Schöne, neue Internetwelt: eine Ausweitung der Betrachtungsperspektive

Mario Sixtus schreibt heute in der Frankfurter Rundschau einen interessanten Folgebeitrag zum TI-D-Debakel. Er weist korrekterweise darauf hin, dass wir heute noch nicht abschätzen können, welche Folgen es haben wird, dass sich Menschen im Internet so frei äußern und auch zusammenschließen können (zum Glück haben wir die Blogs versus Journalismus Diskussion damit anscheinend vorerst wieder verlassen). Ich fände es – im Weiterspinnen der Gedanken von Mario Sixtus – sinnvoll, die berechtigte Frage nach möglichen Folgen etwas weiter auszudehnen, als sie nur im Blick auf die Blogszene zu stellen.

Ein Beispiel aus dem Unterricht meines Bruders, der Deutsch und Erdkunde unterrichtet: in einer Deutschstunde hatte er Schülern eine Hausaufgabe gestellt, die mit der altdeutschen Sprache zu tun hatte. In mehreren Arbeiten las er dann sehr zweifelhafte Sätze und fragte die Schüler danach, wie sie denn darauf kommen. Die Antwort war: "Haben wir im Internet gefunden." Mein Bruder googelte daraufhin selbst nach Altdeutschem und stellte fest, dass man da sehr schnell auf Neonazi-Webseiten geleitet wird. Die Schüler hatten dies teilweise noch nicht einmal kapiert und einfach unreflektiert Sätze für ihre Hausarbeit übernommen. Mein Bruder arbeitete die Zitate daraufhin mit den Schülern auf und versuchte natürlich, das Bewusstsein der Schüler für eine kritische Reflektion des Internetkonsums zu schärfen.

Ich möchte mich gar nicht dagegen wehren, dass man potentiell "gefährliche" Implikationen der Offenheit und/oder Solidarisierung in Weblogs thematisiert. Man sollte so etwas nicht erst tun, wenn es knallt und vielleicht einmal fälschlicherweise eine Verunglimpfung stattfindet. Aber ich denke, dass auf dem rechtsextremen Sektor die unmittelbare Gefahr viel größer ist und vielleicht wäre es sinnvoll, sein Augenmerk auch dorthin zu richten. Die am TI-D-Debakel beteiligten Blogger sind intelligente und umsichtige Menschen, das haben sowohl der Verlauf der Diskussionen, als auch die anschließenden Selbstreflexionen gezeigt. So, wie die potentiell negativen Implikationen des Internet momentan diskutiert werden, ist das schon ein bisschen eine Diskussion im intellektuellen Elfenbeinturm. Stärkere Gefahr lauert meines Erachtens woanders und das sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. (Noch einmal sei betont, dass ich die Diskussion damit aber auf unserer Weblogger-Seite nicht abzubrechen versuche, indem ich den schwarzen Peter argumentativ weitergebe, es geht mir nur darum, eine weitere Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren.)

Des weiteren zeigt das Beispiel aus dem Deutschunterricht, dass es auch für die Erziehungswissenschaften enorm wichtig ist, einen kritischen Umgang mit dem Internet in den Unterricht zu integrieren. Die meisten Schüler haben einen Internetzugang oder gehen in Internet-Cafés und da ist es extrem wichtig, dass sie mit dem Medium umzugehen lernen. Bei aller Kritik gegenüber den Produzenten der Weblogs sollte man die wichtige Kompetenz-Rolle der Konsumenten nicht aus den Augen verlieren. Wenn die Leser kritisch und reflektiert sind, dann schränkt das die Willkür der Schreibenden automatisch ein. Man kann also auch von Seiten der Bildung aus gegen die potentiellen Gefahren arbeiten.

Zu diesen zwei Betrachtungen möchte ich eine dritte hinzufügen, die mir auch sehr wichtig zu bedenken erscheint. Dazu ein Beispiel aus dem Erdkundeunterricht meines Bruders in einer anderen Klasse. Thema war der Bananen-Anbau. Hier arbeitete mein Bruder von Beginn an mit dem Internet. Zunächst sahen sich die Schüler die Webseiten von großen Unternehmen an, die beispielsweise so ähnlich heißen wie ein Abba-Lied oder wie das britische Wort für Arbeitslosengeld. Die Schüler referierten den Eindruck, den sie von den Unternehmen hatten, auf der Grundlage von deren Webseiten. Die Schüler waren beeindruckt, dass die Unternehmen sogar Umweltpreise bekommen haben und fanden alles generell toll. Dann stieg mein Bruder mit ihnen in eine tiefere Analyse ein, in der man beispielsweise untersuchte, wer denn diese Umweltpreise vergibt und schnell wurde klar, dass sie de facto selbst ausgedacht und an sich selbst verliehen werden. Auf der Internetseite Banafair recherchierten sie weiter, am Ende hatten die Schüler die sehr positive Meinung, die sie nach dem ersten Referat gehabt hatten, praktisch ins Gegenteil umgekehrt und zeigten sich selbst erstaunt darüber, wie veränderbar die eigene Wahrnehmung ist: zunächst, wie fehlgeleitet die Wahrnehmung sein kann, wenn Webseiten einfach gut gemacht sind und dann, wie viel eine genaue Recherche bringen kann.

Auch in diesem Beispiel zeigt sich, wie wichtig es ist, das kritische Bewusstsein und die Recherche-Kompetenzen zu fördern, eine große Aufgabe für die Pädagogen. Außerdem aber sieht man an diesem Beispiel – und dies soll meine dritte Perspektive sein – wie irreführend nicht zuletzt auch die Internetauftritte von Unternehmen sein können. Da muss ich mir wirklich eine große Frage stellen: Warum nimmt man alle in Richtung Basisdemokratie gerichteten Tendenzen fast automatisch als alarmierend und als Gefahrenpotential wahr, und warum tut man das nicht in Bezug auf die teils nur als Blendwerke zu bezeichnenden Webseiten großer Unternehmen? Alle möglichen Leute, mit denen ich in den letzten anderthalb Wochen gesprochen habe (meist nicht besonders netz-affin, muss ich allerdings sagen), mahnten sofort vor der möglichen Gefahr von Verunglimpfungen, aber keiner sagte etwas über die Gefahr von Irreführungen seitens der Unternehmen und Organisationen. Anscheinend können die alle möglichen Fehler machen und billige Täuschungen vornehmen, aber bei uns Webloggern wird schon vor dem allerersten Fehler permanent davor gewarnt, dass er einmal kommen könnte. Quite interesting, diese – unbewusste – Lenkung der Skepsis.

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