Die Kraft aus der Katze dem Stricken dem Training
Seitdem mir mein Fahrrad geklaut wurde und es immer weiter so trüb blieb, habe ich, erstmals seit meinem Umzug im August 2004, Berlin gehasst. Aber zum Glück wusste ich noch aus den Neunzigern, dass man da einfach durchhalten muss und dass der Hass beim ersten Sonnenschein wieder in Begeisterung umschwingen kann. Am besten lenkt man produktiv gegen, dachte ich mir und kaufte mir gestern erstmal ein neues Fahrrad, damit ich endlich wieder zum Spinning fahren kann. Nachdem ich letzte Woche nicht dagewesen war, fiel es mir schwer, der anstrengenden Stunde angemessen zu begegnen und prompt kam der Kommentar des Trainers: "Moni, du musst heute ganz schön pumpen." Diese Peinlichkeit. Und dann sagte er: "Tja, schade dass man beim Spinning nicht im Windschatten lutschen kann." Diese unmögliche Sprache, die er wieder spricht. Während ich mich durchbeiße, beobachte ich die Taxischlange vor dem Krematorium, die sich überhaupt nicht bewegt. Keiner steigt ein, also fährt auch keiner weg, nur einzelne Taxifahrer gehen hin und her und lehnen sich durch heruntergekurbelte Scheiben. Ziemlich genau alle fünf Minuten, wie mir die Uhr an der Wand bestätigt, kommt eine Straßenbahn vorbei. Diese Pünktlichkeit der BVG. Dann doch. Ist wohl sonst immer nur die ungünstige, subjektive Wahrnehmung in bedeutungsvollen Situationen des Verspätens. Und während ich mich weiter durchbeiße und die Taxifahrer beobachte und die Kontinuität der Straßenbahnzeiten prüfe, denke ich darüber nach, dass ich gerade in vier Tagen ein Paar Socken gestrickt habe. Das zweite Paar ging schon viel schneller als das erste. Das dritte ist auch schon in Arbeit. Wieviele Socken braucht das Land? Ist ja nur: es ist so beruhigend, die reinste Meditation, dieses Stricken. Früher habe ich mich immer gefragt, warum Menschen stricken. Sure enough, wenn man sowas dann selbst ausprobiert, dann findet man schon heraus, dass sie das nicht ohne Grund tun. Kann aber auch zur Obsession werden, denke ich mir gleich, da muss man aufpassen. Diese Befürchtungen. Es muss doch nicht immer alles gleich eine schlechte Kehrseite haben. Too used to paying a price. Und während ich angenehm ausgepowert nach Hause radele mit dem schönen Album "The Greatest" von Cat Power im Ohr, scheint die Sonne und dem Berliner Himmel steht das Blau ganz hervorragend. Die musikalische Kraft aus der Katze ist das Sahnehäubchen des Gegenlenkens, jetzt ist der Bann endlich gebrochen.
wasweissich Comfort zone - 21. Mrz, 12:59
