Charisma (Ein Robbie Williams Konzert)
Charakter, CHARISMA, Charme, Chemie, Christentum, Chronik, Codierung
Robbie Williams in Hannover: wir wollten mal nachsehen, was es mit diesem Kerl auf sich hat. Und zwar wenn schon, denn schon. Das volle Programm. Die Show sollte am 20. Juli 2003 um 21 Uhr in Hannover anfangen, doch hatte man mir berichtet, dass man sehr, sehr früh dort sein müsse, um einen guten Platz zu bekommen. Also begann das Ereignis für uns viel früher, nämlich um 11:30 Uhr mit dem Auftanken des Autos. Es folgte eine zweieinhalbstündige Fahrt in einem nicht-klimatisierten Auto am, wie sich herausstellen sollte, heißesten Tag des Jahres. Ein letzter Toilettenstop an einer Tankstelle direkt vor dem Messegelände Hannover. Kurz vor 14 Uhr bilden hier Robbie Williams Fans bereits eine Schlange, um auf die einzige Toilette zu gelangen, in der das Toilettenpapier längst ausgegangen ist und sich drei Kakerlaken ihres Lebens freuen. An derselben Tankstelle werden 25 Cent Pfand für eine letzte Flasche Wasser berechnet.
Nun aber ab zum Expogelände. Wir parken weit entfernt vom Stadion in der Hoffnung, dafür nachher an den Autos im Stau vorbeilaufen und ohne viel Warterei zur Autobahn einfädeln zu können. Auf dem Gang zur Arena machen sich einige Fans über uns lustig: "Was lauft ihr denn hier schon? Wo ist denn euer Auto? Da sind doch vorne noch jede Menge Parkplätze". An der Messe Ost 8 werden die Eintrittskarten geprüft: ein letzter banger Moment, denn wir haben sie von Ebay und Angst, sie könnten vielleicht doch gefälscht sein. Aber es geht alles gut. Als erstes sehen wir auf dem Gelände rund um die Arena unzählige Verkaufsstände und eine ganze Reihe von Dixieklos, vor denen die Schlange ohne Übertreibung 50 Meter lang ist. Das entschädigt schon mal für die Kakerlaken in der Tankstellentoilette.
Eine Stunde müssen wir nun in diesem Areal vor der Arena warten, um 15 Uhr beginnt der Einlass in die Arena selbst. Wir setzen uns auf den Boden vor den Toren. Für 5 Euro das Stück werden Plastik-Ferngläser verkauft und der NDR interviewt überaus fleißig die Wartenden. Pünktlich um 15 Uhr beginnt der Einlass und ein turbulentes Rennen geht los. Jeder versucht, sich einen Platz im vordersten Bühnenabschnitt zu sichern, die Armbändchen sind so heiß begehrt wie später Flüssigkeit. Wir sind zu wenig erprobt in diesem Kampf und verpassen das erste Abteil, sichern uns aber Bänder für den zweiten Abschnitt. Von 70.000 sind wir unter den ersten 500, immerhin. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis sich das Chaos gelegt und jeder seinen Platz gefunden hat. Wir sind vielleicht 15 Meter von der Bühne entfernt. Nun setzen sich alle auf den Boden, der nicht abgedeckt ist und aus Steinchen leider sehr unterschiedlicher Größe besteht. So rutschen alle hin und her, bis sie es sich einigermaßen bequem gestaltet haben. Das lange Warten beginnt: in der Hitze gräbt sich die Aussicht auf fünfeinhalb Stunden an dieser Stelle lähmend ins Hirn.
Aus Langeweile liest man, was auf der Wasserflasche von der Tankstelle steht: "Kein Pfandwert". Aha, 25 Cent dahin. Es dauert nicht lange und wir lernen alle kennen, die um uns herum sitzen. Bald wissen wir, woher sie kommen, dass sie dieses Jahr schon bei Grönemeyer und Springsteen waren, aber dieses Konzert am Fieberhaftesten erwarten. Das Highlight des Jahres, und nun so nah, sowohl zeitlich als auch räumlich: an diesem Punkt klopft man sich aus reiner Durchhaltestrategie anscheinend gerne gegenseitig auf die Schultern. Der Proviant aus den Rucksäcken wird geteilt. Ich habe Sonnencreme, du hast Traubensaft, der eine Wasser und der andere Müsliriegel. Alles wird schwesterlich und brüderlich geteilt. Wer denkt, hier befänden sich nur Frauen, der hat sich arg getäuscht. Nicht ohne Grund suggeriert Robbie Bisexualität, da ist für jeden was dabei. Natürlich aber auch viele männliche Freunde, die bei ihren Freundinnen mit jeder Ausharrminute Pluspunkte für schlechte Beziehungszeiten bevorraten. Das Durchschnittsalter ist erstaunlich hoch, Mitte Zwanzig schätze ich die meisten, neben uns steht sogar eine Frau Mitte Vierzig.
