Zufriedenheit (Ein Spaziergang. Und der Tag eine Miniaturewigkeit)
Zeitvertreib, ZUFRIEDENHEIT, Zuhören, Zufall, Zuflucht, Zuversicht
Wir wohnen an der Ecke Melrose Street und Damen Avenue, in Chicago, genauer in Roscoe Village, gerade westlich von Lakeview. Es ist ein sehr heißer Junitag mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit. 2002. Die Hitze drückt auf die Stadt, gerade so, wie sie es jeden Sommer tut. In Chicago flüchten die Menschen in den unerbittlichen Sommermonaten oft in klimatisierte Räume, um der brütend schwülen Hitze zu entgehen und in den eisigen, schneereichen Wintern, um der schneidenden Kälte zu entkommen. Man lebt so manchmal fast wie unter einer Glocke, begibt sich morgens von klimatisierten Wohnungen in klimatisierte Büros und abends dann über klimatisierte Supermärkte oder klimatisierte Restaurants zurück in die klimatisierten Wohnungen.
Ich entschließe mich, endlich einmal der ganzen Klimatisierung zu entfliehen und, mit meinem Sohn im Buggy, einen langen Spaziergang zu machen. Wir gehen ostwärts, zunächst die School Street entlang, bis Ravenswood, biegen dort links ab bis Cornelia und laufen auf Cornelia weiter auf den Lake Michigan zu. Bald befinden wir uns in Wrigleyville, wo wegen eines Nachmittagsspiels der Chicago Cubs auf allen umgebenden Straßen die Autos Stoßstange an Stoßstange parken.
Die Chicago Cubs sind eins von zwei Baseballteams in Chicago. Die Cubs spielen im Norden der Stadt im Wrigley Field und die White Sox spielen im Süden der Stadt im Comiskey Park. Beide Teams zeichnen sich in der Baseballgeschichte durch eher zweifelhafte Merkmale aus. Die Cubs blicken auf eine verlustreiche Geschichte zurück, seit 1908 gewannen sie keine World Series mehr. Die White Sox, die ursprünglich gar keine weißen Strümpfe trugen und sich nur White Stockings genannt hatten aus Opposition zu den Hauptrivalen in Cincinnati, den Red Stockings, die White Sox also sind hauptsächlich für den bisher größten Wettskandal der Baseballgeschichte bekannt. 1919 betrogen acht Spieler in der World Series und wurden vom Baseball auf Lebenszeit verbannt. Diese Mannschaft ist heute wiederum legendär unter dem Beinamen Black Sox. Der Skandal stürzte den gesamten Baseball in eine Krise. Das Vertrauen in den Sport war dahin, die Zuschauer in ganz USA boykottierten die Sportart. Es war dann vor allem dem Auftauchen des charismatischen Babe Ruth in New York in den Roaring Twenties zu verdanken, dass Baseball überhaupt wiederkehrte und wieder Begeisterung entfachen konnte.
Comiskey Park im Süden wurde 1991 umgebaut und verdient sich seither seinen Nachnamen Park: der Besuch eines Baseballspiels dort ist ein Event, das Stadion in Wirklichkeit ein Amusement Park. Noch innerhalb des Stadions machen sich zahllose Geschäfte, Stände und Spielhallen derart Konkurrenz, dass der Baseball schon nebensächlich erscheint. Wrigley Field dagegen, erbaut 1916, ist eine der wenigen, verbleibenden Bastionen alter Stadiontradition. Rund um das Stadion stoßen sich zwar auch hier viele Kneipen am Zulauf der Besucher gesund, aber im Stadion selbst wird der Amusement Park Charakter noch gebändigt. Tatsächlich reisen sogar von überallher aus den USA Baseballfans an, nur um dieses schöne, alte Stadion zu sehen, so wie sie auch nach Boston reisen, um das legendäre, 1912 erbaute Stadion der Red Sox zu erleben, Fenway Park.
