Würde (Gänge nach Canossa)
Wankelmut, Warmherzigkeit, Wehren, Wertschätzen, WÜRDE
Nach meiner Hochzeit händigte ich beim "Immigration and Naturalization Service" (heute: "Homeland Security") in Chicago sofort die Unterlagen für die Green Card ein, damit ich möglichst schnell eine Arbeitsgenehmigung bekomme. Ich erhielt nach vier Wochen einen Termin, stundenlanges Warten war natürlich selbstverständlich, aber ich freute mich, dass ich nun eine ganz offizielle "Alien Registration Number" hatte, der erste Schritt, und außerdem im Besitz einer temporären Aufenthaltsgenehmigung und einer temporären Arbeitsgenehmigung war, die beide für ein Jahr ausgestellt wurden, innerhalb dieser Frist sollte der Antrag letztgültig bearbeitet werden. Zusätzlich zu den etwa 600 Dollar für den Antrag kosteten die temporären Genehmigungen je über 100 Dollar. Auflage meiner Aufenthaltsgenehmigung war es, dass ich das Land nicht verlassen darf, beziehungsweise ich durfte es zwar verlassen, aber mit der temporären Genehmigung nicht wieder einreisen, was am Ende gleichbedeutend damit war, dass ich nicht ausreisen konnte, es sei denn ich wollte meinen Mann jahrelang nicht sehen.
Ein Jahr verging, ohne dass mein Green Card Antrag bearbeitet wurde und die temporären Genehmigungen drohten auszulaufen. Also stellte ich mich wieder in die Schlange draußen vor dem INS-Gebäude, die sich - bei sengender Hitze im Sommer wie bei eisiger Kälte und in Schneebergen im Winter - jeden Tag um den ganzen Block schlingt und in der sechs Stunden Wartezeit keine Ausnahme sind. Drinnen teilte man mir mit, dass ich neue temporäre Genehmigungen für wieder je über 100 Dollar bekommen könnte. Ein einfaches, aber herrliches System der INS: man bearbeitet die dauerhaften Anträge einfach nicht und im Gegenzug kassiert man dann jedes Jahr erneut ab für temporäre Genehmigungen. Leider hatte ich auf verschiedenen Internetseiten in der Zwischenzeit gelesen, dass die offiziellen Angaben zu den Bearbeitungszeiten in Chicago leider nie zutreffen und die durchschnittliche Zeitdauer bei drei-dreieinhalb Jahren liegt.
In den folgenden Monaten telefonierte und schrieb ich, bat um Bearbeitung, denn ich wollte gerne meine Familie und Freunde in Deutschland besuchen. Nach anderthalb Jahren der nutzlosen Anfragen und des immer stärker werdenden Bedürfnisses, endlich auch einmal wieder nach Deutschland zu fliegen, anderthalb Jahre, in denen wir zudem noch nicht einmal über die nahe Grenze nach Kanada in Urlaub fahren konnten, entschied ich mich für einen Sonderantrag. Wie ich nämlich herausfand, gab es für weitere 100 Dollar einen Reiseantrag, der interessanterweise "Advance Parole" heißt. Bei der Registrierung war ich zur Außerirdischen geworden, beim Sonderreiseantrag musste ich nun sehen, ob man mich auf Bewährung rauslässt. Das Problem mit der Advance Parole ist, dass man überhaupt nicht weiß, ob der Antrag bewilligt wird, auch wenn man sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen, es liegt ganz in der Hand des Sachbearbeiters, an den man dort gerade zufällig gerät, das Geld wird aber in jedem Fall immer einbehalten.
Ich schaffte es, ich kam auf Bewährung raus und verbrachte meinen Jahresurlaub, der aus 10 Arbeitstagen bestand, endlich wieder einmal in Deutschland. Durch die so lange und ununterbrochene Abwesenheit hatte ich mich erschreckend weit entfernt. Als ich landete, kam mir alles ganz komisch vor, die Straßen so eng, die Häuser so klein, ich fühlte mich wie wenn man etwas nach ganz langer Zeit wiedersieht, was man als Kind einmal gesehen hat und man plötzlich merkt, dass es längst nicht so groß ist, wie man es als Kind gesehen hatte. Vorher war mir nie klar, dass man durch das viele Fliegen hin und her doch immer, auch wenn die Aufenthalte kurz sind, eine gewisse Erdung und Rückversicherung erhält, als ob man durch einen kleinen Trip nach Deutschland sein inneres System updatet und mir fehlten diese Updates, aber die Reise reichte aus, die Entfremdung zumindest etwas wieder abzubauen.
