Berauschtheit (Welcome to the inside of the explosion)

Bedrohen, Begreifen, Behandlung, Beistand, Belohnung, BERAUSCHTHEIT, Berühren, Besinnung, Bestechung, Betrug, Bewundern, Bildung, Boshaftigkeit

In freudiger Erwartung: das erste Mal New York. Cotton, Paine, Crèvecoeur, Jefferson, de Tocqueville. The city upon a hill.

Die Vorbereitung des Immatrikulationsteams an der Columbia University war optimal. Binnen einer Stunde war ich registriert, hielt einen Packen Informationsmaterial vom Campusplan bis zum Stundenplan in den Händen und hatte eine ID-Karte mit Foto in der Tasche, die mir Zugang zu allen Bibliotheken und der Cafeteria garantierte.

Man führte mich in ein Wohnheim des angeschlossenen Barnard College. Das Wohnheim lag Ecke Broadway und 116te Straße direkt neben dem Campus und hieß Hewitt. Es war heruntergekommen und im heißen Sommer schmerzte der Mangel jeglicher Klimatisierung. Die Frau, mit der ich mein Zimmer teilte, ließ oft die Tür unverschlossen. Schon am ersten Tag wurden alle meine Taschen durchwühlt. Darin befand sich allerdings nichts Wertvolles, geklaut wurde mir ein Beutel mit diversen, bunten Vitamintabletten. Ich schätze, da war jemand nach der Einnahme arg enttäuscht. In der Eingangshalle zum Wohnheim gab es ein großes Schwarzes Brett, an dem nicht viele Zettel hingen. Aber genau in der Mitte hatte jemand ein aus einem Block herausgerissenes, liniertes Stück Papier angeheftet, auf dem geschrieben stand: "Hewitt is broken. Please fix it."

Ich besorgte mir nach ein paar Tagen ein neues Zimmer in einem anderen Wohnheim: Plimpton, zwölfter Stock, Zimmer 12 B 3. Das Fenster in meinem Zimmer beherbergte eine alte, laut scheppernde Window-Unit-Klimaanlage. Man konnte sich entscheiden entweder bei brüllender Hitze oder bei brüllendem Lärm zu schlafen. Dieses Wohnheim lag Ecke Amsterdam Ave. und 120te Straße, also ein paar Blocks nordöstlich des Morningside Campus, neben einem Buchladen mit dem schwer sympathischen Namen "The lost word". In Plimpton wohnten fast ausschließlich internationale Studenten. Das Wohnheim bestand aus kleinen WG-Einheiten, ich wohnte zusammen mit einem Franzosen und einer Schwedin, mit denen ich allerdings wenig zu tun hatte. In meinen Kursen hatte ich andere Studenten kennengelernt und wir hatten uns schnell zusammengefunden: eine Argentinierin, ein Schwede, eine Österreicherin und ich.

Im Wohnheim kam ich mir vor wie in einer übersteigerten Realität, denn es bestand eigentlich nur aus den schlimmsten Klischees. Da war der Franzose, der ständig andere Frauen in die WG brachte. Man musste immer schnell die Gelegenheit abpassen, wann einmal das Bad frei war. Und ich wunderte mich bald gar nicht mehr, dass mir in meiner Wohnung täglich andere Fremde über den Weg liefen und grüßte nur noch freundlich. Dann waren da im siebten Stock die vielen Russen, die viele Partys veranstalteten, auf denen viel Wodka getrunken wurde. Sie gingen immer durch das Wohnheim und luden alle Frauen ein. Wenn man ankam, waren sie meistens schon völlig betrunken. Und schließlich waren da die Italiener im achten Stock, die ständig Pizza buken. Sie lösten damit oft den Feueralarm aus, das ganze Wohnheim musste evakuiert werden und wir zwölf Stockwerke über die Feuertreppe nach unten laufen. Die Feuerwehr rauschte mehrmals mit zig großen Wagen heran, tatsächlich ein eindrucksvolles Szenario, und wir versammelten uns manches Mal mitten in der Nacht in Schlafanzügen auf dem Gehweg der Amsterdam Avenue, denn die Italiener schoben die Pizza meistens sehr spät in den Ofen. Nach einiger Zeit blieben viele bei Feueralarm nonchalant auf ihren Zimmern ("That's just the Italians making pizza again"). Die Wohnheimverwaltung erteilte den Italienern irgendwann ein Pizzaverbot.

