Spracherfahrungen
Auf einer Geburtstagsfeier sprach ich vor kurzem englisch, weil eine Frau aus New York anwesend war, die kein deutsch sprach. Nach einer ganzen Weile sagte mir K., die mich wohl erstmals englisch redend erlebte, sie finde, dass ich anders sei, wenn ich englisch spreche. Sie meinte gar, sie habe den Eindruck, ich sei dann mehr ich selbst, präsenter. Ich habe darüber schon öfter mit Menschen gesprochen. Mein Exmann zum Beispiel sagt, dass er das Gefühl hat, einen großen Teil von mir gar nicht zu kennen, weil er kein deutsch spricht. (Dem stimme ich zu, darum hätte ich es ja auch gerne gehabt, wenn er deutsch gelernt hätte, aber das ist ein anderes Thema.) Man kann das immer wieder bei Menschen beobachten: wenn sie in eine andere Sprache wechseln, verändern sich neben Tonfall und Sprachmelodie auch Gestik und Mimik, macht die ganze Person einen etwas anderen Eindruck.
Die Tatsache, dass es solche Veränderungen gibt, spricht natürlich zunächst vor allem für die Bedeutsamkeit des kulturellen Kontextes, denn biologische Eigenschaften von Individuen würden grundsätzlich gedacht keine solchen Veränderungen rechtfertigen können. Ich erinnere mich daran, wie ich englisch und französisch in der Schule lernte und ich weiß, dass es da von Beginn an einen Unterschied in meiner Wahrnehmung gab. Im Englischen fühlte ich keinen Einfluss auf die Persönlichkeit. Es war einfach eine Sprache, die man erlernte wie Latein, fast tot. Ich hatte außerhalb des Sprachunterrichtes keine anderen Beziehungen zur Sprache und somit blieb die Sprache für mich auch auf Distanz. Im Französischen war das anders, denn ich habe Familie in Frankreich, französisch wurde auf Familientreffen gesprochen, dazu kamen Ferien bei den Verwandten in Frankreich. Französisch war mir also schon von klein an in einem Kontext vertraut und französisch hatte dadurch von Anfang an für mich einen stärkeren persönlichen, auch emotionalen Zusatz beim Erlernen der Sprache.
Als ich dann für ein paar Monate in Frankreich lebte, bemerkte ich bei mir selbst Veränderungen. Natürlich lag das auch an der neuen Umgebung, Norddeutschland und Südfrankreich, das ist alleine klimatisch schon ein ganz anderer Lebensstil, so billig fängt es ja schon an mit den Unterschieden. Aber ich merkte eben auch, dass ich mich selbst anders fühlte und anderes Feedback von Mitmenschen zu bekommen schien, wenn ich französisch redete. Noch intensiver habe ich diese Verschiebungen allerdings wahrgenommen, als ich in die USA reiste. Das Selbstbild, das der Mitmenschen und das Kommunikationsverhalten waren interessanterweise noch wieder anders gelagert, wenn ich englisch redete. Hier zeigt sich neben der grundsätzlichen noch eine speziellere Bedeutsamkeit des kulturellen Kontextes: es geht eben nicht nur um einen Unterschied zwischen Mutter- und Fremdsprache, sondern es entstehen unterschiedliche Verlagerungen in unterschiedlichen Sprachen.
Mein nachhaltiger, längerer Aufenthalt in New York war sicher prägend für meine Person im Englischen. Später kamen all die Jahre in Chicago hinzu und mittlerweile bin ich so durchdrungen vom amerikanischen Englisch, dass ich das leider manchmal gar nicht mehr richtig abstrahieren kann und mein erster Impuls noch immer oft im Englischen liegt. Als ich nach New York flog, war ich schon Mitte Zwanzig: vielleicht macht es ja auch einen Unterschied, in welchem Lebensalter oder auch in welcher Lebenssituation man eine Prägung erfährt. Vielleicht bekommt die Prägung Schwerpunkte, die aus den Lebenserfahrungen der bestimmten Situation entstehen?