Das zweite Jahr ging zu Ende und noch immer gab es keine letztgültige Bearbeitung meines Green Card Antrags. Ich erneuerte wieder meine temporären Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Mein Sohn wurde als amerikanischer Staatsbürger geboren, aber ich schwamm noch immer in den brackigen Wassern der INS-Untiefen. Ich holte eine zweite Reisegenehmigung, denn natürlich gilt die Genehmigung des Verreisens auch nicht etwa gleich für die ganze Bearbeitungsdauer, und flog mit meinem drei Monate alten Sohn über Weihnachten nach Deutschland.
Als mein Sohn anderthalb Jahre alt war, wollte ich gerne wieder einmal zu meinen Eltern fliegen, noch immer nur temporäre Genehmigungen, mittlerweile hatte man mir mitgeteilt, dass meine Akte leider unauffindbar war und ich hatte den gesamten Antrag neu gestellt, also musste auch wieder eine Advance Parole her. So nahm ich mir einen Tag des kostbaren Urlaubs und stellte mich morgens um sieben Uhr mit meinem Sohn in die Schlange vor dem INS-Gebäude. Es war kalt, mein Sohn weinte, viele andere Kinder in der Schlange weinten. Vor mir stand ein netter Pole, der mir sagte, er warte schon sechs Jahre auf die Bearbeitung. Nach zwei Stunden wurden Papiernummern verteilt, kaum zehn Leute hinter mir gingen der INS-Mitarbeiterin die Nummern aus, für diesen Tag waren das alle, deren Anliegen angehört werden konnte, der Rest der Schlange hatte vergeblich gewartet und konnte wieder nachhause gehen und am nächsten Tag früher wiederkommen. Die Schlange bewegte sich im folgenden langsam vorwärts. Irgendwann kamen wir endlich in das Innere des Gebäudes, wo es zumindest warm war. Gewissentlich wurde der Buggy meines Sohnes auseinandergenommen und unser Tascheninhalt untersucht. Die Sicherheitskontrollen am Eingang der INS stellen jeden Flughafen in den Schatten. Wir wurden in den ersten Stock verwiesen.
Oben angekommen fragt man nach meinem Anliegen. Ich weigere mich innerlich gegen die Formulierung Advance Parole und sage: "I would like to get a travel permit." Die Frau hinter dem Schalter erwidert: "So, you mean that you wanna file for advance parole, right?" Right. Sie teilt mir mit, dass ich als erstes bezahlen müsse und ob ich mir auch sicher sei, denn das Geld bekäme ich auf keinen Fall wieder. Das weiß ich und lasse mich nicht abwimmeln. An der Kasse ist nichts los. Die Frau hinter der Kasse tippt Schecks in den Computer ein. Sie sieht mich warten, mitsamt quengelndem Kind, sie blickt mir direkt in die Augen, sagt: "you have to wait", blickt dann wieder auf den Bildschirm und tippt weiter. Wir stehen da, sie tippt und tippt. Zwischendurch guckt sie immer wieder hoch und mir direkt in die Augen. Das ist ein ganz tolles Spiel. Ich habe hier schon zweimal gesehen, dass sich jemand gegen die Behandlung muckste und gleich aus dem Gebäude rausgeworfen wurde, also lasse ich ihr ihre Macht und irgendwann nimmt sie mein Geld entgegen.