Ich hatte von der Ghettoisierung in amerikanischen Städten zwar viel gehört, aber war mir nicht ganz klar darüber, dass sich ein Viertel wirklich von einem Block zum nächsten radikal wandelt. Die Columbia University hat ein eigenes Sicherheitsteam, dessen Autos den Campus und die zugehörigen Gebäude patroullieren. Das Wohnheim befand sich direkt auf der Grenze zu Harlem. Als ich das erste Mal einen Bankautomaten suchte, sagte man mir, es gebe einen drei Blocks nördlich, also 123te Straße, und einen sieben Blocks südlich. Der südliche Automat befand sich im Einzugsgebiet des Campus, der nördliche nicht, es wurde mir daher empfohlen, lieber zum südlichen zu gehen. Ich aber dachte mir, "was für ein Quatsch, ich laufe doch nicht sieben Blocks statt drei", und machte mich auf den Weg. An der 122ten Straße beobachtete ich dann eine düster aussehende Gruppe von Männern. Ein dickes Bündel Geld und eine große Waffe wechselten in einem Straßendeal die Hände. Ich drehte mich möglichst unauffällig um und entschied mich doch für die sieben Blocks. [Im übrigen lerne ich aus Fehlern nicht unbedingt gut, denn Jahre später fuhr ich nach Einbruch der Dunkelheit in Chicago mit dem Fahrrad durch Cabrini Green nach Hause. Auf dem Rückweg von der University of Illinois zu meinem Zimmer in Old Town war das der kürzeste Weg und ich sah nicht ein, einen großen Umweg zu fahren. In Cabrini Green trat ich dann aber ordentlich in die Pedale und halte mich seither endgültig für geheilt.]

Vier Wochen lang taumelten R., E., K. und ich durch New York, manchmal waren noch ein paar andere Leute dabei. Die Kurse begannen meistens schon früh um neun. Bis eins waren wir an der Uni, danach gingen wir Mittag essen und direkt weiter, in irgendein Museum. Einen Tag ins Met, am nächsten ins Jewish Museum, ins MoMA, Guggenheim und wie sie alle heißen. Oder wir streunten durch Tribeca, Chinatown, die Lower East Side, Greenwich Village. Natürlich fuhren wir auch hinauf auf das World Trade Center und sahen uns das Getümmel an der Börse an. Jeder Tag war voll von Aktivität. Gegen abend fuhren wir zurück ins Wohnheim, erledigten ein paar Hausarbeiten und schliefen ein paar Stunden. Gegen zehn oder elf Uhr abends trafen wir uns dann oft wieder, um in irgendwelche Bars und anschließend Nachtclubs zu gehen, sei es der "Blue Note Jazz Club" oder die Disko in einer alten Kirche, "Limelight", wir wollten alles sehen, alles erleben.

Vor dem Lincoln Center fand draußen ein Theaterstück der Französin Véronique Guillaud statt: "C'est la vie". Die Besucher erhielten Kopfhörer und Ferngläser. Das Stück wurde in einem gegenüberliegenden Hotelgebäude gespielt. Über die Kopfhörer lauschte man den Dialogen, durch die Ferngläser konnte man die Figuren hinter verschiedenen erleuchteten Fenstern erspähen. Die Handlung wechselte von einem Fenster zum anderen, immer wieder musste man suchen, wer gerade "beobachtet" wurde. Es war ein beeindruckendes Erlebnis von Voyeurismus. Natürlich Voyeurismus. Das wurde einem schnell klar und ebenso schnell fühlte man sich dann schlecht, schuldig, schäbig beim Ansehen des Theaterstücks. Was einen selbstverständlich nicht davon abhielt, das Fernglas mal zu Fenstern schweifen zu lassen, die nicht zum Theaterstück gehörten.

