Langeweile

Benzin war damals noch verhältnismäßig günstig, es gab nichts zu tun, so kurvten wir stundenlang durch die Gegend. Wir hatten Walkie-Talkies dabei und haben uns, auf mehrere Patrouille fahrende Autos verteilt, durchgegeben, was alles an Nichts passierte. Was soll man tun, wenn man auf dem Land aufwächst und noch dort bleiben muss, bis das Abitur abgeschlossen ist? Mit Galgenhumor gab man sich so spannende Meldungen durch wie: "Fahren gerade bei B. vorbei. Die haben einen neuen Busch gepflanzt. Over."

Wir hatten vom vorherigen Abschlussjahrgang einen Schlüssel zur Schule bekommen, der immer heimlich von Jahrgang zu Jahrgang weitergereicht wurde. Nur wussten wir dann gar nicht so recht, was damit anfangen. Wir gingen mal nachts in die Schule und das Aufregendste daran war, dass wir Angst hatten, vom Hausmeister erwischt zu werden, der in der Nähe wohnte und angeblich abends noch manchmal nach dem Rechten sah. Im Nachhinein betrachtet halte ich das für ziemlichen Quatsch: der Hausmeister war bestimmt froh, wenn seine Arbeit getan war und er das Gebäude verlassen konnte.

Wir saßen dann also des Nachts in der Cafeteria der Schule, zogen uns einen Cappuccino aus dem Automaten und wollten das abenteuerlich finden, obwohl nichts geschah. Später überlegten wir uns, man könne vielleicht die Lautsprecheranlage anzapfen und mal während des Unterrichts Musik in alle Räume spielen. Schlimmstenfalls dachten wir dabei vielleicht Richtung AC/DC, bestenfalls wahrscheinlich Red Hot Chili Peppers. Das nächste Mal nahmen wir also einen Jungen aus dem Physik-Leistungskurs mit, der sich das mal ansehen sollte. Aber das konnte man wohl nicht hinbekommen. Wir gingen auch nachts in die Bücherei, in der ich arbeitete und zu der ich einen Schlüssel hatte. Dort kochten wir im Dunkeln Kaffee, hörten Musik und durchforsteten die Regale. Nicht, dass darin nachts andere Bücher standen als tagsüber.

Am Hintereingang des Famila-Marktes wartete das aussortierte, faule Gemüse auf seine Abholung, dort luden wir Salatköpfe und Tomaten ein. Damit haben wir auf abgelegenen Feldstraßen versucht, in kleineren Rennen gegenseitig unsere Autos zu bewerfen. Am nächsten Tag sagten die Eltern am Mittagstisch, während wir konzentriert das Essen auf unseren Tellern betrachteten: "Wer wohl letzte Nacht das ganze Gemüse auf der Straße verteilt hat, sieht ja unmöglich aus".

Dieses Etwas-Ausfressen-Wollen und weder genau wissen was, noch warum überhaupt. Diese furchtbaren Party-Gelage. Diese ziellose Energie. Diese Langeweile, die man auch gar nicht mit etwas Sinnvollem füllen wollte. Irgendwie mochten wir wohl nicht einsehen, dass es nichts zu erleben gab, wo es nichts zu erleben gab.

Geschweige denn, dass es vielleicht sogar nirgendwo wirklich anders sein würde, weil es an einem selber liegt. Die Provinz in jedem Menschen.

Trotzdem definitiv auch viel Spaß gehabt dabei.

Und wiederum trotzdem heilfroh, nie mehr 15-19 Jahre alt zu sein, sowie nun nur für Wochenendbesuche zurückzukehren.

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