Beth Nugent: Stadt voller Jungs



"That’s the point of every class I teach: What shift in your head can you make to get beyond your assumptions? What would it take?"
Beth Nugent lehrt Creative Writing und ist selbst Schriftstellerin. In dem verlinkten Porträt sagt sie außerdem:
"Art allows you to operate outside an external system of values. You’re painting butterflies or writing words on eggshells — and for that period of time you recognize that you’re living outside standards that other people set. It’s freedom in the most profound sense."

Diese Freiheit ist eine Freiheit, die das Innere hervorbringt und die Geschichten von Nugent sind deshalb erstaunlich, weil sie dies in aller Schlichtheit und ohne Pathos zu Wege bringen. Ich glaube, Nugent wird öfter mit Raymond Carver in Zusammenhang gebracht und wenn man die Geschichten gelesen hat, dann liegt das auch nahe. Hier mal zwei Auszüge:

(Kleine Opfer)
Ich habe einmal in irgendeinem Wartezimmer in einer Zeitschrift Bilder von einer Schönheitsoperation gesehen. Ich habe schnell weitergeblättert und bin dann darauf zurückgekommen. Ich konnte es kaum ertragen, sie mir anzusehen, aber es lag etwas Unwiderstehliches darin zu sehen, wie das Gesicht dieser Frau säuberlich auseinandergeschnitten und die Haut zurückgezogen war, so dass Muskeln, Blut und Knochen darunter zum Vorschein kamen. Als ihre Haut beschnitten und wieder zusammengenäht war, wobei die Stiche geschickt am Kinnbogen versteckt wurden, hat die Frau vermutlich jünger ausgesehen, aber in ihren Augen hat eine Angst aufgeleuchtet, die größer wirkte als auf dem Bild, das vorher gemacht worden war. Ich schrecke vor dem Gedanken zurück, mir meine Mutter so aufgespießt vorzustellen, aber ich lächle ihr zu.
"Das ist großartig", sage ich. "Ich finde, das ist eine großartige Idee."
"Dein Vater", sagt sie, "findet, dass es Geldverschwendung ist."

(Cocktail Hour)
Meine Eltern sitzen fröhlich am Tisch und planen die erste Cocktailparty, die sie in dieser neuen Stadt geben werden. Wenn ich daran denke, wie schnell meine Eltern neue Freundschaften schließen, und das mit meinen eigenen, langsamen, absehbaren Fortschritten vergleiche, kann ich mir vorstellen, dass ich ein Adoptivkind bin. Aber genau wie meine ähneln auch ihre Freunde in jeder neuen Stadt denen aus den vorigen: nervöse, hagere Frauen in schwarzen Kleidern und mit langen Fingernägeln und gesichtslose Männer mit sich lichtendem Haar, in weißen Hemden und dunklen Jacketts und Krawatten. Es ist beinahe so, als würde sie uns begleiten, eine Traube von Cocktailgästen, die in einer schwarzen Wolke dahinschleichen, welche uns über den Highway folgt. Schon wenige Wochen nach einem Umzug besuchen oder geben meine Eltern wieder Cocktailpartys, und heute Abend lächeln sie in dem goldenen Licht, während die Erde sich langsamer dreht zu den gleichmäßigen Bewegungen meines Vaters, wenn er aufsteht und sich wieder hinsetzt, und zu dem sanften, erregten Gemurmel ihrer Stimmen, als sie all die Namen ihrer neuen Freunde durchgehen.

Hier eine Rezension. Schade, dass es von Nugent schon so lange nichts mehr gegeben hat, aber ich las, dass sie dieses Jahr im Sabbatical ist, vielleicht, hoffentlich, schreibt sie an einem neuen Buch. "Stadt voller Jungs" jedenfalls sollte man unbedingt lesen.

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