Ich dringe weiter vor, einen Stock höher werden die Reisegenehmigungen bearbeitet. Zwei Stunden sitzen wir dort in einem Warteraum. Dann werden plötzlich eine Reihe von Namen aufgerufen, meiner ist dabei, und uns wird gesagt, dass wir in einen anderen Warteraum verlegt werden. Warum wird nicht gesagt. Wir folgen dem Sicherheitsbeamten den Gang hinunter und gehen in einen kleinen Raum. Eine Aufseherin setzt sich ganz vorne in den Raum, die Tür bleibt offen. Mein Sohn läuft nach draußen, so langsam wird ihm das Warten langweilig und er will sich bewegen. Ich gehe mit ihm auf den Gang, dort liegen direkt vor dem Freight Elevator ein paar leere Kartons herum, die offensichtlich auf Entsorgung warten. Mein Sohn steckt seinen Kopf in einen Karton und fängt an, mit den Kartons zu spielen. Die Aufseherin kommt uns nach und verbietet das Spielen auf dem Gang. Wir sollen gefälligst wieder in den Warteraum kommen.
Dort drückt mein Sohn erstmal seine Windel voll und ich frage nach einer Wickelstation. Die Aufseherin sagt, dass es keine gebe. Und zwar im ganzen Gebäude nicht. Dazu muss man wissen, dass es in den USA eigentlich wirklich überall Wickeltische gibt, selbst in den kleinsten Lokalen und abgewracktesten Motels, die Kinderfreundlichkeit ist ja nun eigentlich eins der Dinge, die in den USA wirklich sehr auffallend positiv sind im Gegensatz zu Deutschland. Bei all den vielen Kindern, die die Menschen notgedrungen mit zur INS bringen, kann ich es gar nicht glauben, dass es nicht einen einzigen Wickeltisch gibt. Ist aber so, und ich wechsel die Windel in dem Wartezimmer, wo sich alle über den Gestank freuen können. Die Aufseherin sagt süffisant: "Well, I suggest you can write a note that you recommend changing tables to be installed."
Was es bei der INS auch nicht gibt, sonst aber wirklich überall, sind Essens- und Getränkeautomaten. Wenn man für den Tagesausflug nichts zu essen oder trinken mitbringt, dann hat man wirklich ein Problem. Ich denke, das Fehlen dieser sonst omnipräsenten Bestandteile des amerikanischen Alltags kann kein Zufall, sondern muss tatsächlich Methode sein.
Irgendwann am Nachmittag komme ich an die Reihe. Die Sachbearbeiterin blickt durch all die Verwicklungen mit der verlorenen und neu eingereichten Akte nicht durch und will meinen Reiseantrag ablehnen. Ich kämpfe. Die INS hat meine Akte verloren, das ist doch nicht meine Schuld, das kann doch nun kein Grund dafür sein, dass ich nicht mehr reisen darf. Sie sagt: "But I don't unterstand all that has happened here." Ich erkläre und erkläre, wie das alles gewesen ist in den letzten drei Jahren. Zum Schluss hatte ich das Büro des demokratischen Senators von Illinois, Dick Durbin, eingeschaltet. Erst da war wieder Bewegung in die Sache gekommen. Ich nenne ihr einen Mitarbeiter des Senators, der für meinen Fall zuständig ist und diese ganze Senatorensache macht sie dann etwas nervös und am Ende stellt sie mir eine Reisegenehmigung aus. Ich verlasse das Gebäude um 16 Uhr, mittlerweile geschieden, aber immer noch im Sumpf der temporären Genehmigungen.
Letztens rief ich mal in Frankfurt an und erfragte die Situation, da ich ja nun auch schon seit einiger Zeit wieder in Berlin lebe. Dort teilte man mir mit, dass meine Akte nicht mehr gültig sei. Wenn mein Sohn 18 Jahre alt wird, könne er als Staatsbürger für mich einen Green Card-Antrag stellen. Aha. Wenn die wüssten, dass mein Sohn in seinem Leben keinen einzigen Antrag wird stellen können. Das wiederum ist viel trauriger.
Zurück zur INS. Das außerirdische und kriminelle Vokabular der INS steht schon auch dafür, wie man dort behandelt wird. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich in meinem Leben noch nirgendwo so konsequent erniedrigend behandelt wurde wie bei jedem einzelnen Besuch im INS-Gebäude. Eine ehemalige Kollegin von mir hat einen Iren geheiratet, sie haben mittlerweile drei Kinder und seine abgelehnte Advance Parole führte dazu, dass er zwischenzeitlich sechs Jahre lang nicht in Irland gewesen ist. Ich kann mich bei allen nervenaufreibenden Problemen in all den Jahren eigentlich noch glücklich schätzen.