Bis 18 Uhr warten wir im Sitzen, dann wird der Druck von hinten zu groß und wir müssen aufstehen. Eine weitere halbe Stunde später startet eine unglaublich schlechte Kelly Osbourne das Vorprogramm. Egal. Immerhin gibt es jede Menge Gesprächsstoff. Danach kommen die wirklich ganz guten Cardigans, die Stimmung wird besser, aber auch dies nur Nebengeplänkel. Es ist schon so lange so unglaublich heiß, nur zwei Meter entfernt kippt die erste Frau um. Die Feuerwehr fährt nun mit einem Wasserwerfer regelmäßig über die Menge. So weit vorne bringt der Strahl eine komplette Dusche: Haare, Haut und Kleidung völlig durchnässt. Wen kümmert das, wenn die Frauen sowieso schon bis auf den BH ausgezogen sind und mit aufgerollten Hosen dastehen. Wo läuft die Schminke? Es wundert mich, dass generell wenig darüber gesagt wird, dass auf solchen Sommerkonzerten irgendwann das ganze Publikum total scheiße aussieht. Tausende von Armen strecken sich den Wasserstrahlen entgegen und kaum ist das Szenario beendet, skandiert die Menge: "Zugabe, Zugabe". Ein Unbeteiligter könnte denken, dies sei das Ende des Konzertes.
Das mit der Hitze wird immer schlimmer. Nun kommt Personal vom Sicherheitsdienst mit Eimern voll Wasser, Gott weiß woher das stammt, eine ziemliche Suppe. Wer sich irgendwann vorher ein Bier gegönnt und den Pfandbecher behalten hat, der hat Glück. Die Becher werden gefüllt. Längst ist man auf engem Raum quasi im Notzustand zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden: circa 10 Leute trinken nun aus einem Becher. Dies war übrigens der Sommer, in dem sich die katholische Kirche auf dem ökumenischen Kirchentag gegen die gemeinsame Eucharistie gewehrt hatte und genau daran musste ich in diesem Moment denken.
Nach den Cardigans leider wieder Werbung. Wenn sie sich nur nicht stetig wiederholen würde. Am schlimmsten ist, dass es alle paar Minuten einen Spot von Gerolsteiner gibt. Er fängt damit an, dass jemand aus einem wunderbar erfrischend wirkenden Bad im Meer auftaucht und tief Luft holt, dann folgen viele schöne Bilder, die alle frisches Wasser beinhalten. Am Ende eine schicke Businessfrau in einem schicken Büro, die allerdings den Eindruck erweckt, als habe sie "anstrengende Verhandlungen" hinter sich, aber sie ist doch gerade noch so upbeat, dass man meint, diese Verhandlungen waren am Ende sehr erfolgreich für sie, auf jeden Fall gönnt sie sich genussvoll ein Glas sprudelndes, klares Gerolsteiner. In Anbetracht unserer Situation blanker Hohn. Glasklar: nie wieder Gerolsteiner.
Als nächstes plädiert Robbie in einem Spot im Namen der UNICEF gegen die Ausbeutung von Kindern und man erfährt, wie still 70.000 Menschen tatsächlich sein können. Dann kommen Windböen auf, der Himmel verdunkelt sich, die riesigen Lautsprecher an den Seiten der Bühne schwanken bedenklich, wie auch die Beleuchter, die gerade über schmale Strickleitern auf ihre Plätze hinaufgeklettert waren. Die Gewitter sollten doch bis zum nächsten Tag warten, hatten die dämlichen Meteorologen vorausgesagt. Die Situation scheint dramatisch: jetzt bloß kein Abbruch durch Wetterbedingungen!
