Theoretische Dignität & Die Sprache nach dem Einschlag

"Dem Übersetzen theoretische Dignität zu verleihen, und die Tatsache, dass Übersetzen keine brotlose Kunst ist, zu institutionalisieren": so formulierte gestern Abend Prof. Dr. Georg Witte die Beweggründe für die Einrichtung einer allerersten Gastprofessur "Poetik der Übersetzung" an einer deutschen Universität. Der deutsche Übersetzerfonds und das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin – meine Alma Mater – benennen nun also zu jedem Wintersemester einen Gastprofessor für Poetik der Übersetzung (Codename: August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur).

Der gemeinsam ernannte Gastprofessor bekommt eine Unterkunft im Gästehaus der Freien Universität und hält Vorlesungen, unter anderem eine öffentliche Antrittsvorlesung. Als erster Gastprofessor wurde Frank Günther benannt, den man vor allem durch seine Shakespeare-Übersetzungen kennt. Er sprach gestern Abend in seiner Antrittsvorlesung in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt erfreulich lebhaft über: "...und gibt luftigem Nichts in Worten ein Zuhause. Oder: der Kampf des Übersetzers mit Frisierzangen und Bratensoßen, mit Zitteraalen und Ziegenlederhandschuhen sowie anderen linguistischen Monstern."

Ein ebenso kenntnisreicher wie unterhaltsamer Vortrag, nichts anderes ist man von Frank Günther gewohnt. Besonders angenehm für mich war allerdings, dass ich beim anschließenden Empfang eine ganze Reihe von Leuten wiedertraf, die ich teilweise schon seit neun Jahren nicht gesehen habe [to do: bei der Alumni-Vereinigung anmelden].

Unterschwellig wohl durch diesen Abend dazu angeregt, über das Übersetzen nachzudenken, lese ich also heute die taz-Rezension "Die Sprache nach dem Einschlag" zu Don Delillos Roman "Falling Man", gerade auf deutsch erschienen, übersetzt von Frank Heibert, was man aber nur unterhalb der Rezension selbst erfährt, bei den Eckdaten zum Roman.

Der Rezensent Frank Schäfer schreibt: "DeLillos Sprache ist flexibel und absolut sachgemäß: amplifiziert und bildmächtig in der Beschreibung des apokalyptischen Szenarios; ungelenk und karg, manchmal nah am Verstummen, wenn es gilt, die Gespräche und inneren Monologe der Überlebenden abzubilden, die langsam versuchen, sich in ihrem Alltag "danach" einzurichten. Ihm gelingt das, woran McInerney scheitert - er findet nicht nur eine Sprache, sondern zugleich auch eine angemessene narrative Form für 9/11. Seine fragmentierte Erzählstruktur, diese harte, kontrastreiche Montage von kleineren, in der Chronologie springenden, ständig die Perspektive wechselnden und enorme Lücken lassenden Prosaschnipsel bildet das Chaos, die Verstörung, die reale und mentale Trümmerlandschaft, die der Einsturz des WTC hinterlassen hat, gewissermaßen ab."

Das ist eine schöne Beobachtung. Ich habe das Original gelesen, als es herauskam, und hatte dieselben Eindrücke. Es muss dem Übersetzer also gelungen sein, genau das auch in die deutsche Übersetzung zu übertragen. Sicher eine ganz schön große Herausforderung.

Schäfer: Don DeLillo hingegen lässt einem die Worte um die Ohren fliegen: "Das Röhren hing immer noch in der Luft, das Bersten und Rumpeln des Einsturzes. Das war jetzt die Welt. Qualm und Asche kamen die Straße entlanggewalzt und um die Ecken, stoben um die Ecken, seismische Qualmfluten und vorbeizischendes Schreibpapier, Normblätter mit scharfen Kanten, vorbeistreichend, -peitschend, anderweltliche Dinge im Sarg dieses Morgens."

(Im Original, das musste ich jetzt einfach nachblättern: "The roar was still in the air, the buckling rumble of the fall. This was the world now. Smoke and ash came rolling down streets and turning corners, busting around corners, seismic tides of smoke, with office paper flashing past, standard sheets with cutting edge, skimming, whipping past, otherworldly things in the morning pall.")

Das ist doch schön übersetzt, oder? Aus dem "buckling rumble" das Bersten und Rumpeln zu machen, zum Beispiel. Ein Gerundium in den substantivierten Infinitiv aufzulösen ist ja normal, aber man muss schließlich die ganze Konstruktion übertragen. Auf deutsch dient die Trennung in zwei substantivierte Infinitive dem stilistischen Äquivalent zum bildmächtigen, apokalyptischen Szenario viel besser als eine Beibehaltung der Einheit "the buckling rumble", man stelle sich nur vor, es stünde da etwa: das berstende Grollen, oder so.

Was ich nur an diesem einen Beispiel sagen will: dass der Rezensent beim Lesen der deutschen Übersetzung ziemlich genau denselben Eindruck hatte, wie ich beim Lesen des Originals, ist natürlich nicht zuletzt eine Leistung des Übersetzers. Ich bin da nicht wahnsinnig militant und verlange keine ständige Aufmerksamkeit der Literaturkritik gegenüber der Übersetzung, aber in diesem Fall dreht sich die ganze Rezension um die Sprache, um Sprachanalyse, und trägt daher ja auch zu Recht den Titel "Die Sprache nach dem Einschlag." In einem solchen Fall würde sich ein Literaturkritiker sicher keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn er den Übersetzer in seinem Text mal erwähnt, und nicht nur in den Eckdaten unterfernerliefen auflistet.

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