Siehe auch hier.
Nach meiner Hochzeit händigte ich beim "Immigration and Naturalization Service" (heute: "Homeland Security") in Chicago sofort die Unterlagen für die Green Card ein, damit ich möglichst schnell eine Arbeitsgenehmigung bekomme. Ich erhielt nach vier Wochen einen Termin, stundenlanges Warten war natürlich selbstverständlich, aber ich freute mich, dass ich nun eine ganz offizielle "Alien Registration Number" hatte, der erste Schritt, und außerdem im Besitz einer temporären Aufenthaltsgenehmigung und einer temporären Arbeitsgenehmigung war, die beide für ein Jahr ausgestellt wurden, innerhalb dieser Frist sollte der Antrag letztgültig bearbeitet werden. Zusätzlich zu den etwa 600 Dollar für den Antrag kosteten die temporären Genehmigungen je über 100 Dollar. Auflage meiner Aufenthaltsgenehmigung war es, dass ich das Land nicht verlassen darf, beziehungsweise ich durfte es zwar verlassen, aber mit der temporären Genehmigung nicht wieder einreisen, was am Ende gleichbedeutend damit war, dass ich nicht ausreisen konnte, es sei denn ich wollte meinen Mann jahrelang nicht sehen.
Ein Jahr verging, ohne dass mein Green Card Antrag bearbeitet wurde und die temporären Genehmigungen drohten auszulaufen. Also stellte ich mich wieder in die Schlange draußen vor dem INS-Gebäude, die sich - bei sengender Hitze im Sommer wie bei eisiger Kälte und in Schneebergen im Winter - jeden Tag um den ganzen Block schlingt und in der sechs Stunden Wartezeit keine Ausnahme sind. Drinnen teilte man mir mit, dass ich neue temporäre Genehmigungen für wieder je über 100 Dollar bekommen könnte. Ein einfaches, aber herrliches System der INS: man bearbeitet die dauerhaften Anträge einfach nicht und im Gegenzug kassiert man dann jedes Jahr erneut ab für temporäre Genehmigungen. Leider hatte ich auf verschiedenen Internetseiten in der Zwischenzeit gelesen, dass die offiziellen Angaben zu den Bearbeitungszeiten in Chicago leider nie zutreffen und die durchschnittliche Zeitdauer bei drei-dreieinhalb Jahren liegt.
In den folgenden Monaten telefonierte und schrieb ich, bat um Bearbeitung, denn ich wollte gerne meine Familie und Freunde in Deutschland besuchen. Nach anderthalb Jahren der nutzlosen Anfragen und des immer stärker werdenden Bedürfnisses, endlich auch einmal wieder nach Deutschland zu fliegen, anderthalb Jahre, in denen wir zudem noch nicht einmal über die nahe Grenze nach Kanada in Urlaub fahren konnten, entschied ich mich für einen Sonderantrag. Wie ich nämlich herausfand, gab es für weitere 100 Dollar einen Reiseantrag, der interessanterweise "Advance Parole" heißt. Bei der Registrierung war ich zur Außerirdischen geworden, beim Sonderreiseantrag musste ich nun sehen, ob man mich auf Bewährung rauslässt. Das Problem mit der Advance Parole ist, dass man überhaupt nicht weiß, ob der Antrag bewilligt wird, auch wenn man sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen, es liegt ganz in der Hand des Sachbearbeiters, an den man dort gerade zufällig gerät, das Geld wird aber in jedem Fall immer einbehalten.
Ich schaffte es, ich kam auf Bewährung raus und verbrachte meinen Jahresurlaub, der aus 10 Arbeitstagen bestand, endlich wieder einmal in Deutschland. Durch die so lange und ununterbrochene Abwesenheit hatte ich mich erschreckend weit entfernt. Als ich landete, kam mir alles ganz komisch vor, die Straßen so eng, die Häuser so klein, ich fühlte mich wie wenn man etwas nach ganz langer Zeit wiedersieht, was man als Kind einmal gesehen hat und man plötzlich merkt, dass es längst nicht so groß ist, wie man es als Kind gesehen hatte. Vorher war mir nie klar, dass man durch das viele Fliegen hin und her doch immer, auch wenn die Aufenthalte kurz sind, eine gewisse Erdung und Rückversicherung erhält, als ob man durch einen kleinen Trip nach Deutschland sein inneres System updatet und mir fehlten diese Updates, aber die Reise reichte aus, die Entfremdung zumindest etwas wieder abzubauen.