Die ewig verlierenden Cubs haben eine unerschütterliche Fangemeinde, die wahrscheinlich schockiert wäre, wenn ihre Mannschaft tatsächlich eine World Series gewänne. Man liebt die Cubs wie ein Kind: ohne Bedingung. An dem Morgen, an dem die Tickets für die Saison im Internet zum Verkauf gehen, steht in allen Firmen im Norden und Nordwesten für mindestens eine Stunde die Arbeit still und jeder versucht, Karten zu bekommen. Das war in meiner Firma nicht anders. Über den ökonomischen Verlustwert der gestoppten Arbeitszeit machte sich unser Chef aber keine Gedanken, zum Glück war er selbst ein treuer Fan. 1998 hatte es einmal richtig Trubel gegeben, denn der Cubs-Liebling Sammy Sosa lieferte sich plötzlich und unerwartet mit Mark McGwire von den St. Louis Cardinals ein Rennen darum, den seit 1961 ungebrochenen Homerun-Rekord von Roger Maris zu durchbrechen. Die Cubs im Aufwind, was war das für eine Aufregung gewesen.
In Wrigleyville also parken an diesem brütenden Junitag die Autos Stoßstange an Stoßstange, als mein Sohn und ich über Clark Street zu Addison und somit am Stadion der Cubs vorbeispazieren. Wir hören hier und da Applaus, Raunen des Publikums und Buhrufe, genannt "Bronx cheer". Auch das ist Baseball, mit Wortschöpfungen und schönen Umschreibungen, mit Liebe zur Sprache drückt sich die Liebe zum Sport aus.
Applaus, Raunen, Buhrufe: was im Wrigley Field wohl gerade alles vorgeht? Ein knappes Out, ein gerade noch gefangener Fly Ball, den der Outfielder hoch in die Luft gesprungen mit seinem ausgestreckten Handschuh aus der Luft fischt? Strikeouts, Stolen Bases, Run-downs, Seeing-eye Singles, Intentional Walks? Es tut mir ein bisschen leid, dass mein Sohn noch zu klein für ein Baseballspiel ist und ich denke, wie schön es wäre, jetzt in den Bleachers zu sitzen, ein Bier zu trinken und mit den unverbesserlichen Cubs mitzufiebern.
Vom Stadion aus gehen wir weiter bis zum Lake Michigan, verweilen ein bisschen am Belmont Harbor, setzen uns dann auf eine Rasenfläche, zwischen picknickende Grüppchen und lesende Einzelpersonen, mit schönem Blick entlang des Lake Shore Drive auf die Skyline von Downtown Chicago. Die Wellen plätschern nur leicht, aber am Lake Michigan steht die Luft nicht so still wie in Roscoe Village, 20 Blocks landeinwärts. Unterwegs hatte ich mir einen Kaffee und etwas zu essen gekauft, irgendwo spielt aus irgendeiner mitgebrachten Boombox ein Album der Dave Matthews Band. Ich füttere meinen Sohn, wechsele ihm die Windeln und unterhalte mich eine Weile mit ein paar netten Leuten, die neben uns sitzen.
Dann spazieren wir zurück Richtung Zuhause. In der Nähe der Lakefront Stau vor zu kurzen Ampelphasen, fluchende Fahrer auf der unmöglichen Suche nach Parkplätzen, Verstopfung selbst auf den zu schmalen Gehwegen. Gerufe, Gedrängel und Hupen, eine laute, dichte Gegend, in der die Abgase die Schwüle noch unerträglicher machen. Vor der Hochbahnstation Belmont feuert eine alte Frau mit einem weißem Pudel an der Leine und einer roten Hundedecke unter dem Arm einen Gitarrenspieler an, es ist nicht ganz klar, ob sie ihn aus Ironie lobt und wirklich genervt von ihm ist, oder nicht. Mit jedem Block entfernen wir uns dann immer weiter von der verstopften Gegend. Die Highrises, wo wir früher mal im 11. Stock gewohnt haben, mit Blick auf den See, allerdings nur durch einen Spalt zwischen zwei anderen Highrises hindurch, machen langsam den kleineren Mietshäusern Platz.
