Fragen (Eine Begegnung auf der Straße)
Familie, Fordern, Formen, FRAGEN, Freiheit, Friedlichkeit, Fürsorge
Ein junger Mann fährt alleine in seinem Auto durch die Stadt und sieht an einer Ampel im Rückspiegel, dass im Auto hinter ihm eine Frau am Steuer sitzt, die weint und schluchzt und offensichtlich völlig aufgelöst ist. Die Ampel wird grün, er fährt weiter, schüttelt das Bild der Frau schnell ab und versinkt wieder in seine eigenen Gedanken. Die Frau bleibt hinter ihm und an der nächsten Ampel wird der Mann erneut aus seinen Gedanken gerissen, er sieht wieder, wie sie sich schüttelt und schluchzt. Der Mann hat kaum Zeit zu überlegen, auch diese Ampel wird wieder grün und beide Autos fahren weiter.
Die Straße führt sie hinaus aus der Stadt, auf eine Bundesstraße. Die Frau hat keine gute Kontrolle über ihr Auto, fährt Schlangenlinien und oft gefährlich nah am Rand der Böschung. Der junge Mann überlegt nun, was er tun könnte. Hätte er an der ersten oder spätestens an der zweiten Ampel aussteigen sollen und zu der Frau hinübergehen? Wie oft denkt man sich, dass die Menschen viel zu verschlossen sind, viel zu wenig aufeinander achten, zu selten aufeinander zugehen? Und dann macht man es selbst genauso. Was wäre schon so schlimm daran gewesen, sie einfach zu fragen, ob alles in Ordnung sei, ob man ihr helfen könne, ob sie noch Autofahren kann? Immer diese Angst, diese Hemmschwelle, man könnte jemandem zu nahe treten, der vielleicht lieber alleine gelassen würde. Ist das falscher Respekt, der jetzt einen Unfall verursachen kann, mit unabsehbaren Folgen, fragt sich der Mann?
Auf der Bundesstraße wird eine Ampel sichtbar und der Mann hofft, dass sie rot sein wird, wenn er und die Frau im Auto hinter ihm dort ankommen. Er hat Glück, es wird rot und er springt aus dem Auto. Die Frau kurbelt ihr Fenster hinunter und der junge Mann sagt ihr, dass er sich Sorgen mache. Die Frau nickt nur. Sie beschließen, an die Straßenseite zu fahren. Dort sitzt der Mann dann auf dem Beifahrersitz und die unbekannte Frau erzählt ihm unter vielen Tränen, dass sie gerade zu ihrer besten Freundin gefahren sei. Sie hatte sich Sorgen um sie gemacht, denn sie sei in letzter Zeit so depressiv gewesen und gestern am Telefon hatte sie ganz komisch geklungen. Zuerst hatte die Frau gleich zu ihrer Freundin fahren wollen, den Gedanken dann aber verworfen. Heute Morgen dann sei sie hingefahren, es ließ ihr einfach keine Ruhe. Als sie bei der Wohnung der Freundin ankam, hat sie nur noch erfahren, dass die Freundin sich in der vergangenen Nacht das Leben genommen hat.
Nun fahre sie wieder nachhause, sagt die Frau. Der Mann erklärt ihr, dass sie so wirklich nicht Autofahren darf, das ist viel zu gefährlich. Die beiden unterhalten sich lange, da am Straßenrand. Es ist eine intensive Unterhaltung, wie man sie sich zwischen zwei völlig fremden Personen eigentlich kaum vorstellen kann. Der junge Mann erzählt der Frau, dass er gerade aus dem Krankenhaus kommt, wo am Vortag seine Tochter geboren wurde, sein erstes Kind. Seine Frau liegt noch im regulären Krankenhaus, aber ein paar schlechte Blutwerte des Säuglings haben dazu geführt, dass das Kind auf die Intensivstation des Kinderkrankenhauses verlegt werden musste. Nichts Ernstes, betonen die Ärzte. Aber deshalb habe er vermutlich so langsam reagiert. Die Frau raucht viel und erzählt noch eine Weile von ihrer Freundin. Sie beruhigt sich langsam.
