gelandet. Second failure of judgement: sie weiß wohl nicht, dass das Leben zu schade ist für derart exzessiven Schönheitswahn. Mein Exmann stimmt mir im Urteil über diese Frau nicht zu, er zitiert Jack: "She's jammin', man." Wer weiß, vielleicht ist es doch mein failure of judgement und ich lerne das eines Tages noch, aber aus irgendeinem Grund kann ich mich einfach nicht so sitzen sehen, gewissenhaft einzelne Haarspitzen mit einer Tinktur pflegend.

Nochmal zum Flug von Nizza nach Paris. Wir sind mit Easyjet geflogen und Easyjet ist die kinderfreundlichste und auch behindertenfreundlichste Fluggesellschaft, die wir bisher ausprobiert haben. Lufthansa, Deutsche BA, American Airlines, Germania Express: alle okay. Aber im Januar hatten wir schon Easyjet nach Griechenland genommen und waren begeistert und das hat sich nun noch gesteigert. Von Nizza nach Paris bekamen wir ein Pre-Pre-Boarding: wir wurden als Erste ins Flugzeug geleitet und erst als wir unseren Sohn und das Handgepäck verstaut hatten, wurden andere Familien mit Kindern hereingelassen und danach erst der Rest der Leute. Ich habe noch nie etwas derart Stressfreies erlebt, denn leider ist es ja so, dass die Mitreisenden von alleine nie Rücksicht nehmen. Wenn man in der Horde ist, dann drängeln alle wie verrückt, als würden sie keinen Platz bekommen und das macht meinen Sohn ganz wahnsinnig und er fängt an zu schreien und dann sind die Drängler genervt und drängeln noch mehr. Pre-Pre-Boarding was heaven. Außerdem durften wir bei Easyjet den Buggy bis zum Flugzeugeingang behalten und bekamen ihn direkt beim Aussteigen wieder hochgebracht, während man ihn bei Anderen oft erst auf dem Gepäckband wiederbekommt.

Jean-Luc am Eiffelturm

A propos Behindertenfreundlichkeit. Frankreich war geradezu eine Erholung, was den Umgang in der Öffentlichkeit angeht. Die Menschen haben uns zwar auch sehr viel angestarrt, I guess it's human nature, aber im Gegensatz zu Deutschland wurde viel mehr nachgefragt, was unser Sohn denn hat. Die Menschen waren viel aufgeschlossener. In Deutschland wird tendenziell (gibt natürlich immer Ausnahmen) viel gestarrt, aber wenig Kontakt aufgenommen. In Frankreich gingen die Menschen irgendwie unbefangener auf uns und auch auf unseren Sohn zu, redeten sogar mit ihm. In Deutschland redet kein Unbekannter mit meinem Sohn. Zugegeben, er kann auch nicht sprechen und versteht nicht viel, aber alleine die Versuche einer Einbindung habe ich als sehr positiv empfunden und mein Sohn hat die Leute auch viel angelacht. Ich glaube, ihm gefiel das auch. Er spürt das schon, wie Menschen auf ihn zugehen.

Um bei dem Thema zu bleiben: auch in allen Restaurants, selbst in den feineren, wurde er ausgesprochen herzlich aufgenommen. Die Bedienung schenkte ihm immer viel Aufmerksamkeit und nie erschienen Personal oder Gäste genervt, während es in Deutschland eigentlich fast immer konsternierte Seitenblicke gibt, die von Belästigtsein zeugen oder sogar Besuche von Kellnern, die sich herunterbeugen und leise, aber bestimmt fragen, oder besser sagen: "Könnten sie ihr Kind etwas ruhiger halten? Das stört die anderen Gäste." In Deutschland macht es wenig Spaß, meinen Sohn in ein Restaurant mitzunehmen. Ich setze mich durch die feindselige Umwelt dann immer selbst so unter Druck, ihn ruhig zu halten, dass ich völlig verkrampfe und es nicht mehr genießen kann. In Frankreich war das wirklich anders, weil man vom ganzen Umfeld so positive Vibes bekommen hat.

Mein Exmann hat festgestellt, dass es nur eine effektive Art gibt, das Anstarren unseres Sohnes abzustellen: nämlich, indem man selbst Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Immer, wenn mein Exmann ein sehr auffälliges, rot-weißes England-Trikot trug, auf dem groß stand "ENGLAND", haben die Franzosen mehr ihn angestarrt als unseren Sohn.

Nationenfeindseligkeitstechnisch war dieser Urlaub allerdings meine Revanche. 1998 waren mein damals-noch-Mann und ich in Amsterdam und mein deutsches Auto bekam gerade eine Kralle angepasst, als wir im Halteverbot standen, um unser Gepäck ins Hotel raufzutragen. Als wir die Treppe hinunterkamen, war der Beamte noch mit dem Anbringen der Kralle beschäftigt. Ich sprach ihn an, er war sehr unfreundlich, faselte was von "Ihr Deutschen..." und weigerte sich, die Kralle nun, wo wir wieder da waren, doch nicht anzubringen. Alles Erklären half nichts, bis mein Mann den Beamten auf Englisch ansprach, der ihn daraufhin fragte, ob er aus den USA sei, die beiden miteinander sprachen und der Beamte wie selbstverständlich die Kralle entfernte und meinem Mann noch einen schönen Urlaub in den Niederlanden wünschte. Im Jahr 2005 in Frankreich war die Situation umgekehrt: in einer Brasserie in Nizza behandelte der Kellner meinen Exmann mit einer offensichtlichen Mischung aus Missachtung und Langsamkeit, aber als ich den Kellner auf französisch ansprach und er erfuhr, dass ich Deutsche bin, bediente er uns plötzlich viel freundlicher und schneller. Bush heritage. Much happened between 1998 and 2005.

Aber ich war schon weg aus Nizza und in Paris angekommen. Tour de France. Zweieinhalb Stunden stehen und warten, bis – whush – eine Gruppe Radfahrer vorbeidüst. Erkennen kann man höchstens Teamtrikots. Mit einem unverständigen Kind nicht gerade lohnenswert, diese Sache. Andererseits steht neben uns eine nette Familie und wir unterhalten uns ganz gut, mal abgesehen von drei nörgelnden Kindern, aber da hat man gleich was gemeinsam. Misery does love company.

Tour de France

Dann: Buggy kaputt. Die letzten zwei Tage verbringen wir damit, dass unser Sohn sich alle zehn Meter auf die Straße setzt und das Weitergehen bestreikt und wir ihn versuchen zu überreden aufzustehen. Aber sehr lecker Essen gegangen und sehr leckeren Wein getrunken, wie überhaupt den ganzen Urlaub über. Und viel gelacht, sehr viel gelacht.

