Gratwanderungen
Ich wünscht' ich wär ein Elefant
Dann wollt ich jubeln laut
Mir ging es nicht ums Elfenbein
Nur um die dicke Haut
Beschwerte ich mich wirklich über Fußball? Kaum versucht, ist das Experiment Fernsehen noch viel mehr gescheitert…
Ich bemühe mich, die Behindertenwitze von Harald Schmidt nicht blöd zu finden, denn ich weiß, dass es immer die Gefahr gibt, zu empfindlich zu sein. Man muss auch über sich selbst oder seine eigene Familiensituation lachen können. Kann ich normalerweise auch, aber das ist eine Gratwanderung, die bei Harald Schmidt leider für mich immer noch nicht funktioniert. Ich erinnere mich, dass er einmal vor langer Zeit einen Witz über Epilepsiekranke machte. Das war gerade zu der Zeit, als ich frisch mit der Epilepsie meines Sohnes zu kämpfen hatte. Schmidts Äußerungen waren zwar offensichtlich lustig gemeint, das erkannte ich natürlich, aber sie waren so herabwürdigend, dass ich trotzdem prompt anfing zu weinen. Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, wie man so blöd sagt, ich bin hartfelliger geworden, aber anscheinend will es mir immer noch nicht gelingen, diese Witze gut zu finden.
Nun also bastelte er Muttertagsgeschenke. Karten schreiben, ein Herz ausschneiden, alles okay. Dann nahm er einen roten Stift in die Hand und sagte: "Jetzt beginnt der integrative Teil der Sendung" – und malte koordinationslos, mit dem beschränktesten Verhalten und Gesichtsausdruck, wild mit dem roten Stift auf dem Herz herum. Mit ein paar konfusen Strichen war es dann fertig.
Einerseits sind da Ähnlichkeiten: mein Sohn kann tatsächlich auch nicht malen, auch bei ihm ist sowas mit ein paar konfusen Strichen erledigt. Andererseits sind da Unterschiede: er macht nicht solche beschränkten Gesichtsausdrücke dabei. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist es mir egal, was an der Darstellung mit meinem speziellen Fall übereinstimmt. Ich kann nur empfinden, dass es mich verletzt.
Ich habe in den letzten Tagen natürlich über dendräuenden kommenden Muttertag nachgedacht, es springt einen ja überall an. Ich habe meiner eigenen Mutter eine Karte geschrieben, obwohl sie sagt: "In Afrika ist Muttertag…" Ich habe natürlich darüber nachgedacht, dass John von Muttertag nichts weiß, obwohl er bald sechs Jahre alt ist. Und dass er in seinem ganzen Leben wahrscheinlich nicht verstehen wird, was "Mutter" überhaupt bedeutet. Und dass ich mich aufreibe, ohne je auch nur so ein verkritzeltes Herz erleben zu werden – mit Recht, weil man nie etwas "zurückerwarten" sollte. Damit würde man jedem normalen Kind schon zu viel aufbürden, das geht gar nicht, man gibt immer, was man geben möchte, und man darf nie etwas dafür zurückverlangen, ganz klar. Und Muttertag ist sowieso eine Scheißerfindung zur Konsum-Ankurbelung. Aber wenn man damit überall zugedröhnt wird, dann denkt man natürlich darüber nach und man kann nicht drumrumreden, dass es ein täglicher Kampf ist, auch wenn ich meinen Sohn so liebe, wie er ist, das steht außer Frage. So also. All diese Gedanken, die man in diesen Tagen herumwälzt.
Für und wider.
Coming to terms.
Coping and healing.
Trying.
Fehlt einem natürlich gerade noch, dass Harald Schmidt, wenn man sich endlich Zerstreuung erwartet, noch einmal so richtig anschaulich nachtritt.
Dann wollt ich jubeln laut
Mir ging es nicht ums Elfenbein
Nur um die dicke Haut
Beschwerte ich mich wirklich über Fußball? Kaum versucht, ist das Experiment Fernsehen noch viel mehr gescheitert…
Ich bemühe mich, die Behindertenwitze von Harald Schmidt nicht blöd zu finden, denn ich weiß, dass es immer die Gefahr gibt, zu empfindlich zu sein. Man muss auch über sich selbst oder seine eigene Familiensituation lachen können. Kann ich normalerweise auch, aber das ist eine Gratwanderung, die bei Harald Schmidt leider für mich immer noch nicht funktioniert. Ich erinnere mich, dass er einmal vor langer Zeit einen Witz über Epilepsiekranke machte. Das war gerade zu der Zeit, als ich frisch mit der Epilepsie meines Sohnes zu kämpfen hatte. Schmidts Äußerungen waren zwar offensichtlich lustig gemeint, das erkannte ich natürlich, aber sie waren so herabwürdigend, dass ich trotzdem prompt anfing zu weinen. Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, wie man so blöd sagt, ich bin hartfelliger geworden, aber anscheinend will es mir immer noch nicht gelingen, diese Witze gut zu finden.
Nun also bastelte er Muttertagsgeschenke. Karten schreiben, ein Herz ausschneiden, alles okay. Dann nahm er einen roten Stift in die Hand und sagte: "Jetzt beginnt der integrative Teil der Sendung" – und malte koordinationslos, mit dem beschränktesten Verhalten und Gesichtsausdruck, wild mit dem roten Stift auf dem Herz herum. Mit ein paar konfusen Strichen war es dann fertig.
Einerseits sind da Ähnlichkeiten: mein Sohn kann tatsächlich auch nicht malen, auch bei ihm ist sowas mit ein paar konfusen Strichen erledigt. Andererseits sind da Unterschiede: er macht nicht solche beschränkten Gesichtsausdrücke dabei. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist es mir egal, was an der Darstellung mit meinem speziellen Fall übereinstimmt. Ich kann nur empfinden, dass es mich verletzt.
Ich habe in den letzten Tagen natürlich über den
Für und wider.
Coming to terms.
Coping and healing.
Trying.
Fehlt einem natürlich gerade noch, dass Harald Schmidt, wenn man sich endlich Zerstreuung erwartet, noch einmal so richtig anschaulich nachtritt.
wasweissich Epilepsie & Autismus - 11. Mai, 00:15