Das zweite Jahr ging zu Ende und noch immer gab es keine letztgültige Bearbeitung meines Green Card Antrags. Ich erneuerte wieder meine temporären Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Mein Sohn wurde als amerikanischer Staatsbürger geboren, aber ich schwamm noch immer in den brackigen Wassern der INS-Untiefen. Ich holte eine zweite Reisegenehmigung, denn natürlich gilt die Genehmigung des Verreisens auch nicht etwa gleich für die ganze Bearbeitungsdauer, und flog mit meinem drei Monate alten Sohn über Weihnachten nach Deutschland.
Als mein Sohn anderthalb Jahre alt war, wollte ich gerne wieder einmal zu meinen Eltern fliegen, noch immer nur temporäre Genehmigungen, mittlerweile hatte man mir mitgeteilt, dass meine Akte leider unauffindbar war und ich hatte den gesamten Antrag neu gestellt, also musste auch wieder eine Advance Parole her. So nahm ich mir einen Tag des kostbaren Urlaubs und stellte mich morgens um sieben Uhr mit meinem Sohn in die Schlange vor dem INS-Gebäude. Es war kalt, mein Sohn weinte, viele andere Kinder in der Schlange weinten. Vor mir stand ein netter Pole, der mir sagte, er warte schon sechs Jahre auf die Bearbeitung. Nach zwei Stunden wurden Papiernummern verteilt, kaum zehn Leute hinter mir gingen der INS-Mitarbeiterin die Nummern aus, für diesen Tag waren das alle, deren Anliegen angehört werden konnte, der Rest der Schlange hatte vergeblich gewartet und konnte wieder nachhause gehen und am nächsten Tag früher wiederkommen. Die Schlange bewegte sich im folgenden langsam vorwärts. Irgendwann kamen wir endlich in das Innere des Gebäudes, wo es zumindest warm war. Gewissentlich wurde der Buggy meines Sohnes auseinandergenommen und unser Tascheninhalt untersucht. Die Sicherheitskontrollen am Eingang der INS stellen jeden Flughafen in den Schatten. Wir wurden in den ersten Stock verwiesen.
Oben angekommen fragt man nach meinem Anliegen. Ich weigere mich innerlich gegen die Formulierung Advance Parole und sage: "I would like to get a travel permit." Die Frau hinter dem Schalter erwidert: "So, you mean that you wanna file for advance parole, right?" Right. Sie teilt mir mit, dass ich als erstes bezahlen müsse und ob ich mir auch sicher sei, denn das Geld bekäme ich auf keinen Fall wieder. Das weiß ich und lasse mich nicht abwimmeln. An der Kasse ist nichts los. Die Frau hinter der Kasse tippt Schecks in den Computer ein. Sie sieht mich warten, mitsamt quengelndem Kind, sie blickt mir direkt in die Augen, sagt: "you have to wait", blickt dann wieder auf den Bildschirm und tippt weiter. Wir stehen da, sie tippt und tippt. Zwischendurch guckt sie immer wieder hoch und mir direkt in die Augen. Das ist ein ganz tolles Spiel. Ich habe hier schon zweimal gesehen, dass sich jemand gegen die Behandlung muckste und gleich aus dem Gebäude rausgeworfen wurde, also lasse ich ihr ihre Macht und irgendwann nimmt sie mein Geld entgegen.
Ich dringe weiter vor, einen Stock höher werden die Reisegenehmigungen bearbeitet. Zwei Stunden sitzen wir dort in einem Warteraum. Dann werden plötzlich eine Reihe von Namen aufgerufen, meiner ist dabei, und uns wird gesagt, dass wir in einen anderen Warteraum verlegt werden. Warum wird nicht gesagt. Wir folgen dem Sicherheitsbeamten den Gang hinunter und gehen in einen kleinen Raum. Eine Aufseherin setzt sich ganz vorne in den Raum, die Tür bleibt offen. Mein Sohn läuft nach draußen, so langsam wird ihm das Warten langweilig und er will sich bewegen. Ich gehe mit ihm auf den Gang, dort liegen direkt vor dem Freight Elevator ein paar leere Kartons herum, die offensichtlich auf Entsorgung warten. Mein Sohn steckt seinen Kopf in einen Karton und fängt an, mit den Kartons zu spielen. Die Aufseherin kommt uns nach und verbietet das Spielen auf dem Gang. Wir sollen gefälligst wieder in den Warteraum kommen.