In Berlin hat das Sanitätshaus zum Glück das richtige Ersatzteil vorrätig und der Buggy wird im Handumdrehen repariert. Der Exmann fliegt zurück nach Chicago. Die Kita nimmt nach vier Wochen endlich wieder ihren Betrieb auf. When all is said and done: was gibt es am Ende Schöneres, als frisch geduscht in sein eigenes, frisch bezogenes Bett zu steigen in der Gewissheit, am nächsten Morgen, äußerlich wie innerlich, wieder in seinem Alltag und bei sich selbst aufzuwachen. Oh, wie schön ist Panama.

Typisch Provence

Obhut (Platz für Gefühle)

Oberflächlichkeit, OBHUT, Öffentlichkeit, Offenheit, Organisation, Orgien

Dienstag morgen, viertel vor acht Central Time in Chicago, ein Tag wie jeder andere. Ich habe meinen Sohn, der vor vier Tagen ein Jahr alt geworden ist, angezogen, gefüttert, seine Tasche für die Kita gepackt und ihn ins Auto gesetzt. An der Sonnenblende auf der Fahrerseite hängt die Automatik für die Garagenöffnung. Ich schaue nach oben, betätige den Knopf und beobachte im Rückspiegel, wie sich das Garagentor langsam hebt. Dabei schalte ich in automatisierter Handbewegung das Radio ein, auf dem Weg zur Arbeit höre ich immer die "Eric & Kathy Show". Ich fahre aus der Garage. Wie jeden Morgen.

Heute scheint Eric etwas aufgeregt und während wir im Auto in der Einfahrt stehen und ich den Knopf zum Wiederverschließen des Tores drücke, sagt Eric etwas von einem Flugzeug, das anscheinend gerade versehentlich in einen Turm des World Trade Center geflogen sei: "A terrible accident". Irritiert und noch etwas schläfrig fahre ich durch die kurvigen Straßen unserer Siedlung, um vom Woodside Drive zur Kita zu gelangen, ein Katzensprung. Dort angekommen verstaue ich die Milchflaschen im Kühlschrank und frage die Kindergärtnerin, ob sie irgendetwas von einem Flugzeug im World Trade Center gehört habe. Sie meint, das müsse wohl ein schlechter Scherz der Morgenshow sein. Ich verabschiede mich von meinem Sohn, es ist jetzt acht Uhr und ich habe eine etwa 35-minütige Autofahrt zur Arbeit vor mir.

Als ich wieder ins Auto steige, redet Eric wieder von dem Flugzeug und Kathys Stimme klingt schrill. Das kann meiner Meinung nach kein Scherz sein, es hört sich nicht an wie ein Scherz. Aber was genau ist los? Plötzlich merke ich, dass sie gar nicht von demselben Flugzeug sprechen, Eric sagt: "They just said there is a second plane. And it flew into the other tower. What's going on?" Ich biege auf den zu dieser Zeit gefüllten Expressway auf, der Verkehr läuft aber einigermaßen flüssig, im Radio wartet man auf genauere Informationen. Ein paar Minuten später heißt es, alle Flughäfen in New York seien gesperrt worden, wiederum ein paar Minuten später ebenso alle Brücken und Tunnel. Immer wieder schalten Eric und Kathy in ihre Nachrichtenzentrale und sie selbst rätseln: "This couldn't be an accident."

Mir fällt plötzlich auf, dass ich angepasster, gemächlicher fahre als sonst, weil ich einfach den anderen Autos folge und gar nicht versuche zu überholen, so konzentriert bin ich auf das Radio. Ich sehe mich um und bemerke, dass es wohl allen Autofahrern so gehen muss, denn alle fahren ohne den Trubel, der sonst in der Stoßzeit herrscht. Wenn man links und rechts auf der vierspurigen Fahrbahn in die anderen Autos blickt, dann machen die Menschen darin genauso verwirrte Gesichter wie ich mich fühle. Ich schalte ein paar Radiosender durch und richtig: in jedem ist das Programm unterbrochen und es wird über die Unfälle berichtet, das heißt, bei manchen sind es noch Unfälle, bei anderen wird schon wild spekuliert. Die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, die sonst eine Person pro Auto ganz eingeschlossen in ihren eigenen Kosmos vor sich hinfahren, fangen im Verlauf der Fahrt an, ihre Perspektive zu erweitern, sich in die Autos zu gucken, als ob man sich mit kleinen Gesten wie Schulterzucken und Kopfschütteln gegenseitig versichern will, dass man auch gerade im Radio hört, was passiert. Ich habe noch nie so eine seltsame Stimmung auf der Straße erlebt und ahne nicht, dass diese merkwürdigen Bezeugungen von Verbundenheit in den nächsten Wochen noch ganz andere Ausmaße annehmen werden.

Ich komme um 8:40 Uhr bei der Arbeit an, dort sitzt eine aschfahle Rezeptionistin am Eingang und sagt: "Have you heard?" Ich nicke nur. In Grüppchen stehen alle vor Radios versammelt, hören zu und tauschen Meinungen aus. Eric und Kathy verkünden, dass soeben alle Flüge in den USA überhaupt gestoppt werden sollen. So etwas gab es noch nie. Was ist los? Nur etwa zwei Minuten später die Nachricht: ein drittes Flugzeug sei ins Pentagon geflogen, das Weiße Haus werde evakuiert. Nun ist jeglicher Bann gebrochen, alle sind aufgeregt. Es ist eigentlich schon ziemlich klar, dass es sich hier um terroristische Anschläge handeln muss, auch wenn das offiziell noch nicht bestätigt wird.

Dann kommt die Meldung, dass ein viertes Flugzeug unterwegs sei, über Pennsylvania, in Richtung Mittlerer Westen. Sofortige Spekulationen, dass es womöglich in den Sears Tower in Chicago fliegen könnte, das bis vor kurzem höchste Gebäude der Welt und als solches ein dem World Trade Center ebenbürtiges Aushängeschild. Im Radio wird gesagt, dass der Sears Tower nun evakuiert werde. Fassungslos sitzen wir im Büro.

