Obhut (Platz für Gefühle)
Oberflächlichkeit, OBHUT, Öffentlichkeit, Offenheit, Organisation, Orgien
Dienstag morgen, viertel vor acht Central Time in Chicago, ein Tag wie jeder andere. Ich habe meinen Sohn, der vor vier Tagen ein Jahr alt geworden ist, angezogen, gefüttert, seine Tasche für die Kita gepackt und ihn ins Auto gesetzt. An der Sonnenblende auf der Fahrerseite hängt die Automatik für die Garagenöffnung. Ich schaue nach oben, betätige den Knopf und beobachte im Rückspiegel, wie sich das Garagentor langsam hebt. Dabei schalte ich in automatisierter Handbewegung das Radio ein, auf dem Weg zur Arbeit höre ich immer die "Eric & Kathy Show". Ich fahre aus der Garage. Wie jeden Morgen.
Heute scheint Eric etwas aufgeregt und während wir im Auto in der Einfahrt stehen und ich den Knopf zum Wiederverschließen des Tores drücke, sagt Eric etwas von einem Flugzeug, das anscheinend gerade versehentlich in einen Turm des World Trade Center geflogen sei: "A terrible accident". Irritiert und noch etwas schläfrig fahre ich durch die kurvigen Straßen unserer Siedlung, um vom Woodside Drive zur Kita zu gelangen, ein Katzensprung. Dort angekommen verstaue ich die Milchflaschen im Kühlschrank und frage die Kindergärtnerin, ob sie irgendetwas von einem Flugzeug im World Trade Center gehört habe. Sie meint, das müsse wohl ein schlechter Scherz der Morgenshow sein. Ich verabschiede mich von meinem Sohn, es ist jetzt acht Uhr und ich habe eine etwa 35-minütige Autofahrt zur Arbeit vor mir.
Als ich wieder ins Auto steige, redet Eric wieder von dem Flugzeug und Kathys Stimme klingt schrill. Das kann meiner Meinung nach kein Scherz sein, es hört sich nicht an wie ein Scherz. Aber was genau ist los? Plötzlich merke ich, dass sie gar nicht von demselben Flugzeug sprechen, Eric sagt: "They just said there is a second plane. And it flew into the other tower. What's going on?" Ich biege auf den zu dieser Zeit gefüllten Expressway auf, der Verkehr läuft aber einigermaßen flüssig, im Radio wartet man auf genauere Informationen. Ein paar Minuten später heißt es, alle Flughäfen in New York seien gesperrt worden, wiederum ein paar Minuten später ebenso alle Brücken und Tunnel. Immer wieder schalten Eric und Kathy in ihre Nachrichtenzentrale und sie selbst rätseln: "This couldn't be an accident."
Mir fällt plötzlich auf, dass ich angepasster, gemächlicher fahre als sonst, weil ich einfach den anderen Autos folge und gar nicht versuche zu überholen, so konzentriert bin ich auf das Radio. Ich sehe mich um und bemerke, dass es wohl allen Autofahrern so gehen muss, denn alle fahren ohne den Trubel, der sonst in der Stoßzeit herrscht. Wenn man links und rechts auf der vierspurigen Fahrbahn in die anderen Autos blickt, dann machen die Menschen darin genauso verwirrte Gesichter wie ich mich fühle. Ich schalte ein paar Radiosender durch und richtig: in jedem ist das Programm unterbrochen und es wird über die Unfälle berichtet, das heißt, bei manchen sind es noch Unfälle, bei anderen wird schon wild spekuliert. Die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, die sonst eine Person pro Auto ganz eingeschlossen in ihren eigenen Kosmos vor sich hinfahren, fangen im Verlauf der Fahrt an, ihre Perspektive zu erweitern, sich in die Autos zu gucken, als ob man sich mit kleinen Gesten wie Schulterzucken und Kopfschütteln gegenseitig versichern will, dass man auch gerade im Radio hört, was passiert. Ich habe noch nie so eine seltsame Stimmung auf der Straße erlebt und ahne nicht, dass diese merkwürdigen Bezeugungen von Verbundenheit in den nächsten Wochen noch ganz andere Ausmaße annehmen werden.
