Europa-Zug 2006

K. aus Slubice ist mit einem Projekt im Zug dabei, ich bin schon sehr gespannt, was er darüber berichten wird.

Vor zwei Jahren besuchte ich ihn zur EU-Osterweiterung. Am 30. April 2004 trugen die Kinder in Slubice Baseballcaps mit der Europaflagge als Frontlogo und wedelten kleine blaue Flaggen mit gelben Europasternchen. Slubice liegt gegenüber von Frankfurt/O. auf der polnischen Seite der Oder und in der Nacht zum 1. Mai bereitete man sich kollektiv und generationenübergreifend mittels eines Volksfestes auf den EU-Beitritt vor.

Wir trafen schon am Nachmittag in Frankfurt ein, spazierten zur Grenzbrücke und dort wäre die Reise fast zuende gewesen: im Kinderausweis meines damals dreijährigen Sohnes gab es kein Passbild. Der polnische Grenzbeamte reichte mir den Ausweis und befahl: "Lesen sie mal vor". Ich las, was in dem Rahmen stand, der für das – wie es dort genannt wird – Lichtbild vorgesehen war: "Für Reisen in bestimmte Länder grundsätzlich erforderlich, sonst nur für Kinder über 10 bis 16 Jahre". Das triumphierende und genüssliche Nicken des Grenzbeamten zerstreute meine Ratlosigkeit schnell: offensichtlich war Polen eines dieser bestimmten Länder. Aber der Beamte lachte nun ganz breit und sagte irgendwie stolz, heute spiele das keine Rolle, ich solle nur beim nächsten Besuch dran denken. Wir durften passieren.

Auf der polnischen Seite der Brücke also Kinder mit am ganzen Körper verteilten Europasymbolen. Aber auch Jugendliche mit Schlauchrohren, deren durch Schwingen und Tröten erzeugtes jaulendes Geräusch angeblich heißen sollte: "Nein zu Europa", wie eine Polin erklärte. Für mich war das genauso schlüssig wie die polnische Sprache. Da nimmt man dann am besten schulterzuckend alles hin und verhält sich wie immer, wenn man in einem Land ist, dessen Sprache man nicht versteht: beobachtend, zurückhaltend und prophylaktisch lächelnd. Im Übrigen schien der Dissens über die Europafrage niemanden am gemeinsamen Feiern zu hindern.

Direkt hinter der Grenzbrücke stand eine große Bühne, auf der später das polnische Pendant zu den "Toten Hosen" spielen sollte. Überall waren Stände aufgebaut, ob man sich nun nach einem blau-gelben Schlüsselanhänger mit Foto von sich und Datum 1. Mai 2004 sehnte oder einfach nach einem Bier, alles war zu haben. Auf Anraten des Freundes K., den wir in Slubice besuchten, aßen wir erst einmal eine Art polnischen Döner: ein Stück trockenes Sauerbrot, das mit vor Fett triefendem Schweinefleisch, Zwiebeln und Gurken bedeckt war und das tatsächlich noch um ein Vielfaches unpraktischer zu handhaben war als ein Döner, wer hätte das für möglich gehalten. Doch war die fettige Speise wie versprochen genau die richtige Unterlage für kommende Getränke, hier trank man nämlich Vodka in 1:1 Mischung mit 100%igem Apfelsaft.

Die polnischen Toten Hosen kamen und kamen nicht, eine Polin sagte, sie hätten doch abgesagt. Das schien niemanden zu stören, alle konzentrierten sich auf den Vodka und warteten auf Mitternacht. Besagter Freund, der im dortigen Collegium Polonicum arbeitet, brachte uns um kurz vor zwölf auf das Dach der Bibliothek, von dem aus man direkt auf die Grenzbrücke sehen und die EU-Osterweiterung vom Logenplatz aus mitverfolgen konnte. Joschka Fischer und der polnische Außenminister, dessen Name mir ein Rätsel ist, schüttelten sich die Hände und umarmten sich, ein bombastisches Feuerwerk setzte ein. Der Trupp auf der Brücke defilierte auf die polnische Seite als wir beschlossen, das Dach wieder zu verlassen.

Durch die menschenleere, dunkle und daher gespenstisch anmutende Bibliothek tasteten wir unseren Weg zurück Richtung Ausgang. Und da geschah es, in der Eingangshalle des Collegium Polonicum kamen sie uns alle entgegen: deutscher Außenminister Fischer, damals noch Bundespräsidentschaftskandidatin Schwan, brandenburgischer Ministerpräsident Platzeck und polnischer Außenminister xy-ungelöst. Dahinter ein Tross von Journalisten nicht nur deutscher und polnischer, sondern auch französischer, belgischer und sonstwie europäischer Herkunft. In der Zwischenzeit war wohl das Collegium Polonicum abgesperrt worden, aber wir kamen schließlich vom Dach und so konnten wir ihnen im Gebäude ganz einfach so begegnen. So viel zur Sicherheit von Sicherheitsvorkehrungen. Lektion Nummer eins ist doch, dass die Attentäter immer auf dem Dach sitzen, oder? Haben die Verantwortlichen denn noch nie einen Actionfilm gesehen oder 24? In 24 ist doch fast jede Folge jemand Böses auf dem Dach. Die Gruppe marschierte in einen kleinen Saal und gönnte sich dort in entspannter Atmosphäre ein paar Drinks. Drei von uns gingen hinein und wurden mit schönen, auf den 1. Mai 2004 datierten Autogrammen belohnt. Abschließend sollte noch gesagt sein, dass die Drinks der Politiker nicht aus Vodka mit 100%igem Apfelsaft bestanden und dass das dort wartende Büffet schmerzlich der polnischen Döner entbehrte.

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