Eine Kollegin geht kurz Kaffee holen, es ist neun Uhr, eigentlich Arbeitsbeginn, aber daran ist natürlich nicht zu denken. Da kommt auch schon die Meldung, dass der eine der beiden Türme des World Trade Center einstürzt. Ich sage es der Kollegin als sie wiederkommt und wir können nicht glauben, wie sich hier innerhalb kürzester Zeit ein Schreckenszenario entfaltet. Man kann es schlichtweg nicht begreifen. Jeder überlegt, ob er jemanden kennt, der heute an der Ostküste in einem Flugzeug oder im World Trade Center sitzt. Noch ist unklar, welche Flugnummern die Flugzeuge trugen, also ist jeglicher Flug verdächtig, der in Boston, Newark, Dulles starten sollte.

Im Radio die Nachricht, dass nun auch ein Teil des Pentagons einstürzt. Und das Flugzeug über Pennsylvania sei womöglich abgestürzt, sicher weiß man noch nichts. Gegen halb zehn wird der Luftverkehr weiter limitiert: nun können keine Flugzeuge mehr in die USA einfliegen, sie werden nach Kanada umgeleitet. Im Radio wird durchgesagt, dass in Chicago fast alle Firmen ihre Mitarbeiter nachhause geschickt haben. Wir aber müssen bleiben. Es sind von unserer Firma heute über 2000 Reisende in der ganzen Welt entweder auf dem Heimweg oder bei der Abreise, noch haben wir keinen Überblick, wer in welchem Flugzeug sitzen sollte, saß und wo gelandet wird.

Ich rufe die Kita an und frage, ob sie schließen. Die Kindergärtnerin sagt, dass nur noch zwei Kinder in der Kita sind, mein Sohn und ein anderer Junge, dass aber eine Frau die normale Dienstzeit dort verbringen werde, wenn ich weiterarbeiten müsse. Das muss ich. Noch bevor wir auch nur ansatzweise begriffen haben, was wirklich passiert ist, setzt Hektik ein. Im Konferenzraum werden erste Strategien entwickelt, Aufgaben aufgeteilt. Wir haben schon andere Krisen durchgestanden, Kriege, Streiks, aber dies ist nicht vergleichbar. Sobald die Flugabteilung lokalisiert hat, wo Passagiere gelandet sind, müssen wir sehen, dass wir in der Nähe Hotelzimmer organisieren und von Incoming Agenturen Personal an diese Flughäfen bringen, damit sich jemand um unsere Gruppen kümmert und sie ins Hotel bringt. Es ist ein absolut unvorstellbares Chaos.

Zwischendrin wird die Meldung über das Flugzeug in Pennsylvania bestätigt, es ist wirklich abgestürzt, im Radio wird überlegt, ob es abgeschossen worden sei oder nicht, fast alle Sender berichten erst über einen Abschuss und ziehen das später zurück. Gegen halb elf werden die Flugnummern der betroffenen Flugzeuge bekannt und die Generalsorge konkretisiert sich ein wenig. Von unseren Reisenden war zumindest keiner in irgendeinem der Flugzeuge, aber einige Mitarbeiter haben Familienangehörige oder Bekannte, bei denen sie sich immer noch nicht sicher sind. Und wie viele Tote es gibt, das mag im Moment noch keiner zu schätzen, New Yorks Bürgermeister Giuliani sagt in einer Pressekonferenz: "I don't think we want to speculate about that. More than any of us can bear."

Im Konferenzraum wird ein Fernseher angeschlossen und gegen Mittag sehe ich zum ersten Mal die Bilder der Flugzeuge, die ins World Trade Center fliegen und wie die Türme zusammenfallen. Das Entsetzen erhält mit diesem Anblick eine ganz neue Qualität und nach all dem Radiohören begreife ich erstmals hautnah, wie anders das Sehen als das Hören ist. Die Bilder sind präsenter und gleichzeitig unfassbarer, wirklicher und unwirklicher. Es gibt sie tatsächlich, die Macht der Bilder.

Es steckt nun jeder hier und da den Kopf ins Konferenzzimmer, für nicht viel mehr als eine Minute vor dem Fernseher. Man teilt sein Entsetzen mit denen, die sich gerade auch dort befinden, es wird geweint, es gibt Umarmungen. Doch dann geht es schnell weiter, nicht viel Platz für Gefühle, noch nicht. Krisenmanagement.

Eine unserer Gruppen ist in Neufundland gelandet, eine auf den Azoren. Das sind nun gerade keine Reiseziele, bei denen man auf Agenturen zurückgreifen könnte, mit denen man sonst schon gearbeitet hat. Hotels gibt es an dem kleinen Flughafen in Neufundland gar nicht, wir hören, es wird notdürftig ein Auffanglager in der Sporthalle einer Schule eingerichtet. Wir überlegen, ob man die Gruppe in einen Bus setzen und auf dem Landweg in die USA bringen kann. Mehrere Gruppen hatten gerade in Frankfurt auf Anschlussflüge nachhause gewartet, sie kamen aus Rom oder Athen und nun sitzen sie in Frankfurt fest und dort gibt es so viele gestrandete Reisende, dass alle Hotels belegt sind. Eine unserer angestammten Firmen sucht die Gruppen zusammen, zaubert einen Bus aus dem Hut, und wir finden derweil ein Hotel weit entfernt in einem Kurort. Gegen halb sechs muss ich gehen, denn um sechs Uhr schließt die Kita. Die Frau, die extra wegen der zwei Kinder dableiben musste, tut mir leid, aber sie ist sehr nett als ich ankomme. Ich nehme meinen Sohn in den Arm und war selten so glücklich, ihn endlich wieder bei mir zu haben. Emotionaler Ausnahmezustand.

Nebenbei nehme ich einen in Chicago gestrandeten, mir bisher unbekannten Bruder einer Freundin bei mir zuhause auf. In der Firma versammeln wir uns nach zwei Tagen zu einem Briefing, der letzte Reisende ist gefunden, über 2000 Menschen haben wir im Chaos untergebracht und betreut. Es gibt Jubel, Anspannung fällt ab. Aber auch am folgenden Wochenende arbeiten wir durch. Die Reiseleiter, mit denen wir in ständigem Kontakt stehen, erzählen uns von den in Europa gestrandeten Reisenden. Sie sitzen in Hotellobbys, sehen den ganzen Tag CNN und wenn sie die Reiseleiter ansprechen, dann meistens mit der Frage, wann endlich die Flüge wieder einsetzen. In dieser Situation wollen alle nur eins: nachhause, bei ihrer Familie sein. Wir tun unser Bestes, sie immer gut informiert zu halten und sie in der Zwischenzeit wohlbehütet zu wissen.