Ich komme um 8:40 Uhr bei der Arbeit an, dort sitzt eine aschfahle Rezeptionistin am Eingang und sagt: "Have you heard?" Ich nicke nur. In Grüppchen stehen alle vor Radios versammelt, hören zu und tauschen Meinungen aus. Eric und Kathy verkünden, dass soeben alle Flüge in den USA überhaupt gestoppt werden sollen. So etwas gab es noch nie. Was ist los? Nur etwa zwei Minuten später die Nachricht: ein drittes Flugzeug sei ins Pentagon geflogen, das Weiße Haus werde evakuiert. Nun ist jeglicher Bann gebrochen, alle sind aufgeregt. Es ist eigentlich schon ziemlich klar, dass es sich hier um terroristische Anschläge handeln muss, auch wenn das offiziell noch nicht bestätigt wird.
Dann kommt die Meldung, dass ein viertes Flugzeug unterwegs sei, über Pennsylvania, in Richtung Mittlerer Westen. Sofortige Spekulationen, dass es womöglich in den Sears Tower in Chicago fliegen könnte, das bis vor kurzem höchste Gebäude der Welt und als solches ein dem World Trade Center ebenbürtiges Aushängeschild. Im Radio wird gesagt, dass der Sears Tower nun evakuiert werde. Fassungslos sitzen wir im Büro.
Eine Kollegin geht kurz Kaffee holen, es ist neun Uhr, eigentlich Arbeitsbeginn, aber daran ist natürlich nicht zu denken. Da kommt auch schon die Meldung, dass der eine der beiden Türme des World Trade Center einstürzt. Ich sage es der Kollegin als sie wiederkommt und wir können nicht glauben, wie sich hier innerhalb kürzester Zeit ein Schreckenszenario entfaltet. Man kann es schlichtweg nicht begreifen. Jeder überlegt, ob er jemanden kennt, der heute an der Ostküste in einem Flugzeug oder im World Trade Center sitzt. Noch ist unklar, welche Flugnummern die Flugzeuge trugen, also ist jeglicher Flug verdächtig, der in Boston, Newark, Dulles starten sollte.
Im Radio die Nachricht, dass nun auch ein Teil des Pentagons einstürzt. Und das Flugzeug über Pennsylvania sei womöglich abgestürzt, sicher weiß man noch nichts. Gegen halb zehn wird der Luftverkehr weiter limitiert: nun können keine Flugzeuge mehr in die USA einfliegen, sie werden nach Kanada umgeleitet. Im Radio wird durchgesagt, dass in Chicago fast alle Firmen ihre Mitarbeiter nachhause geschickt haben. Wir aber müssen bleiben. Es sind von unserer Firma heute über 2000 Reisende in der ganzen Welt entweder auf dem Heimweg oder bei der Abreise, noch haben wir keinen Überblick, wer in welchem Flugzeug sitzen sollte, saß und wo gelandet wird.
Ich rufe die Kita an und frage, ob sie schließen. Die Kindergärtnerin sagt, dass nur noch zwei Kinder in der Kita sind, mein Sohn und ein anderer Junge, dass aber eine Frau die normale Dienstzeit dort verbringen werde, wenn ich weiterarbeiten müsse. Das muss ich. Noch bevor wir auch nur ansatzweise begriffen haben, was wirklich passiert ist, setzt Hektik ein. Im Konferenzraum werden erste Strategien entwickelt, Aufgaben aufgeteilt. Wir haben schon andere Krisen durchgestanden, Kriege, Streiks, aber dies ist nicht vergleichbar. Sobald die Flugabteilung lokalisiert hat, wo Passagiere gelandet sind, müssen wir sehen, dass wir in der Nähe Hotelzimmer organisieren und von Incoming Agenturen Personal an diese Flughäfen bringen, damit sich jemand um unsere Gruppen kümmert und sie ins Hotel bringt. Es ist ein absolut unvorstellbares Chaos.
