Erwachsenwerden (Erfahrungen in Montpellier)

Ehre, Ehrgeiz, Ehrlichkeit, Eifer, Einfallsreichtum, Eingebung, Einsamkeit, Empfindlichkeit, Engagement, Entrücktheit, Entschlossenheit, Entwickeln, Erinnern, Erkenntnis, Erniedrigen, Erschrecken, ERWACHSENWERDEN, Erziehen

Nach dem Abitur wollte ich nicht sofort studieren, sondern erst die Welt entdecken und hatte mich zu diesem Zweck ausgerechnet für einen Au-Pair-Aufenthalt in Südfrankreich entschieden. In unserer Kleinstadt gab es ein Busunternehmen, das im wöchentlichen Turnus in die Touristenburgen Malgrat und Lloret de Mar in Spanien fuhr. Das Unternehmen nahm mich unter der Hand für fünfzig Mark auf einem aus Versicherungsgründen unverkäuflichen Platz mit und wir hatten abgemacht, dass sie mich an einer Raststätte in der Nähe von Montpellier aussetzen. Von dort sollte mich eine Tante abholen, die in einem Vorort von Montpellier wohnte.

Im Bus stellten die Urlauber schon nach knapp zwanzig Kilometern Schnapsflaschen auf die kleinen, ausklappbaren Plastiktischchen, um schnellstmöglich die Sauftour zu beginnen, die erst mit der Rückkehr enden sollte. Diese Urlauber waren dem Ballermann um Jahre voraus, ihr Ziel war es, eine Woche lang die Betrunkenheit auf einem solchen Level zu halten, dass sie die Zeit ausgiebig dazu nutzen konnten, alles mögliche zu tun, dass sie sich nüchtern und zuhause nie trauen würden. Ich war sehr glücklich, als wir in den frühen Morgenstunden an der verabredeten Raststätte ankamen und verließ erleichtert den Bus.

Meine Tante holte mich ab und brachte mich zwei Tage später zu meiner Au-Pair-Familie. Diese Familie war sehr reich und lebte in einem kleinen Dorf fünfzehn Kilometer von Montpellier entfernt in einer Villa, die malerisch auf einem Berg situiert war. Im Garten befand sich ein wunderbarer Swimming Pool. Der Mann war Direktor der größten Bank Montpelliers, die Frau versorgte offiziell die drei Kinder: Zwillinge im Alter von dreieinhalb Jahren und ein Baby im Alter von 6 Monaten. Die Frau stammte aus einer alten Adelsfamilie und erzählte mir, dass sie in einem Schloss aufgewachsen sei. So weit, so gut. Alles machte auf den ersten Blick einen überaus schönen Eindruck.

Etwas geschockt war ich, als man mir mein "Zimmer" zeigte: eine kleine Kammer war das, im Sousparterre gelegen mit einem kleinen Schachtfenster. Man hatte ein Hochbett hineingebaut, damit auf dem Boden überhaupt noch Platz zum Bewegen blieb. Leider war es bei der Hitze oben im Hochbett unerträglich und ich schlief dann doch mit der Matratze, die den gesamten Bodenraum einnahm, auf dem Fußboden. Schon in den ersten Tagen bemerkte ich die unerbittliche Erwartungshaltung der Frau. Ich sollte von morgens bis abends die Kinder versorgen, in der Mittagszeit hatte ich zwei Stunden frei. In diesen zwei Stunden konnte ich aber höchstens durch die brütende Hitze vom Berg ins Dorf hinunterspazieren, genau einen Kaffee trinken und wieder zurückgehen. Ihr Auto wollte die Frau mir nicht geben. Sie sagte, ich könne am Wochenende schließlich ins Dorf gehen und einen Bus nach Montpellier nehmen, das wäre dann doch ein schöner freier Tag. So saß ich sechs Tage die Woche auf dem Berg fest.

Der Mann war eigentlich nie anwesend. Er kam abends spät und ging morgens früh. Als die Kinder mich genügend kennengelernt hatten, ließ die Frau mich immer häufiger mit ihnen alleine. Wenn ich das Baby wickelte, lief ein Zwilling in die eine Richtung, der andere in die entgegengesetzte und ich verbrachte meine Zeit damit, sie ständig wieder einzufangen. Der schöne Pool stellte sich dabei als besonders problematisch heraus. Selbstverständlich zog es die Kinder magisch dorthin, aber sie konnten natürlich noch nicht schwimmen. Ganz alleine mit den drei Kindern hatte ich eine Heidenangst, dass mir eines der Zwillingskinder dort ertrinken könnte, wenn ich gerade mit dem Baby oder dem anderen Zwilling beschäftigt war. Aber die Frau sagte mir nur, darauf müsse ich eben schon aufpassen, dafür sei ich schließlich da. Den Pool einzäunen oder abgrenzen wolle man nicht, das sähe nicht gut aus.

