Nachbarschaft (Ein Feuer im Hinterhof)

Nähe, NACHBARSCHAFT, Nachfühlen, Neid

Where do you go with your broken heart in tow
What do you do with the left over you
And how do you know, when to let go
Where does the good go
Look me in the eye and tell me you don't find me attractive
Look me in the heart and tell me you won't go
Look me in the eye and promise no love's like our love
Look me in the heart and un break broken, it won't happen
It's love that breaks the seal of always thinking you would be
Real, happy and healthy, strong and calm
Where does the good go
How do you live so happily while I am sad and broken down

(Tegan and Sara: "Where does the good go?")

Im Hinterhof fing es um 21:37 Uhr an zu brennen. Es begann mit einer kleinen Explosion und einer Leuchtschwade, die sich plötzlich fast wie ein Atompilz vor meinem Fenster zeigte und verpuffte. Ich sah hinunter, dort lief der Nachbar, der im Erdschoss wohnt, wild im Hinterhof herum, verschwand ab und an in seiner Wohnung und schleppte Mobiliar und Dinge heraus. In der Mitte des Hinterhofes brannte ein Feuer, umringt von lauter Sachen aus seiner Wohnung.

Es war nicht ganz neu, dass sich der Nachbar, vielleicht Ende Vierzig, merkwürdig verhielt. Am Vortag hatte er, der sonst ganz friedlich ist, schon die ganze Zeit im Innenhof herumgeschrien, so laut, dass ich ihn identifizieren konnte, aber so leise, dass ich im dritten Stock nicht verstehen konnte, was er sagte. Als ich später einkaufen gehen wollte, stritt er sich gerade vor der Haustür mit unserem ehemaligen Hausmeister. Der Mann aus dem Erdgeschoss wirkte betrunken. Ich hatte ihn noch nie mitten am Tag betrunken erlebt. Außerdem verstand er sich mit dem ehemaligen Hausmeister normalerweise gut. Ich hörte im Vorbeigehen nur, wie der ehemalige Hausmeister dem Mann aus dem Erdgeschoss einredete: "Sie ist nicht wegen mir gegangen, sondern wegen dir, also pöbel mich nicht an." Der Mann aus dem Erdgeschoss lief daraufhin die Straße hinunter und grölte noch von weitem immer wieder.

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, weil er und seine Frau seit 17 Jahren in diesem Haus wohnen, wie sie mir einmal erzählt hatte. Erst vor kurzem, als unser Warmwasser über Nacht häufiger ausfiel, sagte sie zu mir im Treppenhaus: "Weißt du, wenn man verheiratet ist und sonst den ganzen Tag so viel um die Ohren hat, also, so in einer Ehe, da muss man ja auch manchmal nachts duschen." Das fand ich nachgerade süß, wie sie das sagte. Eben weil die beiden immer so unzertrennlich schienen, war ich am Vortag der festen Meinung, den überhörten Satz des ehemaligen Hausmeisters bestimmt falsch verstanden zu haben. Oder wenn ich ihn richtig verstanden hätte, so bedeutete er sicher nicht das, was er implizierte, da war ich mir ziemlich sicher.

Am nächsten Nachmittag allerdings wunderte ich mich, dass der Mann aus dem Erdgeschoss anfing, Sachen in den Hinterhof zu schleppen. Er baute sogar auf eine suspekt liebevolle Weise merkwürdige Konstruktionen, eine zum Beispiel aus Fahrradteilen und zwei Besen. Das sah so wild aus, dass ich es fast fotografiert hätte, aber dann wurde ich von meinem Sohn abgelenkt. Ich dachte: "Das ist morgen auch noch da." Falsch, denn noch am selben Abend zündete er das Feuer. Er wurde wohl doch von seiner Frau und Tochter verlassen. Beide hatte ich seit Tagen nicht gesehen und sonst begegnete mir mindestens eine von beiden jeden Tag.
Und der Nachbar machte anscheinend jetzt Schluss mit all den Dingen in der Wohnung. Er lief ziemlich betrunken wirkend zwischen den brennenden Teilen hin und her und ich traute mich nicht, hinunterzugehen, um ihn zu trösten oder irgendetwas gegen das Feuer zu unternehmen. Ich überlegte, ob ich einfach die Feuerwehr anrufen sollte, aber das erschien mir viel zu hinterrücks. Gerade, als ich überlegte, an den Wohnungstüren anderer Nachbarn zu klingeln, um Rat einzuholen, was wir am besten unternehmen sollte, hörte ich schon den älteren Mann aus dem ersten Stock im Treppenhaus. Er debattierte eine Weile mit dem betrunkenen Mann aus dem Erdgeschoss, aber der ließ sich anscheinend überreden, seine Aktion zu vertagen. Kurz darauf ging der Nachbar aus dem ersten Stock in den Hinterhof und löschte das Feuer des Mannes aus dem Erdgeschoss.

Zwei der Liebeskummer-Konstruktionen überstanden das Feuer, ich nannte sie "Die Reifenleiter" und "Der Doppelstaubsauger". Die erste Konstruktion eine Tritteiter mit den Springreifen der Tochter, die zweite ein Gebilde, beisdseitig von Staubsaugern flankiert, deren Schläuche der Mann aus dem Erdgeschoss an einem abgestorbenen Stamm hochdrapiert hatte und an die er dann zwei blaue Übertöpfe anbrachte, die an dem Stamm herunterbaumeln.


Pah - 5. Apr, 16:11

wahnsinn, die bilder!

kid37 - 6. Apr, 09:59

Da gibt es ja doch was Tolles auf der Biennale zu sehen. Kreativitätsmotor Liebeskummer.

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