Im "Nuyorican Poets Café", 236 E. Third Street, zwischen Avenues B und C im Herzen von Midtown, in einem heruntergekommenen Gebäude, das mich an das Haus Schwarzenberg in Berlin erinnerte, hörten wir Poetry Slams, die Lyrik und HipHop auf eine nie gekannte Weise verbanden. Die Wörter als lyrische Beats erhielten in dieser Einheit ganz andere Perspektiven, es war, als entdecke man sie neu. Dass es sich dabei nicht um die Muttersprache handelte, erhöhte die Faszination. Und ist das nicht das, was man will: die Wörter besser verstehen, ihnen tiefere, treffendere Dimensionen abluchsen, als möglich scheint? Es gibt ein Buch des Cafés, "Aloud. Voices from the Nuyorican Poets Café", in dessen Vorwort steht: Welcome to the inside of the explosion.

Im "Tunnel", dem Nachtclub, der in einen stillgelegten U-Bahn-Schacht gebaut war, verirrte man sich fast in den verzweigten Gängen, die einzelne Tanzflächen miteinander verbanden. Es wimmelte von Drag Queens und Menschen in schrillen Outfits, die sich mit selbstgewählten Nicks anredeten. In versteckten Ecken hinter und neben den Räumen befanden sich Separées, in denen alles mögliche passierte. Die Toiletten waren unisex und sahen aus wie von einem anderen Stern. In den von Musik vibrierenden, wummernden Gängen waren Schaufenster eingebaut, in denen man statt Kleidung oder ähnlichen Verkaufsprodukten Menschen beobachten konnte: hinter einem Schaufenster war beispielsweise ein karger Büroraum dekoriert, darin saß ein Mann im Anzug an einem Schreibtisch, tippte geschäftig auf einem Taschenrechner herum und erstellte Zahlenkolonnen. Hinter einem anderen Schaufenster befand sich eine Frau im Putzkittel zwischen lauter Putzutensilien und die Frau reinigte säuberlich und exakt von innen das Fenster. Wieder und wieder. Die ganze Nacht. Im "Büroraum" tippte und schrieb die ganze Nacht der Anzugmann. Natürlich erschienen diese Darstellungen normalen Arbeitslebens plötzlich völlig surreal, im Umfeld des schrillen Narrenkäfigs "Tunnel". Der Effekt erinnerte mich stark an das ähnlich erfolgreich befremdende Spiel mit der Wahrnehmung im "Teatro Dalí" in Figueras. Das Teatro, in dem ein gemaltes Brot echt erscheint und ein davor platziertes, echtes Brot künstlich, hatte ich ebenso verwirrt verlassen wie den "Tunnel", in den es uns in den nächsten Wochen dann immer wieder zog. Oder sog.

Mitten in der Nacht kamen wir wieder ins Wohnheim, schliefen erneut ein paar Stunden und fanden uns am nächsten Morgen pünktlich an der Uni ein. Zweimal täglich je drei Stunden Schlaf, vielleicht vier, das musste reichen. An der Uni schrieb ich Essays, etwa über eine in ihrer Vollständigkeit bis dato einzigartige Edward Hopper Ausstellung im Whitney Museum oder etwa über Heldengeschichten. Es ist für mich heute höchst erstaunlich, dass ich während dieser Zeit tatsächlich an der Uni Scheine machte, die sogar in Deutschland anerkannt wurden. Ich habe in der ganzen Zeit nur einmal einen Kurs geschwänzt. Vor unserem Wohnheim fanden Dreharbeiten statt, als wir eines Morgens zur Uni wollten. Ein Kameramann erzählte uns, es sei ein Spielfilm mit Keanu Reeves. Für Keanu beschlossen R. und ich, den Kurs sausen zu lassen und etwas am Drehort zu bleiben.