Es ist völlig unklar, wann der Luftverkehr wieder aufgenommen wird. Mit jedem Tag ohne Bewegung haben wir mehr Reisende, die eigentlich ihren Abreisetag hätten. Die Hotels müssen die Gruppen länger behalten und auch dafür wollen Konditionen ausgehandelt werden. Da viele der ursprünglichen Reservierungen nun nicht anreisen, haben die meisten Hotels zum Glück genügend Kapazität, unsere Gruppen länger unterzubringen. Ein Hotelbesitzer in der Toskana, der mir nach meinem Besuch dort sowieso schon ans Herz gewachsen war, sagt am Telefon, dass die Gruppe selbstverständlich so lange in seinem Hotel wohnen kann, bis wieder geflogen wird und dass sie alle drei Mahlzeiten im Hotel zu sich nehmen dürfen. Und zwar umsonst. Auf Faxen, in Emails und Telefonaten gibt es rührende Mitgefühle. Ich denke, es ist schön, dass in einer solchen Situation plötzlich auch andere als rein ökonomische Gesichtspunkte zum Vorschein und zum Tragen kommen. Die Zusammenarbeit mit einem anderen Hotel in der Toskana gestaltet sich allerdings wesentlich schwieriger. Dort verhandelt man hart, auch jetzt noch.

Irgendwann wird der Flugverkehr wieder aufgenommen und die Lage normalisiert sich ein wenig. Doch seit dem Dienstag hat es Stornierungen für Buchungen nur so gehagelt, jetzt will niemand mehr verreisen. Die Abteilung Kundenbetreuung konnte gar nicht nachkommen mit der Bearbeitung von Kündigungen. Nach Entsetzen und viel Arbeit kommt die Erkenntnis, dass man in diesen Tagen vielleicht nur eine letzte Leistung vor der Arbeitslosigkeit vollbracht hat. Und dann passiert es: an einem Tag wird eine Angestellte ins Büro des Präsidenten bestellt und kehrt zehn Minuten später mit einem Karton zurück. Man hat ihr gekündigt und sie gebeten, ihre Sachen gleich und ohne viel Aufsehen zu packen. Die zwei Wochen Kündigungsfrist wird man ihr ausbezahlen. Das wars. Sie solle bitte möglichst schnell gehen. Kurze Zeit später wird jemand anderes hineingerufen. Wir sitzen wieder da: verwirrt, irritiert, fassungslos. So einfach und schnell geht das. Einer nach dem anderen.

Wer wird noch entlassen, ich auch, und wie viele insgesamt? In meinem Kopf spielt sich ein Film im Zeitraffer ab: wie würde ich das Haus weiter abbezahlen können, wie mein Kind ernähren? Die Welt scheint sowieso nun nicht mehr dieselbe zu sein wie noch vor so kurzer Zeit auf der ersten Geburtstagsfeier meines Sohnes, aber wenigstens geht man noch jeden Tag zur Arbeit, das gibt Struktur, Halt. Was soll werden, wenn auch das noch wegfällt? Alle haben nun Angst, der oder die nächste im Büro des Präsidenten zu sein. Doch ich werde nicht entlassen. Am Ende hat sich die Mitarbeiterzahl von 100 auf 75 reduziert, ein Viertel ist weg. Und so leid mir diejenigen tun, die gehen mussten, so erleichtert bin ich doch, dass ich verschont geblieben bin.

Nach den Kündigungen geht das Geschäftsleben weiter. Aufgrund der vielen Buchungsstornierungen müssen natürlich ganze Reisegruppen gestrichen werden. In der Toskana ist nun nur noch Bedarf für ein Hotel. Die Entscheidung, welches Hotel gewählt wird, die wird gar nicht erst diskutiert. Es gibt einen noch in jeder Krise eindeutig verlässlichen Partner. Auf diese Weise hat am Ende der großzügige, gefühlvolle Hotelbesitzer sogar doch auch ökonomisch die weisere Entscheidung getroffen. Die von ihm übernommenen Kosten der paar spendierten Tage werden sich durch eine langfristig garantierte Auftragslage im Handumdrehen amortisiert haben. Ob er das ein paar Wochen zuvor bereits vorausschauend geahnt und ein bisschen in sein Mitgefühl einkalkuliert hatte oder nicht.

Zufriedenheit (Ein Spaziergang. Und der Tag eine Miniaturewigkeit)

Zeitvertreib, ZUFRIEDENHEIT, Zuhören, Zufall, Zuflucht, Zuversicht

Wir wohnen an der Ecke Melrose Street und Damen Avenue, in Chicago, genauer in Roscoe Village, gerade westlich von Lakeview. Es ist ein sehr heißer Junitag mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit. 2002. Die Hitze drückt auf die Stadt, gerade so, wie sie es jeden Sommer tut. In Chicago flüchten die Menschen in den unerbittlichen Sommermonaten oft in klimatisierte Räume, um der brütend schwülen Hitze zu entgehen und in den eisigen, schneereichen Wintern, um der schneidenden Kälte zu entkommen. Man lebt so manchmal fast wie unter einer Glocke, begibt sich morgens von klimatisierten Wohnungen in klimatisierte Büros und abends dann über klimatisierte Supermärkte oder klimatisierte Restaurants zurück in die klimatisierten Wohnungen.

Ich entschließe mich, endlich einmal der ganzen Klimatisierung zu entfliehen und, mit meinem Sohn im Buggy, einen langen Spaziergang zu machen. Wir gehen ostwärts, zunächst die School Street entlang, bis Ravenswood, biegen dort links ab bis Cornelia und laufen auf Cornelia weiter auf den Lake Michigan zu. Bald befinden wir uns in Wrigleyville, wo wegen eines Nachmittagsspiels der Chicago Cubs auf allen umgebenden Straßen die Autos Stoßstange an Stoßstange parken.

Die Chicago Cubs sind eins von zwei Baseballteams in Chicago. Die Cubs spielen im Norden der Stadt im Wrigley Field und die White Sox spielen im Süden der Stadt im Comiskey Park. Beide Teams zeichnen sich in der Baseballgeschichte durch eher zweifelhafte Merkmale aus. Die Cubs blicken auf eine verlustreiche Geschichte zurück, seit 1908 gewannen sie keine World Series mehr. Die White Sox, die ursprünglich gar keine weißen Strümpfe trugen und sich nur White Stockings genannt hatten aus Opposition zu den Hauptrivalen in Cincinnati, den Red Stockings, die White Sox also sind hauptsächlich für den bisher größten Wettskandal der Baseballgeschichte bekannt. 1919 betrogen acht Spieler in der World Series und wurden vom Baseball auf Lebenszeit verbannt. Diese Mannschaft ist heute wiederum legendär unter dem Beinamen Black Sox. Der Skandal stürzte den gesamten Baseball in eine Krise. Das Vertrauen in den Sport war dahin, die Zuschauer in ganz USA boykottierten die Sportart. Es war dann vor allem dem Auftauchen des charismatischen Babe Ruth in New York in den Roaring Twenties zu verdanken, dass Baseball überhaupt wiederkehrte und wieder Begeisterung entfachen konnte.

