François Ozon: Le temps qui reste
Der junge, erfolgreiche Modefotograf Romain erfährt, dass er an Krebs erkrankt ist und entschließt sich wegen der nahezu nicht-existenten Heilungsaussichten, die Zeit, die ihm noch bleibt, nicht mit Therapien im Krankenhaus zu verbringen. Aus dieser Situation heraus verfolgt François Ozons neuer Film Romains Abschied vom Leben und seine Vorbereitung auf den Tod. Vor dem Spiegel übt Romain ein, wie er seiner Familie von seinem bevorstehenden Tod berichten wird. Doch als er mit seinen Eltern und seiner Schwester beim Essen zusammensitzt, alle so offensichtlich in ihrem Alltagsleben verankert, verzichtet er auf seine Ankündigung. Weit entfernt von dem normalerweise zu erwartenden Bedürfnis nach Aussöhnung streitet er sich sogar heftig mit seiner Schwester. Er steht noch ganz am Anfang seines Weges. Aber aus der Entscheidung, seiner Familie nichts zu erzählen, wird ein Prinzip: er teilt sein Wissen später auch nicht mit seinem Lebenspartner Sasha, trennt sich sogar von ihm. Seine Großmutter ist die einzige Person, die er einweiht. Viel später erzählt er es – und auch nur auf deren Nachfrage hin – einem Paar, das er an einer Raststätte kennengelernt hat, zu dem Zeitpunkt hat er mit der Frau bereits ein Kind gezeugt, eine Bitte, die sie und ihr zeugungsunfähiger Mann an ihn gerichtet hatten, dies im Übrigen ein ganz hervorragender Nebenhandlungsstrang.
Ozon verfolgt Schritt für Schritt, wie Romain sich dem Tod annähert. Dieser Prozess ist bei Ozon primär ein Abschied von sich selbst und nur sekundär ein Abschied von den anderen. Auch von ihnen verabschiedet Romain sich, so söhnt er sich telefonisch mit der Schwester aus und beobachtet sie ein letztes Mal auf dem Spielplatz mit ihren Kindern, aber er geht eben nicht zu ihr, es findet kein direkter, gemeinsamer Abschied statt, ebensowenig mit den Eltern oder mit Sasha. Der intime Abschied von seinem Partner bleibt ihm nach der Trennung verwehrt, da er Sasha nicht sagen kann oder will, warum er ein letztes Mal mit ihm schlafen möchte.
Nach allem, was der Film an Urteilen nahelegt, war Romain ein ziemlich arroganter und egozentrischer Mensch, der hauptsächlich für sich selbst und sein eigenes Vergnügen lebte. In seiner Vorbereitung auf den Tod wendet er sich darum konsequenterweise nur an die ihm ähnliche Großmutter: sie hatte ihr eigenes, kleines Kind, Romains Vater – zwar aus Gründen, aber immerhin – früh verlassen und galt daher auch immer als egozentrisch. Aus der mit der Großmutter geteilten Egozentrik im Leben wird ein Abschied im Alleinsein, bis hin zum anonymen Sterben an einem Strand mitten zwischen Unbekannten. So bleibt Romain sich selbst und seinem Zugang zum Leben auch in der Vorbereitung auf den Tod treu.
Im Alleinsein, in der Besinnung auf sich selbst und der Bewusstwerdung verabschiedet er sich – begleitet von Kindheitserinnerungen – von seinem Leben. Wie schwer es ist, mit sich selbst diesen Frieden zu schließen, das ist der starke Subtext, der sich durch den ganzen Film zieht.
Der Hauptdarsteller Melvil Poupaud porträtiert die unterschwellige Verletzlichkeit hervorragend. Der Abschied wird nicht heroisiert, sondern er wird einerseits begleitet von Unsicherheit, von Zögern, von Fehltritten wie dem Wutanfall gegenüber der Schwester, und andererseits von Liebe, von starken Eindrücken, nicht sentimental, aber berührend. Und dann wiederum hat der Abschied auch nüchterne, pragmatische Anteile, wie die Szene zeigt, in der Romains Testament für das gezeugte Kind abgeschlossen wird. Dass Ozon nicht nur die üblicherweise mit dem Thema Tod verhandelte Urangst vor der eigenen Vergänglichkeit darstellt, sondern sich dem Thema so vielfältig und gebrochen annähert, finde ich gerade die Stärke des Filmes. Erst aufgrund dieser Herangehensweise verkommen die Kindheitserinnerungen, das Aussöhnen mit der Schwester oder auch die Zeugung eines Nachkommens nicht zu allzu typischen, altbekannten Elementen: der Film nimmt diese Elemente auf, denn sie sind nun einmal Teil der menschlichen Vorbereitungen auf den Tod, aber der Film geht weit darüber hinaus, es findet sich viel mehr unter diesen Oberflächen, in die der Film eingebettet ist. Eine starke Leistung, ein toller Film.