Der Kameramann hatte uns aber verarscht, das geschah uns Recht. Es war nur ein Dreh für die Serie "Law and Order" mit Jerry Orbach. Den sahen wir in einen Waschsalon gehen und folgten ihm. Er stand an einem Münzfernsprecher und lauerte geradezu darauf, erkannt und angesprochen zu werden. Wir taten ihm den Gefallen. Wenn wir nun schon den Kurs geschwänzt hatten, dann sollte es irgendeine Trophäe geben. Wir baten ihn um ein Autogramm. Ich hatte das Buch "Aloud" des Nuyorican Poets Café in meinem Rucksack und mangels anderer Ideen, wohin das Autogramm geschrieben werden könnte, gab ich Orbach das Buch. Er schrieb hinein: "Best always, Jerry Orbach". So kommt es, dass ich heute ein lyrisch hochinteressantes Exemplar von "Aloud" besitze, mit einer Widmung desjenigen Schauspielers, der in Dirty Dancing den Vater von Baby spielte.

Nach vier Wochen fuhren R. und ich zu "The Cloisters", einem Mittelaltermuseum, das zum Metropolitan gehört. Die 1938 gebaute Anlage besteht aus Elementen eines mittelalterlichen Klosters, sowie weltlicher Architektur des 12.-15. Jahrhunderts. Die Anlage liegt weit außerhalb, man muss bis zur 190ten Straße mit der Subway fahren und dann mit dem Bus M4 noch weiter, auf einen Hügel, der malerisch über den Hudson River blickt und unweigerlich an den Mythos denken lässt: the city upon a hill.

Als wir ausstiegen, überfiel und umfing uns Ruhe. Stille. Im Innenhof ein offensichtlich gewissenhaft gesprengter Rasen, denn mitten in den heißen Sommermonaten war er grün geblieben. Blumen blühten, ein Brunnen sprudelte leise vor sich hin. Ein Gang durch die Säulenarkaden mit Blick auf dieses stille Paradies vermittelte eine derartige Beschaulichkeit, dass wir völlig fassungslos waren. Manhattan war ein Taumel, im Schlafmangel und bombardiert mit Fremdeindrücken veränderte sich die Wahrnehmung, wurde grenzfällig, messerscharf. Und dann das: "The Cloisters". Die extreme Schwankung, die wir gerade mitmachten, ließ uns sprachlos durch das Museum wandeln. Nach vier bunten und lauten Wochen, in denen wir Manhattan nie verlassen hatten, schien die Welt hier wie durch einen komischen Filter gedämpft, man kam sich vor, als habe man beim Duschen Wasser in die Ohren bekommen und werde die Verstopfung nicht mehr los.

Von der Ausstellung weiß ich nur noch, dass man eins der ersten, komplett erhaltenen Kartenspiele sehen konnte (ca. 1470-85). Ansonsten erinnere ich mich nur noch daran, dass erstmals nach vier Wochen Ruhe einkehrte und es fast so schien, als würde das Herz für eine Weile vor Schock aussetzen. R. wollte bald wieder nach Manhattan zurück. Ich entschied mich, noch alleine dazubleiben und verbrachte den ganzen Tag dort.

Danach änderte sich der Aufenthalt. Ich ließ mir mehr Zeit für Eindrücke, gönnte mir mehr Schlaf. Wir unternahmen nun öfter Ausflüge aus Manhattan hinaus: nach Queens, in die Bronx, Staten Island, Long Island, Brooklyn, wo ich im Brooklyn Museum endlich "Brooklyn Bridge" von Stella sah, das ich schon so lange hatte sehen wollen. Alles wurde irgendwie wieder normaler. Aber auch wenn ich heute an die Zeit in New York denke, fühle ich vor allem diese Berauschtheit, die immer da war. Ich verbinde mit dieser Zeit vieles, das für die, oder zumindest meine, Anfang- bis Mittzwanziger Lebensjahre typisch war. Zehn Jahre ist das her und erscheint sehr weit weg.

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