Aber da, nach zweieinhalb Stunden Fahrt und sieben Stunden Warten in brütender Hitze, da teilt sich die Videoleinwand. Robbie Williams beginnt pünktlich, er lässt sich nicht langwierig herbeiklatschen, den umständlichen Verhaltenskodex vieler anderer Konzerte gibt es hier nicht. Hinter der sich teilenden Wand hängt Robbie mit dem Kopf nach unten an den Füßen, seilt sich ab, wird von Tänzerinnen abgefangen und singt "Let me entertain you". Ja, bitte. Das zweite Lied heizt ein, er klaut "We will rock you" – und der Regen setzt ein. Die Tropfen sind weniger stark als die Wasserwerfer, aber genauso willkommen. Sturm zum Intro, erlösender Regen zu den ersten Liedern: perfekter hätte keine Inszenierung sein können. Hat Robbie sogar das Wetter in der Hand? Aber diese kurz aufflackernde Frage interessiert nicht, jetzt bloß keine Verschwörungstheorien, nur noch Robbie, der sich mittlerweile nicht auf der geschützten Bühne aufhält, sondern auf dem Steg, der in das Publikum hineinragt. Er wird durchnass und ruft: "Fuck the rain" und das klingt komischerweise richtig gut.
In Hannover vergaß Robbie Williams mindestens dreimal seinen Text (das sind die Male, die ich bemerkt habe) und seine Stimme war etwas lädiert, wie er auch selbst anmerkte. Tat das dem Konzert einen Abbruch? Nein. Sein Konzert ist gar kein Konzert, sondern eine Performance. Schnell wird man in seinen Bann gezogen. Zwischen den Liedern redet er langsam und deutlich. Es ist ihm bewusst, dass diese Show für das Publikum auf einer Fremdsprache basiert, dabei klingt er aber nicht künstlich, sondern immer noch witzig und spritzig. Er reagiert spontan auf Zuschauerrufe, provoziert Reaktionen des Publikums, kehrt diese dann um, spielt mit der verzögerten Reaktion der Menge.
Robbie Williams: Enfant terrible, bekennender Drogen- und Alkoholabhängiger, womöglich bisexuell, was in ihrem unmittelbaren Privatleben wahrscheinlich nicht allzu viele der Konzertbesucher ihrem Partner zubilligen wollen würden. Robbie Williams ist ein junger Mann mit einer problematischen Vergangenheit, unkonventionellem Lebensstil und schlechten Manieren. Aber wenn er alleine mit seiner Gitarre vor uns steht und von seinem Leben singt, dann erinnert er an den eigenen kleinen Sohn, der wieder irgendetwas kaputtgemacht hat und einen treu mit großen Augen ansieht, halb ängstlich, halb schelmisch. Seine Existenz scheint just in diesem Moment ein Versprechen für die Zukunft, in der alles gut wird.
Spätestens wenn er "Come undone" singt, erfährt man, dass Robbie uns in dieser Erkenntnis schon einen Schritt voraus war: "And I´m your son/ I come undone/ You´ve got to love your son". Was auch immer es ist, das die Menschen an Robbie Williams fasziniert, wir haben es nun verstanden. Am Ende verbeugen sich Background-Sängerinnen, Tänzerinnen, Musiker und in der Mitte Robbie. Da steht ein Ensemble auf der Bühne, mehr als 20 Personen, und so ein schönes Stück Theater hat man lange nicht gesehen. Am Ende gibt es wie am Anfang keinen Zirkus: zwei Zugaben und dann beginnen die Bühnenarbeiter schon mit dem Abbau. Die Vorstellung ist zu Ende.
Wir verlassen das Konzert genau so, wie wir es uns vorgestellt haben: an sich stauenden Autos vorbeispazierend und dann locker auf die Autobahn fahrend. Im Verkehrsfunk noch immer die Meldung kilometerlangen Staus in Hannover, als wir schon halb zuhause sind. Beschwingt denken wir, dass aus Robert Peter Williams, wenn er keinem Rückfall erliegt, vielleicht noch mal ein Dichter wird. Wir hoffen und warten. Wieder Warten. Mit verbrannten Schultern und frisch verliebt kommen wir zuhause an.
