...

Irgendwie ja fast schon süß, denkt man sich zunächst, dass die ZEIT am 19. Dezember 2007 den möglichen Folgen der Datenspeicherung im Internet und dem Nachdenken über Strategien des elektronischen Vergessens eine ganze Seite Feuilleton widmet, - und damit den Webdiskussionen um mehr als ein halbes Jahr hinterher hinkt. Erst gegen Ende des Artikels wird der Auslöser zitiert, nämlich ein working paper von Viktor Mayer-Schönberger.

In seinem Artikel stimmt der ZEIT-Autor Karsten Polke-Majewski ansonsten in das momentan bei der Süddeutschen so beliebte Internet-Bashing ein: "Denn im Netz werden Texte nicht nur gesucht und gelesen. Sie werden weitergereicht, kopiert, zerschnitten, einzelne Teile hier oder dort wieder verwendet, nicht immer mit einer Angabe der Quelle. Der Zusammenhang geht verloren, der Ursprung der Information verwischt."

Interessante Warnung eines Journalisten, wenn man bedenkt, dass er selbst NICHT erwähnt, dass Mayer-Schönbergers Vorschläge und Gedanken schon seit April online sind, sondern dieses folgendermaßen umgeht: "Eine Idee, wie das aussehen könnte, kommt zehn Jahre später aus Harvard, vom Österreicher Viktor Mayer-Schönberger." Der Journalist umgeht die genaue Zeitangabe, und tja, verwischt damit den Ursprung seiner Information. Er nennt auch nicht den Titel des Papers, sondern nur den Namen Mayer-Schönberger. (Zur Information: "Useful Void: The Art of Forgetting in the Age of Ubiquitous Computing" ) Das macht es natürlich für Menschen, die die Diskussion bisher nicht verfolgt haben, schwer, sich selbst online darüber zu orientieren. Vielleicht ist genau das aber ja auch gar nicht gewollt, denn so manche der Ausführungen auf einer vollen Seite Feuilleton lassen sich in anderen Artikeln und Diskussionen finden (Siehe zum Beispiel: "The advantages of amnesia") Wenn man das nicht weiß, und weil es nirgendwo im ZEIT-Artikel erwähnt wird, bekommt man als ZEIT-Leser nämlich so den schönen Eindruck, dass sich hier ein Journalist ganz viele, tolle eigene Gedanken gemacht hat.

Und spätestens zu diesem Zeitpunkt denkt man sich nicht mehr, dass der Artikel ja irgendwie fast schon süß ist, jetzt ärgert man sich, denn das, was die Journalisten immer und immer wieder dem Internet in die Schuhe schieben wollen, das praktizieren sie selbst in ihrer dunklen Kammer jeden Tag, während ich zum Beispiel in langen Sachpostings wie diesem hier alles verlinke und alle Quellen sichtbar mache.

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