Missverständnisse (Simply Roommates)
Mut, Milde, Melancholie, Missgunst, MISSVERSTÄNDNISSE, Mitgefühl
Vom Flughafen O'Hare nahm ich an einem späten Nachmittag den Zug nach Downtown Chicago und mietete mir ein paar Tage vor Beginn meines Praktikums beim Goethe-Institut in der Dunkelheit der fremden Stadt ein Zimmer im billigen YMCA an. Dort waren zwei Stockwerke an Obdachlose vergeben worden, die gerade unten im Eingangsbereich Halloween feierten, eine Szenerie, die für ein einigermaßen bizarres Willkommen in den USA sorgte. Auf dem Flur gab es siffige Sammelbäder, nachts klopfte es an meiner Tür, jemand redete diffuses Zeug, verschwand aber nach 20 Minuten wieder und ich machte das Finden einer akzeptablen Unterkunft zur ersten Priorität. Schon am nächsten Morgen fragte ich mich zu einer Mitwohnzentrale durch: Simply Roommates. Ich sah mir drei Zimmer an und entschied mich für eins in einer Dreier-WG sehr nah an der Innenstadt im schönen Goldcoast/Old Town Viertel. Ich wusste, dass ich mit einem noch auf dem nächsten Flohmarkt zu erstehenden Fahrrad bequem zum Goethe-Institut würde fahren können. Das Zimmer war zwar winzig, aber für meine Bedürfnisse ausreichend möbliert mit einem Bett, einem Schrank, einem Stuhl und einer Art Kommode, die auch als Tisch diente. Das Bett war für das Zimmer viel zu groß, ebenso der Schrank, dessen Türen nur halb gegen die Bettkante öffneten, ansonsten konnte man sich in dem Zimmer kaum umdrehen. Es war dafür aber sehr billig und in der ansonsten großen Wohnung gab es noch ein gemeinsames Wohnzimmer. Die beiden Mitbewohner Roger und David schienen sehr nett.
Nach zwei Nächten im YMCA zog ich in meine neue WG. Ich fand heraus, dass David aus Texas kam und vor ein paar Monaten erst für seine erste Anstellung als Anwalt in einer kleinen Kanzlei nach Chicago gezogen war. Roger dagegen war schon in Chicago geboren und arbeitete als eine Art Handelsvertreter, sein Lieblingsfilm war "Shawshank Redemption". Als wir beide einmal nichts vorhatten, sahen wir uns den Film zusammen auf DVD an. Wenn ich einen der beiden in der Küche traf, aßen wir zusammen und redeten über Musik, Filme, Chicago. Nette, normale Mitbewohner halt, die beiden.
Gerade zwei Wochen nach meinem Einzug kündigte sich schon Besuch aus Berlin an: ein Freund hatte spontan beschlossen vorbeizukommen, da er Chicago schon immer mal besuchen wollte. Nun war es mir etwas unangenehm, bei der billigen Miete und so kurz erst eingezogen, schon die Mitbewohner mit jemandem zu konfrontieren, der das Wohnzimmer belegte und überhaupt hatte ich ein großes Bett, was soll der Quatsch, da schlief der, ich muss das an dieser Stelle schon einmal für das spätere Verständnis des Missverständnisses sagen, platonische Freund halt einfach mit in meinem Zimmer. David und Roger stellte ich ihn als "a friend from Berlin" vor.
Tagsüber ging ich zum Praktikum, abends erkundeten wir die Stadt, nachts gingen wir in Jazz und Blues Clubs und nach einigen Tagen reiste mein Besuch wieder ab. Ein paar Tage nach seiner Abreise lernte ich einen sehr netten Amerikaner kennen. Wir gingen zusammen aus, landeten irgendwann in einer Bar namens Hairy Ape, wo wir uns erstmals küssten, nicht ganz so toll, wenn man später sagen muss, das erste Mal geküsst haben wir uns im haarigen Affen, aber nunja, da kann man nichts machen. Später gingen wir dann noch durch die kalte Stadt spazieren und als Referenz an meine Heimat in den Berlin Club. Dort saßen wir auf einem Sofa rum, so in erster Verliebtheit, und eine Frau blickte immer wieder zu uns her. Ich sagte: "I think this woman is checking you out" und mein Begleiter sagte: "You know, I have the feeling she is checking you out". Wie sich herausstellte hatten wir wohl beide Recht, denn nachdem wir wieder zu ihr geblickt hatten, um uns klar zu werden, was mit ihr los war, kam sie zu uns herüber und fragte ganz ohne Umschweife: "Are you up for the three of us going home together?" Also, in diesem Chicago hatte ich noch nichts von dem Puritanismus gemerkt, den man den Amerikanern immer nachsagt. Ich ging dann aber doch lieber mit dem tollen Mann alleine nachhause.
