Pflegen (Die Zeit, die bleibt)

Panik, Paranoia, PFLEGEN

Letztes Jahr erlebte ich eine Zeit mit, die einer jungen Frau noch blieb. Diese Frau war wie ich 33 Jahre alt und mit mir in eine Jahrgangsstufe des Gymnasiums gegangen. Sie hatte in Tübingen studiert und in Chile. Zur Promotion war sie nach Cambridge gegangen, sie war fast fertig, als sie die Diagnose bekam, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Wir hatten nach dem Abitur sporadisch Kontakt zueinander gehalten, wussten, wo die andere sich gerade jeweils befindet und was sie studiert und arbeitet. Wir verstanden uns gut, tauschten mal zwischen Montpellier und Chile und mal zwischen Chicago und Cambridge schöne Emails aus. Trotzdem waren wir nie wirklich eng befreundet in dem Sinn, dass wir uns gegenseitig besucht hätten. Wir sahen uns höchstens, wenn wir beide unsere Eltern gleichzeitig besuchten. Trotzdem waren die Emails, die wir uns schrieben, alles andere als oberflächlich. Zu einer anderen Freundschaft fehlte uns vielleicht einfach die Grundlage, denn zu Schulzeiten hatten wir beide sehr unterschiedliche Strategien gewählt, in dem rauen Klima unseres Jahrgangs zu überleben. Wir waren beide sehr gut in der Schule, unser Jahrgang wurde allerdings von einer Bande von Kraftmeiern "regiert", die bestimmten, was cool war und was nicht, und gut in der Schule zu sein war verpönt. Da ein Teil der Kraftmeier auch noch aus meiner Klasse stammte, hatte ich schon frühzeitig angefangen, mich möglichst immer unterhalb jedermanns Radar zu bewegen und so gut es ging anzupassen. Sie dagegen war von Anfang an einfach für sich eingestanden, hatte ihr eigenes Ding gemacht und die Lästerei nicht nur ertragen, sondern mit Verachtung ihrerseits gestraft. Man sieht, wer von uns beiden die stärkere Person war. Wir hatten uns im Laufe der Zeit nach dem Abitur immer mehr aus diesen festgefahrenen Strukturen herausbewegt und einander angenähert, aber das wurde jäh unterbrochen.

Drei Jahre zuvor hatte sie Gebärmutterhalskrebs gehabt, aber war erfolgreich operiert worden. Sie hatte in Cambridge einen Litauer kennengelernt, den sie geheiratet hatte und sie wurde schwanger. Die Ärzte konnten nicht erkennen, dass der Krebs nicht ganz aus dem Körper war und sich durch die Schwangerschaftshormone nährte und wuchs. Als ihr Sohn ein paar Wochen alt war, fand man den Krebs, der aber schon in Leber und Lunge gestreut war. Sie machte eine Odyssee durch Krankenhäuser durch und begab sich zusammen mit ihrem Säugling schließlich zum Sterben zurück in ihr Elternhaus.

Anfangs hatte sie trotzdem noch eine kleine Hoffnung, den Krebs doch besiegen zu können. Sie schickte Emails, die ebenso traurig wie schön waren. Sie schrieb über sich, über ihren Weg, ihren Glauben, zu dem sie in Chile gefunden hatte. Ich fand es erstaunlich, wie ausführlich und kritisch sie sich in ihrer Situation mit der Wahl Ratzingers zum Papst auseinandersetzte: obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass auch unter den schlimmsten Lebensumständen das Interesse für die Dinge meistens nicht nachlässt, die einen schon immer interessierten, habe ich wie die meisten Menschen automatisch diesen Impuls, das verwunderlich zu finden. Sie schrieb, dass sie die deutschen Klassiker lese, weil ihr die Faszination der Literatur bisher eher verborgen geblieben war und sie sie nun aber doch noch kennenlernen wolle. Sie schrieb aber auch, dass ihre Welt immer kleiner werde, sie für alles Hilfe benötige, an Atemnot litt und ihr Baby kaum noch im Arm halten könne. Und eines Tages kam dann eine Email, in der stand, dass sie nun wisse, dass sie sterben wird. Sie habe ein sehr erfülltes Leben gehabt und mehr erlebt, als vielleicht andere, die sehr alt werden, sie könne daher ganz gut Abschiednehmen, nur schmerze sie, dass es ihr verwehrt bleibe, Mutter ihres Kindes zu sein.

Die Zeit, die ihr blieb, verlebte sie vollkommen entgegengesetzt zu Romain in François Ozons Film "Le temps qui reste": sie kommunizierte mit allen darüber, dass sie sterben werde, sie pflegte all ihre Kontakte, sie beendete noch ihre Promotion (in Cambridge erließ man ihr die mündliche Verteidigung, da sie natürlich nicht mehr reisen konnte), sie formatierte bei ihren Eltern ihre Dissertation über Amartya Sen und schrieb bis Tage vor dem Tod sogar noch eine deutsche Zusammenfassung für einen wissenschaftlichen Band. Sie schrieb für später Briefe an ihren Sohn, in denen sie ihm von ihrem Leben erzählt. Sie ging zurück zu ihrer Familie, die sie bis in den Tod pflegte und begleitete. Entgegengesetzter zu Ozons Porträt einer Zeit, die bleibt, hätte ihr Abschied nicht sein können.