Robbie Williams in Hannover: wir wollten mal nachsehen, was es mit diesem Kerl auf sich hat. Und zwar wenn schon, denn schon. Das volle Programm. Die Show sollte am 20. Juli 2003 um 21 Uhr in Hannover anfangen, doch hatte man mir berichtet, dass man sehr, sehr früh dort sein müsse, um einen guten Platz zu bekommen. Also begann das Ereignis für uns viel früher, nämlich um 11:30 Uhr mit dem Auftanken des Autos. Es folgte eine zweieinhalbstündige Fahrt in einem nicht-klimatisierten Auto am, wie sich herausstellen sollte, heißesten Tag des Jahres. Ein letzter Toilettenstop an einer Tankstelle direkt vor dem Messegelände Hannover. Kurz vor 14 Uhr bilden hier Robbie Williams Fans bereits eine Schlange, um auf die einzige Toilette zu gelangen, in der das Toilettenpapier längst ausgegangen ist und sich drei Kakerlaken ihres Lebens freuen. An derselben Tankstelle werden 25 Cent Pfand für eine letzte Flasche Wasser berechnet.
Nun aber ab zum Expogelände. Wir parken weit entfernt vom Stadion in der Hoffnung, dafür nachher an den Autos im Stau vorbeilaufen und ohne viel Warterei zur Autobahn einfädeln zu können. Auf dem Gang zur Arena machen sich einige Fans über uns lustig: "Was lauft ihr denn hier schon? Wo ist denn euer Auto? Da sind doch vorne noch jede Menge Parkplätze". An der Messe Ost 8 werden die Eintrittskarten geprüft: ein letzter banger Moment, denn wir haben sie von Ebay und Angst, sie könnten vielleicht doch gefälscht sein. Aber es geht alles gut. Als erstes sehen wir auf dem Gelände rund um die Arena unzählige Verkaufsstände und eine ganze Reihe von Dixieklos, vor denen die Schlange ohne Übertreibung 50 Meter lang ist. Das entschädigt schon mal für die Kakerlaken in der Tankstellentoilette.
Eine Stunde müssen wir nun in diesem Areal vor der Arena warten, um 15 Uhr beginnt der Einlass in die Arena selbst. Wir setzen uns auf den Boden vor den Toren. Für 5 Euro das Stück werden Plastik-Ferngläser verkauft und der NDR interviewt überaus fleißig die Wartenden. Pünktlich um 15 Uhr beginnt der Einlass und ein turbulentes Rennen geht los. Jeder versucht, sich einen Platz im vordersten Bühnenabschnitt zu sichern, die Armbändchen sind so heiß begehrt wie später Flüssigkeit. Wir sind zu wenig erprobt in diesem Kampf und verpassen das erste Abteil, sichern uns aber Bänder für den zweiten Abschnitt. Von 70.000 sind wir unter den ersten 500, immerhin. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis sich das Chaos gelegt und jeder seinen Platz gefunden hat. Wir sind vielleicht 15 Meter von der Bühne entfernt. Nun setzen sich alle auf den Boden, der nicht abgedeckt ist und aus Steinchen leider sehr unterschiedlicher Größe besteht. So rutschen alle hin und her, bis sie es sich einigermaßen bequem gestaltet haben. Das lange Warten beginnt: in der Hitze gräbt sich die Aussicht auf fünfeinhalb Stunden an dieser Stelle lähmend ins Hirn.
Aus Langeweile liest man, was auf der Wasserflasche von der Tankstelle steht: "Kein Pfandwert". Aha, 25 Cent dahin. Es dauert nicht lange und wir lernen alle kennen, die um uns herum sitzen. Bald wissen wir, woher sie kommen, dass sie dieses Jahr schon bei Grönemeyer und Springsteen waren, aber dieses Konzert am Fieberhaftesten erwarten. Das Highlight des Jahres, und nun so nah, sowohl zeitlich als auch räumlich: an diesem Punkt klopft man sich aus reiner Durchhaltestrategie anscheinend gerne gegenseitig auf die Schultern. Der Proviant aus den Rucksäcken wird geteilt. Ich habe Sonnencreme, du hast Traubensaft, der eine Wasser und der andere Müsliriegel. Alles wird schwesterlich und brüderlich geteilt. Wer denkt, hier befänden sich nur Frauen, der hat sich arg getäuscht. Nicht ohne Grund suggeriert Robbie Bisexualität, da ist für jeden was dabei. Natürlich aber auch viele männliche Freunde, die bei ihren Freundinnen mit jeder Ausharrminute Pluspunkte für schlechte Beziehungszeiten bevorraten. Das Durchschnittsalter ist erstaunlich hoch, Mitte Zwanzig schätze ich die meisten, neben uns steht sogar eine Frau Mitte Vierzig.
