Robbie Williams in Berlin

Verboten/ Erlaubt

Um kurz nach eins waren wir am Olympiastadion und wurden gleich mit Bändern für die erste Welle belohnt. Juhu! Der Security Supervisor entpuppte sich als Johns Busfahrer, wir fanden einen Platz im Schatten, neben uns spielte eine Gruppe aus Frankfurt Karten und wir holten erstmal unser Sudoku raus.

1.Welle

Bis um drei harrten wir vor den Toren aus, ohne die übliche Nerverei durch die Medien, die sonst scharenweise mit Kameras und Mikrofonen herumlaufen und jeden dumm fragen: "Das Konzert fängt doch erst in sieben Stunden an: warum seid ihr denn jetzt schon hier?" Dieses Mal also nur ein einziges Radioteam, dem Boykott sei Dank. Die Umsiedlung vor die Bühne verlief reibungslos, außer zwei fiesen Vordränglerinnen saßen dort dann sehr nette Leute um uns herum. Ein Mann mit "Discipline"-Tätowierung direkt vor uns gab gleich mal den Ton für die nächsten Stunden an. Das Sitzen auf den enorm aufgeheizten Metallplatten: doch eher schmerzhaft.

Discipline

Stundenlang passierte dann wie erwartet nichts. Die unglaubliche Hitze machte jegliche Sudoku-Bemühungen sinnlos, längst konnte man nicht mehr klar denken. Nur ein paar blaue Luftballons von "Unicef" kamen hier und da mal angeflogen. Und einmal ein einziger, einsamer, grüner Ballon von Elixia.

Die Vorband Orson war schlecht, die Basement Jaxx wenigstens unterhaltsam. Sie sangen: "Where's your head at?", genau das fragten wir uns zu diesem Zeitpunkt auch das ein oder andere Mal.

Basement Jaxx

Als Robbie dann kam, hatten wir genau die richtige Stimmung von Kopflosigkeit und körperlicher Erschöpfung erreicht, mit der man am besten rücksichtslos Mitsingen, Armeschwenken, Rumhüpfen und generell alles, alles vergessen kann.

Konzertbeginn

Robbie

Dass Robbie zugenommen hat, beten alle Journalisten in ihren Berichten wieder. Sind wohl noch Ronaldo-konditioniert. Es interessiert mich ü-ber-haupt nicht, ob Robbie einen Waschbrett- oder einen Waschbärbauch hat.

Mich interessiert zum Beispiel diese unwiderstehliche Mischung aus lieb und unanständig, die er bei diesem Konzert in Berlin wieder so prima hinbekommen hat.

Feuer

Nach einem Tag des ausbalancierten Wassertrinkens (genug, um in der Hitze keine Kreislaufprobleme zu bekommen, aber nur gerade so viel, wie man ausschwitzt, weil man ja nicht aufs Klo gehen kann), nach 12 Stunden ohne Toilette und 14 Stunden ohne Essen, tranken wir im sich leerenden Olympiastadion unser erstes Bier, das besser und richtiger nicht hätte sein können, in diesem Moment, endlich richtig sitzend, auf den Stadion-Rängen, die Menschen und den ganzen Spuk genüsslich verabschiedend, bis wir vom Sicherheitspersonal hinausgeworfen wurden (nicht Johns Busfahrer, in diesem Fall).

Es war wieder einmal ganz wunderschön. Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach Friesoythe, standen sieben Stunden lang ständig im Stau, hörten die ganze Zeit nur Robbie Williams und als wir uns, wieder einmal völlig ausgelaugt, triefend aus dem nicht-klimatisierten Auto von C. pellten, sagte mein Vater: "Dass das Konzert gut war, das sehe ich: du strahlst ja jetzt noch."

Noch ein paar Fotos auf Flickr. (Bald kommen vielleicht noch ein paar schöne aus Hamburg dazu.)
wasweissich - 1. Aug, 17:30

Verriss eines Verrisses

Mein Exmann mag Robbie Williams nicht und kann ihn wunderbar unterhaltsam verreißen, dagegen habe ich nichts. Ärgerlich sind Verrisse allerdings, wenn sie schlecht geschrieben sind.

Alleine einen Konzertbericht mit militärischen Zeitangaben zu spicken widerspricht dem innersten Wesen einer Konzerterfahrung, in der Emphase und Eindruck unter anderem aus der Aushebelung der Zeit, aus Zeitvergessenheit entstehen. So viel grundsätzlich zum gewählten Format des Artikels.

Mich erinnert dieser Text unangenehm stark an den Moment, als mir der Chefredakteur einer Regionalzeitung, bei der ich mal gearbeitet habe, in onkelhafter Selbstgefälligkeit ein paar "handwerkliche Tipps" gab, für einen "runden Text."

