Martha Nussbaum: Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge
Zeit, wieder mal ein Buch aus dem Regal zu nehmen und es in die Schatzkiste einzusortieren. Martha Nussbaum ist eine der bekanntesten Vertreterinnen eines aufgeklärten Feminismus. Die drei philosophischen Aufsätze sind eine Untersuchung des mitfühlenden Verstehens, sowie der sozialen Prägung von Präferenzen und Wünschen. Ich zitiere aus aktuellem Anlass ganz viel daraus:
"Meine Vermutung läuft darauf hinaus, dass Kinder wirklich der intimen und ununterbrochenen Fürsorge von Seiten einer kleiner Zahl von Erwachsenen bedürfen, die sich ständig um das Wohlergehen des Kindes kümmern, mit den Eigenarten des Kindes vertraut sind und dem Kind eine Umgebung mit materieller Sicherheit und emotionaler Stabiltät gewährleisten. Eine Funktion der Familie besteht darin, diese Form der intimen Zuneigung und Fürsorge bereitzustellen. Es liegt auf der Hand – und es ist in der gesamten bisherigen Geschichte so gewesen – dass diese Bedingungen von einer Vielzahl verschiedener Konfigurationen fürsorglicher Erwachsener erfüllt werden. Es besteht kein Grund zur Annahme, neben der Kernfamilie in ihrer traditionellen, romantisch verbrämten Form gebe es keine Alternative."
Wie wahr. Mein Sohn fühlt sich sehr wohl und entwickelt sich hervorragend mit einer übersichtlichen Zahl gleichbleibender, fürsorgender Erwachsener (Bezugsbetreuer in der Kita, Einzelfallhelfer, Babysitter und ich – ein Gespann von drei Männern und einer Mutter und ich finde es super, dass ich nur eine geviertelte Rolle spiele. Nicht, weil ich die Verantwortung scheue, sondern weil ich es für meinen Sohn als sehr positiv erlebe).
"Ebenso klar ist aber auch, dass keine dieser Bedingungen in angemessener Form von Erwachsenen erfüllt werden kann, die – einerlei, ob sie es allein, in Paaren oder Gruppen versuchen – von der Bürde so schwieriger ökonomischer Verhältnisse gedrückt werden, dass es ihnen selbst unmöglich ist, ein stabiles, dem Gedeihen und der körperlichen Gesundheit förderliches Leben zu führen, und die daher erst recht außerstande sind, ihren Kindern einen solchen Rahmen zu schaffen."
Das trifft auf mich nicht zu, da ich mit dem Zusatz des Pflegegeldes ganz gut versorgt bin. Hier bezieht sich Nussbaum sicher besonders auf die US-amerikanischen Probleme, bedenkt man aber diese Problematik, erscheint ein nach vorherigem Einkommen gestaffeltes Elterngeld auch nicht gerade sinnvoll.
"Was die Gestaltung jener Sachverhalte betrifft, die nach traditioneller Definition außerhalb der Gesellschaft liegen und als 'privat' bzw. 'natürlich' gelten, spielt die Gesellschaft eine bis in die tiefsten Tiefen reichende Rolle. Das kann man als Quelle von Zwängen empfinden, sobald man erkennt, in welchem Maße wir sogar in den innersten und intimsten Bereichen unseres Lebens Artefakte sind. Andererseits kann man es auch – und das ist der Punkt, den ich hier hervorheben möchte – als Quelle der Freiheit empfinden weil wir nun sehen können, dass viele der vielleicht für vorgegeben und unvermeidlich gehaltenen Erfahrungen des Körpers, der Gefühle und der Fürsorge für Kinder in Wirklichkeit von uns selbst geschaffen sind und daher auch anders sein können. Diese Freiheit ist, wie gesagt, nicht unbegrenzt. Denn die Theorie der sozialen Konstruktion bestreitet keineswegs, dass die Biologie dem Leben der Gruppen wie der Individuen Zwänge auferlegt, obwohl sie zu gesunder Skepsis ermuntert, wenn die Forschung allzu rasch Entdeckungen macht, wonach die Wurzeln des Status Quo in der 'Natur' liegen."
"Die durch den Gedanken der sozialen Konstruktion gewonnene Freiheit ist die Freiheit, triftigen, von Menschen vorgelegten Argumenten zu folgen, die zu dem Schluss führen können, dass die Tradition in vieler Hinsicht töricht, drückend und schlecht ist. Und diese Freiheit erlegt uns Verantwortungen auf, denen wir uns nur allzu leicht entziehen. Nachdem Sokrates in Platons 'Staat' besprochen hat, welche radikalen Veränderungen er an der Familienstruktur und an der Rolle der Frauen vorzunehmen empfiehlt, sagt er zu dem jungen Glaukon, dass die Menschen es bei solchen Diskussionen normalerweise unterlassen, weiter nachzufragen, weil sie bei den im Laufe der Zeit erzielten Übereinkünften haltmachen und diese Übereinkünfte für ausreichend halten." No kidding. 2006.
Jörg Lau 2002 in der ZEIT über Nussbaum: "Kein Wunder, dass die heute 57-Jährige zur einzig ernst zu nehmenden Anwärterin auf den seit Hannah Arendts Tagen verwaisten Meisterdenkerinnen-Thron wurde. Nur fehlt ihr noch das ganz große Werk." Ich habe mir gerade ihr neuestes Werk "Frontiers of Justice: Disability, Nationality, Species Membership" bestellt und bin sehr gespannt. Schon bei "Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge" dachte ich bei all den Ausführungen über die Fürsorge, dass die Frage nach Behinderten ja geradezu auf der Hand liegt.