Als ich sie das letzte Mal besuchte, saß sie zwischen Zetteln der BfA und erzählte, dass sie den ganzen Papierkram erledigen müsse, für ihren Mann und ihren Sohn, der dann ja eine Halbwaisenrente bekomme und sie scherzte sogar darüber, dass dieser Bürokratiekram natürlich extrem aufwendig sei, wenn man in unterschiedlichen Ländern gelebt und gearbeitet habe: bis man erstmal wisse, was wie angerechnet wird, das dauere, sagte sie so selbstverständlich, als redete sie über irgendetwas. Sie erzählte mir ihre ganze Krankengeschichte: durch das Stillen ihres Sohnes hatten sich die Krebszellen wie verrückt vermehrt. Hätte man wenigstens in der Schwangerschaft die Diagnose gehabt, dann hätte sie auf keinen Fall stillen dürfen und wer weiß, vielleicht wäre es dann noch heilbar gewesen, aber sie wisse, dass solche Gedanken nun auch nichts mehr nützten. Sie erzählte, dass sie sich einsam fühle, wieder in unserem Kaff und kaum jemand käme zu Besuch. Sie hatte gehofft, dass vielleicht ein paar der alten Lehrer mal vorbeischauen würden, aber es kam wohl nur einmal einer. Der belustigte sie allerdings mit dem Gesprächs-Intro: "So, dann erzählen sie mal von ihrer wechselvollen Biografie." Darüber haben wir beide noch ziemlich gelacht. Sie meinte, dass die meisten Menschen wohl Angst haben, jemanden zu besuchen, der stirbt. Aber das mache einsam.

Ich denke oft an sie, auch jetzt noch. Sie hatte Amartya Sens Capabilities Ansatz auf Behinderung bezogen untersucht, wie gerne hätte sie das neue Buch von Martha Nussbaum gelesen, die genau diesen Weg auch geht: wenn ich also das Buch von Nussbaum lese, dann muss ich natürlich sofort an sie denken. Und so geht mir das oft. Ihre Mutter erzählte mir, als ich sie kürzlich besuchte, von den letzten Tagen. Das war ein sehr bewegendes Gespräch. Ich habe das Gefühl, dass ich aus diesem Tod, dieser Zeit, die bleibt, lernen muss, unbedingt, aber ich bin irgendwie ratlos, gelähmt, weiß nicht wie.
Haarbüschel - 9. Mai, 15:35

Danke für die Geschichte. Mit dem Lernen aus dem Sterben anderer Menschen ist das so eine Sache. Was einen bewegt, beeinflusst einen immer auf die eine oder andere Weise; "Lernen" hat für mich immer so etwas Abfragbares, damit würde man dem Ereignis vielleicht auch nicht gerecht werden.

Ich kenne diese "Lernerwartung" auch und erwartete zumindest Erkenntnisse, die der Bedeutung dieses Anlasses Rechnung tragen, alles drunter wäre peinlich. Aber bei mir funktionierte das nie (zumindest nicht bei den zwei Toden, die mich bislang am meisten berührt haben). Ich hoffe immerhin, das mich diese Erlebnisse verändert haben, und wer weiss: Vielleicht wird das alles eines Tages doch mal wichiger und präsenter, als ich es mir jetzt vorstelle. Und vielleicht kann ich dann auch sagen, das ist jetzt anders, weil ich das damals erlebt habe. Aber ich schätze, so ein kausaler Zusammenhang ist auch nicht wichtig.

Zeitlos - 9. Mai, 19:15

Ja genau: Danke. Eine der vielen schönen Geschichten hier. Sie zeigt das, was sich bei wasweisich immer lernen darf: Wieviel Kraft andere Menschen haben, wie klug und sinnvoll sie ihr Leben nutzen, wie wenig ich im Vergleich dazu schaffe.
Ein Ansporn, die Zeit besser zu nutzen. In diesem Sinne mach ich jetzt mal den Rechner aus für heute Abend.

Gleichgewichtssucher - 10. Mai, 10:27

Einfach schön zu lesen. Ich hab die Geschichte gestern gelesen, gerade als ich von einer Beerdigung kam. Ich finde es anregend diese zwei verschiedenen Tode nebeneinanderzustellen. Und es zeigt wieder einmal, dass nicht nur Leben, sondern auch das Sterben eine sehr individuelle Angelegenheit ist. Ich hab beruflich immer mal wieder mit dem Tod eines Klienten zu tun. Und wenn man diese verschiedenen Sterbevorgänge anschaut, dann sind sie alle irgendwie eine Metapher, die gut zum jeweiligen Leben paßt. Und dann geht es auch nicht mehr um "richtig" oder "falsch", sondern es ist dann einfach authentisch, auch in der ganzen Dramatik.

Ich habe das Gefühl, dass ich aus diesem Tod, dieser Zeit, die bleibt, lernen muss, unbedingt, aber ich bin irgendwie ratlos, gelähmt, weiß nicht wie.

Gleichgewichtssucher - 10. Mai, 10:31

vergeß den letzten Satz, den hatte ich mir nur rauskopiert ;-)

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