Comiskey Park im Süden wurde 1991 umgebaut und verdient sich seither seinen Nachnamen Park: der Besuch eines Baseballspiels dort ist ein Event, das Stadion in Wirklichkeit ein Amusement Park. Noch innerhalb des Stadions machen sich zahllose Geschäfte, Stände und Spielhallen derart Konkurrenz, dass der Baseball schon nebensächlich erscheint. Wrigley Field dagegen, erbaut 1916, ist eine der wenigen, verbleibenden Bastionen alter Stadiontradition. Rund um das Stadion stoßen sich zwar auch hier viele Kneipen am Zulauf der Besucher gesund, aber im Stadion selbst wird der Amusement Park Charakter noch gebändigt. Tatsächlich reisen sogar von überallher aus den USA Baseballfans an, nur um dieses schöne, alte Stadion zu sehen, so wie sie auch nach Boston reisen, um das legendäre, 1912 erbaute Stadion der Red Sox zu erleben, Fenway Park.

Die ewig verlierenden Cubs haben eine unerschütterliche Fangemeinde, die wahrscheinlich schockiert wäre, wenn ihre Mannschaft tatsächlich eine World Series gewänne. Man liebt die Cubs wie ein Kind: ohne Bedingung. An dem Morgen, an dem die Tickets für die Saison im Internet zum Verkauf gehen, steht in allen Firmen im Norden und Nordwesten für mindestens eine Stunde die Arbeit still und jeder versucht, Karten zu bekommen. Das war in meiner Firma nicht anders. Über den ökonomischen Verlustwert der gestoppten Arbeitszeit machte sich unser Chef aber keine Gedanken, zum Glück war er selbst ein treuer Fan. 1998 hatte es einmal richtig Trubel gegeben, denn der Cubs-Liebling Sammy Sosa lieferte sich plötzlich und unerwartet mit Mark McGwire von den St. Louis Cardinals ein Rennen darum, den seit 1961 ungebrochenen Homerun-Rekord von Roger Maris zu durchbrechen. Die Cubs im Aufwind, was war das für eine Aufregung gewesen.

In Wrigleyville also parken an diesem brütenden Junitag die Autos Stoßstange an Stoßstange, als mein Sohn und ich über Clark Street zu Addison und somit am Stadion der Cubs vorbeispazieren. Wir hören hier und da Applaus, Raunen des Publikums und Buhrufe, genannt "Bronx cheer". Auch das ist Baseball, mit Wortschöpfungen und schönen Umschreibungen, mit Liebe zur Sprache drückt sich die Liebe zum Sport aus.

Applaus, Raunen, Buhrufe: was im Wrigley Field wohl gerade alles vorgeht? Ein knappes Out, ein gerade noch gefangener Fly Ball, den der Outfielder hoch in die Luft gesprungen mit seinem ausgestreckten Handschuh aus der Luft fischt? Strikeouts, Stolen Bases, Run-downs, Seeing-eye Singles, Intentional Walks? Es tut mir ein bisschen leid, dass mein Sohn noch zu klein für ein Baseballspiel ist und ich denke, wie schön es wäre, jetzt in den Bleachers zu sitzen, ein Bier zu trinken und mit den unverbesserlichen Cubs mitzufiebern.

Vom Stadion aus gehen wir weiter bis zum Lake Michigan, verweilen ein bisschen am Belmont Harbor, setzen uns dann auf eine Rasenfläche, zwischen picknickende Grüppchen und lesende Einzelpersonen, mit schönem Blick entlang des Lake Shore Drive auf die Skyline von Downtown Chicago. Die Wellen plätschern nur leicht, aber am Lake Michigan steht die Luft nicht so still wie in Roscoe Village, 20 Blocks landeinwärts. Unterwegs hatte ich mir einen Kaffee und etwas zu essen gekauft, irgendwo spielt aus irgendeiner mitgebrachten Boombox ein Album der Dave Matthews Band. Ich füttere meinen Sohn, wechsele ihm die Windeln und unterhalte mich eine Weile mit ein paar netten Leuten, die neben uns sitzen.

Dann spazieren wir zurück Richtung Zuhause. In der Nähe der Lakefront Stau vor zu kurzen Ampelphasen, fluchende Fahrer auf der unmöglichen Suche nach Parkplätzen, Verstopfung selbst auf den zu schmalen Gehwegen. Gerufe, Gedrängel und Hupen, eine laute, dichte Gegend, in der die Abgase die Schwüle noch unerträglicher machen. Vor der Hochbahnstation Belmont feuert eine alte Frau mit einem weißem Pudel an der Leine und einer roten Hundedecke unter dem Arm einen Gitarrenspieler an, es ist nicht ganz klar, ob sie ihn aus Ironie lobt und wirklich genervt von ihm ist, oder nicht. Mit jedem Block entfernen wir uns dann immer weiter von der verstopften Gegend. Die Highrises, wo wir früher mal im 11. Stock gewohnt haben, mit Blick auf den See, allerdings nur durch einen Spalt zwischen zwei anderen Highrises hindurch, machen langsam den kleineren Mietshäusern Platz.

Mein Sohn schläft im Buggy ein, ich stelle die Lehne seines Sitzes nach hinten und klappe das Sonnendach über den Wagen. Irgendwann sogar nurmehr Häuser, die zumeist von drei Familien bewohnt werden, auf jeden Fall keines mehr höher als vier Stockwerke. Nach dem Lärm der Lakefront fühlt es sich gut an, nun in diesen ruhigen Straßenzügen spazieren zu gehen. In den kleinen Gärten hinter den Häusern hört man spielende Kinder und auf der Straße kommen mir nun auch wieder mehr junge Mütter mit Kindern entgegen. In einem Zick-Zack-Kurs durch die geradegezogenen Straßen Chicagos haben wir wieder Roscoe Village erreicht. Ich beschließe, mir noch schnell eine Gallone Milch mitzunehmen, aus einem Laden einen Block nördlich von unserer Wohnung, an der Ecke School Street und Damen Avenue.