"Meine Vermutung läuft darauf hinaus, dass Kinder wirklich der intimen und ununterbrochenen Fürsorge von Seiten einer kleiner Zahl von Erwachsenen bedürfen, die sich ständig um das Wohlergehen des Kindes kümmern, mit den Eigenarten des Kindes vertraut sind und dem Kind eine Umgebung mit materieller Sicherheit und emotionaler Stabiltät gewährleisten. Eine Funktion der Familie besteht darin, diese Form der intimen Zuneigung und Fürsorge bereitzustellen. Es liegt auf der Hand – und es ist in der gesamten bisherigen Geschichte so gewesen – dass diese Bedingungen von einer Vielzahl verschiedener Konfigurationen fürsorglicher Erwachsener erfüllt werden. Es besteht kein Grund zur Annahme, neben der Kernfamilie in ihrer traditionellen, romantisch verbrämten Form gebe es keine Alternative."
Wie wahr. Mein Sohn fühlt sich sehr wohl und entwickelt sich hervorragend mit einer übersichtlichen Zahl gleichbleibender, fürsorgender Erwachsener (Bezugsbetreuer in der Kita, Einzelfallhelfer, Babysitter und ich – ein Gespann von drei Männern und einer Mutter und ich finde es super, dass ich nur eine geviertelte Rolle spiele. Nicht, weil ich die Verantwortung scheue, sondern weil ich es für meinen Sohn als sehr positiv erlebe).
"Ebenso klar ist aber auch, dass keine dieser Bedingungen in angemessener Form von Erwachsenen erfüllt werden kann, die – einerlei, ob sie es allein, in Paaren oder Gruppen versuchen – von der Bürde so schwieriger ökonomischer Verhältnisse gedrückt werden, dass es ihnen selbst unmöglich ist, ein stabiles, dem Gedeihen und der körperlichen Gesundheit förderliches Leben zu führen, und die daher erst recht außerstande sind, ihren Kindern einen solchen Rahmen zu schaffen."
Das trifft auf mich nicht zu, da ich mit dem Zusatz des Pflegegeldes ganz gut versorgt bin. Hier bezieht sich Nussbaum sicher besonders auf die US-amerikanischen Probleme, bedenkt man aber diese Problematik, erscheint ein nach vorherigem Einkommen gestaffeltes Elterngeld auch nicht gerade sinnvoll.
"Was die Gestaltung jener Sachverhalte betrifft, die nach traditioneller Definition außerhalb der Gesellschaft liegen und als 'privat' bzw. 'natürlich' gelten, spielt die Gesellschaft eine bis in die tiefsten Tiefen reichende Rolle. Das kann man als Quelle von Zwängen empfinden, sobald man erkennt, in welchem Maße wir sogar in den innersten und intimsten Bereichen unseres Lebens Artefakte sind. Andererseits kann man es auch – und das ist der Punkt, den ich hier hervorheben möchte – als Quelle der Freiheit empfinden weil wir nun sehen können, dass viele der vielleicht für vorgegeben und unvermeidlich gehaltenen Erfahrungen des Körpers, der Gefühle und der Fürsorge für Kinder in Wirklichkeit von uns selbst geschaffen sind und daher auch anders sein können. Diese Freiheit ist, wie gesagt, nicht unbegrenzt. Denn die Theorie der sozialen Konstruktion bestreitet keineswegs, dass die Biologie dem Leben der Gruppen wie der Individuen Zwänge auferlegt, obwohl sie zu gesunder Skepsis ermuntert, wenn die Forschung allzu rasch Entdeckungen macht, wonach die Wurzeln des Status Quo in der 'Natur' liegen."
"Die durch den Gedanken der sozialen Konstruktion gewonnene Freiheit ist die Freiheit, triftigen, von Menschen vorgelegten Argumenten zu folgen, die zu dem Schluss führen können, dass die Tradition in vieler Hinsicht töricht, drückend und schlecht ist. Und diese Freiheit erlegt uns Verantwortungen auf, denen wir uns nur allzu leicht entziehen. Nachdem Sokrates in Platons 'Staat' besprochen hat, welche radikalen Veränderungen er an der Familienstruktur und an der Rolle der Frauen vorzunehmen empfiehlt, sagt er zu dem jungen Glaukon, dass die Menschen es bei solchen Diskussionen normalerweise unterlassen, weiter nachzufragen, weil sie bei den im Laufe der Zeit erzielten Übereinkünften haltmachen und diese Übereinkünfte für ausreichend halten." No kidding. 2006.
Jörg Lau 2002 in der ZEIT über Nussbaum: "Kein Wunder, dass die heute 57-Jährige zur einzig ernst zu nehmenden Anwärterin auf den seit Hannah Arendts Tagen verwaisten Meisterdenkerinnen-Thron wurde. Nur fehlt ihr noch das ganz große Werk." Ich habe mir gerade ihr neuestes Werk "Frontiers of Justice: Disability, Nationality, Species Membership" bestellt und bin sehr gespannt. Schon bei "Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge" dachte ich bei all den Ausführungen über die Fürsorge, dass die Frage nach Behinderten ja geradezu auf der Hand liegt.
wasweissich Schatzkiste Buch - 1. Mai, 13:33

Familienbilder
Ach ja, irgendwie ist Kinderhaben schon fast exotisch geworden.Was mich ärgert, ist jetzt die Zielgruppe für das Elterngeld. Das vollbeschäftigte Ehepaar oder die Einverdiener-Familie. Vielleicht kann man diese Modelle bei der "Generation Praktikum" ja irgendwann auch nur noch im Zoo betrachten.