Solange man sich in einer bestimmten Kultur bewegt, ist es sehr verständlich, dass es Auswirkungen auf die Wahrnehmung und vor allem auch auf das eigene Verhalten gibt. Spannend finde ich aber vor allem, dass diese Prägungen sich auch außerhalb des Kulturkreises und über die Zeit hinweg anscheinend durch die Sprache erhalten, wie es auf der Geburtstagsparty in Berlin gerade wieder deutlich wurde. Interessant finde ich, dass die Prägungen die Sprache so durchdringen. Oder umgekehrt, dass die Sprache so viel Nonverbales mitträgt. Offensichtlich gibt es so etwas wie die Entstehung eines neuen kognitiven Habitus.
Dazu gehört auch der Aspekt der Körperlichkeit. Je weniger man eine fremde Sprache beherrscht, desto wichtiger werden logischerweise die Anteile nonverbaler Kommunikation. Doch erhält sich diese Ursprungslogik in gewissem Maß oft auch dann noch, wenn man die fremde Sprache schon besser oder sogar sehr gut beherrscht. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber das Sichbewegen in einer anderen als der Muttersprache kann tendenziell eine wohltuende Distanz von der Vergeistigung mit sich führen. Ein Freund erzählte mir, dass Christine Westermann ihre Beziehungszeit mit einem Amerikaner auch in dieser Richtung resümiert hat, dass das weniger tiefe Durchdringen der Sprache gut tut. Andererseits ist wiederum natürlich gerade das Denken sehr stark beeinflusst durch die fremde Sprache. Aber vielleicht findet das eben auf einer anderen Ebene statt als in der Muttersprache, deren tief verwurzelten Kern man ja doch nie überwindet. Und ganz abgesehen davon kann es dann natürlich auch so sein, dass man sich selbst am besten wahrnimmt, sich selbst oder auch anderen Menschen am nächsten ist, auch körperlich, in einer Sprache, die nicht unbedingt die Muttersprache sein muss.
In Erving Goffmans "Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung" kann man ja bekanntlich vieles zum Umgang der Menschen miteinander nachlesen. Wie verhält es sich aber mit Verschiebungen bei einer einzelnen Person in jeweils unterschiedlichen kulturellen Kontexten? Ich finde diese (kultur)(sozial)psychologischen Aspekte von Sprache überaus faszinierend, kann aber wenig Sprachwissenschaftliches darüber finden. Ich stelle es mir allerdings auch schwierig vor, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Kommunikationsverhalten und Körperempfinden in ihrer Veränderlichkeit unter dem Einfluss verschiedener Sprachen – und die durch sie mittransportierten kulturellen Einflüsse – wissenschaftlich nachzuvollziehen. Oder gibt es dazu was, weiß das jemand?
Die Tatsache, dass es solche Veränderungen gibt, spricht natürlich zunächst vor allem für die Bedeutsamkeit des kulturellen Kontextes, denn biologische Eigenschaften von Individuen würden grundsätzlich gedacht keine solchen Veränderungen rechtfertigen können. Ich erinnere mich daran, wie ich englisch und französisch in der Schule lernte und ich weiß, dass es da von Beginn an einen Unterschied in meiner Wahrnehmung gab. Im Englischen fühlte ich keinen Einfluss auf die Persönlichkeit. Es war einfach eine Sprache, die man erlernte wie Latein, fast tot. Ich hatte außerhalb des Sprachunterrichtes keine anderen Beziehungen zur Sprache und somit blieb die Sprache für mich auch auf Distanz. Im Französischen war das anders, denn ich habe Familie in Frankreich, französisch wurde auf Familientreffen gesprochen, dazu kamen Ferien bei den Verwandten in Frankreich. Französisch war mir also schon von klein an in einem Kontext vertraut und französisch hatte dadurch von Anfang an für mich einen stärkeren persönlichen, auch emotionalen Zusatz beim Erlernen der Sprache.