In diesem kleinen Tante-Emma-Laden, in dem man alles bekommen kann, Fertiggerichte, Eier, Shampoo, werden aber vor allem Bier, Zigaretten und Lottoscheine verkauft. Die kleine Eingangstür ist schräg in die Ecke des Hauses gebaut, ein Schild ragt diagonal in die Straße hinein, "Food and Drinks" steht darauf. Das Gebäude ein roter Klinkerbau, die Hauswand übersät mit Schildern, die ausschließlich Biersorten und ihre jeweiligen Preise verkünden: Dosen Budweiser, Sixpacks Miller Lite, 24-Packs Coors. Die Schilder sind eingefasst in grün bemalte Holzrahmen, ebenso die Eingangstür. Der Laden ist fast immer geöffnet, manchmal fragt man sich, warum das Neonschild "open" und "closed" zur Auswahl hat, denn es leuchtet immer nur das rote "open". Es arbeiten dort nur zwei Männer. Mal der eine, mal der andere. Beide kommen aus Syrien. Es befinden sich meistens ein paar Leute im Laden, die an der Kasse vor der Theke herumstehen, allerdings nicht zum Bezahlen von irgend etwas, sondern gerade mitten im Gespräch begriffen.

Jedes Mal, wenn ich das Gebäude von weitem sehe: roter Klinkerbau, weiße Tür, bunte Schilder und grünbemalte Holzrahmen, denke ich, dass hier die perfekte Villa Kunterbunt steht. Ich trete ein und der Mann, der immer tagsüber hier ist, begrüßt mich freundlich. Er ist immer gut gelaunt, nennt mich "Sweetheart" und versucht jedes Mal mich zu überreden, einen Lottoschein zu kaufen. Das ist ein ebenso fester Bestandteil unseres Kommunikationsrituals geworden wie seine wiederholte, immer von spielerischem Kopfschütteln begleitete Bemerkung: "Du kommst aus Deutschland, was zum Teufel machst du hier? Wenn ich in Deutschland leben könnte, dann wäre ich binnen eines Tages hier weg". Ich bezahle meine Milch und er sagt: "Warte."

Er kommt um die Kasse herum, um mir etwas zu zeigen. Über der Kasse hat er auf einer Leiste zwei Kinderbilder angebracht. Er sagt: "Hier hänge ich nun von allen Kindern meiner Kunden Fotos auf und die werden immer hier bleiben. Bring mir ein Foto von deinem Sohn mit, dann hänge ich es dazu. Wenn ihr dann in 20 Jahren schon längst wieder in Deutschland lebt", und an dieser Stelle zwinkert er mir verschwörerisch zu, "denn das ist schon mal sicher, dass ihr das tun werdet, du bist ja ein kluges Mädchen, dann kann dein Sohn nach Chicago reisen, wie alt wird er dann sein, 21, kann hier reinkommen und sein Babyfoto ansehen. Und es wird noch hier hängen, denn wir werden immer hier bleiben." Ich verspreche, ihm beim nächsten Einkauf ein Bild mitzubringen. Was für eine schöne Idee.

Nach diesem langen Spaziergang gehe ich, völlig verschwitzt, aber sehr zufrieden, mit meinem Sohn und meiner Gallone Milch zurück in unsere klimatisierte Wohnung. Neben dem Kühlschrank hängt ein Tageskalender und als ich die Milch in den Kühlschrank stelle, lese ich das Zitat des Tages. Es ist von Ralph Waldo Emerson: "A day is a miniature eternity."

Berauschtheit (Welcome to the inside of the explosion)

Bedrohen, Begreifen, Behandlung, Beistand, Belohnung, BERAUSCHTHEIT, Berühren, Besinnung, Bestechung, Betrug, Bewundern, Bildung, Boshaftigkeit

In freudiger Erwartung: das erste Mal New York. Cotton, Paine, Crèvecoeur, Jefferson, de Tocqueville. The city upon a hill.

Die Vorbereitung des Immatrikulationsteams an der Columbia University war optimal. Binnen einer Stunde war ich registriert, hielt einen Packen Informationsmaterial vom Campusplan bis zum Stundenplan in den Händen und hatte eine ID-Karte mit Foto in der Tasche, die mir Zugang zu allen Bibliotheken und der Cafeteria garantierte.

Man führte mich in ein Wohnheim des angeschlossenen Barnard College. Das Wohnheim lag Ecke Broadway und 116te Straße direkt neben dem Campus und hieß Hewitt. Es war heruntergekommen und im heißen Sommer schmerzte der Mangel jeglicher Klimatisierung. Die Frau, mit der ich mein Zimmer teilte, ließ oft die Tür unverschlossen. Schon am ersten Tag wurden alle meine Taschen durchwühlt. Darin befand sich allerdings nichts Wertvolles, geklaut wurde mir ein Beutel mit diversen, bunten Vitamintabletten. Ich schätze, da war jemand nach der Einnahme arg enttäuscht. In der Eingangshalle zum Wohnheim gab es ein großes Schwarzes Brett, an dem nicht viele Zettel hingen. Aber genau in der Mitte hatte jemand ein aus einem Block herausgerissenes, liniertes Stück Papier angeheftet, auf dem geschrieben stand: "Hewitt is broken. Please fix it."

Ich besorgte mir nach ein paar Tagen ein neues Zimmer in einem anderen Wohnheim: Plimpton, zwölfter Stock, Zimmer 12 B 3. Das Fenster in meinem Zimmer beherbergte eine alte, laut scheppernde Window-Unit-Klimaanlage. Man konnte sich entscheiden entweder bei brüllender Hitze oder bei brüllendem Lärm zu schlafen. Dieses Wohnheim lag Ecke Amsterdam Ave. und 120te Straße, also ein paar Blocks nordöstlich des Morningside Campus, neben einem Buchladen mit dem schwer sympathischen Namen "The lost word". In Plimpton wohnten fast ausschließlich internationale Studenten. Das Wohnheim bestand aus kleinen WG-Einheiten, ich wohnte zusammen mit einem Franzosen und einer Schwedin, mit denen ich allerdings wenig zu tun hatte. In meinen Kursen hatte ich andere Studenten kennengelernt und wir hatten uns schnell zusammengefunden: eine Argentinierin, ein Schwede, eine Österreicherin und ich.