Bis 18 Uhr warten wir im Sitzen, dann wird der Druck von hinten zu groß und wir müssen aufstehen. Eine weitere halbe Stunde später startet eine unglaublich schlechte Kelly Osbourne das Vorprogramm. Egal. Immerhin gibt es jede Menge Gesprächsstoff. Danach kommen die wirklich ganz guten Cardigans, die Stimmung wird besser, aber auch dies nur Nebengeplänkel. Es ist schon so lange so unglaublich heiß, nur zwei Meter entfernt kippt die erste Frau um. Die Feuerwehr fährt nun mit einem Wasserwerfer regelmäßig über die Menge. So weit vorne bringt der Strahl eine komplette Dusche: Haare, Haut und Kleidung völlig durchnässt. Wen kümmert das, wenn die Frauen sowieso schon bis auf den BH ausgezogen sind und mit aufgerollten Hosen dastehen. Wo läuft die Schminke? Es wundert mich, dass generell wenig darüber gesagt wird, dass auf solchen Sommerkonzerten irgendwann das ganze Publikum total scheiße aussieht. Tausende von Armen strecken sich den Wasserstrahlen entgegen und kaum ist das Szenario beendet, skandiert die Menge: "Zugabe, Zugabe". Ein Unbeteiligter könnte denken, dies sei das Ende des Konzertes.
Das mit der Hitze wird immer schlimmer. Nun kommt Personal vom Sicherheitsdienst mit Eimern voll Wasser, Gott weiß woher das stammt, eine ziemliche Suppe. Wer sich irgendwann vorher ein Bier gegönnt und den Pfandbecher behalten hat, der hat Glück. Die Becher werden gefüllt. Längst ist man auf engem Raum quasi im Notzustand zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden: circa 10 Leute trinken nun aus einem Becher. Dies war übrigens der Sommer, in dem sich die katholische Kirche auf dem ökumenischen Kirchentag gegen die gemeinsame Eucharistie gewehrt hatte und genau daran musste ich in diesem Moment denken.
Nach den Cardigans leider wieder Werbung. Wenn sie sich nur nicht stetig wiederholen würde. Am schlimmsten ist, dass es alle paar Minuten einen Spot von Gerolsteiner gibt. Er fängt damit an, dass jemand aus einem wunderbar erfrischend wirkenden Bad im Meer auftaucht und tief Luft holt, dann folgen viele schöne Bilder, die alle frisches Wasser beinhalten. Am Ende eine schicke Businessfrau in einem schicken Büro, die allerdings den Eindruck erweckt, als habe sie "anstrengende Verhandlungen" hinter sich, aber sie ist doch gerade noch so upbeat, dass man meint, diese Verhandlungen waren am Ende sehr erfolgreich für sie, auf jeden Fall gönnt sie sich genussvoll ein Glas sprudelndes, klares Gerolsteiner. In Anbetracht unserer Situation blanker Hohn. Glasklar: nie wieder Gerolsteiner.
Als nächstes plädiert Robbie in einem Spot im Namen der UNICEF gegen die Ausbeutung von Kindern und man erfährt, wie still 70.000 Menschen tatsächlich sein können. Dann kommen Windböen auf, der Himmel verdunkelt sich, die riesigen Lautsprecher an den Seiten der Bühne schwanken bedenklich, wie auch die Beleuchter, die gerade über schmale Strickleitern auf ihre Plätze hinaufgeklettert waren. Die Gewitter sollten doch bis zum nächsten Tag warten, hatten die dämlichen Meteorologen vorausgesagt. Die Situation scheint dramatisch: jetzt bloß kein Abbruch durch Wetterbedingungen!
