Reisen (The French Travelogue)

Rache, Ratschlag, Rebellieren, Recht, REISEN, Respekt, Reue, Revidieren, Richten, Ringen, Riskieren, Rohheit, Rücksicht, Ruhm



Das wunderbare Ferienhaus mit eingeschlossener Terrasse und Garten (sogar John-proof weglaufsicher) in Haut-de-Cagnes gehört einer Amerikanerin namens Tinsley aus Seattle. Wir stellen uns vor, Tinsley wohne in einem Apartment wie "Frasier". Wegen Seattle. Sometimes all one needs to get one's imagination going is the name of a city.

Tinsley ist reich, penibel und die französische Putzfrau ruft: "Tinsley, Tinsley", wobei sie das "i" ganz französisch ausspricht, den Namen auf der letzten Silbe betont und dabei mit beiden Händen aufgeschreckt in der Luft herumfuchtelt. Wir machen uns so unsere Vorstellungen von Tinsley.

Bei unserer Ankunft stellen wir fest, dass Tinsley für ihre Frankreichaufenthalte ein fürsorglich abgedecktes BMW-Cabrio in der Garage deponiert hat. Schon am ersten Tag steigt unser Sohn unbemerkt auf das Auto und hinterlässt auf der Abdeckungsplane seine kleinen Fußabdrücke. For some reason, we think Tinsley doesn't appreciate that, so we leave the footprints for the week, but clean them off right before our departure.

Im Ferienhaus folgende, höchst beängstigende Sammlung an Unterhaltungsmedien.

Musik-DVD: "The Doors – The soundstage performances" gepaart mit "Céline Dion – live"

Film-DVD: "That touch of mink" (Doris Day, Cary Grant) gepaart mit "Les mille et une recettes du cuisinier amoureux"

Bücher: "The portable Walt Whitman" und Pynchons "Gravity's rainbow" gepaart mit Rosamunde Pilchers "Winter solstice"

Die Menschen in Nizza, Cannes und Monaco sind sehr schön und sowas von gebräunt. Aber das war ja nicht anders zu erwarten. Aber hey, unser Sohn, der jetzt auf Jean-Luc hört, kann da mithalten, was die Schönheit angeht:

Mein Sohn als Model

I prefer staying at home or visiting smaller villages. Antibes ist erstaunlich nett. Und natürlich Arles, Arles geht auch gut.

Äh ja, nach vier Tagen Pässe geklaut. Aber Nizza hat ein Honorarkonsulat und nachdem wir einen halben Tag lang einen Passfotoautomaten am Flughafen von Nizza mit ordentlich vielen Münzen gefüttert haben, damit er ein akzeptables Foto unseres unverständigen Sohnes ausspuckt, bekommen wir Ersatzpapiere.



Mein Exmann sieht im französischen Fernsehen gebannt eine Reality TV Show an, obwohl er kein französisch versteht. "When you watch this and don't understand what they say, that's when you really realize: human beings are crazy."

Im Mittelmeer schwimmt mir eine Qualle entgegen, nein, keine Qualle, eine aufgequollene Slipeinlage. Da wusste eine Frau wohl nicht, dass das Leben zu schade ist für schlechte Slipeinlagen. Failure of judgement. (Mal ganz abgesehen davon, dass mir schleierhaft ist, und der Ausdruck schleierhaft erscheint mir durchaus passend zur schwimmenden Slipeinlage, ganz abgesehen davon also, dass mir schleierhaft ist, was die denn beim Schwimmen sowieso verloren hat.)

