Jahresrückblick
Via Anke und Isa
Drei schöne Ereignisse 2006:
Erstmals seit vielen Jahren wieder eine richtige Geburtstagsparty, juhu.
Berlinale. Exzessiv.
Und, ich muss es leider so sagen, das Robbie Williams Konzert.
Liebe 2006:
Das ganze Leben voll davon, aber ich glaube nicht, dass das hier gemeint ist. Nächstes Thema.
Job 2006:
Dass es darüber überhaupt zu berichten gibt, ist ja nach Jahren der Arbeitslosigkeit das Highlight schlechthin. Eine neue Reihe erfolgloser Bewerbungen zu Jahresbeginn gipfelte in einem düsteren Vorschlag der Agentur für Arbeit: "Sie sind unvermittelbar, in Ihrer Situation stellt sie keiner ein. Wir können Sie doch als arbeitsunfähig einstufen, dann haben Sie keinen Ärger mehr, dann können Sie sich um Ihr Kind kümmern und von Sozialhilfe leben". Wie konnte die Frau auf dem Amt nur denken, dass sie mir mit diesem Vorschlag einen Gefallen tun würde? Dass mir das als Lebensperspektive reicht?
Plötzlich wusste ich, dass mir nur die Flucht nach vorne bleibt. Sich selbständig machen also, klassisch, und zudem, da aus Hartz IV kommend, unter Versagung jeglicher Starthilfen, das ist ja auch so ein Widersinn des Systems. Nicht einmal die freiwillige Arbeitslosenversicherung darf ich abschließen. Naja, man muss andererseits sagen, schlimmstenfalls falle ich dorthin zurück, wo ich schon mal ein paar Jahre verbracht habe. Und ein Plus ist sicher: die Erkenntnis, dass es keine Sicherheit gibt, hat sich qua Massivschicksal in mir eingepflanzt und ist sowieso schon Teil meiner Grundlebenseinstellung geworden. Viele haben ja Probleme mit der Unsicherheit; damit hadere ich wenigstens nicht mehr.
Die ersten Monate waren bisher geprägt von allerlei bisher unbekannten organisatorischen Dingen (vom Finanzamt über die Künstlersozialkasse bis hin zur VG Wort-Anmeldung), noch immer mangelhaftem Durchblick, wie man ein Freiberuflerdasein am Geschicktesten organisiert (bin mehrwertsteuerbefreit, was anscheinend unklug ist, wie mir viele sagen) und allerdings auch erstaunlich vielen Aufträgen. Ablehnen will man am Anfang natürlich nichts und so habe ich eigentlich zu viel zu tun und das Leben besteht fast nur aus Arbeit und John. Ich muss noch herausfinden, wie man ein schwer pflegebedürftiges Kind, Freunde, Freizeit, Spinning und alles andere mit dem Freiberuflertum jongliert. Erfordert sicher einfach ein bisschen Eingewöhnung. Immerhin lief es bisher so gut, dass ich mich sogar in die Bürogemeinschaft "Textetage" eingemietet habe und das finde ich ganz toll. Endlich wieder aus dem Haus!
Und jetzt kann ich doch nicht umhin, etwas über "Wir nennen es Arbeit" zu schreiben, obwohl ich das ja eigentlich nicht wollte. Darin steht nämlich am Ende: "Ein Komplex, der vollkommen im Realen und überhaupt nicht im Virtuellen stattfindet, ist die Familie, oder vielmehr: sind die neuen Familienformationen jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie und die daraus erwachsenden, weiter bestehenden Fürsorgeverhältnisse gegenüber Kindern und alternden Eltern. Sie sind nicht unbedingt leicht mit den Selbstverwirklichungsmaximen der digitalen Bohème in Einklang zu bringen." Man ist sich dieses enorm wichtigen Problems also bewusst, delegiert aber nur knapp die Lösung: "An dieser Stelle sind Staat und Politik gefragt." Was tun, wenn nahe stehende Menschen durch Behinderung oder sonstige Hilfsbedürftigkeit nicht mehr in der Lage sind, "an einem wie auch immer gearteten Markt teilzunehmen", beziehungsweise die pflegenden Menschen dies auch nur in eingeschränktem Maße vermögen? Die Antwort: "Auch hieran zeigt sich, dass die digitale Bohème kein Gesellschaftsmodell sein kann, sondern ein Lebens- und Arbeitsmodell für einen Teil der Gesellschaft." Kann sie nicht? Oder will sie nicht? Gerade heute kann man dieses Problem eben auch nicht mehr einfach an Staat und Politik deligieren, die damit schon jetzt weit überfordert sind und in Zukunft noch mehr sein werden. Es sind Kreativität, Ideen und Modelle gefragt, um sozialen Raum und damit – obwohl ich dieses Wort nicht gerne mag – Integration zu ermöglichen. Ich fand es halt ein bisschen schade, dass die wohl größte Herausforderung, die mit der digitalen Arbeitsentwicklung verbunden ist, bei 289 Buchseiten nur ganz am Ende auf knapp einer Seite schemenhaft angerissen und wegdeligiert wird.
Reisen 2006:
Im Gegensatz zu den letzten Jahren war das dieses Jahr sehr mau. Nur ein paar Tage auf Hiddensee.
Blogging 2006:
Ein Wechselbad (big bang zu Beginn des Jahres mit dem Transparency-Mist): im Nachhinein betrachtet war dieses Jahr irgendwie vielleicht zu öffentlich. Da verschiebt sich die Bedeutungsebene. Das Webloggen fühlt sich ja eigentlich wie ein suchendes Gespräch mit anderen Webloggern an, aber das wird bei einem ständig notwendigen Seitenspiegelblick auf Jurazillas arg in Mitleidenschaft gezogen. Und mit verstärkter Aufmerksamkeit (Leserzahl in diesem Jahr verdreifacht) fühlt sich das Webloggen auch anders an. Öfter mal in diesem Jahr auf Schlingerkurs gewesen, selbst nicht mehr gewusst, ob das alles noch geht. Um es mal mit Monika Rinck zu sagen, deren Buch mir das liebste in diesem Jahr war und ist: "Wer in eine Gruppe hineinspricht, spricht in eine Atmosphäre von Lähmung und Faszination hinein. Manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere. Die Faszination kann in jene blendenden Momente der Produktionseuphorie münden, in denen Denken, Sprechen, Mitteilen, Verstandenwerden und gemeinsames Weiterführen eine gleichsam pyrotechnische Allianz eingehen. Eine Person alleine kann so was gar nicht machen. Eine allein kann aber auch nie so schmerzlich die soziale Verstockung des Denkens erleben. Wie lähmend das sein kann." Gerade im Moment bin ich wieder auf der Seite der Faszination, allerdings mit Zukunftsbedenken.
Drei schöne Ereignisse 2006:
Erstmals seit vielen Jahren wieder eine richtige Geburtstagsparty, juhu.
Berlinale. Exzessiv.
Und, ich muss es leider so sagen, das Robbie Williams Konzert.
Liebe 2006:
Das ganze Leben voll davon, aber ich glaube nicht, dass das hier gemeint ist. Nächstes Thema.
Job 2006:
Dass es darüber überhaupt zu berichten gibt, ist ja nach Jahren der Arbeitslosigkeit das Highlight schlechthin. Eine neue Reihe erfolgloser Bewerbungen zu Jahresbeginn gipfelte in einem düsteren Vorschlag der Agentur für Arbeit: "Sie sind unvermittelbar, in Ihrer Situation stellt sie keiner ein. Wir können Sie doch als arbeitsunfähig einstufen, dann haben Sie keinen Ärger mehr, dann können Sie sich um Ihr Kind kümmern und von Sozialhilfe leben". Wie konnte die Frau auf dem Amt nur denken, dass sie mir mit diesem Vorschlag einen Gefallen tun würde? Dass mir das als Lebensperspektive reicht?
Plötzlich wusste ich, dass mir nur die Flucht nach vorne bleibt. Sich selbständig machen also, klassisch, und zudem, da aus Hartz IV kommend, unter Versagung jeglicher Starthilfen, das ist ja auch so ein Widersinn des Systems. Nicht einmal die freiwillige Arbeitslosenversicherung darf ich abschließen. Naja, man muss andererseits sagen, schlimmstenfalls falle ich dorthin zurück, wo ich schon mal ein paar Jahre verbracht habe. Und ein Plus ist sicher: die Erkenntnis, dass es keine Sicherheit gibt, hat sich qua Massivschicksal in mir eingepflanzt und ist sowieso schon Teil meiner Grundlebenseinstellung geworden. Viele haben ja Probleme mit der Unsicherheit; damit hadere ich wenigstens nicht mehr.
Die ersten Monate waren bisher geprägt von allerlei bisher unbekannten organisatorischen Dingen (vom Finanzamt über die Künstlersozialkasse bis hin zur VG Wort-Anmeldung), noch immer mangelhaftem Durchblick, wie man ein Freiberuflerdasein am Geschicktesten organisiert (bin mehrwertsteuerbefreit, was anscheinend unklug ist, wie mir viele sagen) und allerdings auch erstaunlich vielen Aufträgen. Ablehnen will man am Anfang natürlich nichts und so habe ich eigentlich zu viel zu tun und das Leben besteht fast nur aus Arbeit und John. Ich muss noch herausfinden, wie man ein schwer pflegebedürftiges Kind, Freunde, Freizeit, Spinning und alles andere mit dem Freiberuflertum jongliert. Erfordert sicher einfach ein bisschen Eingewöhnung. Immerhin lief es bisher so gut, dass ich mich sogar in die Bürogemeinschaft "Textetage" eingemietet habe und das finde ich ganz toll. Endlich wieder aus dem Haus!
Und jetzt kann ich doch nicht umhin, etwas über "Wir nennen es Arbeit" zu schreiben, obwohl ich das ja eigentlich nicht wollte. Darin steht nämlich am Ende: "Ein Komplex, der vollkommen im Realen und überhaupt nicht im Virtuellen stattfindet, ist die Familie, oder vielmehr: sind die neuen Familienformationen jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie und die daraus erwachsenden, weiter bestehenden Fürsorgeverhältnisse gegenüber Kindern und alternden Eltern. Sie sind nicht unbedingt leicht mit den Selbstverwirklichungsmaximen der digitalen Bohème in Einklang zu bringen." Man ist sich dieses enorm wichtigen Problems also bewusst, delegiert aber nur knapp die Lösung: "An dieser Stelle sind Staat und Politik gefragt." Was tun, wenn nahe stehende Menschen durch Behinderung oder sonstige Hilfsbedürftigkeit nicht mehr in der Lage sind, "an einem wie auch immer gearteten Markt teilzunehmen", beziehungsweise die pflegenden Menschen dies auch nur in eingeschränktem Maße vermögen? Die Antwort: "Auch hieran zeigt sich, dass die digitale Bohème kein Gesellschaftsmodell sein kann, sondern ein Lebens- und Arbeitsmodell für einen Teil der Gesellschaft." Kann sie nicht? Oder will sie nicht? Gerade heute kann man dieses Problem eben auch nicht mehr einfach an Staat und Politik deligieren, die damit schon jetzt weit überfordert sind und in Zukunft noch mehr sein werden. Es sind Kreativität, Ideen und Modelle gefragt, um sozialen Raum und damit – obwohl ich dieses Wort nicht gerne mag – Integration zu ermöglichen. Ich fand es halt ein bisschen schade, dass die wohl größte Herausforderung, die mit der digitalen Arbeitsentwicklung verbunden ist, bei 289 Buchseiten nur ganz am Ende auf knapp einer Seite schemenhaft angerissen und wegdeligiert wird.
Reisen 2006:
Im Gegensatz zu den letzten Jahren war das dieses Jahr sehr mau. Nur ein paar Tage auf Hiddensee.
Blogging 2006:
Ein Wechselbad (big bang zu Beginn des Jahres mit dem Transparency-Mist): im Nachhinein betrachtet war dieses Jahr irgendwie vielleicht zu öffentlich. Da verschiebt sich die Bedeutungsebene. Das Webloggen fühlt sich ja eigentlich wie ein suchendes Gespräch mit anderen Webloggern an, aber das wird bei einem ständig notwendigen Seitenspiegelblick auf Jurazillas arg in Mitleidenschaft gezogen. Und mit verstärkter Aufmerksamkeit (Leserzahl in diesem Jahr verdreifacht) fühlt sich das Webloggen auch anders an. Öfter mal in diesem Jahr auf Schlingerkurs gewesen, selbst nicht mehr gewusst, ob das alles noch geht. Um es mal mit Monika Rinck zu sagen, deren Buch mir das liebste in diesem Jahr war und ist: "Wer in eine Gruppe hineinspricht, spricht in eine Atmosphäre von Lähmung und Faszination hinein. Manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere. Die Faszination kann in jene blendenden Momente der Produktionseuphorie münden, in denen Denken, Sprechen, Mitteilen, Verstandenwerden und gemeinsames Weiterführen eine gleichsam pyrotechnische Allianz eingehen. Eine Person alleine kann so was gar nicht machen. Eine allein kann aber auch nie so schmerzlich die soziale Verstockung des Denkens erleben. Wie lähmend das sein kann." Gerade im Moment bin ich wieder auf der Seite der Faszination, allerdings mit Zukunftsbedenken.
wasweissich Verschiedenes - 15. Dez, 08:25