Ein Interview mit Jeanne Moreau, die die Großmutter spielt. Entwarnung: das Lesen des Interviews verändert nicht das Leben, wie der Titelverspricht androht.
Ozon verfolgt Schritt für Schritt, wie Romain sich dem Tod annähert. Dieser Prozess ist bei Ozon primär ein Abschied von sich selbst und nur sekundär ein Abschied von den anderen. Auch von ihnen verabschiedet Romain sich, so söhnt er sich telefonisch mit der Schwester aus und beobachtet sie ein letztes Mal auf dem Spielplatz mit ihren Kindern, aber er geht eben nicht zu ihr, es findet kein direkter, gemeinsamer Abschied statt, ebensowenig mit den Eltern oder mit Sasha. Der intime Abschied von seinem Partner bleibt ihm nach der Trennung verwehrt, da er Sasha nicht sagen kann oder will, warum er ein letztes Mal mit ihm schlafen möchte.
Nach allem, was der Film an Urteilen nahelegt, war Romain ein ziemlich arroganter und egozentrischer Mensch, der hauptsächlich für sich selbst und sein eigenes Vergnügen lebte. In seiner Vorbereitung auf den Tod wendet er sich darum konsequenterweise nur an die ihm ähnliche Großmutter: sie hatte ihr eigenes, kleines Kind, Romains Vater – zwar aus Gründen, aber immerhin – früh verlassen und galt daher auch immer als egozentrisch. Aus der mit der Großmutter geteilten Egozentrik im Leben wird ein Abschied im Alleinsein, bis hin zum anonymen Sterben an einem Strand mitten zwischen Unbekannten. So bleibt Romain sich selbst und seinem Zugang zum Leben auch in der Vorbereitung auf den Tod treu.
Im Alleinsein, in der Besinnung auf sich selbst und der Bewusstwerdung verabschiedet er sich – begleitet von Kindheitserinnerungen – von seinem Leben. Wie schwer es ist, mit sich selbst diesen Frieden zu schließen, das ist der starke Subtext, der sich durch den ganzen Film zieht.
Der Hauptdarsteller Melvil Poupaud porträtiert die unterschwellige Verletzlichkeit hervorragend. Der Abschied wird nicht heroisiert, sondern er wird einerseits begleitet von Unsicherheit, von Zögern, von Fehltritten wie dem Wutanfall gegenüber der Schwester, und andererseits von Liebe, von starken Eindrücken, nicht sentimental, aber berührend. Und dann wiederum hat der Abschied auch nüchterne, pragmatische Anteile, wie die Szene zeigt, in der Romains Testament für das gezeugte Kind abgeschlossen wird. Dass Ozon nicht nur die üblicherweise mit dem Thema Tod verhandelte Urangst vor der eigenen Vergänglichkeit darstellt, sondern sich dem Thema so vielfältig und gebrochen annähert, finde ich gerade die Stärke des Filmes. Erst aufgrund dieser Herangehensweise verkommen die Kindheitserinnerungen, das Aussöhnen mit der Schwester oder auch die Zeugung eines Nachkommens nicht zu allzu typischen, altbekannten Elementen: der Film nimmt diese Elemente auf, denn sie sind nun einmal Teil der menschlichen Vorbereitungen auf den Tod, aber der Film geht weit darüber hinaus, es findet sich viel mehr unter diesen Oberflächen, in die der Film eingebettet ist. Eine starke Leistung, ein toller Film.
Ein Interview mit Jeanne Moreau, die die Großmutter spielt. Entwarnung: das Lesen des Interviews verändert nicht das Leben, wie der Titel
wasweissich Comfort zone - 2. Mai, 15:28

Danke für den Tip!