Beim Mittagessen schrie das Zwillingsmädchen plötzlich nach einem Löffel, obwohl sie eigentlich gar keinen gebrauchte. Aber sie schrie immer weiter danach. Da sah mich die Frau sehr vorwurfsvoll an und fragte, wie lange ich das Kind denn noch bitten lassen wollte, bevor ich in die Küche ginge um einen Löffel zu holen. Ich wusste zum einen, dass das Mädchen sonst auch schon alleine die Besteckschublade öffnete, sie sich ihn also auch selbst hätte holen können und zum anderen fand ich es auch unsinnig, einem so unsinnigen Gehabe des Kindes einfach nachzugeben. Um des lieben Friedens willen lief ich also aber in die Küche, holte einen Löffel, gab ihn dem Kind und erfuhr dann, wie triumphierend einen ein dreieinhalbjähriges Kind schon ansehen kann. Den Löffel benutzte sie natürlich für gar nichts, sondern legte ihn nur siegesstolz auf den Tisch. Diese Art der Erziehung, beziehungsweise ihres Nichtvorhandenseins war mir ein Rätsel. Sie hatte aber wohl mit Dienstbotenmentalität zu tun, denn an meinem freien Tag hörte ich aus meinem Zimmer heraus auch einmal das Zwillingsmädchen nach etwas schreien und die Mutter sagte nur, sie solle es sich doch selber holen. So kann man Kindern auch ein Menschenbild zweier Klassen vermitteln: das Au Pair darfst du gerne für dich springen lassen, bei mir geht das aber nicht.

Die Frau war Hobbypilotin. Eines Tages stand ich fix und fertig mit den Kindern im Garten, als ein Sportflugzeug über unsere Köpfe flog und der Zwillingsjunge auf dem Rasen tanzte, in die Luft zeigte und freudig rief: "C'est maman, c'est maman!" Ich konnte nur verbittert denken: "Ja, vielleicht ist sie das wirklich, aber um dich kümmert sie sich nicht", denn das hatte ich mittlerweile festgestellt, dass die Mutter keinerlei Geduld für oder wirkliches Interesse an ihren Kindern hatte, zumindest nicht, wenn es irgendeine Art von Engagement ihrerseits erforderte oder ihre zahlreichen Freizeitpläne störte.

In diesem Moment, als der Junge "C'est maman" rief und wir alle in den Himmel starrten, merkte ich endgültig, dass diese Au-Pair-Idee schlecht gewesen war und dass eine Weiterführung nur aufgrund der Tatsache, dass man sich das vorgenommen hatte, wirklich sinnlos war. Am Abend unterbreitete ich der Frau, dass ich gehen würde. Es erging mir mit meiner Entscheidung wohl ähnlich wie der Frau: mit den Kindern festzusitzen durchkreuzte meine Vorstellungen. Mit Welt entdecken hatte Gefangensein auf einem Berg mit zwei vernachlässigten, verwöhnten und unerzogenen Rotznasen, einem schreienden Baby und einer arroganten Adelsherrin, die mir tatsächlich sogar verbieten wollte, in meiner Freizeit in ihrem Garten Benoîte Groults "Salz auf unserer Haut" zu lesen, so ein Buch wolle sie in ihrem Haus nicht sehen, also mit Welt entdecken hatte all das gar nichts zu tun, dachte ich mir. Obwohl es natürlich auch ein Teil der Welt ist und mir im nachhinein einige Einsichten gebracht hat.

Ganz aufgeben und zurück nach Deutschland reisen wollte ich aber auch nicht. Also suchte ich mir mithilfe eines Schwarzen Bretts ein billiges WG-Zimmer mitten in Montpellier, schrieb mich an der Universität ein und suchte mir einen anderen, wesentlich weniger zeitaufwändigen Babysitterjob, um das nötige Geld für die Miete und den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich wohnte nun also erstmals in einer WG, wie man sich das aus Büchern und Filmen so vorgestellt hatte, mit einer völlig verdreckten Küche, in der sich das Geschirr stapelt und in der lange Zeit keiner mehr die Soßenränder auf den vollgestellten Arbeitsflächen und die Tomatenspritzer auf den Tapeten weggeputzt hat. Ich wohnte zusammen mit einer schwarzen Studentin aus der Réunion und einem jungen Mann, der vor nicht allzu langer Zeit aus La Rochelle nach Montpellier gezogen war. Diese Geschichten über das Leben in der Réunion, das schien mir schon eher wie Welt entdecken.