Zwischendrin wird die Meldung über das Flugzeug in Pennsylvania bestätigt, es ist wirklich abgestürzt, im Radio wird überlegt, ob es abgeschossen worden sei oder nicht, fast alle Sender berichten erst über einen Abschuss und ziehen das später zurück. Gegen halb elf werden die Flugnummern der betroffenen Flugzeuge bekannt und die Generalsorge konkretisiert sich ein wenig. Von unseren Reisenden war zumindest keiner in irgendeinem der Flugzeuge, aber einige Mitarbeiter haben Familienangehörige oder Bekannte, bei denen sie sich immer noch nicht sicher sind. Und wie viele Tote es gibt, das mag im Moment noch keiner zu schätzen, New Yorks Bürgermeister Giuliani sagt in einer Pressekonferenz: "I don't think we want to speculate about that. More than any of us can bear."
Im Konferenzraum wird ein Fernseher angeschlossen und gegen Mittag sehe ich zum ersten Mal die Bilder der Flugzeuge, die ins World Trade Center fliegen und wie die Türme zusammenfallen. Das Entsetzen erhält mit diesem Anblick eine ganz neue Qualität und nach all dem Radiohören begreife ich erstmals hautnah, wie anders das Sehen als das Hören ist. Die Bilder sind präsenter und gleichzeitig unfassbarer, wirklicher und unwirklicher. Es gibt sie tatsächlich, die Macht der Bilder.
Es steckt nun jeder hier und da den Kopf ins Konferenzzimmer, für nicht viel mehr als eine Minute vor dem Fernseher. Man teilt sein Entsetzen mit denen, die sich gerade auch dort befinden, es wird geweint, es gibt Umarmungen. Doch dann geht es schnell weiter, nicht viel Platz für Gefühle, noch nicht. Krisenmanagement.
Eine unserer Gruppen ist in Neufundland gelandet, eine auf den Azoren. Das sind nun gerade keine Reiseziele, bei denen man auf Agenturen zurückgreifen könnte, mit denen man sonst schon gearbeitet hat. Hotels gibt es an dem kleinen Flughafen in Neufundland gar nicht, wir hören, es wird notdürftig ein Auffanglager in der Sporthalle einer Schule eingerichtet. Wir überlegen, ob man die Gruppe in einen Bus setzen und auf dem Landweg in die USA bringen kann. Mehrere Gruppen hatten gerade in Frankfurt auf Anschlussflüge nachhause gewartet, sie kamen aus Rom oder Athen und nun sitzen sie in Frankfurt fest und dort gibt es so viele gestrandete Reisende, dass alle Hotels belegt sind. Eine unserer angestammten Firmen sucht die Gruppen zusammen, zaubert einen Bus aus dem Hut, und wir finden derweil ein Hotel weit entfernt in einem Kurort. Gegen halb sechs muss ich gehen, denn um sechs Uhr schließt die Kita. Die Frau, die extra wegen der zwei Kinder dableiben musste, tut mir leid, aber sie ist sehr nett als ich ankomme. Ich nehme meinen Sohn in den Arm und war selten so glücklich, ihn endlich wieder bei mir zu haben. Emotionaler Ausnahmezustand.
Nebenbei nehme ich einen in Chicago gestrandeten, mir bisher unbekannten Bruder einer Freundin bei mir zuhause auf. In der Firma versammeln wir uns nach zwei Tagen zu einem Briefing, der letzte Reisende ist gefunden, über 2000 Menschen haben wir im Chaos untergebracht und betreut. Es gibt Jubel, Anspannung fällt ab. Aber auch am folgenden Wochenende arbeiten wir durch. Die Reiseleiter, mit denen wir in ständigem Kontakt stehen, erzählen uns von den in Europa gestrandeten Reisenden. Sie sitzen in Hotellobbys, sehen den ganzen Tag CNN und wenn sie die Reiseleiter ansprechen, dann meistens mit der Frage, wann endlich die Flüge wieder einsetzen. In dieser Situation wollen alle nur eins: nachhause, bei ihrer Familie sein. Wir tun unser Bestes, sie immer gut informiert zu halten und sie in der Zwischenzeit wohlbehütet zu wissen.