Mein Sohn schläft im Buggy ein, ich stelle die Lehne seines Sitzes nach hinten und klappe das Sonnendach über den Wagen. Irgendwann sogar nurmehr Häuser, die zumeist von drei Familien bewohnt werden, auf jeden Fall keines mehr höher als vier Stockwerke. Nach dem Lärm der Lakefront fühlt es sich gut an, nun in diesen ruhigen Straßenzügen spazieren zu gehen. In den kleinen Gärten hinter den Häusern hört man spielende Kinder und auf der Straße kommen mir nun auch wieder mehr junge Mütter mit Kindern entgegen. In einem Zick-Zack-Kurs durch die geradegezogenen Straßen Chicagos haben wir wieder Roscoe Village erreicht. Ich beschließe, mir noch schnell eine Gallone Milch mitzunehmen, aus einem Laden einen Block nördlich von unserer Wohnung, an der Ecke School Street und Damen Avenue.
In diesem kleinen Tante-Emma-Laden, in dem man alles bekommen kann, Fertiggerichte, Eier, Shampoo, werden aber vor allem Bier, Zigaretten und Lottoscheine verkauft. Die kleine Eingangstür ist schräg in die Ecke des Hauses gebaut, ein Schild ragt diagonal in die Straße hinein, "Food and Drinks" steht darauf. Das Gebäude ein roter Klinkerbau, die Hauswand übersät mit Schildern, die ausschließlich Biersorten und ihre jeweiligen Preise verkünden: Dosen Budweiser, Sixpacks Miller Lite, 24-Packs Coors. Die Schilder sind eingefasst in grün bemalte Holzrahmen, ebenso die Eingangstür. Der Laden ist fast immer geöffnet, manchmal fragt man sich, warum das Neonschild "open" und "closed" zur Auswahl hat, denn es leuchtet immer nur das rote "open". Es arbeiten dort nur zwei Männer. Mal der eine, mal der andere. Beide kommen aus Syrien. Es befinden sich meistens ein paar Leute im Laden, die an der Kasse vor der Theke herumstehen, allerdings nicht zum Bezahlen von irgend etwas, sondern gerade mitten im Gespräch begriffen.
Jedes Mal, wenn ich das Gebäude von weitem sehe: roter Klinkerbau, weiße Tür, bunte Schilder und grünbemalte Holzrahmen, denke ich, dass hier die perfekte Villa Kunterbunt steht. Ich trete ein und der Mann, der immer tagsüber hier ist, begrüßt mich freundlich. Er ist immer gut gelaunt, nennt mich "Sweetheart" und versucht jedes Mal mich zu überreden, einen Lottoschein zu kaufen. Das ist ein ebenso fester Bestandteil unseres Kommunikationsrituals geworden wie seine wiederholte, immer von spielerischem Kopfschütteln begleitete Bemerkung: "Du kommst aus Deutschland, was zum Teufel machst du hier? Wenn ich in Deutschland leben könnte, dann wäre ich binnen eines Tages hier weg". Ich bezahle meine Milch und er sagt: "Warte."
Er kommt um die Kasse herum, um mir etwas zu zeigen. Über der Kasse hat er auf einer Leiste zwei Kinderbilder angebracht. Er sagt: "Hier hänge ich nun von allen Kindern meiner Kunden Fotos auf und die werden immer hier bleiben. Bring mir ein Foto von deinem Sohn mit, dann hänge ich es dazu. Wenn ihr dann in 20 Jahren schon längst wieder in Deutschland lebt", und an dieser Stelle zwinkert er mir verschwörerisch zu, "denn das ist schon mal sicher, dass ihr das tun werdet, du bist ja ein kluges Mädchen, dann kann dein Sohn nach Chicago reisen, wie alt wird er dann sein, 21, kann hier reinkommen und sein Babyfoto ansehen. Und es wird noch hier hängen, denn wir werden immer hier bleiben." Ich verspreche, ihm beim nächsten Einkauf ein Bild mitzubringen. Was für eine schöne Idee.
Nach diesem langen Spaziergang gehe ich, völlig verschwitzt, aber sehr zufrieden, mit meinem Sohn und meiner Gallone Milch zurück in unsere klimatisierte Wohnung. Neben dem Kühlschrank hängt ein Tageskalender und als ich die Milch in den Kühlschrank stelle, lese ich das Zitat des Tages. Es ist von Ralph Waldo Emerson: "A day is a miniature eternity."
