Stammzellen-Tourismus: Hoffnungsträger embryonale Stammzellen
Embryonale Stammzellen können potentiell so programmiert werden, dass sie gegen die verschiedensten Krankheiten wirksam werden (Stichwort Pluripotenz), so jedenfalls die Utopie der forschenden Wissenschaftler. Bis eine Therapie möglich wird, ist es aber noch ein sehr weiter Weg, und noch ist gar nicht sicher, ob diese Pläne überhaupt realisierbar sind. Zudem besteht die sehr reale Gefahr von ernsthaften Nebenwirkungen, auf die alle seriösen Wissenschaftler immer wieder hinweisen. Im "Tagesspiegel" war kürzlich zu lesen: "Noch gibt es aber keine Therapie auf Stammzellbasis."
Vielleicht hätte man besser geschrieben: noch gibt es keine medizinisch anerkannte Therapie auf Stammzellbasis, denn es gibt sehr wohl viele solcher Therapien, und mit ihnen wird sehr viel Geld verdient. Wer international liest, hat in letzter Zeit über Russland, Mexico, Costa Rica und China gehört: es gibt längst ein florierendes Geschäft, einen Stammzellen-Tourismus, in Ländern, die zwar einen wissenschaftstechnisch hohen Standard vorweisen können, der aber nicht den ethischen Beschränkungen, wissenschaftlichen Qualitätsstandards und Zulassungsbedingungen der europäischen und auch US-amerikanischen Praxis unterworfen ist. In diesen anderen Ländern werden Stammzellen gespritzt, in der Hoffnung, dass sie sich im Körper von alleine auf den gewünschten Weg machen und dieses dann zum gewünschten Effekt führt (?!). Siehe zum Beispiel: Mexico.
Bruce Dobkin von der University of California sagt dazu: "It is extreme nonsense to think that cells can be incorporated into the complex nervous system and do so much, when we cannot even get cells in mice and rats to do very much."
Gerade die Tatsache, dass die embryonalen Stammzellen potentiell so vielfältig verwendbar sein könnten, macht sie für Quacksalber so interessant, denn Heiler und Mediziner, die sich nicht darum scheren, ob eine Methode wissenschaftlich schon genügend erforscht ist oder nicht, versprechen vor allem gerne die Heilung vieler verschiedener Krankheiten mit ein und derselben Methode: so lässt sich am schnellsten und besten viel Geld verdienen.
Pure Pedantry schreibt über eine windige Stammzelltherapie in China: "There is not a shred of evidence to suggest that you can just inject stem cells, and they will become whatever the hell you want. [...] None of the studies reported by this company have controls or are published in peer-reviewed journals. When you don't have a control group, you have no idea whether the improvement was due to a placebo effect."
In das Netz dieser Behandlungen gehen dann vor allem – auch diese Geschichte ist immer die gleiche – todkranke oder zumindest schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen, die nach jedem Strohhalm greifen, der ihre Situation verbessern oder ihr Leben retten könnte. Zum Beispiel auch verstärkt Familien autistischer Kinder, wie das Beispiel Matthew zeigt. Matthews Familie reiste nach Costa Rica: "Parents Hope Stem Cells Help Autistic Son. Family Travelling To Costa Rica For Treatment."
Die Familie schreibt ein Weblog, in dem sie ihren Weg beschreibt: "Recovering Matthew." Das zu lesen ist für mich sehr traurig. Immer wieder wird man mit Eltern konfrontiert, die ihre Kinder nicht akzeptieren können, die alles ausprobieren würden, sie zu ändern, und die die Kinder als regelrechte Versuchskaninchen behandeln, gerade bei einer wissenschaftlich gänzlich unerwiesenen Stammzelltherapie in Costa Rica kann man das nun wirklich genau so konstatieren: Versuchskaninchen. Was diese Kinder alles durchmachen müssen. Die Eltern müssen einen unglaublichen Druck verspüren, einen Aktionszwang. Ich frage mich, ob das nicht auch eine Folge der Epidemisierung des Autismus in den USA sein kann. Und eines ist auch klar: wenn man sich erst einmal zu einem solchen Schritt entschlossen hat, dann muss man ihn – auch vor sich selbst – nachher natürlich durch Erfolgswahrnehmungen (ich schreibe bewusst Wahrnehmungen) rechtfertigen.
Doch nicht nur Tod- und Schwerkranke setzen Hoffnung in unerforschte Stammzellentherapien, auch gegen das Altern scheinen Stammzellen eine mögliche Lösung zu sein.
