Wenn Blicke töten könnten
Einerseits kann man sagen, dass es generell nicht ratsam ist, an einem Samstag zu Ikea zu gehen, und einwenden, dass man es mit einem autistischen Kind darum erst recht vermeiden sollte. Andererseits habe ich den gleichen Grund für einen Samstagbesuch wie die meisten anderen Unseligen: in der Woche arbeite ich und habe dafür keine Zeit. Außerdem regt sich in mir sporadisch die revoltische Ader, die sich nicht aussperren lassen will, und die stattdessen meint, dass auch die samstägliche Ikeabevölkerung durchaus mit der Vielfalt des Lebens konfrontiert werden darf.
Ich wollte nur ein paar Griffe des Pax-Kleiderschranks zurückgeben, musste also gar nicht durch das Geschäft, tatsächlich war die Rückgabe innerhalb von fünf Minuten erledigt. Draußen wollte John gerne etwas essen, er liebt die Köttbullar, wir stellten uns also in die Schlange. Warten kann John leider sehr schlecht, das ganze Konzept ist ihm nicht klar. Wir üben das hier und da, so auch bei Ikea, die Köttbullar eine aus Johns Sicht angenehm hochklassige Belohnung, die am Ende winkt. Vor uns eine sehr ungeduldige Frau, die Warten anscheinend auch noch übte. Als wir nah an die Essensausgabe kamen, schob John sich vor sie und wollte nach den Köttbullar einer anderen Frau greifen. Ich zog ihn zurück, da drehte sich die Frau, die vor uns stand, und die schon die ganze Zeit Johns eher affenartige Geräusche, seine flatternden Armbewegungen und Handdrehungen gesehen und gehört haben musste, da drehte sich diese Frau also um, sah mir äußerst giftig direkt in die Augen und fragte patzig: "Na, noch alles in Ordnung mit ihrem Sohn?" Die Gehässigkeit, die aus diesem Blick und diesem Satz sprach, unfassbar pointiert, wäre es nicht so schrecklich, dann müsste man das bewundern.
Den Mut, mit John an einem Samstag zu Ikea zu gehen, spürte ich unter diesem Blick und diesem Satz in Sekundenbruchteilen zu einem Nichts zerfallen. Wir bräuchten eine Parallelwelt, eine Testwelt, in der man Schlangestehen üben kann, ohne die zusätzliche Herausforderung solcher Mitwartender. John aß seine Köttbullar dann unter den Argusaugen eines fein gekleideten Paares, das neben uns auf der Bank saß und ihn die ganze Zeit überaus kritisch beäugte.
Gestern liefen wir wie gewohnt um die Krumme Lanke, zwei ältere Frauen spazierten hinter uns und starrten John eine lange Zeit an, verlegten sich dann darauf, mich anzustarren, ließen sich dann etwas zurückfallen, ich konnte sie nicht mehr hören, aber als John am Wegesrand mit einem Zweig wedelnd stehenblieb, kamen sie näher und ich hörte: "Und hast Du diese Dokumentation im Fernsehen gesehen, über alleinerziehende Mütter in Hamburg? Das war ja auch richtig schlimm." Dann merkten sie, dass ich in Hörweite bin, wechselten einen hastigen Blick und auffallend schnell das Gesprächsthema.
Früher wurde immer wieder hinter vorgehaltener Hand getuschelt über Familien mit behinderten Kindern: man sehe die Kinder ja nie in der Öffentlichkeit, sie würden ja regelrecht versteckt und weggeschlossen. Die Eltern müssten sich wohl ziemlich schämen, mutmaßte man da. Das wird früher wahrscheinlich eine Rolle gespielt haben, gerade auch in der religiösen Provinz, aber heute frage ich mich, wie groß auch damals schon der Anteil an Eigenschutz gewesen ist. Jedes noch so banale sich-in-die-Öffentlichkeit-Begeben kostet Kraft, Mut und Energie, ist ein Spießrutenlauf, natürlich gibt es auch positive Erfahrungen, über die man sich wahnsinnig freut, aber ich muss es leider sagen, die negativen sind doch häufiger und vor allem treffen sie hart. Und Kraft, Mut und Energie kann man besser für anderes brauchen, manchmal hat man sie sowieso schon nicht mehr, geschweige denn überschüssig für Nebenschauplätze.
Früher haben mir diese Blicke und Bemerkungen nicht so viel ausgemacht, und ich war frohen Mutes, dass man mit der Zeit sogar wahrscheinlich immer abgehärteter wird (die Illusionen, denen man sich halt so hingibt), heute merke ich: man wird stattdessen immer empfindlicher, das geht nicht nur mir so, sondern auch anderen Müttern in ähnlichen Lebenslagen, mit denen ich darüber gesprochen habe. Blicke und Bemerkungen. Man stelle sich die Körper mit unsichtbaren Einschusslöchern vor. Es werden im Verlauf des Lebens immer mehr, man fürchtet sich davor, dass irgendwann nichts bleibt als eine innen hohle Ruine. Die implizit oft vorgeworfene "selbstgewählte Isolation" (selbstgewählt sagen die, die es einem aufdrücken), sie mag in vielen Fällen ein purer Überlebensmechanismus sein.