Aber da, nach zweieinhalb Stunden Fahrt und sieben Stunden Warten in brütender Hitze, da teilt sich die Videoleinwand. Robbie Williams beginnt pünktlich, er lässt sich nicht langwierig herbeiklatschen, den umständlichen Verhaltenskodex vieler anderer Konzerte gibt es hier nicht. Hinter der sich teilenden Wand hängt Robbie mit dem Kopf nach unten an den Füßen, seilt sich ab, wird von Tänzerinnen abgefangen und singt "Let me entertain you". Ja, bitte. Das zweite Lied heizt ein, er klaut "We will rock you" – und der Regen setzt ein. Die Tropfen sind weniger stark als die Wasserwerfer, aber genauso willkommen. Sturm zum Intro, erlösender Regen zu den ersten Liedern: perfekter hätte keine Inszenierung sein können. Hat Robbie sogar das Wetter in der Hand? Aber diese kurz aufflackernde Frage interessiert nicht, jetzt bloß keine Verschwörungstheorien, nur noch Robbie, der sich mittlerweile nicht auf der geschützten Bühne aufhält, sondern auf dem Steg, der in das Publikum hineinragt. Er wird durchnass und ruft: "Fuck the rain" und das klingt komischerweise richtig gut.
In Hannover vergaß Robbie Williams mindestens dreimal seinen Text (das sind die Male, die ich bemerkt habe) und seine Stimme war etwas lädiert, wie er auch selbst anmerkte. Tat das dem Konzert einen Abbruch? Nein. Sein Konzert ist gar kein Konzert, sondern eine Performance. Schnell wird man in seinen Bann gezogen. Zwischen den Liedern redet er langsam und deutlich. Es ist ihm bewusst, dass diese Show für das Publikum auf einer Fremdsprache basiert, dabei klingt er aber nicht künstlich, sondern immer noch witzig und spritzig. Er reagiert spontan auf Zuschauerrufe, provoziert Reaktionen des Publikums, kehrt diese dann um, spielt mit der verzögerten Reaktion der Menge.
Robbie Williams: Enfant terrible, bekennender Drogen- und Alkoholabhängiger, womöglich bisexuell, was in ihrem unmittelbaren Privatleben wahrscheinlich nicht allzu viele der Konzertbesucher ihrem Partner zubilligen wollen würden. Robbie Williams ist ein junger Mann mit einer problematischen Vergangenheit, unkonventionellem Lebensstil und schlechten Manieren. Aber wenn er alleine mit seiner Gitarre vor uns steht und von seinem Leben singt, dann erinnert er an den eigenen kleinen Sohn, der wieder irgendetwas kaputtgemacht hat und einen treu mit großen Augen ansieht, halb ängstlich, halb schelmisch. Seine Existenz scheint just in diesem Moment ein Versprechen für die Zukunft, in der alles gut wird.
Spätestens wenn er "Come undone" singt, erfährt man, dass Robbie uns in dieser Erkenntnis schon einen Schritt voraus war: "And I´m your son/ I come undone/ You´ve got to love your son". Was auch immer es ist, das die Menschen an Robbie Williams fasziniert, wir haben es nun verstanden. Am Ende verbeugen sich Background-Sängerinnen, Tänzerinnen, Musiker und in der Mitte Robbie. Da steht ein Ensemble auf der Bühne, mehr als 20 Personen, und so ein schönes Stück Theater hat man lange nicht gesehen. Am Ende gibt es wie am Anfang keinen Zirkus: zwei Zugaben und dann beginnen die Bühnenarbeiter schon mit dem Abbau. Die Vorstellung ist zu Ende.
Wir verlassen das Konzert genau so, wie wir es uns vorgestellt haben: an sich stauenden Autos vorbeispazierend und dann locker auf die Autobahn fahrend. Im Verkehrsfunk noch immer die Meldung kilometerlangen Staus in Hannover, als wir schon halb zuhause sind. Beschwingt denken wir, dass aus Robert Peter Williams, wenn er keinem Rückfall erliegt, vielleicht noch mal ein Dichter wird. Wir hoffen und warten. Wieder Warten. Mit verbrannten Schultern und frisch verliebt kommen wir zuhause an.
wasweissich ABC des Miteinander - 10. Feb, 09:59

Danke!