Die Frau wohnt in einem ziemlich entfernten Ort. Sie nachhause zu bringen, würde lange dauern. Der junge Mann fragt sie, ob sie nicht jemanden auf dem Handy anrufen könne, der sie abhole. Sie sagt, sie habe das schon versucht, könne aber niemanden erreichen. Der junge Mann möchte gerne nachhause und in Ruhe bei den beiden Krankenhäusern, bei Frau und Kind, anrufen. Die Frau versichert, dass sie das alles von hier aus nun schon alleine schaffe, sie werde noch ein bisschen am Straßenrand im Auto sitzen bleiben, ein bisschen rauchen, sich weiter beruhigen und erst dann weiterfahren, wenn es wirklich ginge. Die beiden verabschieden sich.
Ebenso schnell, wie die intensive Unterhaltung begonnen hat, ist sie beendet. Ein tiefer Moment, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, man wird sich wahrscheinlich nie wiedersehen, das wissen beide irgendwie, sie wünschen sich alles Gute. Ein Moment am Straßenrand, der sich verflüchtigt. Der Mann steigt in sein Auto und fährt nachhause. Dort erfährt er, dass es Frau und Kind gut geht, nach wie vor kein Grund zur Sorge. Und in diese Erleichterung hinein fragt er sich, warum er nicht mehr Zeit für die Frau gehabt hat, es waren vielleicht 20 Minuten gewesen, die er größtenteils zuhörend auf ihrem Beifahrersitz verbracht hatte. Ob er die Frau nicht vielleicht doch besser noch nachhause gebracht hätte? Konnte sie wirklich abschätzen, wann sie wieder fahrtauglich ist? Alles richtig gemacht? Alles falsch gemacht? Irgendwas dazwischen? Wer weiß schon immer so genau, wo die Grenzen sind zwischen Aufdringlichkeit und Hilfe.
Ein junger Mann fährt alleine in seinem Auto durch die Stadt und sieht an einer Ampel im Rückspiegel, dass im Auto hinter ihm eine Frau am Steuer sitzt, die weint und schluchzt und offensichtlich völlig aufgelöst ist. Die Ampel wird grün, er fährt weiter, schüttelt das Bild der Frau schnell ab und versinkt wieder in seine eigenen Gedanken. Die Frau bleibt hinter ihm und an der nächsten Ampel wird der Mann erneut aus seinen Gedanken gerissen, er sieht wieder, wie sie sich schüttelt und schluchzt. Der Mann hat kaum Zeit zu überlegen, auch diese Ampel wird wieder grün und beide Autos fahren weiter.
Die Straße führt sie hinaus aus der Stadt, auf eine Bundesstraße. Die Frau hat keine gute Kontrolle über ihr Auto, fährt Schlangenlinien und oft gefährlich nah am Rand der Böschung. Der junge Mann überlegt nun, was er tun könnte. Hätte er an der ersten oder spätestens an der zweiten Ampel aussteigen sollen und zu der Frau hinübergehen? Wie oft denkt man sich, dass die Menschen viel zu verschlossen sind, viel zu wenig aufeinander achten, zu selten aufeinander zugehen? Und dann macht man es selbst genauso. Was wäre schon so schlimm daran gewesen, sie einfach zu fragen, ob alles in Ordnung sei, ob man ihr helfen könne, ob sie noch Autofahren kann? Immer diese Angst, diese Hemmschwelle, man könnte jemandem zu nahe treten, der vielleicht lieber alleine gelassen würde. Ist das falscher Respekt, der jetzt einen Unfall verursachen kann, mit unabsehbaren Folgen, fragt sich der Mann?