Es ist völlig unklar, wann der Luftverkehr wieder aufgenommen wird. Mit jedem Tag ohne Bewegung haben wir mehr Reisende, die eigentlich ihren Abreisetag hätten. Die Hotels müssen die Gruppen länger behalten und auch dafür wollen Konditionen ausgehandelt werden. Da viele der ursprünglichen Reservierungen nun nicht anreisen, haben die meisten Hotels zum Glück genügend Kapazität, unsere Gruppen länger unterzubringen. Ein Hotelbesitzer in der Toskana, der mir nach meinem Besuch dort sowieso schon ans Herz gewachsen war, sagt am Telefon, dass die Gruppe selbstverständlich so lange in seinem Hotel wohnen kann, bis wieder geflogen wird und dass sie alle drei Mahlzeiten im Hotel zu sich nehmen dürfen. Und zwar umsonst. Auf Faxen, in Emails und Telefonaten gibt es rührende Mitgefühle. Ich denke, es ist schön, dass in einer solchen Situation plötzlich auch andere als rein ökonomische Gesichtspunkte zum Vorschein und zum Tragen kommen. Die Zusammenarbeit mit einem anderen Hotel in der Toskana gestaltet sich allerdings wesentlich schwieriger. Dort verhandelt man hart, auch jetzt noch.
Irgendwann wird der Flugverkehr wieder aufgenommen und die Lage normalisiert sich ein wenig. Doch seit dem Dienstag hat es Stornierungen für Buchungen nur so gehagelt, jetzt will niemand mehr verreisen. Die Abteilung Kundenbetreuung konnte gar nicht nachkommen mit der Bearbeitung von Kündigungen. Nach Entsetzen und viel Arbeit kommt die Erkenntnis, dass man in diesen Tagen vielleicht nur eine letzte Leistung vor der Arbeitslosigkeit vollbracht hat. Und dann passiert es: an einem Tag wird eine Angestellte ins Büro des Präsidenten bestellt und kehrt zehn Minuten später mit einem Karton zurück. Man hat ihr gekündigt und sie gebeten, ihre Sachen gleich und ohne viel Aufsehen zu packen. Die zwei Wochen Kündigungsfrist wird man ihr ausbezahlen. Das wars. Sie solle bitte möglichst schnell gehen. Kurze Zeit später wird jemand anderes hineingerufen. Wir sitzen wieder da: verwirrt, irritiert, fassungslos. So einfach und schnell geht das. Einer nach dem anderen.
Wer wird noch entlassen, ich auch, und wie viele insgesamt? In meinem Kopf spielt sich ein Film im Zeitraffer ab: wie würde ich das Haus weiter abbezahlen können, wie mein Kind ernähren? Die Welt scheint sowieso nun nicht mehr dieselbe zu sein wie noch vor so kurzer Zeit auf der ersten Geburtstagsfeier meines Sohnes, aber wenigstens geht man noch jeden Tag zur Arbeit, das gibt Struktur, Halt. Was soll werden, wenn auch das noch wegfällt? Alle haben nun Angst, der oder die nächste im Büro des Präsidenten zu sein. Doch ich werde nicht entlassen. Am Ende hat sich die Mitarbeiterzahl von 100 auf 75 reduziert, ein Viertel ist weg. Und so leid mir diejenigen tun, die gehen mussten, so erleichtert bin ich doch, dass ich verschont geblieben bin.
Nach den Kündigungen geht das Geschäftsleben weiter. Aufgrund der vielen Buchungsstornierungen müssen natürlich ganze Reisegruppen gestrichen werden. In der Toskana ist nun nur noch Bedarf für ein Hotel. Die Entscheidung, welches Hotel gewählt wird, die wird gar nicht erst diskutiert. Es gibt einen noch in jeder Krise eindeutig verlässlichen Partner. Auf diese Weise hat am Ende der großzügige, gefühlvolle Hotelbesitzer sogar doch auch ökonomisch die weisere Entscheidung getroffen. Die von ihm übernommenen Kosten der paar spendierten Tage werden sich durch eine langfristig garantierte Auftragslage im Handumdrehen amortisiert haben. Ob er das ein paar Wochen zuvor bereits vorausschauend geahnt und ein bisschen in sein Mitgefühl einkalkuliert hatte oder nicht.