Im Wohnheim kam ich mir vor wie in einer übersteigerten Realität, denn es bestand eigentlich nur aus den schlimmsten Klischees. Da war der Franzose, der ständig andere Frauen in die WG brachte. Man musste immer schnell die Gelegenheit abpassen, wann einmal das Bad frei war. Und ich wunderte mich bald gar nicht mehr, dass mir in meiner Wohnung täglich andere Fremde über den Weg liefen und grüßte nur noch freundlich. Dann waren da im siebten Stock die vielen Russen, die viele Partys veranstalteten, auf denen viel Wodka getrunken wurde. Sie gingen immer durch das Wohnheim und luden alle Frauen ein. Wenn man ankam, waren sie meistens schon völlig betrunken. Und schließlich waren da die Italiener im achten Stock, die ständig Pizza buken. Sie lösten damit oft den Feueralarm aus, das ganze Wohnheim musste evakuiert werden und wir zwölf Stockwerke über die Feuertreppe nach unten laufen. Die Feuerwehr rauschte mehrmals mit zig großen Wagen heran, tatsächlich ein eindrucksvolles Szenario, und wir versammelten uns manches Mal mitten in der Nacht in Schlafanzügen auf dem Gehweg der Amsterdam Avenue, denn die Italiener schoben die Pizza meistens sehr spät in den Ofen. Nach einiger Zeit blieben viele bei Feueralarm nonchalant auf ihren Zimmern ("That's just the Italians making pizza again"). Die Wohnheimverwaltung erteilte den Italienern irgendwann ein Pizzaverbot.

Ich hatte von der Ghettoisierung in amerikanischen Städten zwar viel gehört, aber war mir nicht ganz klar darüber, dass sich ein Viertel wirklich von einem Block zum nächsten radikal wandelt. Die Columbia University hat ein eigenes Sicherheitsteam, dessen Autos den Campus und die zugehörigen Gebäude patroullieren. Das Wohnheim befand sich direkt auf der Grenze zu Harlem. Als ich das erste Mal einen Bankautomaten suchte, sagte man mir, es gebe einen drei Blocks nördlich, also 123te Straße, und einen sieben Blocks südlich. Der südliche Automat befand sich im Einzugsgebiet des Campus, der nördliche nicht, es wurde mir daher empfohlen, lieber zum südlichen zu gehen. Ich aber dachte mir, "was für ein Quatsch, ich laufe doch nicht sieben Blocks statt drei", und machte mich auf den Weg. An der 122ten Straße beobachtete ich dann eine düster aussehende Gruppe von Männern. Ein dickes Bündel Geld und eine große Waffe wechselten in einem Straßendeal die Hände. Ich drehte mich möglichst unauffällig um und entschied mich doch für die sieben Blocks. [Im übrigen lerne ich aus Fehlern nicht unbedingt gut, denn Jahre später fuhr ich nach Einbruch der Dunkelheit in Chicago mit dem Fahrrad durch Cabrini Green nach Hause. Auf dem Rückweg von der University of Illinois zu meinem Zimmer in Old Town war das der kürzeste Weg und ich sah nicht ein, einen großen Umweg zu fahren. In Cabrini Green trat ich dann aber ordentlich in die Pedale und halte mich seither endgültig für geheilt.]

Vier Wochen lang taumelten R., E., K. und ich durch New York, manchmal waren noch ein paar andere Leute dabei. Die Kurse begannen meistens schon früh um neun. Bis eins waren wir an der Uni, danach gingen wir Mittag essen und direkt weiter, in irgendein Museum. Einen Tag ins Met, am nächsten ins Jewish Museum, ins MoMA, Guggenheim und wie sie alle heißen. Oder wir streunten durch Tribeca, Chinatown, die Lower East Side, Greenwich Village. Natürlich fuhren wir auch hinauf auf das World Trade Center und sahen uns das Getümmel an der Börse an. Jeder Tag war voll von Aktivität. Gegen abend fuhren wir zurück ins Wohnheim, erledigten ein paar Hausarbeiten und schliefen ein paar Stunden. Gegen zehn oder elf Uhr abends trafen wir uns dann oft wieder, um in irgendwelche Bars und anschließend Nachtclubs zu gehen, sei es der "Blue Note Jazz Club" oder die Disko in einer alten Kirche, "Limelight", wir wollten alles sehen, alles erleben.

Vor dem Lincoln Center fand draußen ein Theaterstück der Französin Véronique Guillaud statt: "C'est la vie". Die Besucher erhielten Kopfhörer und Ferngläser. Das Stück wurde in einem gegenüberliegenden Hotelgebäude gespielt. Über die Kopfhörer lauschte man den Dialogen, durch die Ferngläser konnte man die Figuren hinter verschiedenen erleuchteten Fenstern erspähen. Die Handlung wechselte von einem Fenster zum anderen, immer wieder musste man suchen, wer gerade "beobachtet" wurde. Es war ein beeindruckendes Erlebnis von Voyeurismus. Natürlich Voyeurismus. Das wurde einem schnell klar und ebenso schnell fühlte man sich dann schlecht, schuldig, schäbig beim Ansehen des Theaterstücks. Was einen selbstverständlich nicht davon abhielt, das Fernglas mal zu Fenstern schweifen zu lassen, die nicht zum Theaterstück gehörten.

Im "Nuyorican Poets Café", 236 E. Third Street, zwischen Avenues B und C im Herzen von Midtown, in einem heruntergekommenen Gebäude, das mich an das Haus Schwarzenberg in Berlin erinnerte, hörten wir Poetry Slams, die Lyrik und HipHop auf eine nie gekannte Weise verbanden. Die Wörter als lyrische Beats erhielten in dieser Einheit ganz andere Perspektiven, es war, als entdecke man sie neu. Dass es sich dabei nicht um die Muttersprache handelte, erhöhte die Faszination. Und ist das nicht das, was man will: die Wörter besser verstehen, ihnen tiefere, treffendere Dimensionen abluchsen, als möglich scheint? Es gibt ein Buch des Cafés, "Aloud. Voices from the Nuyorican Poets Café", in dessen Vorwort steht: Welcome to the inside of the explosion.