"Foetal tissue has been shown to be highly rich in regenerative stem cells which, when injected into adults, helps the body fight the ageing process," says Dr Elena Bochkaryova. "I have had patients who leave my clinic after a course of injections looking and feeling ten years younger than when they came in." The reality: Russia and the Ukraine currently top the world abortion league, with more of the operations carried out here than anywhere else on earth. Evidence gathered by the Moscow police department has shown a growing black market in aborted foetuses, which are smuggled into Russia from the Ukraine and Georgia. Here, poverty-stricken young women are paid 200 U.S. dollars to carry babies up to the optimum eight to 12-week period - thought to be best for harvesting stem cells. They are then sold on to cosmetic clinics."
Meistens kann man an solchen Entwicklungen absehen, was in Zukunft auch zu uns vordringen wird. In Deutschland plädieren die Wissenschaftler für Forschungsfreiheit mit dem Hinweis, bei der internationalen Forschung nicht ins Hintertreffen geraten zu wollen, und dabei nennen sie gerne die USA als Vorzeigebeispiel. In den USA argumentieren die Wissenschaftler wiederum selbst für mehr Forschungsfreiheit und deuten dabei auf die Praxis in Ländern wie China. Jeder sieht an seinem Horizont jemanden, der schon mehr darf und schon weiter ist. (Die inneren Alarmglocken sollten schrillen, wenn jemand darauf verweist, dass woanders etwas schon gemacht wird.) Es kommt mir vor wie die Mohrrübe vor der Nase, der man hinterherläuft, und dabei konzentriert man sich so sehr auf die Mohrrübe, dass man gar nicht sieht, wohin man läuft, wenn man ihr immer weiter folgt. Kann man nicht mal einen Moment innehalten und sich überlegen, was man da tut und ob man das wirklich will? Ist es wirklich so schlimm, in dieser Sache den Anschluss zu verlieren? Wäre es nicht auch möglich, auf einem anderen Gebiet Vorreiter zu sein: auf dem der Ethik zum Beispiel? Deutschland, das Land der Dichter und Denker.
Kann mir jedenfalls keiner erzählen, dass man die Stammzellenforschung so wird unter Kontrolle halten können, dass sie nicht missbraucht wird, früher oder später auch bei uns.
Weitere Links:
NPR: "Stem-Cell Therapy in China Draws Foreign Patients."
Respectful Insolence: "Stem cell tourism: Stem cells as the new snake oil"
Wall Street Journal: "Seeking Hope in Chinese Stem Cells"
Dort nur gegen Bezahlung zu lesen, aber das WSJ Blog hat eine lange Zusammenfassung: "Around the World for Unproven Stem Cell Treatments"
Vielleicht hätte man besser geschrieben: noch gibt es keine medizinisch anerkannte Therapie auf Stammzellbasis, denn es gibt sehr wohl viele solcher Therapien, und mit ihnen wird sehr viel Geld verdient. Wer international liest, hat in letzter Zeit über Russland, Mexico, Costa Rica und China gehört: es gibt längst ein florierendes Geschäft, einen Stammzellen-Tourismus, in Ländern, die zwar einen wissenschaftstechnisch hohen Standard vorweisen können, der aber nicht den ethischen Beschränkungen, wissenschaftlichen Qualitätsstandards und Zulassungsbedingungen der europäischen und auch US-amerikanischen Praxis unterworfen ist. In diesen anderen Ländern werden Stammzellen gespritzt, in der Hoffnung, dass sie sich im Körper von alleine auf den gewünschten Weg machen und dieses dann zum gewünschten Effekt führt (?!). Siehe zum Beispiel: Mexico.
Bruce Dobkin von der University of California sagt dazu: "It is extreme nonsense to think that cells can be incorporated into the complex nervous system and do so much, when we cannot even get cells in mice and rats to do very much."
Gerade die Tatsache, dass die embryonalen Stammzellen potentiell so vielfältig verwendbar sein könnten, macht sie für Quacksalber so interessant, denn Heiler und Mediziner, die sich nicht darum scheren, ob eine Methode wissenschaftlich schon genügend erforscht ist oder nicht, versprechen vor allem gerne die Heilung vieler verschiedener Krankheiten mit ein und derselben Methode: so lässt sich am schnellsten und besten viel Geld verdienen.
Pure Pedantry schreibt über eine windige Stammzelltherapie in China: "There is not a shred of evidence to suggest that you can just inject stem cells, and they will become whatever the hell you want. [...] None of the studies reported by this company have controls or are published in peer-reviewed journals. When you don't have a control group, you have no idea whether the improvement was due to a placebo effect."
