Die Gesundheitsreligion ist eine gigantische Anleitung zum Unglücklichsein.

Unmerklich, aber umso wirkungsvoller hat die Gesundheitsreligion unser Menschenbild verändert. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der nicht mehr heilbare, der chronisch Kranke oder gar der Behinderte ein Mensch zweiter oder dritter Klasse, dem man den Eingang zum Leben fürsorglich verwehrt oder den Ausgang mitfühlend erleichtert. So hat die Gesundheitsreligion inzwischen ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt. Der Fundamentalismus der Gesundheitsreligion ist die »Ethik des Heilens«. Die Ethik des Heilens ist das Ende der Ethik. Die Ethik war einmal der argumentative philosophische Diskurs über Moral. Doch wenn heute jemand Ethik des Heilens sagt, ist das Ende der Debatte gekommen, dann wird es sakral.

In den vorchristlichen Gesellschaften Europas wurden behinderte Kinder im Gebirge ausgesetzt. Der große humane Fortschritt des Christentums hin zur Sorge um die Schwachen und Bedürftigen ist kein selbstverständlicher Besitz. Er kann auch rückgängig gemacht werden, und dies geschieht bereits unter unseren Augen.

Nichts also gegen maßvolle Bemühungen um die Gesundheit. Aber heute geht es darum, die Kunst wiederzuentdecken, in den von der Gesundheitsreligion bloß als defizitär angesehenen Grenzsituationen menschlicher Existenz, in den unvermeidlichen Krankheiten, Behinderungen und Leiden eines Lebens, im Alter und sogar im Sterben Quellen des Glücks zu finden. Behinderung kann auch eine Fähigkeit sein. Manch geistig Behinderter hat mehr menschliche Herzlichkeit als wir »Normopathen«. Krankheit kann der Aufruf sein, ein dahinplätscherndes Leben zum wahrhaft Wichtigen zu lenken. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, jede gute Literatur habe mit Leiden zu tun. Und kein Zweifel, eine Gesellschaft, die die Jugend und nicht das Alter ehrt, ist immer eine unglückliche Gesellschaft, denn in ihr schaut schon der 16-Jährige, wenn er in die Zukunft seines Lebens schaut, ins Dunkel seiner Lebenszukunft.

Nur dadurch, dass wir sterben, wird jeder Moment unseres Lebens unwiederholbar wichtig und kostbar. Die unvermeidlichen Grenzsituationen annehmen, darin besteht die wahre Lebenskunst.

Ein auf diese Weise gelingendes Leben kennt Zeiten der Muße, zweckloser, aber höchst sinnvoller Augenblicke des Genusses und der Lust am Leben.

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