I want my music back in the living room

Wenn man träumt, Rolf Zuckowski frage einen, "was man sich denn wünsche", dann ist man gut beraten, den Konsum an Kindermusik herunterzuschrauben. Überhaupt ist das heute so eine Sache mit der Kindermusik: bei allen Leuten, die ich kenne, die Kinder haben, läuft immer Kindermusik, und zwar auch in den allgemein-familiären Räumen. Bei uns war das früher so, dass in der Küche, im Wohnzimmer und im Auto meine Eltern ihre eigene Musik hörten und die Kindermusik und die Hörspiele konnten wir in unserem Kinderzimmer anhören. Früher fand ich das blöd und wollte meine Musik auch gerne sonst überall hören. Heute, besonders nachdem ich gerade von Rolf Zuckowski träumte, kann ich meine Eltern gut verstehen. An meinem Geburtstagskaffee war es sogar so, dass "Ballad of the broken seas", das ich gerade neu hatte und gerne anhören wollte, schon vor Ende des Albums gegen Rolf Zuckowski ausgetauscht wurde (nicht von mir, sondern von meinem Besuch), die Tochter meines Cousins wollte halt gerne Rolf Zuckowski hören. Ich beobachte heute allerorten so ein exzessives Catering gegenüber den Kindern. Bei mir gibt es das ab heute nicht mehr. Im Wohnzimmer, im Auto und in der Küche laufen jetzt Monochrome, Isobel Campbell und Mark Lanegan und wen ich sonst noch alles hören möchte. Kindermusik wird ins Kinderzimmer verbannt. Erziehungstechnisch finde ich das auch in Ordnung, die Kinder müssen lernen, dass man nicht alles bekommen kann, was man möchte, und dann auch noch womöglich sofort. Frustrationstoleranz gegenüber Aufschub und Grenzen, yeah. Ist so ähnlich, wie heute viele Mütter ihren Kindern noch das Pausenbrot schmieren, wenn diese das schon längst selber bewerkstelligen können, das ist lieb gemeint, fördert aber halt nicht die Eigenständigkeit des Kindes. Bei ganz vielen Dingen, die ich beobachte, frage ich mich, wie die Kinder so denn überhaupt noch lernen und soziale Kompetenzen erwerben können sollen. Aber das ist alles in allem ein langes Thema. Wenigstens auf die Kindermusik bezogen bin ich ab heute reaktionär.
Casino - 16. Feb, 09:50

Wunderbar, manchmal machen auch die Mütter ihre Kinder größer, und die "eigene" Musik tut ihnen gut, glaub ich. Das ist nicht reaktionär, weil die Kleinen sich selber dann auch besser wahrnehmen, so in der Differenz.
Bei längeren Autofahrten gibts hier allerdings immer Deals, wer wann was hören darf, aber den R.Z. hab ich komplett rausgeschmissen, der ist Körperverletzung. Dann lieber Gerhard Schöne. Hört John Hörspiele? (Neugierfrage).

kaltmamsell - 16. Feb, 15:10

Wie hätte ich denn sonst schon in früher Jugend Santana lieben lernen sollen, wenn meine Mutter dazu nicht begeistert geputzt hätte (Lautstärke: ohrenbetäubend)? Und ich könnte Hoffmanns Erzählungen von Offenbach nicht auswendig, wenn das bei meinen Eltern nicht ein Sonntagvormittag-Klassiker gewesen wäre.

wasweissich - 16. Feb, 15:42

Gerhard Schöne haben wir auch. Und John gefällt vieles meiner Musik eigentlich eh gut. Es sind fast eher die "normalen" Kinder, die zu Besuch kommen, die ihre Sachen hören wollen...

Hörspiele interessieren John leider gar nicht. Ich hatte zwei gekauft und probiert, aber er entwickelt da gar kein Interesse. Er versteht das überhaupt nicht. Schade, denn bei einigen autistischen Kindern helfen Hörspiele ja sehr fürs Sprachverständnis und auch das eigene Sprechen.
kid37 - 16. Feb, 22:35

Ich bin mal mit Leuten mitgefahren, deren 4-Jährige Tochter sofort ausflippte, wenn nicht augenblicklich die "Trööröö"-Blümchen-Kassette im Auto angeschaltet wurde. Grausam. Ich beobachte das bei Jungeltern auch öfter, daß am Abendbrottisch nur noch "Kindergespräche" geführt werden (gerne mit spitzen Mund und Über-Lautstärke). Dabei fand ich Aufmerksamkeit als Kind auch nett, aber nicht zu sehr. Noch spannender war doch das Belauschen der "Erwachsenengespräche" - auch wenn man eigentlich nichts verstand.
Im Vergleich zu Frankreich fällt sowieso immer wieder diese Über-Verhätschelung des Nachwuchses auf (in entsprechenden Kreisen). In Frankreich laufen die Kinder "halt so mit" - ohne daß sich jemand als Rabeneltern fühlt.

RZ geht gar nicht.

mark793 - 17. Feb, 10:27

Bei uns (Tochter 14 Monate alt) stellt sich die Frage noch nicht so akut, aber ich habe den festen Vorsatz, der musikalisch-akustischen Infantilisierung unseres Haushalts klare Grenzen zu setzen. Schon allein aus wohlverstandenem Eigeninteresse (Ohrenkrebs-Prophylaxe).

Auf der anderen Seite versteht es sich auch von selbst, dass ich die Kleine nicht mit Dimmu Borgir und Konsorten volldröhne oder vor lauter kultureller Überambition nur noch Mozart und Händelsohn-Bacholdy laufen lasse.

Ich finde eine klare Trennung der Beschallungsreviere absolut angemessen. Reaktionär ist was anderes - beispielsweise der alte viktorianische Erziehungsgrundsatz: Kinder soll man sehen, nicht hören. ;-)

Merryl - 21. Feb, 15:19

Nachdem ich mich dabei erwischt hatte, dass ich alleine im Auto nicht mal mehr bemerkte, das eine von diesen merkwürdigen Kinder-Kassetten im Auto hörte und das offenbar in meinem Hirn schon als normales Fahrgeräusch wahrgenommen hatte, habe ich eine ähnliche Entscheidung getroffen. Ähnlich, weil sie konsequent nicht zu machen ist ohne das man ca Fahrzeit minus eine halbe Minute konsequenten Terror von der Hinterbank hat. Aber es gibt sie noch die guten Dinge, ich empfehle beispielsweise die Hamburger Band Radau.

Zudem habe ich das Glück, dass meine beiden Kinder eingefleischte Travis Fans sind (sozialisiert über das "Sing"- Video) und das ertragen wir alle zu gleichen Teilen gut. Mein Sohn mag zudem Metallica.

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