Zwei Eindrücke des Aschermittwoch

I
In den USA hatte ich eine irisch-stämmige und daher katholische Kollegin, allerdings schon in Chicago geboren, die jedes Jahr an Aschermittwoch in der Mittagspause in die Kirche ging. Es gab in der Gegend, in der wir arbeiteten, sehr viele Bürogebäude und somit Menschen, die alle ziemlich um die gleiche Zeit herum Mittagspause hatten. Daher richtete die nächste katholische Kirche am Aschermittwoch mittags eine schnelle Messe ein, die mitsamt einkalkulierter An- und Abfahrt der Angestellten genau in die Stunde Mittagspause passte. Überhaupt ist die Kirche in den USA ja viel mehr Dienstleister als das hier in Deutschland der Fall ist. Es gibt keine Kirchensteuer, die Gemeinden finanzieren sich durch Mitgliederbeiträge und Spenden – und da wird einiges getan, um sich die Gunst der Mitglieder zu wahren. Essen muss man am Fast- und Abstinenztag eh nicht, da ist die Mittagspause zur freien Verfügung und die Angestellten können es sich bei dem spärlich bemessenen Urlaub nicht leisten, extra einen Tag für Kirchgang freizunehmen: Aschermittwochsmittagspausenmesse also für die Büroangestellten, ein logisches Angebot. Am Aschermittwoch muss ich immer an die Einrichtung dieser Messe und an diese Kollegin denken, weil sie jedes Jahr an diesem Tag mit einem dicken Aschekreuz auf der Stirn zur Arbeit zurückkehrte und den ganzen Nachmittag mit dem Kreuz auf der Stirn durch das Büro ging. Man soll es nicht abwischen, sagte sie.

II
Ethan Hawke: "Ash Wednesday" oder auch auf deutsch "Aschermittwoch". (Ich hatte schon mal daraus zitiert.) Ein Buch, das ich zunächst im Original las und mich dann fragte, ob ich es wohl auf deutsch auch so anziehend finden würde. Der Roman hat etwas genuin Amerikanisches, von dem ich gerne sehen wollte, wie sich das auf deutsch liest. Es las sich ebenfalls hervorragend, übersetzt interessanterweise von zwei Leuten: Franca Fritz und Heinrich Koop. Es ist eine intensive, aber nicht kitschige Liebesgeschichte. Das Buch ist ein Road Trip im besten Sinn, seine Handlung umfasst eine Fahrt, auf der alle Fragen gestellt werden, auf der die Vergangenheit aufgearbeitet wird, um eine Zukunft vielleicht doch noch zu retten, auf der Scheitern immer eine Option ist, auf der man zu lachen und zu weinen hat. Auszug: "I like it when things break down. There's something about a flat tyre, or a train getting stuck, or long weather delays at the airport – any time when the earth stops turning the way it's supposed to – that releases me. I am child again, curious, confused, not knowing what will happen next. For a moment, a space, a breath, I'm not responsible. All I have to do is respond – until time catches up with itself, the tyre is changed, the train starts rolling again, or the snow melts, and the weight of accountability is hoisted back up on my shoulders. [...] Being an adult, the awareness of opportunities that have been compromised, the stunted growth I feel in my bones, is simply exhausting. A disaster striking can be a relief – as long as it isn't your fault." Hier ein Interview mit Ethan Hawke.

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