Wir wohnten direkt um die Ecke der Fußgängerzone, ich kaufte dort jeden Tag in derselben Boulangerie leckere Sacristains ein und unterhielt mich mit dem Bäcker. Mit meinen Mitbewohnern freundete ich mich an, sie kannten beide auch noch nicht viele Leute in Montpellier. Wir gingen oft zusammen in die Diskothek "Rockstore" und lernten dort neue Leute kennen. An einem Abend spielten Rita Mitzouko auf dem zentralen "Place de la Comédie", es war eine wunderbar laue Nacht und ich genoss es, hier zu sein, genau jetzt, genau hier, mit dieser zusammengewürfelten Gruppe von Mitbewohnern und neuen Unibekanntschaften, mit denen ich dort war. Christoph, der männliche Mitbewohner, nahm mich mit auf Partys, wir ließen uns durch die Nacht treiben, fuhren mit Freunden von Bekannten, die wir auf einer Party kennengelernt hatten, an den Strand und dann woanders hin, in den Morgenstunden wussten wir nicht mehr, wo wir genau waren und wie wir von dort nachhause kommen konnten, aber es war uns herrlich egal. Aber irgendetwas war an der ganzen Situation trotzdem nicht richtig. Ich wusste nicht, was es war, aber irgendetwas störte mich.

Eines Morgens stand ich auf dem kleinen Balkon meines Zimmers und überblickte aus dem vierten Stock den dreispurigen Boulevard unter mir, auf dem immer viel Verkehr war. Cabrios, Roller, Kleinwagen, alle Autofahrer hatten ihre Fenster geöffnet und von oben sah man überall nur heraushängende Arme. Ich dachte mir, wie komisch es war, dass all diese Menschen in den Autos schon so mittendrin waren in ihrem Tag, wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit. Sie lebten in ihrem Alltag, sie gehörten hierher, während ich zwischen lauter Fremden lebte, an die Uni ging, Kinder hütete, um Geld zu verdienen, aber doch irgendwie in den Tag hineinlebte, denn einen wirklichen Sinn hatte das alles nicht. Ich fragte mich, was das wohl alles für Menschen waren, in diesen Autos und auf diesen Rollern. Hatten sie ihr Leben lang schon in Montpellier gewohnt? Wie dachten sie über ihr Leben, wie orientierten sie sich darin, wie sahen sie ihre eigene Rolle? Absurd. Da fragte Christoph mich aus der Tiefe des Zimmers: "Qu'est-ce qui se passe? La vue n'est pas si belle, hein? Qu'est-ce que tu fais là?" Wahrscheinlich war das der Moment, in dem ich merkte, was nicht stimmte. Ich fühlte mich entfernt. So viel ich auch mit all den neuen Bekanntschaften unternahm, es war alles sehr oberflächlich und es hatte nichts mit mir, wirklich mit mir, zu tun. Meine mir selbst etwas lächerlich vorkommenden, existentialistischen Anwandlungen konnte ich aber nicht mit Christoph teilen. Ich drehte mich zu ihm um und sagte nur: "C'est rien. T'as envie d'aller à la plage?"

Ich beschloss, zurück nach Deutschland zu gehen, denn wenn ich auch nicht viel einzuordnen wusste, so hatte ich doch gemerkt, dass ich nicht hierher gehörte. Abgesehen davon, dass mir auch das Geld ausging. Es dauerte etwa eine Woche, bis ich im nächsten Bus zurückfahren konnte. Am Tag vor meiner Abreise begegneten Christoph und ich uns in der Küche, er sah mich merkwürdig an und sagte nur: "Ça approche." Ich wusste, dass er meine Abreise meinte und ich wusste auch, dass er gar nicht verstand, warum ich plötzlich abreisen wollte. Ich sagte nur: "Oui". Wie ich mit neunzehn war, erscheint mir heute ein Rätsel, vor allen Dingen wie zum Teufel ich dachte, dass ich mich mit jemandem verstehen kann, wenn ich mich nicht mitteile.

Für die Rückreise musste ich zunächst nach Lloret de Mar in Spanien reisen, um dort in den Bus zu steigen. Bei der Abfahrt fehlte eine Reiseteilnehmerin. Es stellte sich heraus, dass sie am Abend zuvor ihren Freund betrogen hatte, woraufhin er sie aus dem Hotelzimmer warf und nun war sie unauffindbar. Er sagte volltrunken: "Wenn ihr sie findet, neben mir sitzt die nicht!" Die beiden Busfahrer und ich, die einzigen nüchternen Personen, fanden die Frau, volltrunken im Zimmer eines Engländers liegend, schleppten sie mit zum Bus, arrangierten die Sitzordnung neu und dann ging es los, zurück nachhause. Von der Au-Pair-Familie habe ich nie wieder gehört. Mit den Mitbewohnern und den Unibekanntschaften hatte ich anfangs noch sporadisch Kontakt, der aber sehr schnell einschlief. Ich habe noch ein Foto der verdreckten Küche, die mir damals als so typisch erschien für diese Welt, wie man sie sich aus Filmen oder Büchern so vorgestellt hat.

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