Ich wollte nur ein paar Griffe des Pax-Kleiderschranks zurückgeben, musste also gar nicht durch das Geschäft, tatsächlich war die Rückgabe innerhalb von fünf Minuten erledigt. Draußen wollte John gerne etwas essen, er liebt die Köttbullar, wir stellten uns also in die Schlange. Warten kann John leider sehr schlecht, das ganze Konzept ist ihm nicht klar. Wir üben das hier und da, so auch bei Ikea, die Köttbullar eine aus Johns Sicht angenehm hochklassige Belohnung, die am Ende winkt. Vor uns eine sehr ungeduldige Frau, die Warten anscheinend auch noch übte. Als wir nah an die Essensausgabe kamen, schob John sich vor sie und wollte nach den Köttbullar einer anderen Frau greifen. Ich zog ihn zurück, da drehte sich die Frau, die vor uns stand, und die schon die ganze Zeit Johns eher affenartige Geräusche, seine flatternden Armbewegungen und Handdrehungen gesehen und gehört haben musste, da drehte sich diese Frau also um, sah mir äußerst giftig direkt in die Augen und fragte patzig: "Na, noch alles in Ordnung mit ihrem Sohn?" Die Gehässigkeit, die aus diesem Blick und diesem Satz sprach, unfassbar pointiert, wäre es nicht so schrecklich, dann müsste man das bewundern.
Den Mut, mit John an einem Samstag zu Ikea zu gehen, spürte ich unter diesem Blick und diesem Satz in Sekundenbruchteilen zu einem Nichts zerfallen. Wir bräuchten eine Parallelwelt, eine Testwelt, in der man Schlangestehen üben kann, ohne die zusätzliche Herausforderung solcher Mitwartender. John aß seine Köttbullar dann unter den Argusaugen eines fein gekleideten Paares, das neben uns auf der Bank saß und ihn die ganze Zeit überaus kritisch beäugte.
Gestern liefen wir wie gewohnt um die Krumme Lanke, zwei ältere Frauen spazierten hinter uns und starrten John eine lange Zeit an, verlegten sich dann darauf, mich anzustarren, ließen sich dann etwas zurückfallen, ich konnte sie nicht mehr hören, aber als John am Wegesrand mit einem Zweig wedelnd stehenblieb, kamen sie näher und ich hörte: "Und hast Du diese Dokumentation im Fernsehen gesehen, über alleinerziehende Mütter in Hamburg? Das war ja auch richtig schlimm." Dann merkten sie, dass ich in Hörweite bin, wechselten einen hastigen Blick und auffallend schnell das Gesprächsthema.
Früher wurde immer wieder hinter vorgehaltener Hand getuschelt über Familien mit behinderten Kindern: man sehe die Kinder ja nie in der Öffentlichkeit, sie würden ja regelrecht versteckt und weggeschlossen. Die Eltern müssten sich wohl ziemlich schämen, mutmaßte man da. Das wird früher wahrscheinlich eine Rolle gespielt haben, gerade auch in der religiösen Provinz, aber heute frage ich mich, wie groß auch damals schon der Anteil an Eigenschutz gewesen ist. Jedes noch so banale sich-in-die-Öffentlichkeit-Begeben kostet Kraft, Mut und Energie, ist ein Spießrutenlauf, natürlich gibt es auch positive Erfahrungen, über die man sich wahnsinnig freut, aber ich muss es leider sagen, die negativen sind doch häufiger und vor allem treffen sie hart. Und Kraft, Mut und Energie kann man besser für anderes brauchen, manchmal hat man sie sowieso schon nicht mehr, geschweige denn überschüssig für Nebenschauplätze.
Früher haben mir diese Blicke und Bemerkungen nicht so viel ausgemacht, und ich war frohen Mutes, dass man mit der Zeit sogar wahrscheinlich immer abgehärteter wird (die Illusionen, denen man sich halt so hingibt), heute merke ich: man wird stattdessen immer empfindlicher, das geht nicht nur mir so, sondern auch anderen Müttern in ähnlichen Lebenslagen, mit denen ich darüber gesprochen habe. Blicke und Bemerkungen. Man stelle sich die Körper mit unsichtbaren Einschusslöchern vor. Es werden im Verlauf des Lebens immer mehr, man fürchtet sich davor, dass irgendwann nichts bleibt als eine innen hohle Ruine. Die implizit oft vorgeworfene "selbstgewählte Isolation" (selbstgewählt sagen die, die es einem aufdrücken), sie mag in vielen Fällen ein purer Überlebensmechanismus sein.
wasweissich Epilepsie & Autismus - 9. Jul, 15:23