Am nächsten Morgen lernte er in der Küche zufällig David und Roger kennen, als wir uns alle auf den Weg zur Arbeit machten. Abends lief mir David in der Wohnung über den Weg und auf meine Frage "Hi David, how was your day?" erhielt ich weder Gruß noch Antwort. Dann lief er noch einmal wortlos im Flur an mir vorbei. Später abends traf ich Roger und im Verlauf unserer Unterhaltung fragte ich, ob er wisse, was denn mit David los sei. Roger sagte: "I haven't talked to him, but I know he is very religious. Didn't you ever see that he keeps a bible in his nightstand?" Nein, ich hatte noch nie gesehen, dass er eine Bibel in seinem Nachttisch hatte und was Davids Religiösität mit seiner Schweigsamkeit zu tun hatte, war mir auch nicht klar. Da fragte Roger mich aber auch schon, ob ich denn mal seine Urlaubsfotos sehen wollte, er war über Thanksgiving vier Tage auf einer Kreuzfahrt in der Karibik gewesen. Ich folgte ihm in sein Zimmer und er holte diesen Riesenpacken Fotos hervor und näherte sich mir grinsend-verschwörerisch: "I didn' t want to show you these photos before, but since you had this guy stay over so soon after your boyfriend left, I thought you might enjoy these." Auf dem ersten Foto viele nackte Menschen auf einem Boot und auf den anderen änderte sich daran nicht viel, außer variierender dargestellter Aktivitäten. Nach ein paar Bildern sagte ich ihm, dass er da wohl was missverstanden habe, gab ihm die Fotos zurück und übte mich in der Situation 'würdevoller Abgang in unangenehmer Lage'.
Am nächsten Morgen versuchte ich Roger aus dem Weg zu gehen, während ich gegenüber David wenigstens gerne klargestellt hätte, dass der Mann aus Berlin doch gar nicht mein Boyfriend gewesen war, aber David ging wieder so versteinert an mir vorbei, als sei ich gar nicht anwesend. An einem Tag wohnte ich mit David und Roger zusammen, zwei normalen Mitbewohnern, am nächsten mit einem Swinger, der mich massiv anbaggerte und einem Fundamentalisten, der mich nicht einmal mehr grüßte. Welcome to America. Und das alles eigentlich noch aufgrund eines Missverständnisses. Nachdem sich die Lage auch in den nächsten beiden Tagen nicht entspannte, weder bei Roger noch bei David, nahm ich das Angebot des charmanten neuen Freundes an, doch lieber zu ihm zu ziehen.
Vom Flughafen O'Hare nahm ich an einem späten Nachmittag den Zug nach Downtown Chicago und mietete mir ein paar Tage vor Beginn meines Praktikums beim Goethe-Institut in der Dunkelheit der fremden Stadt ein Zimmer im billigen YMCA an. Dort waren zwei Stockwerke an Obdachlose vergeben worden, die gerade unten im Eingangsbereich Halloween feierten, eine Szenerie, die für ein einigermaßen bizarres Willkommen in den USA sorgte. Auf dem Flur gab es siffige Sammelbäder, nachts klopfte es an meiner Tür, jemand redete diffuses Zeug, verschwand aber nach 20 Minuten wieder und ich machte das Finden einer akzeptablen Unterkunft zur ersten Priorität. Schon am nächsten Morgen fragte ich mich zu einer Mitwohnzentrale durch: Simply Roommates. Ich sah mir drei Zimmer an und entschied mich für eins in einer Dreier-WG sehr nah an der Innenstadt im schönen Goldcoast/Old Town Viertel. Ich wusste, dass ich mit einem noch auf dem nächsten Flohmarkt zu erstehenden Fahrrad bequem zum Goethe-Institut würde fahren können. Das Zimmer war zwar winzig, aber für meine Bedürfnisse ausreichend möbliert mit einem Bett, einem Schrank, einem Stuhl und einer Art Kommode, die auch als Tisch diente. Das Bett war für das Zimmer viel zu groß, ebenso der Schrank, dessen Türen nur halb gegen die Bettkante öffneten, ansonsten konnte man sich in dem Zimmer kaum umdrehen. Es war dafür aber sehr billig und in der ansonsten großen Wohnung gab es noch ein gemeinsames Wohnzimmer. Die beiden Mitbewohner Roger und David schienen sehr nett.
Nach zwei Nächten im YMCA zog ich in meine neue WG. Ich fand heraus, dass David aus Texas kam und vor ein paar Monaten erst für seine erste Anstellung als Anwalt in einer kleinen Kanzlei nach Chicago gezogen war. Roger dagegen war schon in Chicago geboren und arbeitete als eine Art Handelsvertreter, sein Lieblingsfilm war "Shawshank Redemption". Als wir beide einmal nichts vorhatten, sahen wir uns den Film zusammen auf DVD an. Wenn ich einen der beiden in der Küche traf, aßen wir zusammen und redeten über Musik, Filme, Chicago. Nette, normale Mitbewohner halt, die beiden.