Dienstag morgen, viertel vor acht Central Time in Chicago, ein Tag wie jeder andere. Ich habe meinen Sohn, der vor vier Tagen ein Jahr alt geworden ist, angezogen, gefüttert, seine Tasche für die Kita gepackt und ihn ins Auto gesetzt. An der Sonnenblende auf der Fahrerseite hängt die Automatik für die Garagenöffnung. Ich schaue nach oben, betätige den Knopf und beobachte im Rückspiegel, wie sich das Garagentor langsam hebt. Dabei schalte ich in automatisierter Handbewegung das Radio ein, auf dem Weg zur Arbeit höre ich immer die "Eric & Kathy Show". Ich fahre aus der Garage. Wie jeden Morgen.
Heute scheint Eric etwas aufgeregt und während wir im Auto in der Einfahrt stehen und ich den Knopf zum Wiederverschließen des Tores drücke, sagt Eric etwas von einem Flugzeug, das anscheinend gerade versehentlich in einen Turm des World Trade Center geflogen sei: "A terrible accident". Irritiert und noch etwas schläfrig fahre ich durch die kurvigen Straßen unserer Siedlung, um vom Woodside Drive zur Kita zu gelangen, ein Katzensprung. Dort angekommen verstaue ich die Milchflaschen im Kühlschrank und frage die Kindergärtnerin, ob sie irgendetwas von einem Flugzeug im World Trade Center gehört habe. Sie meint, das müsse wohl ein schlechter Scherz der Morgenshow sein. Ich verabschiede mich von meinem Sohn, es ist jetzt acht Uhr und ich habe eine etwa 35-minütige Autofahrt zur Arbeit vor mir.
Als ich wieder ins Auto steige, redet Eric wieder von dem Flugzeug und Kathys Stimme klingt schrill. Das kann meiner Meinung nach kein Scherz sein, es hört sich nicht an wie ein Scherz. Aber was genau ist los? Plötzlich merke ich, dass sie gar nicht von demselben Flugzeug sprechen, Eric sagt: "They just said there is a second plane. And it flew into the other tower. What's going on?" Ich biege auf den zu dieser Zeit gefüllten Expressway auf, der Verkehr läuft aber einigermaßen flüssig, im Radio wartet man auf genauere Informationen. Ein paar Minuten später heißt es, alle Flughäfen in New York seien gesperrt worden, wiederum ein paar Minuten später ebenso alle Brücken und Tunnel. Immer wieder schalten Eric und Kathy in ihre Nachrichtenzentrale und sie selbst rätseln: "This couldn't be an accident."
Mir fällt plötzlich auf, dass ich angepasster, gemächlicher fahre als sonst, weil ich einfach den anderen Autos folge und gar nicht versuche zu überholen, so konzentriert bin ich auf das Radio. Ich sehe mich um und bemerke, dass es wohl allen Autofahrern so gehen muss, denn alle fahren ohne den Trubel, der sonst in der Stoßzeit herrscht. Wenn man links und rechts auf der vierspurigen Fahrbahn in die anderen Autos blickt, dann machen die Menschen darin genauso verwirrte Gesichter wie ich mich fühle. Ich schalte ein paar Radiosender durch und richtig: in jedem ist das Programm unterbrochen und es wird über die Unfälle berichtet, das heißt, bei manchen sind es noch Unfälle, bei anderen wird schon wild spekuliert. Die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, die sonst eine Person pro Auto ganz eingeschlossen in ihren eigenen Kosmos vor sich hinfahren, fangen im Verlauf der Fahrt an, ihre Perspektive zu erweitern, sich in die Autos zu gucken, als ob man sich mit kleinen Gesten wie Schulterzucken und Kopfschütteln gegenseitig versichern will, dass man auch gerade im Radio hört, was passiert. Ich habe noch nie so eine seltsame Stimmung auf der Straße erlebt und ahne nicht, dass diese merkwürdigen Bezeugungen von Verbundenheit in den nächsten Wochen noch ganz andere Ausmaße annehmen werden.
