Barbara Vinken: Die deutsche Mutter

Was für eine Erleichterung ist dieses Buch! Im Untertitel heißt das Buch "Der lange Schatten eines Mythos" und genau das ist die Mutterrolle in Deutschland: ein Mythos, etwas Absolutes. Nach meiner Rückkehr aus den USA stand ich geradezu fassungslos vor dem Bild, das sich mir bezüglich der deutschen Mutterrolle darstellte. Bevor ich wegzog war ich noch so jung, dass die Kinderfrage keine Rolle für mich spielte, das kam erst in der Zeit in Chicago. Dort sah ich allerlei Kolleginnen schwanger werden, Kinder gebären und drei Monate später wieder Vollzeit arbeiten. Das war selbstverständlich. Und unter diesen Bedingungen bekam ich dann auch meinen Sohn, es war mir klar, dass seine Ankunft an meiner Berufstätigkeit nichts ändern sollte. In einer Gesellschaft, in der das als völlig normal galt, empfand ich dies auch als völlig normal.

Nachdem wir dann aber durch das Krankheitsschicksal aus der Normalität hinausgeworfen wurden und ich wieder nach Deutschland kam, war ich fassungslos, wie anders hier das Frauenbild ist, sobald eine Frau Mutter wird. Die Frauen schienen sich auf diese eine Aufgabe zu stürzen, das ganze Studium plötzlich Schall und Rauch, Aufgehen im Windelwechseln war angesagt. Oder alternativ eben, gar keine Kinder zu bekommen. Ein Kind zu bekommen hatte für mich nichts damit zu tun, dafür Opfer zu bringen und all die Ideen, die hierzulande in den Köpfen vor allem auch der Frauen selber herumgeistern, aber mein Denken passte überhaupt nicht hierher. Seither fragte ich mich, wie es zu dieser deutschen Sonderstellung kommen konnte, denn auch bei unseren europäischen Nachbarn haben sich die Zeiten doch längst geändert.

Das Buch von Barbara Vinken liefert dazu überzeugende Beobachtungen, sie leitet den deutschen Mythos der Mütterlichkeit vom Protestantismus über den Nationalsozialismus bis zur bundesdeutschen Familienpolitik schlüssig her. Sie spricht endlich die "ebenso krasse wie unthematisierte Diskrepanz zwischen einem aufgeklärt auftretenden Bewusstsein von Gleichberechtigung und der genügsamen Einwilligung in deren praktisches Gegenteil" an. Man streitet sich in Deutschland "nicht erst seit den sechziger Jahren, sondern seit dem sechzehnten Jahrhundert so ergebnislos wie unverdrossen, wer die Kinder wickeln soll." Erstaunlich vor allem auch, wie die nationalsozialistisch geprägten Vorstellungen der Mutter dann nach dem Krieg trotzdem wieder wie Phoenix aus der Asche steigen konnten.

Die "heillose Vermischung institutioneller, ethischer und pseudobiologischer Kategorien zu entwirren", gelingt Barbara Vinken ganz gut, wenn ich auch den Eindruck habe, das sollte erst ein Auftaktwerk zu einer intensiven und vor allem breiten Auseinandersetzung mit dem Thema sein. Denn eins ist klar: die Familienpolitik hat sich ideologisch in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr um die Familie als um die Selbständigkeit der Frau gekümmert - und das ist bis heute der Fall. "Die verschüttete Vorgeschichte der deutschen Mutter trennt die bundesdeutsche Familienpolitik in parteienübergreifender Einigkeit vom restlichen Europa", stellt Vinken 2002 fest - und heute, 2006, wird über Elterngeld gesprochen, eine ganz klare Fortsetzung eben dieser Politik, die nie konsequent auf Kinderbetreuung setzt, sondern immer auf Teilzeitarbeit für Eltern, maximal eine Umverteilung der Aufgaben innerhalb der Familie (zwei Monate soll nun womöglich der Vater Erziehungsurlaub nehmen, damit man das volle Elterngeld bekommt). Umverteilung also schon wieder anstatt Übernahme durch außerfamiliäre gesellschafliche Institutionen oder private Kräfte.

Vinken: "Während man sich im übrigen Europa und in den USA darin einig ist, dass eine frühe Sozialisation unter Gleichaltrigen für die Kinder unverzichtbar ist, weil sie Selbständigkeit und Soziabilität fördert, sieht man darin in Deutschland [...] einen Notbehelf. [...] Ganztagskrippe ab sechs Monaten ist eine Provokation für die deutsche Mutter. [...] Man fragt sich, wie es dann kommt, dass französische, dänische und italienische Kinder als Erwachsene so schrecklich normal und nicht allesamt als krippengeschädigte Bindungsunfähige herumlaufen. Der deutsche Sonderweg schadet Kindern und Müttern gleichermaßen."

Sehr interessant ist dabei die tiefe Verankerung im Bewusstsein gerade der Frauen: "Anscheinend finden die Frauen selbst, dass diese deutsche Mode ihnen gut steht, denn sie halten trotz anderslautender Zielvorstellungen unerschütterlich daran fest. Warum sie das tun, ist das Rätsel der deutschen Mutter." Vinken also plädiert für ein "Abschiednehmen von dem selbstgerechten, wesensvergessenen Dogma der Mutter als besserem Menschen, Abschiednehmen von der Rhetorik des Sich-Aufopferns, Abschiednehmen vom deutschen Sonderweg." Sie spricht mir aus der Seele. Die Familienpolitik muss sich endlich wandeln: weg mit dem Konzept Elterngeld, all dieses Geld gehört in vernünftige, ganztägige Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder ab drei Monaten.

Mir ist es im übrigen zu viel, was mein Sohn hier so an Kitaferien hat, das sind im Jahr nämlich zusammengerechnet fast zwei Monate. Wie vereinbart man das allein mit einem verantwortungsvollen Vollzeitjob? In den USA hatte unsere Kita nur am 1. Weihnachtstag, Neujahr, Independence Day, Memorial Day, Labor Day und Thanksgiving geschlossen, das sind übers Jahr verteilt sechs Tage.

Jeder Mutter kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Wie auch allen Politikern in der Familienpolitik: hallo, aufwachen! Und allgemein sollte ruhig mal mehr darüber nachgedacht werden, welches Erbe man in Deutschland in der Mutterfrage mit sich rumschleppt. Danke an Existenzielles Besserwissen für den Buchtipp!

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