Gerade zwei Wochen nach meinem Einzug kündigte sich schon Besuch aus Berlin an: ein Freund hatte spontan beschlossen vorbeizukommen, da er Chicago schon immer mal besuchen wollte. Nun war es mir etwas unangenehm, bei der billigen Miete und so kurz erst eingezogen, schon die Mitbewohner mit jemandem zu konfrontieren, der das Wohnzimmer belegte und überhaupt hatte ich ein großes Bett, was soll der Quatsch, da schlief der, ich muss das an dieser Stelle schon einmal für das spätere Verständnis des Missverständnisses sagen, platonische Freund halt einfach mit in meinem Zimmer. David und Roger stellte ich ihn als "a friend from Berlin" vor.
Tagsüber ging ich zum Praktikum, abends erkundeten wir die Stadt, nachts gingen wir in Jazz und Blues Clubs und nach einigen Tagen reiste mein Besuch wieder ab. Ein paar Tage nach seiner Abreise lernte ich einen sehr netten Amerikaner kennen. Wir gingen zusammen aus, landeten irgendwann in einer Bar namens Hairy Ape, wo wir uns erstmals küssten, nicht ganz so toll, wenn man später sagen muss, das erste Mal geküsst haben wir uns im haarigen Affen, aber nunja, da kann man nichts machen. Später gingen wir dann noch durch die kalte Stadt spazieren und als Referenz an meine Heimat in den Berlin Club. Dort saßen wir auf einem Sofa rum, so in erster Verliebtheit, und eine Frau blickte immer wieder zu uns her. Ich sagte: "I think this woman is checking you out" und mein Begleiter sagte: "You know, I have the feeling she is checking you out". Wie sich herausstellte hatten wir wohl beide Recht, denn nachdem wir wieder zu ihr geblickt hatten, um uns klar zu werden, was mit ihr los war, kam sie zu uns herüber und fragte ganz ohne Umschweife: "Are you up for the three of us going home together?" Also, in diesem Chicago hatte ich noch nichts von dem Puritanismus gemerkt, den man den Amerikanern immer nachsagt. Ich ging dann aber doch lieber mit dem tollen Mann alleine nachhause.
Am nächsten Morgen lernte er in der Küche zufällig David und Roger kennen, als wir uns alle auf den Weg zur Arbeit machten. Abends lief mir David in der Wohnung über den Weg und auf meine Frage "Hi David, how was your day?" erhielt ich weder Gruß noch Antwort. Dann lief er noch einmal wortlos im Flur an mir vorbei. Später abends traf ich Roger und im Verlauf unserer Unterhaltung fragte ich, ob er wisse, was denn mit David los sei. Roger sagte: "I haven't talked to him, but I know he is very religious. Didn't you ever see that he keeps a bible in his nightstand?" Nein, ich hatte noch nie gesehen, dass er eine Bibel in seinem Nachttisch hatte und was Davids Religiösität mit seiner Schweigsamkeit zu tun hatte, war mir auch nicht klar. Da fragte Roger mich aber auch schon, ob ich denn mal seine Urlaubsfotos sehen wollte, er war über Thanksgiving vier Tage auf einer Kreuzfahrt in der Karibik gewesen. Ich folgte ihm in sein Zimmer und er holte diesen Riesenpacken Fotos hervor und näherte sich mir grinsend-verschwörerisch: "I didn' t want to show you these photos before, but since you had this guy stay over so soon after your boyfriend left, I thought you might enjoy these." Auf dem ersten Foto viele nackte Menschen auf einem Boot und auf den anderen änderte sich daran nicht viel, außer variierender dargestellter Aktivitäten. Nach ein paar Bildern sagte ich ihm, dass er da wohl was missverstanden habe, gab ihm die Fotos zurück und übte mich in der Situation 'würdevoller Abgang in unangenehmer Lage'.
Am nächsten Morgen versuchte ich Roger aus dem Weg zu gehen, während ich gegenüber David wenigstens gerne klargestellt hätte, dass der Mann aus Berlin doch gar nicht mein Boyfriend gewesen war, aber David ging wieder so versteinert an mir vorbei, als sei ich gar nicht anwesend. An einem Tag wohnte ich mit David und Roger zusammen, zwei normalen Mitbewohnern, am nächsten mit einem Swinger, der mich massiv anbaggerte und einem Fundamentalisten, der mich nicht einmal mehr grüßte. Welcome to America. Und das alles eigentlich noch aufgrund eines Missverständnisses. Nachdem sich die Lage auch in den nächsten beiden Tagen nicht entspannte, weder bei Roger noch bei David, nahm ich das Angebot des charmanten neuen Freundes an, doch lieber zu ihm zu ziehen.
wasweissich ABC des Miteinander - 9. Dez, 20:47
