Der reisende Autist

Frühling

Dass Mallorca wirklich so schön ist, hat mich ein bisschen gewundert, aber natürlich sehr gefreut.

Aussicht

Es wimmelte von Radfahrern, die zu Ostern anscheinend traditionell auf der Insel trainieren. Einem platzte direkt vor uns an einem steilen Berghang der Vorderreifen und es schlug ihn heftig hin. Er stand erst unter Schock, doch schien es dann so, als sei nichts gebrochen. Allerdings hatte er schlimme Platzwunden am Arm. In meinen beiden Mallorcabüchern war nicht zu finden, was die Notrufnummer ist, eine andere Radfahrerin rief darum stattdessen ein Hotel an, aber das Ganze scheiterte, weil wir keinen Straßennamen und keine genaue Verortung an diesem Berg hatten. Also nahmen wir kurzerhand das Rad auseinander, verstauten es im Kofferraum des Mietwagens und transportierten den blutenden Mann auf dem Beifahrersitz ab. Ich werde bei der nächsten Tour de France mal nach ihm Ausschau halten.

John auf Mallorca

John hat den Flug gut mitgemacht und fühlte sich auch in der Ferienwohnung gleich wohl: der Balkon im fünften Stock mit Blick auf die rauschende Brandung war natürlich ganz nach Geschmack des kleinen Höhenfanatikers. Sogar die Mahlzeiten in der Ferienanlage waren einigermaßen erträglich, mal abgesehen davon, dass John mit seinen Bewegungen und Geräuschen natürlich ständig der Blickfang aller Tische war.

Schild

Morgens stand er gewohnt früh auf, so dass wir den ganzen Tag Zeit hatten, mit unserem Mietauto die Insel zu erkunden. Selbst längere Wanderungen und steilere Abstiege in entlegene Buchten waren für John kein Problem. Während der Fahrt sah er fasziniert auf Meer und Berge und veranstaltete vor lauter Freude darüber andauernd seinen signature dance, den rudernden Sitztanz.


Schaukeln am Strand

Ich musste mehr als einmal an den Dokumentarfilm von Sandrine Bonnaire über ihre autistische Schwester denken, die auch gerne verreist. Diese Faszination am Neuen, Anderen schreibt man Autisten ja selten zu – immer heißt es, sie liebten ihre Routinen und dass alles möglichst gleich sein soll. Im Alltag stimmt das sicher auch, aber es ist eine verkürzte Darstellung ihrer Persönlichkeit, denn sie können auch am Verreisen, am Anderen und Neuen sehr viel Spaß haben, solange die Rahmenbedingungen stimmen.

John am Strand

John ist das erste Mal über den Atlantik geflogen, als er drei Monate alt war, und seither sind wir regelmäßig verreist; vielleicht ist es so auch zur Gewohnheit geworden. Auf jeden Fall akzeptiert er es nicht nur als Teil des Lebens, sondern genießt es sogar sichtlich. Für einen siebenjährigen Autisten sieht seine Weltkarte jedenfalls schon ganz gut aus:


create your own visited country map
kid37 - 2. Apr, 17:18

Das sieht wirklich nach schön erholsamen und schön anregenden Tagen aus.

Ellen (anonym) - 2. Apr, 19:50

Wunderschöne Bilder.
Mein Bruder (39) ist auch Autist und reist sehr gerne. Er liebt den Urlaub am Meer, den er einmal im Jahr macht, reist aber auch gerne in Städte wie Wien, Rom und Mailand. An jedem Urlaubsort hat er eine Lieblingssehenswürdigkeit :-). In Wien ist es das Riesenrad im Prater und der Hund einer befreundeten Familie. Am Meer sind es die Bauchhändler mit ihren riesen Angeboten an Gürteln und Uhren. Davon erzählt er noch Monate nach dem Urlaub und wenn er merkt, dass es bald wieder los geht.

Mein Bruder ist zusätzlich schwerst geistig behindert und litt lange unter der schlimmsten Epilepsie, von der ich je gehört habe. Die ist glücklicherweise inzwischen ausgeheilt. Soweit ich das nach den gelesenen Beiträgen beurteilen kann ist er sehr viel schwerer behinderter als Dein, übrigens zauberhafter, Sohn. Das erzähle ich Dir, weil ich Dir (schon länger mal) sagen wollte, dass er auch heute noch ständig merkliche Fortschritte macht. Seine größten Entwicklungssprünge hat er erst als Erwachsener gemacht. Einfach nur zum drauf freuen: Auch mit fast vierzig kommen noch nie für möglich gehaltene Fortschritte, die einfach nur eine riesen Freude machen.

Ich wollte Dir das erzählen um Dir Mut zu machen, falls Du mal das Gefühl hast die Entwicklung stagniert oder geht langsam und hoffe ich habe die richtigen Worte getroffen.

Liebe Grüße
Ellen

Trackback URL:
http://wasweissich.twoday.net/stories/4829633/modTrackback

Avoid losing your mind

moni.wasweissich[at]web.de

When in doubt, fuck it (Lennon)

Die Phantasie ist ein ewiger Frühling (Schiller)

Suche

 

Archiv

April 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 2 
 3 
 4 
 5 
 7 
 8 
10
12
13
14
15
16
18
19
21
22
27
28
30
 
 
 
 
 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 1415 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 25. Nov, 20:24

ABC des Miteinander
Aufgeschnappt
Bilder
Comfort zone
Epilepsie & Autismus
Ertappt
Fernweh & Heimweh
Gelesen & Literatur
Impressionen des Tages
Kryptik
Linktipp
Lyrik (the beat)
Redewendungen
Schatzkiste Buch
Schnappschuss-Erinnerungen
Space oddities
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren