...

Vor drei Jahren hielt ich auf einer Konferenz als Elternvertreterin einen Vortrag darüber, welche Änderungen Eltern sich im medizinischen und pflegerischen Bereich der Krankenhäuser wünschen. Mein Vorredner war ein Arzt aus einem Sozialpädiatrischen Zentrum der Neuropädiatrie und er sprach darüber, wie wichtig der Sprachgebrauch auf diesem Feld ist: man solle heute nicht mehr sagen, jemand sei Epileptiker oder jemand sei behindert. Das impliziere nämlich, dass die Beeinträchtigung die ganze Persönlichkeit des Menschen betreffe und vereinnahme. Vielmehr heiße es, jemand habe eine Epilepsie oder jemand habe eine Behinderung. "Haben" also statt "sein", das reduziert auf einen Teilbereich. Ich konnte die verbale Nuance damals zwar nachvollziehen, aber fand es für mich und John unerheblich. Zu der Zeit hatte er Tag und Nacht Anfälle und es war durchaus so, dass seine chronische Krankheit und Behinderung sein ganzes Wesen vereinnahmte. Ich sprach im Anschluss über die massiven Sorgen und Nöte, die in Krankenhäusern für solche Kinder durch mangelhafte Strukturen verursacht werden und der Sprachgebrauch gehörte ganz bestimmt nicht dazu. Wenn ich meinen Vorredner innerlich auch nicht vollkommen der sprachlichen Korinthenkackerei bezichtigte, so hatte ich doch zugegebenermaßen nicht viel Verständnis für seinen politisch korrekten Vortrag. Und nun sieht man mal wieder, wie der Mensch sich ändert. Denn als ich eben in der "zitty" las, ich hätte gesagt, mein Weblog sei ein "persönliches Weblog, in dem oft mein Sohn vorkommt, der autistisch und epileptisch ist", da hat mir das nicht so gefallen und ich dachte sofort an den Vortrag des Arztes. Mittlerweile ist die Epilepsie meines Sohnes zum Glück sehr eingedämmt und spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Deshalb würde ich heute nicht mehr sagen, dass er epileptisch ist. Gesagt habe ich auf die Frage, was ins Blog kommt und was nicht, dass mein Sohn Autist ist (denn das bestimmt tatsächlich seine Persönlichkeit) und eine Epilepsie hat, sowie, dass das häufiger in meinem Weblog vorkommt, weil es unseren Alltag sehr prägt und dass ich ansonsten aber nicht über Freunde und Familie schreibe. Man müsste sowas wahrscheinlich am besten gegenlesen, bevor es in Druck geht. Andererseits bin ich Ulf Lippitz eigentlich ein bisschen dankbar, denn hierdurch ist mir eben erst klar geworden, dass ich in den letzten drei Jahren anscheinend etwas verstanden habe, das sich mir vorher noch verschlossen hat.

Im Übrigen weiß ich als Literaturwissenschaftlerin natürlich, wie vielfältig die Rezeption von Texten sein kann, war aber doch etwas erschrocken, dass die Texte über amerikanische Reisegruppen als "gnadenlose Auswertung" gelesen werden können. Ich mag diese Reisenden sehr und ich begleite sie total gerne. Es ist oft bewegend, was die älteren Menschen aus ihrem Leben erzählen und sie sind fast alle sehr charmant – und manchmal sagen sie halt auch lustige Sachen. Dies oder jenes, ernsthaft, charmant oder lustig, schreibe ich dann manchmal in mein Weblog. Dabei versuche ich, sie nur zu zitieren und die Wertung den Lesern selbst zu überlassen. Dass man mich als gnadenlos wahrnimmt: huch! Da muss ich mein Schreiben doch auch mal wieder überdenken.
lilalia - 8. Nov, 09:47

A simple alternative

Thank you very much for your insightful thoughts on “having” an illness or handicap versus “being” ill or handicapped. Having followed the North American trend of trying to come up with politically correct terminology, where many words are stricken from our vocabulary and the alternatives also don’t seem to function, it is reassuring to find a simple alternative.

stralau - 8. Nov, 10:31

Ick fand den Text über die Amerikaner gut -- und hatte nicht das Gefühl, daß Du sie vorführen (oder „gnadenlos auswerten“) würdest (nur um eine andere Lesart ins Spiel zu bringen -- man meldet sich ja normalerweise nicht, wenn alles stimmt).

Gleichgewichtssucher - 8. Nov, 11:35

ich habe erlebt, daß man mit Worten nicht nur beschreiben kann, sondern auch Realitäten schafft. Da macht es einen großen Unterschied, ob du etwas als unabänderlich festschreibst, oder in der Beschreibung noch die Möglichkeit einer alternativen Wirklichkeitskonstruktion offenläßt. Deswegen ist mir diese feine Unterscheidung zwischen "ist" und "hat" so wichtig. Denn wer will schon seine ganze Persönlichkeit auf ein oder zwei Symptome, die er zuweilen zeigt, reduziert bekommen.

kid37 - 8. Nov, 15:13

Weshalb es so erschreckt, wenn man über jemanden hört: "Der ist eben so!" Weil man denkt, oha, festbetoniert, da bewegt sich nichts mehr, wo doch Dynamik und Entwicklung sein sollte.

@Moni: Bei Blogs zeigt sich eben, wie sehr der "Ton" nicht an einem einzelnen Text hängt, sondern sich kontinuierlich herausbildet. Das geht leicht schief, wenn man ein Urteil anhand eines bloß kurzen Blicks fällt.
beh - 8. Nov, 21:23

Die Fragen der amerikanischen Reisegruppe waren in der Tat interessant und in meiner Wahrnehmung in keiner Weise biased oder auswertend. In meinen (sorgsam aber immerhin ob ihres Alters nachsichtig gepflegten) Vorurteilen kommen Leute aus Amerika, die sowas fragen, jedenfalls nicht vor.

Und man freut sich ein wenig, dass sie auf die meisten Fragen wohl eine zufriedenstellende Antwort bekommen haben, und sich ermutigt fuehlten, weiterzufragen.

Wer kommt schon auf die Idee, von sich aus den lokalen Schokoladenmarkt zu kommentieren...

creezy - 9. Nov, 10:59

Du

musst Dein Schreiben überhaupt nicht überdenken. Ein jeder Leser macht doch aus einem Text sowieso was er machen will bzw. er liest nur, was er auch lesen will.

Ich fand – selbstwertend – den Text über die amerikanische Reisegruppe nicht gnadenlos. Für mich war es ein dezenter Hinweis darauf, wie wir uns doch alle im Alltag immer wieder durch unsere kleinen Vorurteile führen lassen und uns immer wieder gelegentlich darüber wundern, wenn eben diese Vorurteile nicht mehr in die ihnen zugedachte Schublade passen möchten…

Wer aber immer seine eigene Sicht in die Texte fremder Autoren interpretieren möchte, der wird das schon schaffen, da kannste Dich drehen und wenden. ;-)

Viel mehr hat mir in dem Text der Verkupplungsversuch mit dem Sohnemann gemacht, wir wissen doch alle – Achtung!!! Vorurteil!!! – was es mit Söhnen auf sich hat, für die die Eltern auf Suche gehen müssen … ;-)

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