Wie merkwürdig es ist, dass man ein und denselben Film so unterschiedlich ansehen kann. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit "Sideways" alleine angeguckt und war von Beginn an fixiert auf den desolaten Blickwinkel zweier kaputter Menschen in der Mitte ihres Lebens: Miles, der im Selbstmitleid schwimmt und Jack, der nur darauf aus ist, seine Verlobte vor der Hochzeit noch möglichst oft zu betrügen. Den ganzen Film sah ich aus dieser was-sind-die-Menschen-deprimierend Perspektive. Daneben fand ich den Film nicht schlecht, aber auch nicht besonders gut. Nun erzählte mein Exmann aber ständig von diesem Film, er fand ihn klasse. Ständig zitierte er Miles oder Jack und brachte Situationen in Zusammenhang mit Situationen im Film. Ich ließ mich breitschlagen, den Film noch einmal gemeinsam anzusehen. Und bei diesem Ansehen entdecke ich plötzlich die Komik und was für ein lustiges Paar Miles und Jack sind. Der kalifornische Akzent von Jack ist witzig, die schauspielerische Leistung des Miles-Darstellers hervorragend, die Dialoge und die Regie ebenso. Ich sehe zwar immer noch die sehr deprimierende Geschichte, aber ich sehe jetzt eine Komik, die mir vorher entgangen war und lache sehr viel bei diesem zweiten Angucken des Films. Und wir stellen fest, dass wir das sind: ich bin Miles und mein Exmann ist Jack.

Andererseits ist es gar nicht wirklich merkwürdig, dass man ein und denselben Film so unterschiedlich ansehen kann. Immerhin kann man im Leben selbst auch immer alles sehr unterschiedlich ansehen. Was einen im einen Moment überfordert, ist im nächsten ein Klacks. Was locker ist, wird schwierig, obwohl sich nicht viel verändert hat. Was einem jetzt noch zu viel ist, möchte man in einer Stunde keineswegs missen. Etc. Blabla.

Im Flugzeug von Nizza nach Paris sitzt neben mir eine Frau, die ihre Haarspitzen mit einer Tinktur pflegt, gewissenhaft einzelne Haarspitzen behandelnd, und sie hat viele Haare, und sehr lange Haare. Dann formt die Frau ausführlich ihre Augenwimpern und anschließend bearbeitet sie über eine halbe Stunde lang ihre Fingernägel, abgeschlossen wird mit einer teuren Handcreme und dann sind wir auch schon gelandet. Second failure of judgement: sie weiß wohl nicht, dass das Leben zu schade ist für derart exzessiven Schönheitswahn. Mein Exmann stimmt mir im Urteil über diese Frau nicht zu, er zitiert Jack: "She's jammin', man." Wer weiß, vielleicht ist es doch mein failure of judgement und ich lerne das eines Tages noch, aber aus irgendeinem Grund kann ich mich einfach nicht so sitzen sehen, gewissenhaft einzelne Haarspitzen mit einer Tinktur pflegend.

Nochmal zum Flug von Nizza nach Paris. Wir sind mit Easyjet geflogen und Easyjet ist die kinderfreundlichste und auch behindertenfreundlichste Fluggesellschaft, die wir bisher ausprobiert haben. Lufthansa, Deutsche BA, American Airlines, Germania Express: alle okay. Aber im Januar hatten wir schon Easyjet nach Griechenland genommen und waren begeistert und das hat sich nun noch gesteigert. Von Nizza nach Paris bekamen wir ein Pre-Pre-Boarding: wir wurden als Erste ins Flugzeug geleitet und erst als wir unseren Sohn und das Handgepäck verstaut hatten, wurden andere Familien mit Kindern hereingelassen und danach erst der Rest der Leute. Ich habe noch nie etwas derart Stressfreies erlebt, denn leider ist es ja so, dass die Mitreisenden von alleine nie Rücksicht nehmen. Wenn man in der Horde ist, dann drängeln alle wie verrückt, als würden sie keinen Platz bekommen und das macht meinen Sohn ganz wahnsinnig und er fängt an zu schreien und dann sind die Drängler genervt und drängeln noch mehr. Pre-Pre-Boarding was heaven. Außerdem durften wir bei Easyjet den Buggy bis zum Flugzeugeingang behalten und bekamen ihn direkt beim Aussteigen wieder hochgebracht, während man ihn bei Anderen oft erst auf dem Gepäckband wiederbekommt.