Dort drückt mein Sohn erstmal seine Windel voll und ich frage nach einer Wickelstation. Die Aufseherin sagt, dass es keine gebe. Und zwar im ganzen Gebäude nicht. Dazu muss man wissen, dass es in den USA eigentlich wirklich überall Wickeltische gibt, selbst in den kleinsten Lokalen und abgewracktesten Motels, die Kinderfreundlichkeit ist ja nun eigentlich eins der Dinge, die in den USA wirklich sehr auffallend positiv sind im Gegensatz zu Deutschland. Bei all den vielen Kindern, die die Menschen notgedrungen mit zur INS bringen, kann ich es gar nicht glauben, dass es nicht einen einzigen Wickeltisch gibt. Ist aber so, und ich wechsel die Windel in dem Wartezimmer, wo sich alle über den Gestank freuen können. Die Aufseherin sagt süffisant: "Well, I suggest you can write a note that you recommend changing tables to be installed."
Was es bei der INS auch nicht gibt, sonst aber wirklich überall, sind Essens- und Getränkeautomaten. Wenn man für den Tagesausflug nichts zu essen oder trinken mitbringt, dann hat man wirklich ein Problem. Ich denke, das Fehlen dieser sonst omnipräsenten Bestandteile des amerikanischen Alltags kann kein Zufall, sondern muss tatsächlich Methode sein.
Irgendwann am Nachmittag komme ich an die Reihe. Die Sachbearbeiterin blickt durch all die Verwicklungen mit der verlorenen und neu eingereichten Akte nicht durch und will meinen Reiseantrag ablehnen. Ich kämpfe. Die INS hat meine Akte verloren, das ist doch nicht meine Schuld, das kann doch nun kein Grund dafür sein, dass ich nicht mehr reisen darf. Sie sagt: "But I don't unterstand all that has happened here." Ich erkläre und erkläre, wie das alles gewesen ist in den letzten drei Jahren. Zum Schluss hatte ich das Büro des demokratischen Senators von Illinois, Dick Durbin, eingeschaltet. Erst da war wieder Bewegung in die Sache gekommen. Ich nenne ihr einen Mitarbeiter des Senators, der für meinen Fall zuständig ist und diese ganze Senatorensache macht sie dann etwas nervös und am Ende stellt sie mir eine Reisegenehmigung aus. Ich verlasse das Gebäude um 16 Uhr, mittlerweile geschieden, aber immer noch im Sumpf der temporären Genehmigungen.
Letztens rief ich mal in Frankfurt an und erfragte die Situation, da ich ja nun auch schon seit einiger Zeit wieder in Berlin lebe. Dort teilte man mir mit, dass meine Akte nicht mehr gültig sei. Wenn mein Sohn 18 Jahre alt wird, könne er als Staatsbürger für mich einen Green Card-Antrag stellen. Aha. Wenn die wüssten, dass mein Sohn in seinem Leben keinen einzigen Antrag wird stellen können. Das wiederum ist viel trauriger.
Zurück zur INS. Das außerirdische und kriminelle Vokabular der INS steht schon auch dafür, wie man dort behandelt wird. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich in meinem Leben noch nirgendwo so konsequent erniedrigend behandelt wurde wie bei jedem einzelnen Besuch im INS-Gebäude. Eine ehemalige Kollegin von mir hat einen Iren geheiratet, sie haben mittlerweile drei Kinder und seine abgelehnte Advance Parole führte dazu, dass er zwischenzeitlich sechs Jahre lang nicht in Irland gewesen ist. Ich kann mich bei allen nervenaufreibenden Problemen in all den Jahren eigentlich noch glücklich schätzen.
Siehe auch hier.
wasweissich - 29. Nov, 10:06