Als Intro wird das Wetter mit den Kostümwechseln der Vorband zusammengeschrieben, obwohl offensichtlich ist, dass eben jene Kostümwechsel bei jedem Wetter ein elementarer Bestandteil der Unterhaltung dieser Band sind. Aber man kann diese beiden Elemente ja so schön verbinden und hat einen "flüssigen" Einstieg in den Text. Es folgen:

Suggestionen vom Ramschtisch der Populärkultur ("Aus den Boxen dröhnt Nirvana. Hätte Kurt Cobain das gewollt?")

Zusammenhanglose und weit hergeholte Vergleiche ("Advertising Space - Ein Song wie ein Bananenpfannkuchen mit Erdnussbutter. Liegt schwer im Magen.")

Allzu auffälliges Einflechten von recherchierten Versatzstücken, wahrscheinlich bereits vor dem Konzert präpariert und später eingefügt ("Williams stimmt einen Deutschland-Chor an. Wahrscheinlich, weil er bei der Wahl zum britischen Helden 2006 nur auf Platz Sieben kam...")

Falsche Zitate ("Alles fit im Schritt over there? I’ve been coming to Berlin now for 15 years, but I still don’t know what that means. Er will später im Hotel fragen.") Gesagt hat er, dass er seit 15 Jahren nach Deutschland kommt, nicht nach Berlin. Und er wollte nicht später im Hotel fragen, sondern schlug vor, dass ihm das jemand später erklären könne, im Hotel. Bananenpfannkuchen mit Erdnussbutter als Vergleich bemühen, aber dann reicht die Sprachkenntnis doch nicht aus, um so eine Anspielung zu verstehen.

Ersetzen von Namen durch Umschreibungen ("Ein Kollege aus seiner Swing-Phase betritt die Bühne"). Beliebtes Variationsmittel, nur wird der Name erst gar nicht genannt, sondern es wird zweimal die Umschreibung "Swing-Kollege" bemüht, was den Verdacht nahelegt, dass eine Unkenntnis des Namens herrschte, zu deren Kaschierung zum Beispiel wegen Redaktionsschluss vielleicht keine Zeit mehr blieb. Der "Kollege" heißt Jonathan Wilkes und hat zwar beim Swing-Konzert mit Robbie gesungen, ist aber vor allem sein Freund. Könnte, nein: sollte man wissen, wenn man einen Bericht darüber für so eine große Zeitung schreibt.

"Auf einmal erklingt „Me and my Shadow“ von Frank Sinatra. Das Publikum ist verstört."

In unserer weiten Umgebung war niemand verstört, sondern es freuten sich beim Erscheinen von Johnny Wilkes eh schon alle, dass gleich "Me and my shadow" kommen muss. Was für ein Unsinn.

"21:54 Uhr. "Feel". Das Stadion ist rot geworden. Zum ersten Mal richtiger Jubel."

Man fragt sich, wo die Journalistin vorher die ganze Zeit gewesen ist. Hatte vielleicht beim Stopp-Uhr-Messen alle anderen Geräusche ausgetuned.

"22:14 Uhr. Irritierter Applaus."

Das ist allerdings eine interessante Kunst, einem Applaus anzuhören, dass er iritiert ist.

"Zum Ausgleich gibt es den Smashhit Angels."

Übrigens: "Angels" gibt es eigentlich bei jedem Konzert immer als letztes Lied. Weil es sein Comeback-Lied war. Könnte man auch wissen. Dann könnte man aber nicht sowas von "zum Ausgleich" faseln.

"You always buy my tickets!"

Wenn schon, denn schon, möchte ich auch gerne das "fucking" mitzitiert haben, denn gesagt hat er: "You always buy my fucking records and you always buy the tickets to the show."

Und jetzt kommt mein Lieblingssatz: "Das Antidepressivum Effexor, die drei Schachteln Silk Cut Purple am Tag und das extensive Scrabble spielen haben ihre Spuren im Gesicht des Arbeiterjungen aus Stoke-On-Trent hinterlassen."

Uah! Ist das schlecht. Das Schlimmste ist: ich hätte früher auch sowas schreiben können. Ein Glück, dass meine Zeit bei der Zeitung schon so lange zurückliegt, dass es keine Online-Ausgaben von Artikeln gibt, die ich geschrieben habe.

Das Problem ist nur: heute ist heute. Und heute ist alles online und genau das ist eigentlich ein Imperativ für eine Qualitätsoffensive im Journalismus.

Eigentlich wollte ich nach meinem Austritt aus der Arbeitslosigkeit vielleicht auch wieder eine richtige Zeitung abonnieren und nicht mehr nur online lesen. Ich hatte dabei sogar mit dem Gedanken gespielt, den Tagesspiegel dafür auszuwählen. Der ist aber nun sowas von ausgeschieden.

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