Famoser Familienbericht: "Erfolgsfaktor Familie"

"Deutsche Frauen ziehen Freizeit dem Haushalt vor", liest man überall. Ob Mama sein wagemutiges Abo angesichts solcher Texte übersteht? Worüber regt man sich überhaupt auf? Ich denke mir: ja klar, Freizeit vor Haushalt, was denn sonst? Arbeiten würde ich gerne, wenn das mit der ganztägigen Kinderbetreuung und einem Job endlich funktionieren würde, aber solange das nicht geht, tja, solange nutze ich die Zeit lieber dazu, Dinge zu tun, die mir wichtiger sind als das letzte Körnchen Staub zu wischen. Heute habe ich mir zum Beispiel das 30-seitige Geschwafel der "Stellungnahme der Bundesregierung zum siebten Familienbericht" durchgelesen, gespickt mit Platitüden à la: "Familienfreundlichkeit entscheidet sich vor allem dort, wo die Menschen leben und arbeiten".

Auf Seite 7 schon der erste große Aufreger. Herr Rürup betont, dass Frauen mit kleinen Kindern eine "stille Reserve" seien, die man "mobilisieren" könne. Stille Reserven haben es so an sich, dass man sie mobilisieren kann, wenn nötig, und demobilisieren, wenn nicht: müssen Frauen im Jahr 2006 eine solche Rhetorik noch ernsthaft ertragen? Immerhin möchte Herr Rürup, dass Frauen den "Umfang ihrer Teilzeittätigkeit ausdehnen können". Wie großzügig. Tss.

Erfreulich die Erwähnung, man wolle die vorschulische Kinderbetreuung, insbesondere der unter Dreijährigen, fördern. Bis 2010 sollen insgesamt 230.000 zusätzliche Betreuungsplätze entstehen. Überhaupt nähert sich der Bericht der Lebenswirklichkeit an, indem die Veränderungen der Familienstrukturen ausdrücklich als Tatsachenentwicklung akzeptiert werden. Dabei handelt es sich aber um rein verbale Lippenbekenntnisse nach der Art eines pflichtbewussten Kopfnickens zu allen Seiten, begleitet von der Implikation, die Betreuungsplätze würden vor allem auch aufgrund dieser Entwicklungen gebraucht, was natürlich reichlich despektierlich anmutet. Dem Kind aus einer christlichen, verheirateten Ehe tut sozialer Kontakt unter Gleichaltrigen genauso gut wie dem Kind aus einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder dem Kind einer alleinerziehenden Mutter.

Dann lässt man sich über die Erziehungsverantwortung der Eltern aus, deren Kompetenz durch Erziehungsberatung, Elternbildung, Gesundheitsberatung und Haushaltskurse (!) gestärkt werden soll. Was man heutzutage nicht alles zu brauchen meint. Komisch, früher bekam man einfach Kinder und die wuchsen dann halt so mit auf.

Im Kapitel "Familie als Standortfaktor" versucht man, Überzeugungsarbeit zu leisten, dass arbeitende Frauen auch Nutzen bringen. Erstaunlich, dass man sowas im Jahr 2006 noch meint, ausführlich aufschreiben zu müssen: das zeigt ja auch so Einiges. Und dann wird es richtig kompliziert: "In lokalen Bündnissen initiieren lokale Akteure aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gemeinsam und spezifisch am lokalen Bedarf orientierte Projekte und Maßnahmen." Aha? "Ein Servicebüro bietet Unterstützung an und hilft bei der Organisationsentwicklung und der Projektplanung, führt Workshops über Grundlagen erfolgreicher Bündnis- und Lobbyarbeit durch und sorgt mit für eine erfolgreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit". Klingt nach teuer. Und nach uneffektiv. Warum funktioniert das alles in anderen Ländern eigentlich so gut? Warum konnte ich in den USA ein Kind bekommen und 10 Wochen später wieder Vollzeit arbeiten, ohne dass "lokale Akteure" und "Servicebüros" ins Spiel kamen und ich einen "Haushaltskurs" besuchte?

Ganz heftig wird es mit dem Kapitel "Zeit neu organisieren". Das Konzept der sogenannten Optionszeiten soll Unterbrechungsmöglichkeiten als legitime Auszeiten etablieren. Entschuldigung, aber ist das nicht schon längst so? Im Unterbrechen sind die deutschen Mütter doch Weltmeisterinnen und haben weder eine wirkliche Alternative dazu noch die Mentalität, das zu ändern. Dann kommt auch wieder das "Recht auf Reduzierung der Arbeitszeit", gut und schön, aber das Recht auf Vollzeittätigkeit kommt eben komplementär wieder nicht. Und wenn ich von einem "Unternehmensprogramm" namens "Erfolgsfaktor Familie" lese, wird mir gleich ganz schlecht.