Auf der Bundesstraße wird eine Ampel sichtbar und der Mann hofft, dass sie rot sein wird, wenn er und die Frau im Auto hinter ihm dort ankommen. Er hat Glück, es wird rot und er springt aus dem Auto. Die Frau kurbelt ihr Fenster hinunter und der junge Mann sagt ihr, dass er sich Sorgen mache. Die Frau nickt nur. Sie beschließen, an die Straßenseite zu fahren. Dort sitzt der Mann dann auf dem Beifahrersitz und die unbekannte Frau erzählt ihm unter vielen Tränen, dass sie gerade zu ihrer besten Freundin gefahren sei. Sie hatte sich Sorgen um sie gemacht, denn sie sei in letzter Zeit so depressiv gewesen und gestern am Telefon hatte sie ganz komisch geklungen. Zuerst hatte die Frau gleich zu ihrer Freundin fahren wollen, den Gedanken dann aber verworfen. Heute Morgen dann sei sie hingefahren, es ließ ihr einfach keine Ruhe. Als sie bei der Wohnung der Freundin ankam, hat sie nur noch erfahren, dass die Freundin sich in der vergangenen Nacht das Leben genommen hat.
Nun fahre sie wieder nachhause, sagt die Frau. Der Mann erklärt ihr, dass sie so wirklich nicht Autofahren darf, das ist viel zu gefährlich. Die beiden unterhalten sich lange, da am Straßenrand. Es ist eine intensive Unterhaltung, wie man sie sich zwischen zwei völlig fremden Personen eigentlich kaum vorstellen kann. Der junge Mann erzählt der Frau, dass er gerade aus dem Krankenhaus kommt, wo am Vortag seine Tochter geboren wurde, sein erstes Kind. Seine Frau liegt noch im regulären Krankenhaus, aber ein paar schlechte Blutwerte des Säuglings haben dazu geführt, dass das Kind auf die Intensivstation des Kinderkrankenhauses verlegt werden musste. Nichts Ernstes, betonen die Ärzte. Aber deshalb habe er vermutlich so langsam reagiert. Die Frau raucht viel und erzählt noch eine Weile von ihrer Freundin. Sie beruhigt sich langsam.
Die Frau wohnt in einem ziemlich entfernten Ort. Sie nachhause zu bringen, würde lange dauern. Der junge Mann fragt sie, ob sie nicht jemanden auf dem Handy anrufen könne, der sie abhole. Sie sagt, sie habe das schon versucht, könne aber niemanden erreichen. Der junge Mann möchte gerne nachhause und in Ruhe bei den beiden Krankenhäusern, bei Frau und Kind, anrufen. Die Frau versichert, dass sie das alles von hier aus nun schon alleine schaffe, sie werde noch ein bisschen am Straßenrand im Auto sitzen bleiben, ein bisschen rauchen, sich weiter beruhigen und erst dann weiterfahren, wenn es wirklich ginge. Die beiden verabschieden sich.
Ebenso schnell, wie die intensive Unterhaltung begonnen hat, ist sie beendet. Ein tiefer Moment, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, man wird sich wahrscheinlich nie wiedersehen, das wissen beide irgendwie, sie wünschen sich alles Gute. Ein Moment am Straßenrand, der sich verflüchtigt. Der Mann steigt in sein Auto und fährt nachhause. Dort erfährt er, dass es Frau und Kind gut geht, nach wie vor kein Grund zur Sorge. Und in diese Erleichterung hinein fragt er sich, warum er nicht mehr Zeit für die Frau gehabt hat, es waren vielleicht 20 Minuten gewesen, die er größtenteils zuhörend auf ihrem Beifahrersitz verbracht hatte. Ob er die Frau nicht vielleicht doch besser noch nachhause gebracht hätte? Konnte sie wirklich abschätzen, wann sie wieder fahrtauglich ist? Alles richtig gemacht? Alles falsch gemacht? Irgendwas dazwischen? Wer weiß schon immer so genau, wo die Grenzen sind zwischen Aufdringlichkeit und Hilfe.
wasweissich ABC des Miteinander - 7. Apr, 11:50