Wir wohnen an der Ecke Melrose Street und Damen Avenue, in Chicago, genauer in Roscoe Village, gerade westlich von Lakeview. Es ist ein sehr heißer Junitag mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit. 2002. Die Hitze drückt auf die Stadt, gerade so, wie sie es jeden Sommer tut. In Chicago flüchten die Menschen in den unerbittlichen Sommermonaten oft in klimatisierte Räume, um der brütend schwülen Hitze zu entgehen und in den eisigen, schneereichen Wintern, um der schneidenden Kälte zu entkommen. Man lebt so manchmal fast wie unter einer Glocke, begibt sich morgens von klimatisierten Wohnungen in klimatisierte Büros und abends dann über klimatisierte Supermärkte oder klimatisierte Restaurants zurück in die klimatisierten Wohnungen.
Ich entschließe mich, endlich einmal der ganzen Klimatisierung zu entfliehen und, mit meinem Sohn im Buggy, einen langen Spaziergang zu machen. Wir gehen ostwärts, zunächst die School Street entlang, bis Ravenswood, biegen dort links ab bis Cornelia und laufen auf Cornelia weiter auf den Lake Michigan zu. Bald befinden wir uns in Wrigleyville, wo wegen eines Nachmittagsspiels der Chicago Cubs auf allen umgebenden Straßen die Autos Stoßstange an Stoßstange parken.
Die Chicago Cubs sind eins von zwei Baseballteams in Chicago. Die Cubs spielen im Norden der Stadt im Wrigley Field und die White Sox spielen im Süden der Stadt im Comiskey Park. Beide Teams zeichnen sich in der Baseballgeschichte durch eher zweifelhafte Merkmale aus. Die Cubs blicken auf eine verlustreiche Geschichte zurück, seit 1908 gewannen sie keine World Series mehr. Die White Sox, die ursprünglich gar keine weißen Strümpfe trugen und sich nur White Stockings genannt hatten aus Opposition zu den Hauptrivalen in Cincinnati, den Red Stockings, die White Sox also sind hauptsächlich für den bisher größten Wettskandal der Baseballgeschichte bekannt. 1919 betrogen acht Spieler in der World Series und wurden vom Baseball auf Lebenszeit verbannt. Diese Mannschaft ist heute wiederum legendär unter dem Beinamen Black Sox. Der Skandal stürzte den gesamten Baseball in eine Krise. Das Vertrauen in den Sport war dahin, die Zuschauer in ganz USA boykottierten die Sportart. Es war dann vor allem dem Auftauchen des charismatischen Babe Ruth in New York in den Roaring Twenties zu verdanken, dass Baseball überhaupt wiederkehrte und wieder Begeisterung entfachen konnte.
Comiskey Park im Süden wurde 1991 umgebaut und verdient sich seither seinen Nachnamen Park: der Besuch eines Baseballspiels dort ist ein Event, das Stadion in Wirklichkeit ein Amusement Park. Noch innerhalb des Stadions machen sich zahllose Geschäfte, Stände und Spielhallen derart Konkurrenz, dass der Baseball schon nebensächlich erscheint. Wrigley Field dagegen, erbaut 1916, ist eine der wenigen, verbleibenden Bastionen alter Stadiontradition. Rund um das Stadion stoßen sich zwar auch hier viele Kneipen am Zulauf der Besucher gesund, aber im Stadion selbst wird der Amusement Park Charakter noch gebändigt. Tatsächlich reisen sogar von überallher aus den USA Baseballfans an, nur um dieses schöne, alte Stadion zu sehen, so wie sie auch nach Boston reisen, um das legendäre, 1912 erbaute Stadion der Red Sox zu erleben, Fenway Park.