A propos Behindertenfreundlichkeit. Frankreich war geradezu eine Erholung, was den Umgang in der Öffentlichkeit angeht. Die Menschen haben uns zwar auch sehr viel angestarrt, I guess it's human nature, aber im Gegensatz zu Deutschland wurde viel mehr nachgefragt, was unser Sohn denn hat. Die Menschen waren viel aufgeschlossener. In Deutschland wird tendenziell (gibt natürlich immer Ausnahmen) viel gestarrt, aber wenig Kontakt aufgenommen. In Frankreich gingen die Menschen irgendwie unbefangener auf uns und auch auf unseren Sohn zu, redeten sogar mit ihm. In Deutschland redet kein Unbekannter mit meinem Sohn. Zugegeben, er kann auch nicht sprechen und versteht nicht viel, aber alleine die Versuche einer Einbindung habe ich als sehr positiv empfunden und mein Sohn hat die Leute auch viel angelacht. Ich glaube, ihm gefiel das auch. Er spürt das schon, wie Menschen auf ihn zugehen.

Um bei dem Thema zu bleiben: auch in allen Restaurants, selbst in den feineren, wurde er ausgesprochen herzlich aufgenommen. Die Bedienung schenkte ihm immer viel Aufmerksamkeit und nie erschienen Personal oder Gäste genervt, während es in Deutschland eigentlich fast immer konsternierte Seitenblicke gibt, die von Belästigtsein zeugen oder sogar Besuche von Kellnern, die sich herunterbeugen und leise, aber bestimmt fragen, oder besser sagen: "Könnten sie ihr Kind etwas ruhiger halten? Das stört die anderen Gäste." In Deutschland macht es wenig Spaß, meinen Sohn in ein Restaurant mitzunehmen. Ich setze mich durch die feindselige Umwelt dann immer selbst so unter Druck, ihn ruhig zu halten, dass ich völlig verkrampfe und es nicht mehr genießen kann. In Frankreich war das wirklich anders, weil man vom ganzen Umfeld so positive Vibes bekommen hat.

Mein Exmann hat festgestellt, dass es nur eine effektive Art gibt, das Anstarren unseres Sohnes abzustellen: nämlich, indem man selbst Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Immer, wenn mein Exmann ein sehr auffälliges, rot-weißes England-Trikot trug, auf dem groß stand "ENGLAND", haben die Franzosen mehr ihn angestarrt als unseren Sohn.

Nationenfeindseligkeitstechnisch war dieser Urlaub allerdings meine Revanche. 1998 waren mein damals-noch-Mann und ich in Amsterdam und mein deutsches Auto bekam gerade eine Kralle angepasst, als wir im Halteverbot standen, um unser Gepäck ins Hotel raufzutragen. Als wir die Treppe hinunterkamen, war der Beamte noch mit dem Anbringen der Kralle beschäftigt. Ich sprach ihn an, er war sehr unfreundlich, faselte was von "Ihr Deutschen..." und weigerte sich, die Kralle nun, wo wir wieder da waren, doch nicht anzubringen. Alles Erklären half nichts, bis mein Mann den Beamten auf Englisch ansprach, der ihn daraufhin fragte, ob er aus den USA sei, die beiden miteinander sprachen und der Beamte wie selbstverständlich die Kralle entfernte und meinem Mann noch einen schönen Urlaub in den Niederlanden wünschte. Im Jahr 2005 in Frankreich war die Situation umgekehrt: in einer Brasserie in Nizza behandelte der Kellner meinen Exmann mit einer offensichtlichen Mischung aus Missachtung und Langsamkeit, aber als ich den Kellner auf französisch ansprach und er erfuhr, dass ich Deutsche bin, bediente er uns plötzlich viel freundlicher und schneller. Bush heritage. Much happened between 1998 and 2005.

Aber ich war schon weg aus Nizza und in Paris angekommen. Tour de France. Zweieinhalb Stunden stehen und warten, bis – whush – eine Gruppe Radfahrer vorbeidüst. Erkennen kann man höchstens Teamtrikots. Mit einem unverständigen Kind nicht gerade lohnenswert, diese Sache. Andererseits steht neben uns eine nette Familie und wir unterhalten uns ganz gut, mal abgesehen von drei nörgelnden Kindern, aber da hat man gleich was gemeinsam. Misery does love company.