"Die Sachverständigenkommission belegt nachdrücklich, dass – auch im internationalen Vergleich – die Vielzahl und der Umfang familienpolitischer Leistungen bislang zu wenig befriedigenden Ergebnissen geführt haben". Vielleicht liegt das ja doch am deutschen Sonderweg, Zuhausebleiben zu bezahlen anstatt außer-familiäre Betreuung zu fördern? Irgendwie naheliegend, oder? Aber nein, gleich darauf schließt sich das Kapitel "Elterngeld als Einkommensersatz" an, in dem man die Fortführung eben jenes Ansatzes befürwortet, der sich seit 50 Jahren als unbefriedigend erwiesen hat.

Am Ende steht, dass die Familienpolitik deshalb ins Zentrum der politischen Anstrengungen gehört, weil man das Ziel hat, mehr Kinder in die Gesellschaft zu bringen. Ehrlich gesagt, wenn das alles so schwierig ist, wie man den 589 Seiten Familienbericht und den 30 Seiten Stellungnahme entnehmen kann, wer soll denn da noch Lust darauf haben, ein Kind zu bekommen? Dieser Kinderzeugungszwang kommt einem – auch dank solcher Berichte – quasi von Tag zu Tag immer verkrampfter vor. Ich finde ja, man sollte sich einfach mal locker machen, den Begriff Rabenmutter ad acta legen, den Aufopferungsmythos begraben, den ganzen eigens erzeugten Druck des Elterndaseins und die ganze damit entstandene Hysterie über Bord werfen, dann kann man vielleicht irgendwann ganz entspannt Kinder bekommen – oder eben auch nicht, wenn man nicht möchte. Und entweder trotzdem arbeiten, oder eben auch nicht. So, wie das jetzt abläuft, hegt man nur noch den Wunsch auszuwandern.

Manchmal möchte ich mich einfach gar nicht mehr mit dem Thema befassen, aber das geht schlecht, wenn man selbst so massiv betroffen ist. Überhaupt frage ich mich die ganze Zeit, wo und wann sich denn endlich eine lautstarke Opposition bildet. All die komischen Frauenbilder, die in den verschiedensten Medien erzeugt werden, gerade auch im Spiegel, sind solche, in denen man sich einfach nicht wiederfinden kann, und das geht im übrigen allen Frauen so, mit denen ich spreche. Bei jedem neuen Coup erwarte ich einen Aufschrei, aber der bleibt aus.

Auch in der taz ein allerhöchstens halbherzig zu nennender Kommentar: "Die Reproduktionskosten lagerte die Volkswirtschaft aus in die Familie. Begründung: Mutterliebe sei unbezahlbar. Damit rückte die Familienarbeit der Ehefrauen in das Reich des Guten und Schönen, wo es herzlos wäre, über den schnöden Mammon zu reden. Das aber ist ein ideologisches Konstrukt, um die Familienarbeit weiterhin billig zu bekommen. Das Elterngeld, das der Familienbericht gutheißt, durchbricht diese Externalisierungsstrategie. Der 'Wert' der Frauen wird in die Sphäre der Ökonomie geholt und damit überhaupt erst quantifizierbar gemacht."

Ein alter, feministischer Ansatz, der früher schon nicht weit genug ging, wonach der 'Wert' der Frauen ökonomisch beziffert werden soll, wird hier wiederformuliert. Die tiefere und wichtigere Problematik, dass dieser Ansatz immer noch nicht die Selbständigkeit der Frauen fördert, wird dagegen nicht ausgeführt. Eine halbe Strecke ist das weiteste an Argumentation, das man zu lesen bekommt (oder habe ich was übersehen?).

Sowohl der Aktionismus der Politik als auch die Lebensferne und Halbherzigkeit der Berichterstattung in den Medien machen eine Diskrepanz zu allen Frauen auf, die ich kenne. Die sehen die ganze Kinder- und Arbeitsfrage nämlich überhaupt nicht ideologisch: ob sie überhaupt Kinder wollen (viele würden gerne, sehen aber keine Vereinbarkeit mit der Arbeit), ob sie dann im Fall des Falles ein Jahr zuhause bleiben möchten oder drei Monate, das alles sind persönliche, nicht ideologische Fragen. Man gebraucht nur zwei Dinge: einerseits die Möglichkeit vernünftiger Betreuung und andererseits eine Akzeptanz derjenigen, die Kinder in ihr Leben integrieren möchten, ohne aber alle anderen Lebenspläne und –inhalte dafür aufzugeben. Wenn diese beiden Komponenten vorhanden sind, regelt sich der Rest schon von alleine, das ist meine feste Überzeugung. Falls die Finanzierung der Betreuung so schwierig ist, kann man mir dafür das Kindergeld streichen, mir doch egal, mit Hartz IV kann ich das zwar gerade ganz gut gebrauchen, aber allgemein ist Kindergeld sowieso eine komische Idee.

Betreuung ist das einzig Wichtige, das meiner Meinung nach in diesem Bericht steht. Den ganzen restlichen Schmu kann man sich sparen, aber nun habe ich das wenigstens auch mal gelesen – und an mancher Stelle vor lauter Galgenhumor sogar herzlich gelacht. "Stille Reserve", my ass.

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