In das Netz dieser Behandlungen gehen dann vor allem – auch diese Geschichte ist immer die gleiche – todkranke oder zumindest schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen, die nach jedem Strohhalm greifen, der ihre Situation verbessern oder ihr Leben retten könnte. Zum Beispiel auch verstärkt Familien autistischer Kinder, wie das Beispiel Matthew zeigt. Matthews Familie reiste nach Costa Rica: "Parents Hope Stem Cells Help Autistic Son. Family Travelling To Costa Rica For Treatment."
Die Familie schreibt ein Weblog, in dem sie ihren Weg beschreibt: "Recovering Matthew." Das zu lesen ist für mich sehr traurig. Immer wieder wird man mit Eltern konfrontiert, die ihre Kinder nicht akzeptieren können, die alles ausprobieren würden, sie zu ändern, und die die Kinder als regelrechte Versuchskaninchen behandeln, gerade bei einer wissenschaftlich gänzlich unerwiesenen Stammzelltherapie in Costa Rica kann man das nun wirklich genau so konstatieren: Versuchskaninchen. Was diese Kinder alles durchmachen müssen. Die Eltern müssen einen unglaublichen Druck verspüren, einen Aktionszwang. Ich frage mich, ob das nicht auch eine Folge der Epidemisierung des Autismus in den USA sein kann. Und eines ist auch klar: wenn man sich erst einmal zu einem solchen Schritt entschlossen hat, dann muss man ihn – auch vor sich selbst – nachher natürlich durch Erfolgswahrnehmungen (ich schreibe bewusst Wahrnehmungen) rechtfertigen.
Doch nicht nur Tod- und Schwerkranke setzen Hoffnung in unerforschte Stammzellentherapien, auch gegen das Altern scheinen Stammzellen eine mögliche Lösung zu sein.
"Foetal tissue has been shown to be highly rich in regenerative stem cells which, when injected into adults, helps the body fight the ageing process," says Dr Elena Bochkaryova. "I have had patients who leave my clinic after a course of injections looking and feeling ten years younger than when they came in." The reality: Russia and the Ukraine currently top the world abortion league, with more of the operations carried out here than anywhere else on earth. Evidence gathered by the Moscow police department has shown a growing black market in aborted foetuses, which are smuggled into Russia from the Ukraine and Georgia. Here, poverty-stricken young women are paid 200 U.S. dollars to carry babies up to the optimum eight to 12-week period - thought to be best for harvesting stem cells. They are then sold on to cosmetic clinics."
Meistens kann man an solchen Entwicklungen absehen, was in Zukunft auch zu uns vordringen wird. In Deutschland plädieren die Wissenschaftler für Forschungsfreiheit mit dem Hinweis, bei der internationalen Forschung nicht ins Hintertreffen geraten zu wollen, und dabei nennen sie gerne die USA als Vorzeigebeispiel. In den USA argumentieren die Wissenschaftler wiederum selbst für mehr Forschungsfreiheit und deuten dabei auf die Praxis in Ländern wie China. Jeder sieht an seinem Horizont jemanden, der schon mehr darf und schon weiter ist. (Die inneren Alarmglocken sollten schrillen, wenn jemand darauf verweist, dass woanders etwas schon gemacht wird.) Es kommt mir vor wie die Mohrrübe vor der Nase, der man hinterherläuft, und dabei konzentriert man sich so sehr auf die Mohrrübe, dass man gar nicht sieht, wohin man läuft, wenn man ihr immer weiter folgt. Kann man nicht mal einen Moment innehalten und sich überlegen, was man da tut und ob man das wirklich will? Ist es wirklich so schlimm, in dieser Sache den Anschluss zu verlieren? Wäre es nicht auch möglich, auf einem anderen Gebiet Vorreiter zu sein: auf dem der Ethik zum Beispiel? Deutschland, das Land der Dichter und Denker.
Kann mir jedenfalls keiner erzählen, dass man die Stammzellenforschung so wird unter Kontrolle halten können, dass sie nicht missbraucht wird, früher oder später auch bei uns.
Weitere Links:
NPR: "Stem-Cell Therapy in China Draws Foreign Patients."
Respectful Insolence: "Stem cell tourism: Stem cells as the new snake oil"
Wall Street Journal: "Seeking Hope in Chinese Stem Cells"
Dort nur gegen Bezahlung zu lesen, aber das WSJ Blog hat eine lange Zusammenfassung: "Around the World for Unproven Stem Cell Treatments"
wasweissich Epilepsie & Autismus - 25. Apr, 14:19