Ich komme um 8:40 Uhr bei der Arbeit an, dort sitzt eine aschfahle Rezeptionistin am Eingang und sagt: "Have you heard?" Ich nicke nur. In Grüppchen stehen alle vor Radios versammelt, hören zu und tauschen Meinungen aus. Eric und Kathy verkünden, dass soeben alle Flüge in den USA überhaupt gestoppt werden sollen. So etwas gab es noch nie. Was ist los? Nur etwa zwei Minuten später die Nachricht: ein drittes Flugzeug sei ins Pentagon geflogen, das Weiße Haus werde evakuiert. Nun ist jeglicher Bann gebrochen, alle sind aufgeregt. Es ist eigentlich schon ziemlich klar, dass es sich hier um terroristische Anschläge handeln muss, auch wenn das offiziell noch nicht bestätigt wird.
Dann kommt die Meldung, dass ein viertes Flugzeug unterwegs sei, über Pennsylvania, in Richtung Mittlerer Westen. Sofortige Spekulationen, dass es womöglich in den Sears Tower in Chicago fliegen könnte, das bis vor kurzem höchste Gebäude der Welt und als solches ein dem World Trade Center ebenbürtiges Aushängeschild. Im Radio wird gesagt, dass der Sears Tower nun evakuiert werde. Fassungslos sitzen wir im Büro.
Eine Kollegin geht kurz Kaffee holen, es ist neun Uhr, eigentlich Arbeitsbeginn, aber daran ist natürlich nicht zu denken. Da kommt auch schon die Meldung, dass der eine der beiden Türme des World Trade Center einstürzt. Ich sage es der Kollegin als sie wiederkommt und wir können nicht glauben, wie sich hier innerhalb kürzester Zeit ein Schreckenszenario entfaltet. Man kann es schlichtweg nicht begreifen. Jeder überlegt, ob er jemanden kennt, der heute an der Ostküste in einem Flugzeug oder im World Trade Center sitzt. Noch ist unklar, welche Flugnummern die Flugzeuge trugen, also ist jeglicher Flug verdächtig, der in Boston, Newark, Dulles starten sollte.
Im Radio die Nachricht, dass nun auch ein Teil des Pentagons einstürzt. Und das Flugzeug über Pennsylvania sei womöglich abgestürzt, sicher weiß man noch nichts. Gegen halb zehn wird der Luftverkehr weiter limitiert: nun können keine Flugzeuge mehr in die USA einfliegen, sie werden nach Kanada umgeleitet. Im Radio wird durchgesagt, dass in Chicago fast alle Firmen ihre Mitarbeiter nachhause geschickt haben. Wir aber müssen bleiben. Es sind von unserer Firma heute über 2000 Reisende in der ganzen Welt entweder auf dem Heimweg oder bei der Abreise, noch haben wir keinen Überblick, wer in welchem Flugzeug sitzen sollte, saß und wo gelandet wird.
Ich rufe die Kita an und frage, ob sie schließen. Die Kindergärtnerin sagt, dass nur noch zwei Kinder in der Kita sind, mein Sohn und ein anderer Junge, dass aber eine Frau die normale Dienstzeit dort verbringen werde, wenn ich weiterarbeiten müsse. Das muss ich. Noch bevor wir auch nur ansatzweise begriffen haben, was wirklich passiert ist, setzt Hektik ein. Im Konferenzraum werden erste Strategien entwickelt, Aufgaben aufgeteilt. Wir haben schon andere Krisen durchgestanden, Kriege, Streiks, aber dies ist nicht vergleichbar. Sobald die Flugabteilung lokalisiert hat, wo Passagiere gelandet sind, müssen wir sehen, dass wir in der Nähe Hotelzimmer organisieren und von Incoming Agenturen Personal an diese Flughäfen bringen, damit sich jemand um unsere Gruppen kümmert und sie ins Hotel bringt. Es ist ein absolut unvorstellbares Chaos.