Dann: Buggy kaputt. Die letzten zwei Tage verbringen wir damit, dass unser Sohn sich alle zehn Meter auf die Straße setzt und das Weitergehen bestreikt und wir ihn versuchen zu überreden aufzustehen. Aber sehr lecker Essen gegangen und sehr leckeren Wein getrunken, wie überhaupt den ganzen Urlaub über. Und viel gelacht, sehr viel gelacht.

In Berlin hat das Sanitätshaus zum Glück das richtige Ersatzteil vorrätig und der Buggy wird im Handumdrehen repariert. Der Exmann fliegt zurück nach Chicago. Die Kita nimmt nach vier Wochen endlich wieder ihren Betrieb auf. When all is said and done: was gibt es am Ende Schöneres, als frisch geduscht in sein eigenes, frisch bezogenes Bett zu steigen in der Gewissheit, am nächsten Morgen, äußerlich wie innerlich, wieder in seinem Alltag und bei sich selbst aufzuwachen. Oh, wie schön ist Panama.
kid37 - 1. Aug, 19:48

Ein langer Bericht - aber es hört sich wirklich gut an; Sie haben sich bestimmt gut erholt, Südfrankreich ist in der Tat ein kleines Räubernest, man muß es leider sagen. Deshalb bin ich auch seit bald 15 Jahre nicht mehr dort gewesen (mir haben sie dort mal das komplette Gepäck geklaut, blink, and you'll miss it. Jetzt strafe ich die mit Mißachtung ;-)).

Das ist ein bißchen schade, ich bin ganz gerne in die Gegend von Bandol und Marseille gefahren. Jetzt bevorzuge ich die Bretagne. Erstaunlich aber, was Sie über den Umgang mit anderen Nationen erzählen. Ich kenne es nur so, daß man als Deutscher in Südfrankreich (Vichy! Wir waren ALLE Résistance, mais oui!) eher schräg angeschaut wurde. (Während sich die Kassiererinnen bei den Matrosen eines US-Kriegsschiffs, das gerade bei Toulon vor Anker lag, geradezu überschlugen... Offenbar hat Bush wirklich viel für Europa getan ;-))

Was Sie über den offenen Umgang der Franzosen mit Ihrem Sohn erzählen, glaube ich gern. Es fällt z.B. auch auf den Maut-Autobahnen auf, wie gut die Rastplätze (nach meinem Dafürhalten) für Kinder ausgestattet sind. Es gibt alle 30 bis 50 km Rastplätze mit Spielanlagen und Wickelräumen (Bébé an Bord), und die Franzosen gehen auch sonst mit Kindern viel unbefangener um. Es werden dort auch nicht so kleine Luxus-Prinzen und -Prinzessinnen herangezogen wie hier. Die "laufen dort so mit", das gefällt mir gut.

Zum Thema, seltsame Medien-Mixe: Ich traf in einer Wohnung mal auf zwei Bücher Rücken-an-Rücken: Marilyn Manson, The Long Hard Road out of Hell gepaart mit D. Bohlen.

roland - 1. Aug, 22:17

hi monika,schöner bericht, blöd das mit den Pässen.

sideways: ja, den fand ich eher so mittel, ganz gut, mehr nicht, komisch auch, aber bisschen überhypet vorher. sehr großartig ist aber about schmidt vom selben regisseur, den würde ich jetzt gern empfehlen (hab ich anderorts wo auch schon)

gestern bei freunden, sind gerade "In der Heimat", die zwei Jahre jetzt in Kalifornien gelebt haben, da ihr Kind bekommen haben, und die in etwa auch so Unterschiede mit praktisch denselben Beispielen aufgemacht haben.

Ab 8.8. sind wir übrigens wieder da. Wir melden uns dann nochmal wg. Treffen etc. Gruß,

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