Als ich dann für ein paar Monate in Frankreich lebte, bemerkte ich bei mir selbst Veränderungen. Natürlich lag das auch an der neuen Umgebung, Norddeutschland und Südfrankreich, das ist alleine klimatisch schon ein ganz anderer Lebensstil, so billig fängt es ja schon an mit den Unterschieden. Aber ich merkte eben auch, dass ich mich selbst anders fühlte und anderes Feedback von Mitmenschen zu bekommen schien, wenn ich französisch redete. Noch intensiver habe ich diese Verschiebungen allerdings wahrgenommen, als ich in die USA reiste. Das Selbstbild, das der Mitmenschen und das Kommunikationsverhalten waren interessanterweise noch wieder anders gelagert, wenn ich englisch redete. Hier zeigt sich neben der grundsätzlichen noch eine speziellere Bedeutsamkeit des kulturellen Kontextes: es geht eben nicht nur um einen Unterschied zwischen Mutter- und Fremdsprache, sondern es entstehen unterschiedliche Verlagerungen in unterschiedlichen Sprachen.
Mein nachhaltiger, längerer Aufenthalt in New York war sicher prägend für meine Person im Englischen. Später kamen all die Jahre in Chicago hinzu und mittlerweile bin ich so durchdrungen vom amerikanischen Englisch, dass ich das leider manchmal gar nicht mehr richtig abstrahieren kann und mein erster Impuls noch immer oft im Englischen liegt. Als ich nach New York flog, war ich schon Mitte Zwanzig: vielleicht macht es ja auch einen Unterschied, in welchem Lebensalter oder auch in welcher Lebenssituation man eine Prägung erfährt. Vielleicht bekommt die Prägung Schwerpunkte, die aus den Lebenserfahrungen der bestimmten Situation entstehen?
Solange man sich in einer bestimmten Kultur bewegt, ist es sehr verständlich, dass es Auswirkungen auf die Wahrnehmung und vor allem auch auf das eigene Verhalten gibt. Spannend finde ich aber vor allem, dass diese Prägungen sich auch außerhalb des Kulturkreises und über die Zeit hinweg anscheinend durch die Sprache erhalten, wie es auf der Geburtstagsparty in Berlin gerade wieder deutlich wurde. Interessant finde ich, dass die Prägungen die Sprache so durchdringen. Oder umgekehrt, dass die Sprache so viel Nonverbales mitträgt. Offensichtlich gibt es so etwas wie die Entstehung eines neuen kognitiven Habitus.
Dazu gehört auch der Aspekt der Körperlichkeit. Je weniger man eine fremde Sprache beherrscht, desto wichtiger werden logischerweise die Anteile nonverbaler Kommunikation. Doch erhält sich diese Ursprungslogik in gewissem Maß oft auch dann noch, wenn man die fremde Sprache schon besser oder sogar sehr gut beherrscht. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber das Sichbewegen in einer anderen als der Muttersprache kann tendenziell eine wohltuende Distanz von der Vergeistigung mit sich führen. Ein Freund erzählte mir, dass Christine Westermann ihre Beziehungszeit mit einem Amerikaner auch in dieser Richtung resümiert hat, dass das weniger tiefe Durchdringen der Sprache gut tut. Andererseits ist wiederum natürlich gerade das Denken sehr stark beeinflusst durch die fremde Sprache. Aber vielleicht findet das eben auf einer anderen Ebene statt als in der Muttersprache, deren tief verwurzelten Kern man ja doch nie überwindet. Und ganz abgesehen davon kann es dann natürlich auch so sein, dass man sich selbst am besten wahrnimmt, sich selbst oder auch anderen Menschen am nächsten ist, auch körperlich, in einer Sprache, die nicht unbedingt die Muttersprache sein muss.
In Erving Goffmans "Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung" kann man ja bekanntlich vieles zum Umgang der Menschen miteinander nachlesen. Wie verhält es sich aber mit Verschiebungen bei einer einzelnen Person in jeweils unterschiedlichen kulturellen Kontexten? Ich finde diese (kultur)(sozial)psychologischen Aspekte von Sprache überaus faszinierend, kann aber wenig Sprachwissenschaftliches darüber finden. Ich stelle es mir allerdings auch schwierig vor, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung, Kommunikationsverhalten und Körperempfinden in ihrer Veränderlichkeit unter dem Einfluss verschiedener Sprachen – und die durch sie mittransportierten kulturellen Einflüsse – wissenschaftlich nachzuvollziehen. Oder gibt es dazu was, weiß das jemand?
wasweissich - 19. Okt, 14:46