Zwischendrin wird die Meldung über das Flugzeug in Pennsylvania bestätigt, es ist wirklich abgestürzt, im Radio wird überlegt, ob es abgeschossen worden sei oder nicht, fast alle Sender berichten erst über einen Abschuss und ziehen das später zurück. Gegen halb elf werden die Flugnummern der betroffenen Flugzeuge bekannt und die Generalsorge konkretisiert sich ein wenig. Von unseren Reisenden war zumindest keiner in irgendeinem der Flugzeuge, aber einige Mitarbeiter haben Familienangehörige oder Bekannte, bei denen sie sich immer noch nicht sicher sind. Und wie viele Tote es gibt, das mag im Moment noch keiner zu schätzen, New Yorks Bürgermeister Giuliani sagt in einer Pressekonferenz: "I don't think we want to speculate about that. More than any of us can bear."
Im Konferenzraum wird ein Fernseher angeschlossen und gegen Mittag sehe ich zum ersten Mal die Bilder der Flugzeuge, die ins World Trade Center fliegen und wie die Türme zusammenfallen. Das Entsetzen erhält mit diesem Anblick eine ganz neue Qualität und nach all dem Radiohören begreife ich erstmals hautnah, wie anders das Sehen als das Hören ist. Die Bilder sind präsenter und gleichzeitig unfassbarer, wirklicher und unwirklicher. Es gibt sie tatsächlich, die Macht der Bilder.
Es steckt nun jeder hier und da den Kopf ins Konferenzzimmer, für nicht viel mehr als eine Minute vor dem Fernseher. Man teilt sein Entsetzen mit denen, die sich gerade auch dort befinden, es wird geweint, es gibt Umarmungen. Doch dann geht es schnell weiter, nicht viel Platz für Gefühle, noch nicht. Krisenmanagement.
Eine unserer Gruppen ist in Neufundland gelandet, eine auf den Azoren. Das sind nun gerade keine Reiseziele, bei denen man auf Agenturen zurückgreifen könnte, mit denen man sonst schon gearbeitet hat. Hotels gibt es an dem kleinen Flughafen in Neufundland gar nicht, wir hören, es wird notdürftig ein Auffanglager in der Sporthalle einer Schule eingerichtet. Wir überlegen, ob man die Gruppe in einen Bus setzen und auf dem Landweg in die USA bringen kann. Mehrere Gruppen hatten gerade in Frankfurt auf Anschlussflüge nachhause gewartet, sie kamen aus Rom oder Athen und nun sitzen sie in Frankfurt fest und dort gibt es so viele gestrandete Reisende, dass alle Hotels belegt sind. Eine unserer angestammten Firmen sucht die Gruppen zusammen, zaubert einen Bus aus dem Hut, und wir finden derweil ein Hotel weit entfernt in einem Kurort. Gegen halb sechs muss ich gehen, denn um sechs Uhr schließt die Kita. Die Frau, die extra wegen der zwei Kinder dableiben musste, tut mir leid, aber sie ist sehr nett als ich ankomme. Ich nehme meinen Sohn in den Arm und war selten so glücklich, ihn endlich wieder bei mir zu haben. Emotionaler Ausnahmezustand.
Nebenbei nehme ich einen in Chicago gestrandeten, mir bisher unbekannten Bruder einer Freundin bei mir zuhause auf. In der Firma versammeln wir uns nach zwei Tagen zu einem Briefing, der letzte Reisende ist gefunden, über 2000 Menschen haben wir im Chaos untergebracht und betreut. Es gibt Jubel, Anspannung fällt ab. Aber auch am folgenden Wochenende arbeiten wir durch. Die Reiseleiter, mit denen wir in ständigem Kontakt stehen, erzählen uns von den in Europa gestrandeten Reisenden. Sie sitzen in Hotellobbys, sehen den ganzen Tag CNN und wenn sie die Reiseleiter ansprechen, dann meistens mit der Frage, wann endlich die Flüge wieder einsetzen. In dieser Situation wollen alle nur eins: nachhause, bei ihrer Familie sein. Wir tun unser Bestes, sie immer gut informiert zu halten und sie in der Zwischenzeit wohlbehütet zu wissen.