Im "Tunnel", dem Nachtclub, der in einen stillgelegten U-Bahn-Schacht gebaut war, verirrte man sich fast in den verzweigten Gängen, die einzelne Tanzflächen miteinander verbanden. Es wimmelte von Drag Queens und Menschen in schrillen Outfits, die sich mit selbstgewählten Nicks anredeten. In versteckten Ecken hinter und neben den Räumen befanden sich Separées, in denen alles mögliche passierte. Die Toiletten waren unisex und sahen aus wie von einem anderen Stern. In den von Musik vibrierenden, wummernden Gängen waren Schaufenster eingebaut, in denen man statt Kleidung oder ähnlichen Verkaufsprodukten Menschen beobachten konnte: hinter einem Schaufenster war beispielsweise ein karger Büroraum dekoriert, darin saß ein Mann im Anzug an einem Schreibtisch, tippte geschäftig auf einem Taschenrechner herum und erstellte Zahlenkolonnen. Hinter einem anderen Schaufenster befand sich eine Frau im Putzkittel zwischen lauter Putzutensilien und die Frau reinigte säuberlich und exakt von innen das Fenster. Wieder und wieder. Die ganze Nacht. Im "Büroraum" tippte und schrieb die ganze Nacht der Anzugmann. Natürlich erschienen diese Darstellungen normalen Arbeitslebens plötzlich völlig surreal, im Umfeld des schrillen Narrenkäfigs "Tunnel". Der Effekt erinnerte mich stark an das ähnlich erfolgreich befremdende Spiel mit der Wahrnehmung im "Teatro Dalí" in Figueras. Das Teatro, in dem ein gemaltes Brot echt erscheint und ein davor platziertes, echtes Brot künstlich, hatte ich ebenso verwirrt verlassen wie den "Tunnel", in den es uns in den nächsten Wochen dann immer wieder zog. Oder sog.

Mitten in der Nacht kamen wir wieder ins Wohnheim, schliefen erneut ein paar Stunden und fanden uns am nächsten Morgen pünktlich an der Uni ein. Zweimal täglich je drei Stunden Schlaf, vielleicht vier, das musste reichen. An der Uni schrieb ich Essays, etwa über eine in ihrer Vollständigkeit bis dato einzigartige Edward Hopper Ausstellung im Whitney Museum oder etwa über Heldengeschichten. Es ist für mich heute höchst erstaunlich, dass ich während dieser Zeit tatsächlich an der Uni Scheine machte, die sogar in Deutschland anerkannt wurden. Ich habe in der ganzen Zeit nur einmal einen Kurs geschwänzt. Vor unserem Wohnheim fanden Dreharbeiten statt, als wir eines Morgens zur Uni wollten. Ein Kameramann erzählte uns, es sei ein Spielfilm mit Keanu Reeves. Für Keanu beschlossen R. und ich, den Kurs sausen zu lassen und etwas am Drehort zu bleiben.

Der Kameramann hatte uns aber verarscht, das geschah uns Recht. Es war nur ein Dreh für die Serie "Law and Order" mit Jerry Orbach. Den sahen wir in einen Waschsalon gehen und folgten ihm. Er stand an einem Münzfernsprecher und lauerte geradezu darauf, erkannt und angesprochen zu werden. Wir taten ihm den Gefallen. Wenn wir nun schon den Kurs geschwänzt hatten, dann sollte es irgendeine Trophäe geben. Wir baten ihn um ein Autogramm. Ich hatte das Buch "Aloud" des Nuyorican Poets Café in meinem Rucksack und mangels anderer Ideen, wohin das Autogramm geschrieben werden könnte, gab ich Orbach das Buch. Er schrieb hinein: "Best always, Jerry Orbach". So kommt es, dass ich heute ein lyrisch hochinteressantes Exemplar von "Aloud" besitze, mit einer Widmung desjenigen Schauspielers, der in Dirty Dancing den Vater von Baby spielte.

Nach vier Wochen fuhren R. und ich zu "The Cloisters", einem Mittelaltermuseum, das zum Metropolitan gehört. Die 1938 gebaute Anlage besteht aus Elementen eines mittelalterlichen Klosters, sowie weltlicher Architektur des 12.-15. Jahrhunderts. Die Anlage liegt weit außerhalb, man muss bis zur 190ten Straße mit der Subway fahren und dann mit dem Bus M4 noch weiter, auf einen Hügel, der malerisch über den Hudson River blickt und unweigerlich an den Mythos denken lässt: the city upon a hill.

Als wir ausstiegen, überfiel und umfing uns Ruhe. Stille. Im Innenhof ein offensichtlich gewissenhaft gesprengter Rasen, denn mitten in den heißen Sommermonaten war er grün geblieben. Blumen blühten, ein Brunnen sprudelte leise vor sich hin. Ein Gang durch die Säulenarkaden mit Blick auf dieses stille Paradies vermittelte eine derartige Beschaulichkeit, dass wir völlig fassungslos waren. Manhattan war ein Taumel, im Schlafmangel und bombardiert mit Fremdeindrücken veränderte sich die Wahrnehmung, wurde grenzfällig, messerscharf. Und dann das: "The Cloisters". Die extreme Schwankung, die wir gerade mitmachten, ließ uns sprachlos durch das Museum wandeln. Nach vier bunten und lauten Wochen, in denen wir Manhattan nie verlassen hatten, schien die Welt hier wie durch einen komischen Filter gedämpft, man kam sich vor, als habe man beim Duschen Wasser in die Ohren bekommen und werde die Verstopfung nicht mehr los.

Von der Ausstellung weiß ich nur noch, dass man eins der ersten, komplett erhaltenen Kartenspiele sehen konnte (ca. 1470-85). Ansonsten erinnere ich mich nur noch daran, dass erstmals nach vier Wochen Ruhe einkehrte und es fast so schien, als würde das Herz für eine Weile vor Schock aussetzen. R. wollte bald wieder nach Manhattan zurück. Ich entschied mich, noch alleine dazubleiben und verbrachte den ganzen Tag dort.

Danach änderte sich der Aufenthalt. Ich ließ mir mehr Zeit für Eindrücke, gönnte mir mehr Schlaf. Wir unternahmen nun öfter Ausflüge aus Manhattan hinaus: nach Queens, in die Bronx, Staten Island, Long Island, Brooklyn, wo ich im Brooklyn Museum endlich "Brooklyn Bridge" von Stella sah, das ich schon so lange hatte sehen wollen. Alles wurde irgendwie wieder normaler. Aber auch wenn ich heute an die Zeit in New York denke, fühle ich vor allem diese Berauschtheit, die immer da war. Ich verbinde mit dieser Zeit vieles, das für die, oder zumindest meine, Anfang- bis Mittzwanziger Lebensjahre typisch war. Zehn Jahre ist das her und erscheint sehr weit weg.

Avoid losing your mind

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When in doubt, fuck it (Lennon)

Die Phantasie ist ein ewiger Frühling (Schiller)

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