Die ewig verlierenden Cubs haben eine unerschütterliche Fangemeinde, die wahrscheinlich schockiert wäre, wenn ihre Mannschaft tatsächlich eine World Series gewänne. Man liebt die Cubs wie ein Kind: ohne Bedingung. An dem Morgen, an dem die Tickets für die Saison im Internet zum Verkauf gehen, steht in allen Firmen im Norden und Nordwesten für mindestens eine Stunde die Arbeit still und jeder versucht, Karten zu bekommen. Das war in meiner Firma nicht anders. Über den ökonomischen Verlustwert der gestoppten Arbeitszeit machte sich unser Chef aber keine Gedanken, zum Glück war er selbst ein treuer Fan. 1998 hatte es einmal richtig Trubel gegeben, denn der Cubs-Liebling Sammy Sosa lieferte sich plötzlich und unerwartet mit Mark McGwire von den St. Louis Cardinals ein Rennen darum, den seit 1961 ungebrochenen Homerun-Rekord von Roger Maris zu durchbrechen. Die Cubs im Aufwind, was war das für eine Aufregung gewesen.
In Wrigleyville also parken an diesem brütenden Junitag die Autos Stoßstange an Stoßstange, als mein Sohn und ich über Clark Street zu Addison und somit am Stadion der Cubs vorbeispazieren. Wir hören hier und da Applaus, Raunen des Publikums und Buhrufe, genannt "Bronx cheer". Auch das ist Baseball, mit Wortschöpfungen und schönen Umschreibungen, mit Liebe zur Sprache drückt sich die Liebe zum Sport aus.
Applaus, Raunen, Buhrufe: was im Wrigley Field wohl gerade alles vorgeht? Ein knappes Out, ein gerade noch gefangener Fly Ball, den der Outfielder hoch in die Luft gesprungen mit seinem ausgestreckten Handschuh aus der Luft fischt? Strikeouts, Stolen Bases, Run-downs, Seeing-eye Singles, Intentional Walks? Es tut mir ein bisschen leid, dass mein Sohn noch zu klein für ein Baseballspiel ist und ich denke, wie schön es wäre, jetzt in den Bleachers zu sitzen, ein Bier zu trinken und mit den unverbesserlichen Cubs mitzufiebern.
Vom Stadion aus gehen wir weiter bis zum Lake Michigan, verweilen ein bisschen am Belmont Harbor, setzen uns dann auf eine Rasenfläche, zwischen picknickende Grüppchen und lesende Einzelpersonen, mit schönem Blick entlang des Lake Shore Drive auf die Skyline von Downtown Chicago. Die Wellen plätschern nur leicht, aber am Lake Michigan steht die Luft nicht so still wie in Roscoe Village, 20 Blocks landeinwärts. Unterwegs hatte ich mir einen Kaffee und etwas zu essen gekauft, irgendwo spielt aus irgendeiner mitgebrachten Boombox ein Album der Dave Matthews Band. Ich füttere meinen Sohn, wechsele ihm die Windeln und unterhalte mich eine Weile mit ein paar netten Leuten, die neben uns sitzen.
Dann spazieren wir zurück Richtung Zuhause. In der Nähe der Lakefront Stau vor zu kurzen Ampelphasen, fluchende Fahrer auf der unmöglichen Suche nach Parkplätzen, Verstopfung selbst auf den zu schmalen Gehwegen. Gerufe, Gedrängel und Hupen, eine laute, dichte Gegend, in der die Abgase die Schwüle noch unerträglicher machen. Vor der Hochbahnstation Belmont feuert eine alte Frau mit einem weißem Pudel an der Leine und einer roten Hundedecke unter dem Arm einen Gitarrenspieler an, es ist nicht ganz klar, ob sie ihn aus Ironie lobt und wirklich genervt von ihm ist, oder nicht. Mit jedem Block entfernen wir uns dann immer weiter von der verstopften Gegend. Die Highrises, wo wir früher mal im 11. Stock gewohnt haben, mit Blick auf den See, allerdings nur durch einen Spalt zwischen zwei anderen Highrises hindurch, machen langsam den kleineren Mietshäusern Platz.