Es ist völlig unklar, wann der Luftverkehr wieder aufgenommen wird. Mit jedem Tag ohne Bewegung haben wir mehr Reisende, die eigentlich ihren Abreisetag hätten. Die Hotels müssen die Gruppen länger behalten und auch dafür wollen Konditionen ausgehandelt werden. Da viele der ursprünglichen Reservierungen nun nicht anreisen, haben die meisten Hotels zum Glück genügend Kapazität, unsere Gruppen länger unterzubringen. Ein Hotelbesitzer in der Toskana, der mir nach meinem Besuch dort sowieso schon ans Herz gewachsen war, sagt am Telefon, dass die Gruppe selbstverständlich so lange in seinem Hotel wohnen kann, bis wieder geflogen wird und dass sie alle drei Mahlzeiten im Hotel zu sich nehmen dürfen. Und zwar umsonst. Auf Faxen, in Emails und Telefonaten gibt es rührende Mitgefühle. Ich denke, es ist schön, dass in einer solchen Situation plötzlich auch andere als rein ökonomische Gesichtspunkte zum Vorschein und zum Tragen kommen. Die Zusammenarbeit mit einem anderen Hotel in der Toskana gestaltet sich allerdings wesentlich schwieriger. Dort verhandelt man hart, auch jetzt noch.
Irgendwann wird der Flugverkehr wieder aufgenommen und die Lage normalisiert sich ein wenig. Doch seit dem Dienstag hat es Stornierungen für Buchungen nur so gehagelt, jetzt will niemand mehr verreisen. Die Abteilung Kundenbetreuung konnte gar nicht nachkommen mit der Bearbeitung von Kündigungen. Nach Entsetzen und viel Arbeit kommt die Erkenntnis, dass man in diesen Tagen vielleicht nur eine letzte Leistung vor der Arbeitslosigkeit vollbracht hat. Und dann passiert es: an einem Tag wird eine Angestellte ins Büro des Präsidenten bestellt und kehrt zehn Minuten später mit einem Karton zurück. Man hat ihr gekündigt und sie gebeten, ihre Sachen gleich und ohne viel Aufsehen zu packen. Die zwei Wochen Kündigungsfrist wird man ihr ausbezahlen. Das wars. Sie solle bitte möglichst schnell gehen. Kurze Zeit später wird jemand anderes hineingerufen. Wir sitzen wieder da: verwirrt, irritiert, fassungslos. So einfach und schnell geht das. Einer nach dem anderen.
Wer wird noch entlassen, ich auch, und wie viele insgesamt? In meinem Kopf spielt sich ein Film im Zeitraffer ab: wie würde ich das Haus weiter abbezahlen können, wie mein Kind ernähren? Die Welt scheint sowieso nun nicht mehr dieselbe zu sein wie noch vor so kurzer Zeit auf der ersten Geburtstagsfeier meines Sohnes, aber wenigstens geht man noch jeden Tag zur Arbeit, das gibt Struktur, Halt. Was soll werden, wenn auch das noch wegfällt? Alle haben nun Angst, der oder die nächste im Büro des Präsidenten zu sein. Doch ich werde nicht entlassen. Am Ende hat sich die Mitarbeiterzahl von 100 auf 75 reduziert, ein Viertel ist weg. Und so leid mir diejenigen tun, die gehen mussten, so erleichtert bin ich doch, dass ich verschont geblieben bin.
Nach den Kündigungen geht das Geschäftsleben weiter. Aufgrund der vielen Buchungsstornierungen müssen natürlich ganze Reisegruppen gestrichen werden. In der Toskana ist nun nur noch Bedarf für ein Hotel. Die Entscheidung, welches Hotel gewählt wird, die wird gar nicht erst diskutiert. Es gibt einen noch in jeder Krise eindeutig verlässlichen Partner. Auf diese Weise hat am Ende der großzügige, gefühlvolle Hotelbesitzer sogar doch auch ökonomisch die weisere Entscheidung getroffen. Die von ihm übernommenen Kosten der paar spendierten Tage werden sich durch eine langfristig garantierte Auftragslage im Handumdrehen amortisiert haben. Ob er das ein paar Wochen zuvor bereits vorausschauend geahnt und ein bisschen in sein Mitgefühl einkalkuliert hatte oder nicht.
wasweissich ABC des Miteinander - 3. Mai, 12:58