Mein Sohn schläft im Buggy ein, ich stelle die Lehne seines Sitzes nach hinten und klappe das Sonnendach über den Wagen. Irgendwann sogar nurmehr Häuser, die zumeist von drei Familien bewohnt werden, auf jeden Fall keines mehr höher als vier Stockwerke. Nach dem Lärm der Lakefront fühlt es sich gut an, nun in diesen ruhigen Straßenzügen spazieren zu gehen. In den kleinen Gärten hinter den Häusern hört man spielende Kinder und auf der Straße kommen mir nun auch wieder mehr junge Mütter mit Kindern entgegen. In einem Zick-Zack-Kurs durch die geradegezogenen Straßen Chicagos haben wir wieder Roscoe Village erreicht. Ich beschließe, mir noch schnell eine Gallone Milch mitzunehmen, aus einem Laden einen Block nördlich von unserer Wohnung, an der Ecke School Street und Damen Avenue.
In diesem kleinen Tante-Emma-Laden, in dem man alles bekommen kann, Fertiggerichte, Eier, Shampoo, werden aber vor allem Bier, Zigaretten und Lottoscheine verkauft. Die kleine Eingangstür ist schräg in die Ecke des Hauses gebaut, ein Schild ragt diagonal in die Straße hinein, "Food and Drinks" steht darauf. Das Gebäude ein roter Klinkerbau, die Hauswand übersät mit Schildern, die ausschließlich Biersorten und ihre jeweiligen Preise verkünden: Dosen Budweiser, Sixpacks Miller Lite, 24-Packs Coors. Die Schilder sind eingefasst in grün bemalte Holzrahmen, ebenso die Eingangstür. Der Laden ist fast immer geöffnet, manchmal fragt man sich, warum das Neonschild "open" und "closed" zur Auswahl hat, denn es leuchtet immer nur das rote "open". Es arbeiten dort nur zwei Männer. Mal der eine, mal der andere. Beide kommen aus Syrien. Es befinden sich meistens ein paar Leute im Laden, die an der Kasse vor der Theke herumstehen, allerdings nicht zum Bezahlen von irgend etwas, sondern gerade mitten im Gespräch begriffen.
Jedes Mal, wenn ich das Gebäude von weitem sehe: roter Klinkerbau, weiße Tür, bunte Schilder und grünbemalte Holzrahmen, denke ich, dass hier die perfekte Villa Kunterbunt steht. Ich trete ein und der Mann, der immer tagsüber hier ist, begrüßt mich freundlich. Er ist immer gut gelaunt, nennt mich "Sweetheart" und versucht jedes Mal mich zu überreden, einen Lottoschein zu kaufen. Das ist ein ebenso fester Bestandteil unseres Kommunikationsrituals geworden wie seine wiederholte, immer von spielerischem Kopfschütteln begleitete Bemerkung: "Du kommst aus Deutschland, was zum Teufel machst du hier? Wenn ich in Deutschland leben könnte, dann wäre ich binnen eines Tages hier weg". Ich bezahle meine Milch und er sagt: "Warte."
Er kommt um die Kasse herum, um mir etwas zu zeigen. Über der Kasse hat er auf einer Leiste zwei Kinderbilder angebracht. Er sagt: "Hier hänge ich nun von allen Kindern meiner Kunden Fotos auf und die werden immer hier bleiben. Bring mir ein Foto von deinem Sohn mit, dann hänge ich es dazu. Wenn ihr dann in 20 Jahren schon längst wieder in Deutschland lebt", und an dieser Stelle zwinkert er mir verschwörerisch zu, "denn das ist schon mal sicher, dass ihr das tun werdet, du bist ja ein kluges Mädchen, dann kann dein Sohn nach Chicago reisen, wie alt wird er dann sein, 21, kann hier reinkommen und sein Babyfoto ansehen. Und es wird noch hier hängen, denn wir werden immer hier bleiben." Ich verspreche, ihm beim nächsten Einkauf ein Bild mitzubringen. Was für eine schöne Idee.
Nach diesem langen Spaziergang gehe ich, völlig verschwitzt, aber sehr zufrieden, mit meinem Sohn und meiner Gallone Milch zurück in unsere klimatisierte Wohnung. Neben dem Kühlschrank hängt ein Tageskalender und als ich die Milch in den Kühlschrank stelle, lese ich das Zitat des Tages. Es ist von Ralph Waldo Emerson: "A day is a miniature eternity."
wasweissich - 19. Apr, 16:44
